Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 12 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
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150 sachliche Eignung für die einzelnen Berufe, die allmähliche^ Oefsnung der Verufszweige für die Juden und ein Fetthalten an dieser Tätigkeit, auch als neue Be.russmöglichkeiten sich ergaben, — Tradition also, ihr Herren Ant neunten! — uub anbei:e Gründe spielen hier mit. Dazu kommt aber sicher noch, daß Teile des Judennuns stark verwurzelt in den Gedankcngängcu der kachraiisi-schen Auffassung von der persönlichen Initiative und. 3ie hängen noch an der alten Auffassung von der persönlichen Initiative des einzelnen, selbständigen Unternehmers und Kaufmanns, während die neuen Formen der kapitaluäpchen Wrrnchaft diese Lehre teilweise entwurzeln. Diese neuen Entwicklungen nennt S o rn b a r t die „normativen Ideen". _ Eine^ diejer normativen Ideen ist zweifellos die stärkere Zusammenfassung der wirtschaftlichen Kräfte, die Konzentration, die — horizontal oder vertikal — gleichartige Unternehmungen und solche, die in der Produttionsordnung aufeinander folgen, zusammenschließt. Eine andere normative Idee, die der modernen Wirtschastseniwicklung eigentümlich in, boch vor einigen Wochen den maßgebenden wirtschaftlichen Spitzenverbäuden den Anlaß, gegen den E i n f l tt b der öffentlichen H cmi d in der Privaten Wirtschaft zu demonstrieren. Das Protokoll der Verhandlungen und eine der damaligen Versammlung vorgelegte Materialsammlung von Dr. Martin Sogemeier liegt jetzt als kleines Buch vor-). Daß die össentliche Hand, alw Reich, Lander und Kommimen, in den letzten Jahren in zunehmendem Mage in die^private Wirtschaft cingedrungen sind, bedarf keiner Ern'.ehmmg.^ Die verschiedensten Kreise der Industrie^ und des Hmidcls empfinden dies als schwere Konkurrenz und versuchen, die ä sic Mache Meinung dagegen einzunehmen, Sie tun dies, indem sie Mc_ vermeintlichen wirtschaftspolitischen Gefahren dieser Erttwiellung dloßlcgcM d In der betreffenden Versammlung haben die Führer der Nohitoffindustrie auf den wachsenden Einfluß der öffentlichen Hand im Bergbau, in der Eisen- und Elektrizitätswirtschaf! aufmerksam gemacht. Tic Ver- 'treter des Reichsverbandes der dennchm Industrie haben ihre Bedenken. ausgesprochen. Tie Vertreter des Handwerks haben beispielsweise aus die Konkurrenz durch die Reparatureinrichtnngen der Gas- und Elektrizitätswerke hingcwicsen. Der Großhandel hat die eigene Bedarfsdeckung des Staates, z. B. im Kohlen-, Ternl- und Nahrungsmittelhandel, hervorgehoben.. Der Vertreter der Banken hat die Blicke aus die schwere Konkurrenz der staats- und Rommunalbanken für den privaten Bankier gelenkt. Der fortschreitende Einfluß der öffentlichen Hand, der oft als „kalre ^ozialisiernng" charakterisiert wird, ist eine der großen und bedeutsamen Veränderungen irn Bilde des modernen Kapitalisums. Die Erörterung, ob man diese Entwicklung überhaupt aw'halten kann und ob man sie aufhalten soll, führt in so schwierige Fragen vom Wesen der Wirtschaft und der Wirtschastsprizipieu, daß wir uns auch zu diesen Problemen, hier nicht kritisch äußern können. Für uns ist hier allein wichtig, festzustellen, daß alle repräsentativen Vertreter der großen Wirtschaftsgruppen übereinstimmend erklärt haben: der Einfluß der privaten Wirtschaft ist zurückgegangen. Die öffentliche Hand hat an Bedeutung gewonnen. Wenn wir uns einmal die Beweisführung der Judenfeinde strengster Färbung zu eigen machen und prwateZWirrstmaft und Judentum' g'leichsetzen, dann müssen ivir die Schlußfolgerung ziehen: die private Wirtschaft, also auch die jüdische, hat an Einfluß verloren. Tenn daß den Juden bei ihrem verschwindenden Einfluß ans die öffentliche Hand hier eine neue Einflußsphäre erwächst, das werden sogar die eifrigsten Propagandisten des Judenhasses nicht behaupten. Sehr interesiant für die Antisemiten muß ferner sein, was über die Ausdehnung des öfsenuichen B a n k w e s e n s bei dieser Tagung gesagt wurde. Herr Tr. Mosler von der Disconto-Gesellschaft erwähnte die Konflikte, die schon in der Vorkriegszeit zwischen den Banken der öffentlichen Hand und den Privatbanken, und zwar durch den im Jahre 1900 vollzogenen Uebergang der öffentlichen Sparkassen zum Depositen- und Kontokorrentverkehr, zum Ausbruch kamen, und nannte sie die „Vorläufer der späteren Entwicklung". Er beklagte sich, daß den Sparkasien in Preußen Kit April ll'2l eine „nahezu uneingeschränkte Freiheit zum Betriebe von Bankgeschäften eingeräumt wurde", und wies nach, daß sie davon reichlich 'Gebrauch gemacht haben. Besonders bedenklich aber fand er den Versuch,' die privaten R e a lk r e d i t i n st i t u t e durch Pfandbriefanstalten der össenllichcn Hand zil ersetzen. Die zunehmende Bedeutung der öffentlichen Hand aus dem Bankgebiet Dann gar .nicht mehr bestritten werden. Tie Reichsbant. die ‘ ri „Die öffentliche Hand in der privetca Wirtschaft." Verlag von Rcimar Hobbmg in Berlin. Banken der Länder, die Cirokasien, an ihrer Spitze die Deutsche Girozentrale in Berlin, die Deutsche Rentenbnttkkreditansta.lt, die Preußische Zcntralgenosfellschastsbank, die Reichsverkehrs-Kreditbauk u. a. Huben sich eine feste Stellung aus dem Geld- und Kapitalmarkt erobert. Tie Hauptbedeuken der privaten Banken aber (vor allem aller Großbanken) bestehen gegen die R e i ch s k r e d i t g e s e l l s ch a s t. deren schneller Aufschwung in der Geschichte des Bankwesens überhaupt beispiellos ist." Heute haben sich — weil ihre Stellung nicht mehr zu erschüttern ist — die Banken damit abgesunden. Sie hat sich am dem Gebiete des Geldmarktes, der Emissionen und der Kredite einen beherrschenden Einfluß erobert. (Auf industriellem Gebiet ist mit dieser Entwicklung nur noch vergleichbar die der VIAG, Vereinigte Jndustrieuntermchmungeri A. G., die Holding-Gesellschaft für den reichsei ge neu Jndustriekonzern, über die eine ausgezeichnete Schrift von Dr. Felix Guggenheim besonderen Aus'chluß gibt.)--- Zwar dienen noch immer die Sparkaffen der Spartätigkeit des kleinen Mannes und verwalten und beschaffen die Girokassen den kommunalen Geldbedarf. Aber die zentralen Organisationen dieser beiden Banktypen und vor allem die anderen genannten Banken der öffentlichen Hand find aus diesem Rahmen hinausgewachscn. Wir setzen uns hier mit dieser Entwicklung vom volkswirtschaftlichen Standpunkt nicht auseinander. Wir betrachten sie lediglich — neben anderen Symptomen — als ein Anzeichen dafür, daß die Antisemiten unrecht haben, wenn sie Bankwesen und Judentum identifizieren. Ans unseren Einwand, daß die Industrielle Konzentration die Juden nicht als Führer, Beherrscher und Leiter sieht, antworten die Antisemiten mit dem Hinweis ans das Bankkapital. Tie Tatsache, daß das früher so einflußreiche jüdistbe Privatkapital zurückgegangen ist, verschweigen sie. Daß die öffentliche Hand in zunehmendem Maße als wirtschaftliche Großmacht ausgetreten ist, übergehen sie. Dagegen schnüffeln sie nach dem Glaubensbekenntnis_bcr beamteten Direktoren unserer Banken. Wenn ein Grvßbankdirektor der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehört — oder angehört hat —, wird ans der ganzen Bank eine Judenbank.^ Dabei untersuchen sie nicht lange, wer die Aktien besitzt oder gar, wer die Gesellschaft kontrolliert, oder ob den 'jüdischen Direktoren nicht mehr andersgläubige Direktoren gegcnübersiehen. Selbst wenn eine Bank gleichzeitig von jüdischen und nichtjüdischen Direktoren geleitet 'und die Aktienmajorität nicht von Juden kontrolliert wird, ist sie für sie eine Jndenbank. Zu unserer, größten Verwunderung unterstützt kein Geringerer als Werner S o m b a r t neuerdings wieder diese antisemitischen Tendenzen. In seinem neuen bedeutsamen Werke „Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus"ch behandelt er u. a. den Wirkungskreis, die Herkunft und die Typen der neuen Wirtschaftsführer und kommt in diesem Zusammenhang mit ein Paar Sätzen auch auf die Juden zu sprechen. Wir kennen die Problematische Einstellung Sombarts zur Judenfrage. Nur hieraus ist es zu erklären, daß dieser große Gelehrte, der vor allem in seinem letzten Buch in bedeutsamen Thesen und mit einer Materiatbeherrschnng sondergleichen in die Tiefen der uns umgebenden Wirtschafts- Phänomene steigt, sich dennoch so irrt. 'Aber es bleibt unbegreiflich, weshalb der" hervorragende Gelehrte, nachdem er den Anteil der Juden unter den Direktoren und Aufffchtsräten industrieller Gesellschaften verzeichnet hat, ans Seite 21 des zitierten Buches ganz lapidar ''schreibt: „Weit größer ist der Anteil der Juden an der Leitung der Banken/die heute zum größten Teil in jüdischen Händen sich befinden." Wir bestreiten dies. Wenn er die privaten Banken und die Großbanken meint, dann müßte er sagen, was er darunter versteht, daß ..sie sich irr jüdischen Händen befinden". Wenn er die Entwicklung der öffentlichen Hand überhaupt nicht in seine Betrachtung cinbezieht, so ist er unvollständig. Wir halten diese Behauptung für nicht stichhaltig und hoffen, daß Tombart sie einer Prüfung unterzieht, die — nach dem uns vorliegenden Material, aitf das wir an anderer Stelle eingehen werden.zu einem anderen Resultat kommen wird. Die wirtschaftliche Umgruppierung der deutschen Wirtschaft und die Machteinbuße des Mittelstandes, von der die Juden stark betroffen wurden, gibt zu vielen Sorgen Anlaß. Tie lassen die antisemitischen Behauptungen vom allgemeinen jüdischen Wohlstand und von der wirtschaftlichen Beherrschung Deutschlands durch die Juden grotesk erscheinen. Aber nicht die antisemiuscheu Angriffe allein, sondern die Ten-' denzen der modernen Wirtschattscnrwicklrrng müssen uns veranlassen, ernsthaft und gewissenhaft über die Zukunft der deutschen Juden nachzudenken. *) Erster Halbband. Tutufer-u.' $ur.ibIot, München und Leipzig 1927.