Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 12 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wochen weisen wir in der „C. V.-Zeitung" darauf bin datz die nationalsozialistische Bewegung wieder neu auslebt. Die acrmgen Wahlersolge der völkischen Parteien lassen ihnen offenbar leine Ruhe, und sie versuchen nun, durch lautes Demonstrieren die Aufmerksamkeit, auf sich zu ziehen und mit Gummiknüppel, Revolver und Stahlruten „Erfolge" für ihre Parteien zu erzielen. Vor zwei Wochen stellten wir anläßlich der Vorgänge in Nastätten die Wühlarbeit der Nationalsozialisten, besonders in der Arbeiterschaft dar. In der letzten Nummer dieser Zeitung mußten wir von den Ueberfällen der Hakenkreuzler auf die jüdischen Wähler bei der Gemeindewahl in K ö l n berichten. Manche Leser mögen diese Warnungssignale. die' der Centralverein sowohl in der Zeitung wie allerorts in Kundgebungen und Versammlungen in der Zeitung wie allerorts in Kundgebungen und Versammlungen gab, als übertrieben angesehen halben. Die schnelle Verwirklichung der drohenden Gefahr hat uns leider recht gegeben: die Vorgänge, die sich am letzten Sonntag am Krrrsiirsterrdamrrr nnd an der Gedächtniskirche in Berlin abgespielt haben, weisen deutlich pogromartigen Charakter ans. Aus der Tagespreise ist bekannt, daß ein Zug von Nationalsozialisten unter der Leitung von Tr. Goebbels während der Rückfahrt von Trebbin in der Eisenbahn und aus dem Bahnhof Lichterfelde-Oit ein Handgemenge schlimmster Art mit Mitgliedern des Noten Frontkämpferbundes begann, 700 Hakenkreuzler gegen 25 Kommunisten, daß ein Teil, des Zuges sich dann durch die westlichen Vororte weiter nach dem Kurfürstendamm uiib Wittenbergplatz begab und es in der Kaiserallee und am Kurfürstendamm dann zu Ueberfällen aus jüdische Passanten kam. In der Tngesprepe wurde auch vielfach darauf hingewiesen, daß die Polizei diese Vorgänge mit angesehen habe, ohne den Ucbcrfattcnen den ihnen züstehenden Schutz zu gewähren. Diese Tinge lassen sich schwer beurteilen, wenn man nicht selbst ne mit angesehen hat. Wer sind aber in der Lage, die Aussage eines der Ueberfallenen hier wicderzugeben, die die Vorgänge zweifellos richtig schildert. Herr F. B. aus Wilmersdorf berichtet uns: „Am Sonntag, den 20. März d. I., gegen Uhr abends, befand ich mich mit meiner Frair^ in der Kaiserallee zwischen Güntzel- und Trautenaustraße (rechte Straßenseite). Um diese Zeit zog ein umfangreicher Trupp von Hakenkrenzleru durch die Straßen. Ter Zug wurde an der Spitze von zwei Schupolcnten, am Schluß von einem Lastauto mit Schupobeamten begleitet. Zu beiden Seiten des Trupps, dessen Mitglieder keine Stöcke trugen, zogen zahlreiche mit schweren Stöcken bewaffnete Burschen. Mir wurde von einem unbekannten Zettelverteiler ein rotes Flugblatt in die Hand gedrückt. Ich sagte: „Tanke" und begann es zu lesen. In diesem Augenblick bekam ich einen Schlag auf den Schädel und sofort einen weiteren Schlag, den dritten Schlag fing ich mit der linken Hand auf. Die Stockschläge auf den Köpf riefen eine sehr stark blutende Wunde hervor. Der Schlag über die Hand hinterlies; noch heute sichtbare Spuren. Ich wandte mich sofort an den zweiten der an der Spitze marschierenden Beamten, der mich an den führenden Hauptwachtrncister verwies. Während ich mit dem Beamten sprach, ertönten Rufe aus dem Trupp: ,Jhr schlagt unsere Brüder tot, warum sollen wir nicht euch totschlagenl" Als ich erregt rief: .Ich verlange den Schutz der Polizei'?, antwortete cs höhnisch aus dem Zuge: ,Die fährt hinten spazieren!' Die Feststellung der Attentäter, die versucht wurde, war nicht möglich, da sich eine große Schar von Burschen sofort vorstellte. Die Polizeimaunschast, die den Zug begleitete, griff in keiner Weise ein. Die cm der Spitze des Zuges marschierenden Polizcibeamten gaben auch keinerlei Signal, um ein Eingreifen herbeizuführen? Auch sonst sind uns zahlreiche Verletzungen harmloser jüdischer Passanten bekannt geworden. Und wenn wir oben von einem pogromartigen Charakter der Ansschreitungen gesprochen haben, so wird die Wahrheit dieser Behauptung durch die Schilderung der einzelnen Vorfälle bestätigt, sicherlich war die Polizei überall, so auch in Berlin, bisher bemüht, alles zu tun, um alle Staatsbürger zu schützen. Es muß aber verlangt werden, daß alle Unterbeamten der Polizei, gleichviel, wie sie politisch eingestellt sein mögen, ihre Pflicht auch dann erfüllen, wenn cs sich um jüdische Verletzte handelt. Zentrale und Vorstand des Landesverbandes Gros;- Bcrlin deS C. V. sind sofort nach Bckanntwcrdcn dieser Tatsachen im Polizeipräsidium vorstellig geworden und 'l^ben führenden Herren die Beschwerden vorgctragcn, die über den mangelnden polizeilichen Schutz in der Tagcspresse und im Kreise unserer Mitglieder larrtgewordcn sind. 7"enn Gltd) die Untersuchung der Vorgänge noch nicht abgeschlossen tzt, so läßt sich dock) auf Grund dieser Unterredung mit Sicherheit HiCn'öf Polizei alles tim wird, niu in Zukunft Uebe'rgriffe uw Ausschreitungen von rechts wie von links aufs schärfste zu unterdrücken. Verstärkter polizeilicher Schutz durch Bc- Aufmarsches irgendeines Verbandes oder auch irgendeiner Partei mit Polizeibeamten aus Lastautos, tat¬ *Af4n! h/j. i H U11 ZMW MA kräftiges Turchgreifen bei Anrempelungen durch kleine Gruppen dieses heldenhafte Vorgehen kleiner Gruppen gegen einzelne Spaziergänger ist ja die beliebteste Methode der Hakenkreuzler — und vor allem scharfe Durchsuchung nach Waffen und Beobachtung aller bestehenden Polizeiverordnungen sotten in Zukunft den gerechten Schutz aller Staatsbürger gewährleisten. Es ist bereits mit diesen verschärften Maßnahmen begonnen worden: Am Montag abend wurden Nationalsozialisten bei ihren sogenannten „Sprcchabcnden" auf Waffen durchsucht und, wie der Polizeibericht meldet, wurde reiche Beute an Totschlägern, Mauserpistolen, Tromm-elrevolvern, Stahl- und Bleistahlruten, Gummiknüppeln und Tolcheu gemacht. Außerdem sind bereits der zuständige Reviervorsteher und der stellvertretende Jnspektionskommandeur ihres Amtes enthoben worden, da sie sich, wie der Polizeibericht sagt, ihren Ausgaben nicht gewachsen gezeigt haben. In Köln hat der Polizeipräsident — wie wir meldeten — ein Aufmarschverbot für die völkischen Organisationen erlassen. Die Berliner Polizei erklärt, daß man hier ein derartiges Berber nicht plane, ja im Gegenteil ab lehne, da es als ein Zeichen von Schwäche gedeutet werden würde und mau der Beamten sicher genug sei, um auch so mit den völkischen Rowdys fertig zu werden. Hitler hat, wie wir berichteten, in München wieder gesprochen. Schon bemüht er sich auch in Hamburg um Aushebung des Redeverbots. Ter Führer der rheinischen Hakenkreuzler. Tr. Goebbels, hat offenbar die Organisation der Hakenkreuzler in Berlin und Umgebung übernommen. Er will mit seinen im Rheinland erprobten Methoden jetzr hier der Bewegung auf die Beine helfen. Unsere Ortsgruppen haben die Pflicht, den Schlupfwinkel des völkischen Rowdyrums besonders im Auge zu bellten und die Landesverbände ebenso wie die Zentrale rechtzeitig zu verständigen. Tie Behörden sind zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung auf. die Mitarbeit der Bürger angewiesen. Tiefe Mitarbeit ebenso im deutschen wie im jüdischen Interesse zu leisten, ist dringendste Pflicht aller Organisationen des Ccntral-Bcrcins. Es ist dringend erforderlich, da zu erwachen, wo man leider noch viel sack) schläft. Eine Unterredung mit dem Norddeutschen Lloyd in Bremen. (T r a h t b e r i ch t unseres 5 e b r. - Sonderberichterstatters.) Bremen, 23. März. In dem Monumentalbau des Norddeutschen Lloyd fand honte vormittag eine Aussprache über die viel umstrittene Frage der Eintragung jüdischer Deutscher als Hebräer in den amerikaurscherseits vorgeschriebenen Mamsesten statt. An dieser Unterredung mir der Direktion des Norddeutschen Lloyd nahmen der Vorsitzende der Ortsgruppe Bremen des Centralvereins. das Hauptvorstandsmitglied des E. V. Julius B a in 0 e r q er sowie Rechtsanwalt Tr. Hugo drall a m und der stellvertretende Syndikus des Ceutralvereius, Artur Schweriner, teil. In fast ziveistündiger Verhandlung sprach die Tirektiou in zuvorkommender und liebenswürdiger Weise den ganzen Fragenkompler eingehend mit den Vertretern des Central- Vereins durch. Es konnten folgende Feststellungen geinacht werden: 1. Bon einer judeufeindlicheu Einstellung oder sogar judenfeindlichen Betätigung des Norddeutschen Lloyd kann nach seiner ganzen Vergangenheit nicht die Rede sein. Ter Norddeutsche Lboyd zählt in Amerika und Deutschland eine große Anzahl von Agenten jü buchen Glaubens zu. seinen geschätztesten Mitarbeitern. Auch auf den Schissen des Norddeutschen Lloyd werden häufig Aerzte jüdischen Glaubens als Schiffsärzte beschäftigt. 2. Die Direktion des Norddeutschen Lloyd würdigt durchaus die Stellungnahme der jüdischen Deutschen gegen die Bezeichnung „Hebräer", die geeignet ist, sie in ihren vaterländischen Gefühlen zu verletzen. Tie bestehenden Bestimmungen mußwn jedoch selbstverständlich berücksichtigt werden. Tie Gründe, die den amerikanischen Behörden zur Stellung dieser Frage Veranlagung gegeben haben, sind fid>crlid) rein sachlicher und praktischer Natur genasen. Ta l>estimmt anzunehmen ist, daß irgendeine Belästigung oder sogar Kränkung besonders jüdischer Touristen und Geschäftsreisender aus Deutschland nicht in der Absicht der amerikanischen Behörde liegt, wird cs Aufgabe des Centralvcreins sein, mit voller Unterstützung der großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften auf eine Llcnderung dieser alten Formalität tzinzustreben. Die erste Gelegenheit hierzu soll sofort wahrgenommcn werden. 3. Die Unterhaltung hinterließ bei Direktion und Vertretern des Centralvereins die Ueberzeugung, daß durch die Erörterungen in der Presse an dem traditionellen guten Einvernehmen zwischen dem Norddeutschen Lloyd und dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nichts geändert ist.