Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 11 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit Wochen weisen wir darauf hin. wie allerorten, am I Mein in Hessen und in der Pfalz, die Hakenkreuzler am Werke sind, um Unruhe in die Bevölkerung zu tragen und Zustände am Rhein aufleben zu lassen, wie wir sie in Bayern in den letzten Jahren erlebt haben. Erst in der vorigen Woche mutzten wir berichten, datz Nationalsozialisten in N a st ä t t e n blutige Unruhen hervorgerufen harten. Jetzt erreicht uns aus Köln die Nachricht, datz dort aus Anlatz der jüdischen Eemeindewahlen Hakenkreuzler vor der Synagoge pogromartige lieberfälle verübt haben. Uns wird geschrieben: Sonntag, den 13. März, vormittags zwischen 9. und 10 Uhr. zog ein uniformierter Zug in provokatorischer Absicht, die bekannten Lieder singend, an der Kölner Synagoge Roonstratze. woselbst sich das Wahllokal befand, vorbei, ohne datz die dort anwesenden Juden darauf eingegangen waren. Nach etwa einer halben Stunde wiederholte sich das Schauspiel, wobei die Rufe fielen: ..Nieder mit den Juden!' Als Antwort ertönte: ..Meder mit den Hakenkreuzlern!' Im Augenblick entwickelte sich eine Schlägerei, bei der die Völkischen den kürzeren zogen. Des Nachmittags kamen sie aber verstärkt ::nv, wie es scheint, mit Waffen versehen zurück. Bei diesem neuert Zusammenprall wirrvc« zwei Zudc» Durch Messerstiche am Kopf.verletzt. Inzwischen aber war die Schupo erschienen. Um die Völkischen zurückzutreiben, muhte sie von ihren Gummiknüppeln energischen Gebrauch machen. Mehrere der Rädelsführer und Messerhelden sind festgenomrnen worden. In Verbindung mit diesen Krawallen wurde in der Nähe des Tatortes ein gänzlich unbeteiligter älterer jüvischer Mann ohne jeglichen GrurrD von Hakenkrerrzlern überfallen «nv in Den Nucken gestochen, so Das; eine Einlieferung ins Krankenhaus notwendig war. Glücklicherweise konnten die Täter auch in diesem Falle fcin^fcft gemacht werden. Man darf erwarten, daß sie der verdienten exemplarischen Strafe nicht entgehen. Besonderer Dank gebührt der Polizei, die unter persönlicher Leitung des Polizeipräsidenten von Köln, B a u k n e ch t, schnell und wirksam eingegriffen hat. Als Folge dieser neuen nationalsozialistischen Ausschreitungen und der anderen Vorkommnisse der letzten Zeit hat der Kölner Polizeipräsident der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei, der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung, dem Stahlhelm, dem Iungstahlhelm, Wehrwolf, Frontkriegerbund, Treubund Schlageter, der Eisernen Schar und dem Frontbann einstweilen die öffentlichen Umzügeverboten. Seit seiner Entlassung aus der Festung Ende 1924 war Adolf Hitlers poMsä)e Tätigkeit zu einem großen Teil lahmgelegt durch das Redeverbot der bayerischen Regierung, dem sich dann die Regierungen der meisten übrigen deutschen Länder ans^loffen. Nur Sachsen. Thüringen. Braunschweig und M e ck l e n - bürg gestatteten sein Auftreten als Redner, und im Rheinland vermochte er ein paarmal zu reden unter dem Borgeöen, daß es nur in geschlossenen Mitgliederversammlungen geschehe. Hitler und ferne Anhänger haben sich dmnit nicht abgefunden, sorrdern ständig gegen das Redeverbot protestiert, und die Begründung, datz er als Staatenloser kein Recht auf Versammlungsfreiheit habe, nicht gelten lassen, weil er vermöge seines Eintretens für Deutschland in Krieg und Frieden als Deutscher gelten muffe. Mit dem ganzen Pathos und dem blühenden Phrasenschatz. über den die Partei verfügt, wurde der Kampf um die Redefreiheit Hitlers geführt. Hitlers Freund, der Abgeordnete Buttmann, verkündete pomphaft im Landtag, mit dem Redeverbot habe die Partei kein schlechtes Geschäft gemacht, denn es mache nur Reklame sür sie. aber über der Partei stehe für die Nationalsozialisten das Wohl des gesamten Volkes, und aus diesem Grunde hätten sie gegen das Verbot angekämpft. E Man wird einige leise Zweifel an der Ehrlichkeit dieser Erktärung hegen dürfen, wenn man nun liest, was für demütigende Bedingungen Hitler auf sich genommen hat. um die Aufhebung des Redeverbots zu erlangen. In seinem Buch hat er gegenüber einer Regierung, die das Volkstum dem Untergang entgegensührt. die Rebellion als Recht und Pflicht eines jeden Volksgenossen erklärt und der Fra^e der Legalität nur eine ungeordnete Bedeutung eingeräumt. letzt aber ist er gegenüber der bayerifck^n Regierung, tie er doch früher immer als Nutznießern! des Novemberverbrechens bekämpft hat. die ausdrücklickre Verpflichtung eingegangen. keinerlei gesetzwidrige Ziele zu verfolgen und zur Erreichung der Ziele seiner Partei keinerlei gesetzwidrige Mittel anzuwendcn. Die Beweggründe, die Hitler und seine Freunde zu dieser Unterwerfung unter die Bedingungen der Negierung veraulaßten. werden etwas aufgehellt durch einen Bericht, den die „Münchener Post" über einen gerade in diesen Tagen vor dem Münchener Landgericht verhandelten Prozeß bringt, in dem der t>ölfifc£>e Rechtsanwalt Kohl tort Hitler auf Grund einer Art von Bürgschaft die Bezahlung der ^erteidigungsgebühren von ‘ seinem Mitverschworeuen beim ^ooemberputfch, Oberleutnant Brückner, verlangt. Gegenüber diesem Verlangen habe Hitler in einem Brief vom November 1925 darauf hingewresen. das; er zurzeit kein Geld habe, das; aber die Beschaffung der nötigen Mittel keine Schwierigkeiten machen würde, wenn cs ihm wieder möglich fei. Maffenversammlungen in München adznhalten. Es sci>eint also dock), daß der Partei das gute Gesckraft. Oas sie durch Massenversammlungen machen kann, lieber ist als das ^gute GesäHft". das sie nach der Aeußerung des Abgeordneten ^uttmann durch Reklame mit dem Redeverbot machen kann. Rach den Bedingungen der bayerisck^en Regierung mußte das Erste Aujrreten Hitlers außerhalb Münchens erfolg en. Hitler wählte dafür die kleine nicderbayerische Stadt V i l s b i b u r g , um daun wenige Tage nachher seinen Wiederernzug in München zu halten. Rach den Mitteilungen der Prrffe und der Versammtungsbesucher hatte seine Rede nicht die alte Frisckze. offenbar fühlt er sich doch durch die Nnterwersungsdtdingungen etwas beengt. Ueber die Juden fiel in dem ersten Dreivierte! der Rede überhaupt kein Wort. Erst gegen Ende ein paar phrasenhafte Sätze, die der „Völkische Beobachter" in folgender Fassung wiedergibt: „Sinnlos ist für uns der Marri-mus, höchsten Sinn hat er für den internationalen Juden: sinnlos ist für uns der heutige oberfläd>ltdie Nationalismus, aber höchsten Sinn und höchste Logik hat er für den internationalen Juden: er muß diesen Begriff veräußerlichen, verflachen und verfälschen und auf der anderen Seite den Irrsinn anfachen. um beide Teile gegenseitig vernichten zu können. Nicht die Reaktion marschiert, nicht das Proletariat, sond-ern das Sklavenheer, der Wahnsinn marschiert, und übe: beide marschiert und triumplüerL Der Jrkde. Er marschiert, während die einen ihr hohles Lmrra hinausschmeltern und die anderen unter Flüchen zum Stempeln gehen, er ist der Sieger der Zukunft, solange diestr Todfeind des Volkes nicht erkannt wird und das sich zufammenfindet. was zrrsammengedört.* Was der Versammlung selbst an großer Wirkung fehlte, sucht der.Beobachter" durch rektamehaste Ausschlachtung zu ersetzen. Die Versammlung nxrr tat fachlich gut besucht, was nicht verwunderlich ist. Ter „Beobachter" aber behauptet. 7000 bis 8000 Zuhörer seien dagewesen. Laut baupolizeilicher Feststellung faßt aber der Versammlungsraum nur 3420 Personen. Mögen wirklich noch einige hundert über die zulässige Zahl dagewesen sein, so ist die Lesuck-erzahl doch sichtlich ums Doppelte übertrieben. Auch die Presse wird heftig gerügt, weil sie die Bedeutung des Ereignisses nicht genügend gewürdigt und nur an versteckter Stelle darüber berichtet habe. Besonders der halbamtlick)en „Bayerischen Staatszeitung" wird unehrliche Berichterstattung vorgeworfen, während der einstmals demokratische, aber längst versteckt völkisch gewordene „Fränkische Kurier" wegen seines „eingehenden und sympathischen Berichtes" ein Lob erntet. Alles in allem bietet das Wiederauftreten Hitlers für unsere Freunde keinen Anlaß zur Nervosität. In dem Augenblick, in dem Hitler sich der bayerischen Regierung und damit auch den-sie tragenden Parteien. Bayerische Bolksparwi und Deutschnationale Partei, unterworfen hat. um überhaupt reden zu dürfen, hat er als Dersammlungsredrrer viel von seiner früheren Wucht eingebüßt. Es kann nur lächerlich wirken, wenn gerade jetzt Graf R e v e n t l o w zu ihm stößt unter dem Borgebcn. daß bei Hitler die sozralrevolutionäre Energie zu finden sei. die er im Kreise um Henning so schmerzlich vermißt. Bedenklicher wäre eS. wenn als Gegenleistung für t>ic Redefreiheit Hitlers etwa seine im Landtag sitzenden Freunde den Regierungsparteien gewiffe Dienste zur Behebung ihrer Roali* tionsschwierigkerten Zuge sagt haben sollten. Denn trotz alles Schimpfens über den uudeutschen Parlamentarismus werden doch schließlich in den Parlamenten wichtigere Entsäxudungcn getroffen als in Volksversammlungen, selbst in den Massenversammlungen Hitlers. W. £«