Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1-2 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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s g 1r I p! H n r i Der Ls6Aslc7 ■)« T) jf •,*■£/** i** < /* A,; v;, /\ .<'7? */[ 7s'> ^<r ,K<r*r *•-/ Vv'* Von Siegfried Hirsch (Berlin). Auf Anregungen, die qu§ Kreisen der Jugendbewegung kamen, wurde im Jahre 1924 von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden der R e i ch s a u s s ch u ß der jüdi s ch e n I u g endverbünde gegründet, um ein gemeinsames Arbeiten in sozialer: Fragen durchzusühreu. Die Gründer gingen von der Voraussetzung aus, daß die'einzige gemeinsame Arbeit, zu der sich die gesamte jüdische Jugend zusammenfinden könnte, die soziale sei. Wenn in den Stacksten noch andere Interessen genannt werden, so bleibt doch dieser Gedanke der Grundpfeiler. Als fernes Ziel erscheint der Wunsch, daß durch diesen Zusammenschluß zugleich der Grundstein gelegt werde für die eine jüdische Jugendbewemlng. Der Reichsausschutz der jüdischen Jugendverbände, der als Dachorganisation aller jüdischen Jugendverbande erscheint, wurde der Zentralwohlfahrtsstelle als Jugendbeirat angegliedert. In ihm haben sich zusammengechnden: Agudah Jisroel, Jugendorganisation, Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jugendvereine, Deutsch-jüdische Jugend, Teutschjüdijche Jugendgemeinschaft, Esra- Jugendgemeinschaft, Hechaluz, Jungjüdischer Wanderbund. Kameraden, Kadimah, Misrachi, Verband der jüdischen Jngendvereinr Deutschlands. Sie alle zusammen u m s a s s e n 3 8 2 Ortsgruppen mit 2 2 000 Jugendlichen. Welche Ziele setzt sich der Reichsausschuß? Ter § 1 der Satzungen lautet: „D e r R. d. j. I. hat d e n Z w e ck , die Mitglieder der einzelnen ihm an geschlossenen Jugendverbände zur Mitarbeit in der Wohlfahrtspflege an zu regen und die Jugendselbstyilfe innerhalb der Verbünde zu fördern. Ter Erfüllung dieses Zweckes dienen insbesonders 1. die Gründung von örtlichen und Landesausschüssen, 2. die Sammlungen und Weiterleitung von Erfahrungen und Berichten über soziale Jugendarbeit, 3. die Sammlung von Material über Einrichtungen der Jugendselbsthilfe, 4. die Vertretung gemeinsamer Jnteresien der Jugend, 5. die Beschaffung von Mitteln für die Arbeit der angeschlosjeneu Organisationen/ Die Größe und Stärke seiner Träger gibt dem Reichsausschütz das Recht und auch die Kraft, die gemeinsamen sozialen Jnteresien nach außen hin zu vertreten. Zu seinen: Ausgabenkreis wird es zählen, Erholungsheime zu gründen, die finanzielle Hilfe von Gemeinde^ und Staat anzurufeu. Ter Neichsausschutz hat für seine Idee und seinen Gedanken zu werben, hat seine Erfahrungen und sein Material zu sammeln und sie in ihrer Mannigfaltigkeit den Unterorganen, den Landesausjchügen, zur Verfügung zu stellen, die dann die an den Ort gebundene soz'ale Kleinarbeit zu leisten haben, wie: Einrichtung von Jugendheimen, Abhaltung von sozialen Kursen, praktische Mitarbeit in der offenen Wohlfahrtspflege usw., wobei sie wiederum von den örtlichen Arbeitsausschüssen Unterstützung erhalten. Die Organe des Reichsansschusies sind: 1. Der Arbeitsausschuß, der aus den Vertretern der angeschlosienen Organisationen besteht. 2. der dreiköpfige Vorstand, der aus der Mitte des Arbeitsausschusies gewählt wird und dem ein Vertreter der Zentralwohlsahrtsstelle angehören muß, 3. die G e s chä s t s s ü h r u n g. die in den Händen der Zentralwohlsahrtsstelle liegt. Eur lebhaftes Bild von der praktischen Tätigkeit, die schon heute geleistet wird, ergibt ein Auszug aus dem Tätigkeitsbericht, dem wir folgende Satze entnehmen: „Es setzte bei den Jugendverbandcn und bei den Wohlfahrtsämtern im Reiche eine lebhafte Propaganda ein, die darauf hinzielte, daß fid) einerseits jüdische Jugendliche zur Mitarbeit in der sozialen Fürsorge bereit crflärtcii, daß anderseits die jüdischen Wohlfahrtsämter, durchdrungen von der Bedeutung einer derartigen Helsersarbeit der Jugendlichen, sich die Heranziehung von geeigneten Kräften angelegen sein ließen . . . Die Geschäftsstelle des Reichsausschusses sammelte alles Material über die gesamtjüdische Jugendbewegung. Das Archiv des Reichsansschusies umfasst heute alle Zeitschriften. die von den Jugcndverbänden herausgegeben werden . . . Es wurden Vorträge und Kurse zur Einführung in das Verständnis sozialer Fragen abgehalten. Außerdem fanden in Berlin und in vielen Städten des Reiches Vorträge über soziale Fragen statt . . . Da ein eigenes L-andheim für Jugendliche nicht vorhanden war. veronlaßte der Reichsausschuß private Pensionen und Hotels, daß sie ohne Bezahlung oder zu ermäßigten Preisen erhockmgsbedürftige Jugendlickte aufnahmen. . . Des weiteren wurde eine Gesundheitsenquete unter der gesamten organisierten jüdiscl)eu Jugend begonnen, vw noch im Gange ist ... Wir förderten die Unterstützung und Einrichtung von Jugendheimen. Bibliotheken und Lesezimmern." ^ven Bemühungen des Neichsausschusses ist cs gelungen, von staatucl>en und jüdischen Organen Beihilfen für die Durchführung lemer Arbeit zu erhalten. Dock) gerade da. wo man am ehesten BecjHr öw Arbeiten des Reichsausschusses voraussetzen sollte, «amuch bei den Gemeinden, finden sich noch Widerstände, die zeigen, daß sich der Gedanke des Reichsausschusses in der Oesferülichkeit noch nicht durchgesetzt hat. Es muß hierbei erwähnt werden, daß er felüft bei der Zentralwoblsahrtsstelle. deren Jugendberrat ev ja ist, nicht genügend Gehör findet. Hier dürfte es für die weitere Entwicklung notwendig sein, daß er sich aus seiner „Patenkindst e l l u n q" befreit, sich loslöst und sich auf seineeigeneKraft stützt. Das sann aber erst dann geschehen, wenn die ihm angesthlosscuen Verbände in weit fuirferem Maße als bisher aktiv Mitarbeiten, um der Idee Leben und Austrieb zu verleihen. Ich glaube, wenn die Zentralwohtsahrtsstelle, die Gemeinden und die übrigen Organisationen sehen, daß die Jugend tatsächlich gewillt ist, mitzuschassen, werden sie sich nicht der Notwendigkeit verschließen können, den: Reichsausschuß Einfluß auf weitere Gebiete, als er bisher schon be h errscht, ei nzuräu mcn. Unabhängig von seiner Wirkung nach außen, unabhängig von der Arbeit, die er bisher geleistet hat, scheint mir das Wertvollste des NeichZausschusies darin zu liegen, daß die gesamte jüdische Jugend hier zusammenarbcitet. Wenn alle angeschlosienen Verbände den Gedanken der Einheit sich in jeder Situation vor Augen halten, dann bin ich gewiß, daß der Neichsausschutz aus seinem Entwicklungsstadium bald heraustreten wird, daß er dann das sein wird, was er sein soll: der Ausdruck des Willens der jüdischen Jugeiid, sich gegenseitig zu Helsen und zu ftü tz en, u ui mit gemeinsamer Kraft die gesamte unorganisierte jüdische Jugend Deutschlands zu erfassen und an der sozialen Arbeit zu intern e s s i e r e n-. Von Werner Rosenstock. Alles drängt nach Systematisierung. Analysierung, Paragraph:'?- rung. Und dennoch gibt es noch keinen, der den Begriff ,.F a h r t' nach allen Regeln der Kunst systematisiert, analysiert, paragraphiert hätte. Vielleicht siudet sich mal ein beflissener Doktorand hierfür. Tann mag er „niit freundlicher Erlaubnis des Verfassers" folgende Splitter in seine Dissertation einordnen. Ausgehend von des Wortes wörtlicher Bedeutung stellt man mit Erstaunen fest, daß „Fahrt" mit dem Gegenteil von Lausen zusammenhängt. Hieraus folgt die moralische Berechtigung, zu Zeiten, da man weder mit Esten, Schlafen, oder Eisenbahnfähren beschäftigt ist (manchmal trifft sielsts so), vorübersansende „Chausieeschweine" anzupirschen. Natürlich macht man's ja letzten Endes dem Insasien zuliebe. Tenn wenn der allein im Wagen säße, würde er ja bei jcder Kurve herausgeschleudert werden. Ucbrigens empfiehlt es sich, schon kurz vor dem Herbergsort auszusteigen und das letzte Stück Weges zu F u ß zurückzulegen. (Vielleicht schafft man auch diese „Unbequemlichkeit" bald ab.) Für philosophisch Interessierte entrollt sich nun das Problem vom Fortschritt der Kultur! Im tiefsten Mittelalter sang man im schwarzrotgoldenen Deutschland: „Mihi est propositum in taberna niori.“ An die Stelle des alkoholhaltigen „t aber na* tritt das gutmütige Wort „Jugendherberge". Jetzt setzt aber erst das Problem in seiner ganzen Kompliziertheit ein, jetzt gilcks zu entscheiden, ob man diese Aenderung als Fort- oder R ü ck schritt bezeichnen soll. Was sich verändert hat? Zunächst die Kleinigkeit, daß einzelne Herbergen sich nur mit dem Besuch von Jltiern' freuen. Anscheinend will man im Sammelbecken des Völkergemischs Oesterreich die Herbergen leer haben. Von Rechts wegen dürste nicht -einmal der keltüch und slawisch „zersetzte" Herbergsvater rein. Zum andern: das lieber nachten ist zum Problem geworden. Es gibt „u a t i o n a l e" und „5 o m m u n i ft i s ch e" Herbergen. Das eben ist der Fortschritt gegen das finstere Mittelalter/ Glicht nur im flachen werden die Kämpfe um Weltanschauungen ausgefochten, sondern auch im Schlaf. Soweit vom P o l i t i s ch' e n , nun vom Soziologischen. Ungeahnte Perspektiven eröffnen sich, eine epochale Analyse lockt (vom Marrismus her, versteht sichst Bedrücker und Ausgebeutete stehen einander im Kampf ans Leben und Tod gegenüber. Die Bedrücker sind in diesem Falle die Schalterbeamteu der Reichsbahn. Hinter verschlossenen Türen, unnahbar, sitzen sie und verprassen ihr Frühstück. Tie Rocke der Auswandernden steht flehend davor und wartet, ob das Fenster noch rechtzeitig geöffnet wird. Man zeigt gelbe, blaue und weiße Scheine. Die Bedrücker aber blättern mit stoischer Ruhe in ihren Reglements und überlegen, was es wohl mit einer F a h r p r e i s e r in i\ ß i g u n g für eine Bewandtnis habe. Schließlich lassen sie sich von den harrenden Geistesproletariern darüber anfflärcn und gehen dann auch wirklich zu Taten über. Schon fünf Minuten nach Abgang deS Zilges hat man. was man braucht. Neuerdings scheint aber die Wut der geknechteten Masse aufs äußerste gestiegen 31t sein. Dl an kommt nicht mehr bittend, sondern fordernd, mit Waffen in der Hand. Das kann unsere Macht brechen, denken die Herren von oben, und verordnen, daß Speere stets bewickelt werden. Tor Nutznießer der Fahrt ist natürlich der EisenbahnfiskuS. Ihm fließt der größte Teil des Fahrteuetats zu. Damit erweist man dem Vaterlande einen großen Dienst. Tonn laut Tawes-Gutachten soll aus den Einnahmen ein Teil der ReMrationsschulden getilgt werden. Reparationsschulden? Kriegsschuld? Dolchstoß von hinten?- Die Doktoranden (und auch einige Professoren) haben daS Wort! st t 4 ü 1