Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1-2 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 „NUßverstänöms" oder Mißverstehend Ir? Nr. 2 des .Jngendbrrnd". Bundesblattes des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, wird bei einer Besprechung des Artikels von Erwin Baer ,Lwn der nationalistischen Jugend" in der letzten Nummer dieser Beilage in wenig freundlichen Worten von uns verlangt, einen „tLvx paz" in diesem Aussätze zu korrigieren. Die Tatsache, daß der Verband der jüdischen Zugendvereine Deutschlands in diesen Spalten mit Berichten und grundlegenden Referaten wiederholt zu Worte gekommen ist, dürste klar zum Ausdruck bringen, daß cs uns fernliegt, der Arbeit des neutralen Jugindverbandes ..bitter Unrecht zu tun", oder dem Verbände Tendenzen unterzuschieben, „die den Tatsachen ins Gesicht schlagen". Erwin Baer hat weder den neutralen Verband genannt, noch kann aus seinen Worten geschienen werden, daß er ihn gemeint hat. Zeder Unbefangene, der den Artikel liest, wird erkennen. daß sich die Beweisführung Erwin Daers. wonach der Zionismus seinen Nachwuchs in neutralen Bünden zu sammeln suche, sich in erster Reihe nur auf den „neutralen" Psadstirderdund .Fadimah", der ausdrücklich genannt wird, bezieht und sodann auf zionistische Sport- und Turnvrganifationen. die ja oft chrr zionistische Tendenz nicht vssen genug betonen. Warum zieht sich der rLugendLund" denn einen Kock an, der nicht für thn angepaßt wurde? Wir können also feststellen, daß uns die Angriffe des .Lugendbund" nicht treffen, so daß von einem ..kaux pas" unsererseits keine Rede fein kann, und wir bedauern, daß die Schristleitung des .Zugendbund" einen Ton gegen uns anschlagen Ließ, wie er in der kurzen Besprechung für richtig befunden wurde. Das Mißverstehen des Daerschrn Artikels mag entschuldbar fein, der Ton und die Tendenz der Erwiderung sind bedauerlich und müssen zurückgewiesen werden, schon um nicht an Stelle des „Mißverständnisses" ein langandauerndes Mißverstehen treten zu lassen. ,^>LUtsch-jüöische Fugen-." Bon Heknz Graupe. Das Hochschutblakt der „Frankfurter Zeitung" widmete vor kurzem eine Nummer (Abendblatt vom 12. Februar 1927) der jüdischen Jugendbewegung. Wir haben um so mehr Grund, der „Frankfurter Zeitung^ hierfür dankbar zu sein, als es ihr trotz des Gewagten ihres Unternehmens, dessen sie sich sehr wohl bewußt war, gelungen ist, in die sonst in der Presse, auch ihrer politischen Richtung, übliche schablonenhafte oder feuilletonisiische Behandlung der Probleme des modernen. Judentums eine Bresche zu Legen. Ob dieser Mut sich auch bei den großen Berliner Blättern finden wird? Die .Frankfurter Zeitung" bringt zwei ^Aussätze aus der jüdischen Jugendbewegung. Werner Bloch glaubte pch mir einem sehr ordentlichen orientierenden Ueberblrck über das Werden und die Be- Lätigungsart der zionistischen Jugend, insbesondere über ihre verschiedene Stellung zum Aufbauwerk von Erez Israel begnügen zu sollen. Deshalb wird sich unser Interesse besonders dem Aussatz von Erich Hirsch berg. dem Führer des A el terenbundes der „Kameraden", zuwenden dürfen. Erich Hirschberg versucht ein Bild von der geistigen Position des jungen Judentums zu geben. Er behandelt eine jüdische Generation, die aus allen Gebieten ihr Sein in Frage gestellt sieht. Zwei Erbmassen f i e h t s i e s r ch g e g e n ü b e r : die fernere ist der weiten Jahrhunderten der jüdischen Geschichte ihren inneren Halt gebende, immer wieder sich tetbst spiegelnde und dadurch sich mehrende und erneuernde Strom der Tradition; die nähere ist die Leistung der vorigen Generation, die jenen Strom versickern ließ und durch ihrexhilofophi sch-ethisierende Umdeutung des Judentums alle Beziehungen des Menschen, sei es.die Gott, zu seiner Schicksalsgemeinschast oder zu seinem persönlichen ben. ihres mneren religiösen Gehaltes entkleidete, das Judentum iur die einzelnen wie die Gesamtheit, zu einem „auch" Vorhandenen, Unwirklichen umchte. Der junge Jude, der durch sein Erlebnis der Jugendbewegung wieder ein Gefühl hat für die Lebendigkeit einer Beziehung, wird von vornherein mit diesem Lotgemachten Judentum nichts anzufangen wissen. Und jene Masse der Tradition ist ihm heute in zu großer Ferne. Will er nicht in romantische Umvahrhastigkeit verfallen, darf er sie nicht künstlich verlebendigen wollen. An diesem Punkte beginnt feine jüdische Not. Einen Ausweg in eine handgreifliche „jüdische Wirklichkeit" schien ihm der Zionismus zu zeigen, und ein großer Teil der jüdischen Jugend ging diesen Weg. Aber wie praktisch der Zionismus eine Teillösung ist. so ist er auch für unsere Fragestellung nur ein A u s w e g vor der einen Frage. DiesenWegkonntediedeutsch-jüdischeJugend nicht ehen. wollte sie sich nicht selbst vergewaltigen, ier ist vielleicht die Richtung der Lösung in den Versuchen von Leuten des Kameradenbundes. anzufangen mit der Bildung einer lebendigen Gemeinde, die einen Gottesdienst selbsthandelnd. nicht anhörend, tragen kann und so zu einer Eingliederung und Fortführung, nicht geschichtsunwahren Akzeptierens, der Tradition kommt. Zur jüdischen Not kommt für den Teutschjudcn auch bte ..Deutschen frage". WB er bereitwillig an Staat und Kultur des deutschen Volkes Mitarbeiten, so steht ihm. dem Deutschjuden. der sich als Mensch einer ganz eigenen Art von anderen Judenschasten und vom nichtjüdischen Deutschen abhebt, der sich nicht mehr als jüdischer Deutscher oder deutscher Jude suhlt, bte dauernd von feiner Umwelt erhobene Forderung auf eine ihm unmögliche Assimilation entgegen, die er bei aller Liebe zu Heimat. Kultur und Staat nicht vornehmen dars. will er nicht die neue innere Sicherheit seines Judeseins von neuem verlieren. Die jungen Menschen, denen aus jenen drei Fragen wohl die Richtung ihrer Lösung, nicht das Ziel bewußt ist. haben für die. konkreten Forderungen des tägüchen Lebens nur die Möglichkeit einer Entscheidung von Fall zu Fall. Denn „es ist gefährlich, vorzeitig Ziele abzustecken, sonst wird leicht das Ziel zur -Schranke". „Tie Gewähr für die Richtigkeit seines Weges kann er letzlich nur in sich selbst finden in der Hoffnung, daß ein sorgsam reingchaltener Strom kein.unreines Wasser m:t sich führen wird." Das Bi.d dieses jungen Deutschjuden der nach allen Seiten — er paßt in keine Parteifchablone. weder religiös nocb politisch — mit einer neuen Nüchternheit seinen eigenen Weg sucht, zeichnet Erich Hirschberg. die Iugenüfrage auf einer Lan-esverbenöstagung -es Centraivereins. Don Rabbiner Dr. Klein (Düsseldorf). Gemäß einem Beschluß der Führerversammluug des Landesverbandes Rheinland-Westfalen des Centralvereins im Sommer vorigen Jahres wurde die Jugend- und Svortfrage als besonders dringlicher Gegenstand auf die Tagesordnung des Landesverbandes in Dortmund gesetzt. Hauptreserent, Rabbiner Dr. Klein (Düsseldorf), führte etwa folgendes aus: Tie Frage der Heranziehung der Jugend zur positiven Arbeit ist nicht nur eine Frage des Centralvereins, sondern jeder Vereinigung jüdischer oder nichtjüdischer Struktur. Durch die jahrelange Abwesenheit der erwachsenen Männer während des Krieges und durch die Inanspruchnahme auch der Zuhausegcbliebencn durch den Krieg ist eine Jugend herangewachsen, die mit den Aelteren keine Verbindung mehr hat. die durch die Erscheinungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre von ihnen abgestoßen wurde und deswegen ein eigenes Leben begann. Liesen Umständen verdankt die Jugendbewegung chren Aufschwung in den Jahren nach der Revolution. Der Tatsache, daß sich die Parteien dann dieser Bewegung bemächtigten, verdankt sie ihre Zersplitterung und ihren Zusammenbruch. Ter Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands erkannte diese Gefahr zuerst und machte es sich zur Aufgabe, die jungen jüdischen Menschen zu Persönlichkeiten zu erziehen, die auf neutralem Boden alle Fragen des Judentums durchkampsen und durchdenken wollen. Durch Wahrung dieser Neutralität ist cs ihnen gelungen, die Alten und Jungen der Jugend wieder einander näher zu bringen, eine Organisation zu schaffen, die den größten Teil der jüdischen Jugend umfaßt. Auch der Centratverein muß, wenn er sich einen Nachwuchs sichern will, mit diesem Verband rechnen, muß ihn darüber hinaus unterstützen. Tie sportliche Betätigung der jüdischen Jugend sollte sich im großen ganzen in den allgemeinen deutschen Sportverbänden auswirken. Dgch ist nicht zu verkennen, daß jüdische Sportverbände als vorbereitende Institutionen wegen mancher Hemmungen ihre Berechtigung haben. Dr. Rosen thal (Duisburg) betonte als Korreferent. die Wichtigkeit der neutralen Jugendvereine. will aber dort, wo diese fehlen, deutsch-jüdische Gruppen bilden. Betätigung von Juden in jüdischen Sportvereinen wird von ihm entschieden abgelehnt. In der Diskussion erklärt Dr. Krombach (Essen), daß eS für ihn nur eine berechtigte jüdische Jugendorganisation gäbe, nämlich den Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Er könne das Verhalten des Hauvtvorstandes des C. V. dem Verbände gegenüber nicht verstehen, und verwahre sich ganz entschieden gegen die Art, wie man dort dein Verbände gegenübertrete. Nur durch freundschaftliches Zusammenarbeiten könne man beiden Teilen gerecht werden. Direktor D r. Holländer (Berlin), der die Referate selbst nicht mit augehört hatte, führt aus, daß es dem Centralverein von dem Augenblick an möglich sei. mit dem Verband zu arbeiten, sobald eine klare Stellung zu dem Problem Deutschtum und Judentum eingenommen und eine Bejahung des Deutschtums von der Leitung ausgesprochen werde. Referendar Herbert Felsen thal (Düsseldorf) erblickt in der intensiven Beschäftigung jüdischer Jugendvereine mit dem Problemen des Judentums keine Gefahr für eine Ghettoi-sierung der Jugend, wie das vorher Dr. Holländer auSgeführt hatte, da der jüdischen Jugend dte Probleme des deutschen Kulturkreises in anderen Gemeinschaften (schisse, politische Arbeit usw.) nahegebracht werden. Er verlangt die Aufzüchtung eines selbstbewußten jüdischen Geschlechtes. Rabbiner Dr. Klein sagt in seinem Schlußwort, daß es für ihn die Frage Deutschtum und Judentum nicht gebe. Er habe seine Ausführungen nicht nur als Leiter dcS Verbandes der jüdisären Jugendvereine Deutschlands, sondern vor allen Dingen als Centralvereinler gemacht, dem die Zrrkunft des C. V. und damit ein verständnisvolles Zusammenarbeiten mit der Jugend am Herzen liege. „Junge Menschen." (Herausgeber Walter Hammer.) Das Märzh e f t gilt vorzrbgswerse Franz Oppenheimer. Oppenheimer sucht eine Verbindung zwischen sozialistischer Wirtschaftsform und Freiheit des einzelnen zu finden. Er verficht ' damit den „liberalen" S o z i a l i § m u 8, der im Gegensatz zum „kollektiv-istischen" Sozialismus steht. Als Ursache der Proletarisierung sieh! er den Grundbesitz. Denn da dieser extensiv wirtschaftet, wird ein großer Teil der Landbevölkerung gezwungen, in die Städte abzuwandern. Die Folgen sind Unterbieten in Arbeitslohn und Arbeitslosigkeit. Tie praktischen Konsequenzen dieser Erkenntnis ist für Oppenheimer Aufteilung des Großgrundbesitzes und Verhinderung einer weiteren Abwanderung in die Städte, lieber die Form des Zusammenlebens in einer nach Oppenheimers Plänen eingerichteten Siedlung berichtet Direktor Dr. D tz cf. Beiträge von Professor Erik N ö l t i n g, Dr. Erich R i tz m a n n u. a. m. geben ans die einzelnen Materien der Oppenheimerschen Theorie ein und machen da8 Heft äußerst lesenswert- Berarttwortlick für die Beklage „Don deutsch-jüdischer Jugend^ Alfred Lirsidberg sBerlin-LharloUenvurg). Druck von Rudolf Mosse. Berlin SW 19.