Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1-2 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9221535-9548992-9548993--061-2284077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
;; '■ UW ösr MMM Wm LA WLAü. Von Ernst Loewenberg EanrbuM Pestalozzis 100. Todestag muß auch diesen Blättern Anlaß geben, des Lebens und Lebensinhaltes des Mannes -u gedenken, der über die Generationen hinaus ständig erneut auf die Jugend und ihre Entwicklungssormcn einwirkt, weil er zum ersten Male den sozialen Gedanken und den Wert der Gemeinschaftserziehung sand^und einmalig endgültig prägte. Tie ^chriftleitung. Als Pestalozzi Kind war, lag eisig die Sonne königlicher Aufklärung auf den Völkern Europas. Als Mann durchlebte er schrecken und Freuden der Revolution, fühlte die Größe des Korsen auf der Menschheit lasten. Die dunklen Schatten der herausziehenden Restauration trübten seinen Lebensabend. In Zürich geboren, blieb er Schweizer sein Leben lang, wurde, wie Jean Jacques Rousseau, Lehrer der Menschheit. Wie sein Leben aus der Zeit des Rationalismus über Sturm und Drang, Klassik und Romantik hineinragt in das Jahrhundert der Naturwissenschaften, ist auch sein Werk widerspruchsvoll, „ein Wunder wie jedes Gebilde der Natur für den gesunden Menschenverstand ein Wunder bleibt". Und er blieb sich doch im Grurrde seines Herzens und seines Tuns immer gleich. Bon dem Tage an, wo vom „Emile" sein „im höchsten Grad unpraktischer Traumsinn von diesem ebenso im höchsten Grad unpraktisäjen Traumbuch enthusiastisch ergriffen wurde^), ging er den Weg, den Rousseau geahnt, zu verwirklichen. Im Kreise der „Patrioten" vereinigte Bodmer junge Männer, die die Besserung der Menschheit erstrebten. Tie Stadtväter Zürichs aber drohten den „Patrioten" mit der Entziehung des Bürgerrechts. Da folgte Pestalozzi dem Rat, den ein sterbender Freund ihm gegeben, Landwirt zu werden. Biele hatten den Ruf Rousseaus „Zurück zur Natur" vernommen, er allein wollte ihm folgen, aber nicht wie ein Men schön-alter später Heinrich v. Kleist, der ans der Verzweiflung seines Herzens in die Einsamkeit floh. „Ich werde nie aus Menschensurcht nicht reden", schreibt er an Amur Schultheß, seine Braut. In der „einsamen Hütte soll dann das Vaterland nwhr als im Getümmel der Stadt mich beschäftigen. Wenn ich einst auf dem Lande bin und einen Sohn eines Mitbürgers sehe, der eine große Seele verspricht und kein Brot hat, so führe ich ihn an meiner Hand und bilde ihn zum Bürger". Große Plane, unfruchtbares Land urbar zu machen, zerrinnen in nichts. T-a keimt der Gedanke, auf dem Neuhos Bettelkinder, die Aermsten der Armen, zu sammeln, die bisher an Bauern verdungen und bei diesen zugrunde gegangen waren. Aus den Häusern, von der Straße hatte sich Pestalozzi die Kinder geholt, sie sollten sich durch Spinnen und durch Arbeiten aus dem Felde ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber während sie arbeiteten, wollte er sie lehren und bilden. Auch wenn sie sich an schwere Arbeit gewöhnen mußten, sollte ihre Seele nicht „tagelöhnern". Erzieher, Lehrer, Landwirt, Fabrikant und Handelsmann wollte er sein, aber ihm fehlte das rechte Augenmaß für die Wirklichkeit. Reine Freude war es ihm, in die leuchtenden Augen eines Kindes zu sehen, einem Unglücklichen zu Helsen. So hatte er einstens, cls ihm jegliches Bargeld fehlte, von „einem als wohltätig bekannten Juden Marunl Dreyfrch" 150 Gulden geliehen, die dieser ihm ohne Schuldschein gegeben. Auf dem Heimweg trifft er ein klagendes Bäuerlein, dem die einzige Kuh verendet. Da gibt er ihm. ohne nach Namen zu fragen oder einen Schuldschein zu fordern, sein eben geliehenes Geld und bittet nochmals Dreyfuß um Geld. „Sie haben von mir ja auch keinen Schein verlangt", meint er, und erhält noch einmal 150 Gulden-). Trotzdem er den größten Teil seiner Felder verkauft hatte, mußte Pestalozzi 1780 seine Armcnanstalt schließen. Wider seinen Willen wurde er zum Schriftsteller und Vollslehrer. Wie er zum Dickster wurde, erzählt uns die Fabel „Ter Menschenmaler". Der Menschenmaler: Er stand da — sie drängten sich um ihn her, und einer sagte: „Tu bist also unser Maler geworden? Tu hättest wahrlich besser getan, unsere Schuhe zu flicken!" — Er antwortete ihnen: „Ich fiatte sie euch gestickt, ich hatte für euch Steine getragen, ich hätte ür euch Wasser geschöpft, ich wäre für euch gestorben, aber ihr wolltet meiner nicht, und es blieb mir in der gezwungenen Leerheit meines Daseins nichts übrig, als malen zu lernen." Am berühmtesten wurde sein Volksbuch „Lienhard und Gertrud", in dem er das Wirken der Mutter darstellt. Sie ist die Hüterin des heiligen Hausgeistes, von ihr geht alle Erziehung zum Menschentum aus. Denn ohne „Wohnstul^'nrauch" ist eine Bildung zum sittlichen Menschen nicht möglich. Zwei Jahrzehnte fast schrieb er für das Volk, da ihm jede andere Wirkungsmöglichkeit versagt war. Tie Wellen der Revolution hatten auch an die friedlichen Gestade Schweizer Bürgersinns geschlagen. „Unser Zeitalter ist ein heisrer Sommertag. an dem die Früchte der Erde unter Donner und Hagel zur Reife gedeihen. Das Ganze gewinnt, aber Teile werden schrecklich zerschlagen." Pestalozzi war 1794 Ehrenbürger der französischen Republik geworden, aber von seinen pädagogischen Plänen wollte seine neue Heimat so wenig wissen wie später der Kaiser Alexander, der ihm den Wladimirorden vierter Klasse (i) gab. wie auch Napoleon *) Die Zitate find -um Teil der ausgezeichneten Sammlung „Pestalozzis Leben in Briefen und Berichten-, hrrau^gcgebcn von Ad. Haller in den „Büchern der Rose", LangenWicschc.Drandt, entnommen. 2) lieber Pestalozzi und die Juden vergleiche Brief an ß1d>oJCc („C. B.- Leitung" 1927, S. 78), Brief an Michaelis („Israel. Famili^nbl." 1927, Sir. 8). es abgelehnt hatte, sich mit den: „ADE" zu befassen. 1797 steht es für Pestalozzi fest: „Ich werde Schulmeister." Im Frauenkloster zu Stans sammelt er fcie Kinder der Revolutionsopfer. Hier kommt sein Ideal, sich rückhaltlos den Aermsten hinzugeben, zur Verwirklichung. Doch nach fünf Monaten schon muß er weichen, wird Lehrer der Hintersassenschule in Bu-rgdors, bis er denn 1800 auf dem Schloß in Burgdorf eine Erziehungsanstalt gründet, die bald in der ganzen Welt berühmt war. So hatte Pestalozzi eine Wirkungsstätte gesunden, anders, als er sie gewünscht. Ter Gedanke einer Armenschule wurde noch nicht ausgeführt. Unstimmigkeiten im Kreise der Lehrer veranlaßten ihn, 1804 nach Jferten am Neuenburger See zu ziehen. Auch hier brachte Unfriede und Neid unter den Mitarbeitern dem nun in der ganzen Welt Berühmten Kummer und Demütigungen. Starrer, weltfremder Idealismus und nüchterner Wirkiichkeitssinn — Niederer und Schmidt — bildeten die unvereinbaren Gegensätze des Kollegiums. Der Neunundsiebzigjährige mußte noch einmal auf die Wanderschaft. Auf dem Neuhofe, von dem er einst ausgezogen, sollte wieder eine Armenanstalt entstehen. Von Freunden verlassen und angegriffen, starb der Einundechtzigjährige unter den Aufregungen, die eine neue Schmähschrift ihm brachte, am 17. Februar 1827. Schon zu Lebzeiten berühmt und gepriesen als Künder neuer Menschlichkeit, als Erneuerer der Schulen, ist sein hundertster Todestag offiziell gefeiert worden in Deutschland. Es rft ein eigen Ding für uns junge Menschen, wenn wir sehen nnd lesen, daß Staat und Gesellschaft einen len fd>en heute preisen w ie vor hundert Jahren. Eine „Windbeutelei" nannte er die gepriesene allgemeine Aufklärung, die neun von. zehn Menschen ausschloß, unterrichtet zu werden, lieber die gesellschaftliche Ordnung hinaus, in der „der Mensch durch Verhältnisse und Verträge gebunden, zu tun und zu leiden, was diese Verhältnisse zur Pflicht machen", wollte er den Menschen zum Werk seiner selbst, unabhängig joon der Selbstsucht, tierischer Natur und gesellschaftlicher Verhältnisse machen. Wohl glaubte er, den Menschen aus sich heraus entwickeln zu können, dachte er. daß der Druck vom Armen genommen werde, wenn er ihn seelisch überwinde. Und doch zeigt seine Schrift „lieber den Kindesmord", daß er in der gesellschaftlichen Lüge die Quelle alles Elends und aller Unnatur sah. Nicht strafen, sondern erziehen. In der zum Heiligtum geweihten Wohnstube sollte die Grundlage aller Erziehung liegen. Im Vaterhaus sah er die Schule der Sitten und des Staates. 1774 schreibt er über sein dreieirchalbjähriges Sohnchen Iacquetr in sein Tagebuch: „Ich zeigte ihm. daß Hotz im Wasser schwimme, hingegen ein Stein zu Boden sinke." „Früh will ich seine Begriffe durch tägliche Tathandlungen in ihm Hilden — fortet!cn, immer tun, immer enttoickeln, bis jede Lücke gefüllt ist." Und zu seinem Knecht Klaus sagt er, als dieser ihm Vorhaltungen macht, er überanstrenge den Kleinen: „Alles Lernen ist nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gehen." Das Kind im Heiligtum seiner Unschuld soll Mittelpunkt bleiben, keine künstlichen Hilfsmittel, sondern bloß die die Kinder umgebende Natur, ihre natürlichen Bedürfnisse und ihre immer rege Tätigkeit wollte er als Bi idungs mittel benutzen. Wie Rousseau sah er im Innern der menschlichen Natur das Gute, das Mittelpunkt menschlichen Wissens bleiben sollte. „Die Natur enthüllt alle Kräfte der Menschheit durch Uebung, und ihr Wachstum gründet sich auf Gebrauch." Er haßte alle Papierwissenschaft und das tausendfache Gewirr von Wortlehren. Durch die Formen der Anschauung, die sich ihm in Zahl, Form und Schall kundtaten, wollte er in den Kindern das Bewußtsein von Kräften entwickeln. Gedanken, wie sie heute die Arbeitsschule fordert, den Ruf „Vom Kinde aus", das Vorwaltcn des Menschen. das Zu rück dräu gen des Stoffes, Landerziehungsheime und Versuche wie Krohns Heimschule, bei Pestalozzi finden wir sie. Ilnd cs war die Tragik dieses Lebens, daß cr sich mehr und mehr in Didaktik und Methodik verlor, und den Menschen. den er so liebte, zu vergessen schien. So wurde der Gründer der Volksschule. den Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation" als einen neuen Luther pries, and) zum Begründer der formalen Bikdung. er. der doch im Grunde seines Herzens nur das Kind im Menschen liebte und die Form verachtete. Der Mechanismus seiner Methodik klapperte iveiler. doch verloren ging sein Idealismus. Hüten wir. die wir vom Eros in der Erziehung träumen, das; wir nicht auch Plxmtomen nachjagen, die den „Wohnstubenrauch" der Landerziehungslseime auf die Schulgemeinde der Sroßstadtzerrisienl^it übertragen wollen. Was ist er uns, dieser „Don Quijote der Humanität", wie ihn einst spolttend ein Aargauer R eg ierungs Mitglied nannte. Ein Ritter des Geistes, zog auch Pestalozzi aus. um der Welt die Erlösung zu bringen: aber wo er hinkam. traf er Unglauben. Spott und Mißverständnis. Und die Menschen lachten über seine Torheit und schalten ihn ein Kind in grauem Haar. „Hetri Wunderlik von Thorlikon" hatten ihn schon die Schulkameraden gerufen. Heilig sei uns solche Torheit! „In ihm lag die Wonne der Unschuld und ein Glaube an die Menschen, den wenige Sterbliche kennen; sein Herz war zur Freundschaft geschaffen. Liebe war seine Natur und Treue seine innerste Neigung.