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Central-Verein-Zeitung · 1927-03-18 · 11 (18.3.1927) · p. Seite 138

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
11 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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13$ Paul Nathan. / S&ÄfttZ Weist nach einem französischen Worte der Stil des Menschen Art aus, so verraten das Heim, in dem er seine Tage verbringt, die Dinge, mit denen er sich umgibt, noch schärfer seine Lebenslinie. Das alte Berliner Patrizierhaus in der Monaer Straße, das Paul Nathan die letzten fünfzehn Jahre bewohnte, hatten erlesener Geschmack, edler Kunstsinn und eine Fülle bedeutsamer Erinnerungen zu einem harmonischen Ganzen gestaltet, das jedem Besucher die überragende geistige und politische Bedeutung des einzigen Bewohners unabsichtlich zutrug. Bilder, Zeichnungen, Bildhauerwerke Menzels und Lieüermanns, Gabriel v. Marens und Strucks, Klingers und Meuniers weihten die Räume. Die feine Büste Ludwig Barnbergers überschaute mit klugem und mildem Blick die erhebende Weite eines mächtigen Bibliothekzrmmers. Die roten Lederbände der Gesamtausgaben französischer Klassiker, einst in Ludwig Bambergers Bibliothek, die schlicht gebundenen Werke der englischen Nationalökonomen, die umfangreiche Sammlung französischer Literatur, der gesamte Satz der Wochenschrift „Tie Nation", in denen Theodor Barth und Paul Nathan mit einem Kranz ausgezeichneter Mitarbeiter Mustergültiges an politischer, literarischer und künstlerischer Publizistik uiedergelegt hatten, zierten es; griechische Vasen, merkwürdig keck gestaltete antike Köpfe, hier ein Holzgeschirr aus Island, dort ein orientalischer Reiseschreibtisch wurden bei der Fülle der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die jedes freie Plätzchen bedeckten, leicht übersehen. Zahlreiche Photographien füllten Wände und Tische. Neben den sich stets mehrenden Bildern von Angehörigen und treuesten Freunden wiesen andere die vielen und festen Fäden auf, die Paul Nathan mit maßgebenden Männern und Frauen des letzten halben Jahrhunderts verbanden. Virchow und Mommsen hängen da. Karl Schräder, Heinrich Rickert, Karl Aldenhoven, wiederholt Theodor Barth. Jakob Schiff, der verstorbene amerikanische großzügige Förderer jüdischer Hilfsarbeit, und noch viele andere. Einige Photographien aufpeitschender russischer Pogromschrecknisie wollte der Hausherr nicht entfernen lassen. — Ein kalter Schauer weht heuLe^drrrch die hohen Räume. Ter ihnen Leben und Sinn gab, derbste mit seinem Geist erfüllte, schlummert nebenan friedlich in die Unendlichkeit. * Das ist das Heim eines Grandseigneurs, eines weitgereisten Diplomaten der alten Schule, schloß der kluge Besucher, auch wenn er den Bewohner noch nicht kannte. So war es» Ritterlichkeit, aufrichtige Liebenswürdigkeit, unbedingte Zuverlässigkeit, vollendete Akuratesse, Eleganz des Wortes, Feingeschlissenheit der Unterhaltung, großzügige Gastlichkeit anderen gegenüber, für sich selbst aber von einer schlichten, fast kargen Lebensführung. In Lagen, wo es hart auf hart zu gehen drohte, — in solche Lagen geriet er auf dem Balkan, in Kleinasien, in Palästina — war er von stärkster Kaltblütigkeit und unerschütterlichem Gleichmut. Und dann diese uns Jüngere beschämende Kenntnis des nationalökonomischen, geschichtlichen, politischen führenden deutschen und ausländischen Schrifttums, nicht minder der schönen Literatur; stets bereit, seine Rede mit Zitaten aus erster Hand — französische liebte er bezeichnenderweise — zu beleben. Er war ein Diplomat, er war ein echter Politiker. Keiner der viel zu vielen, die große Reden (osließen. Einer der seltenen jüdischen Deutschen, der musterhast die Taktik des politischen Kampfes beherrschte, der. um sein Ziel zu erreichen, alle die Kleinkampfmittel der Politik glänzend einzusetzen verstand, bis das Ziel erreicht war. Bei allem entschiedenen Auftreten besaß er ein verbindliches Entgegenkommen, eine Ruhe und Sachlichkeit, die ihn bei seinen vielen Unterhandlungen mit Herrschern, Ministern und Politikern Erfolge bescherten. Nur einmal bebte sein Zorn durch eine Unterredung. Das war. als im Jahre 1913 die gefährliche Entwicklung der jüdisch-palästinischen Schulen ihn im Kern traf und ein Werk, oem er viele heiße Stunden seiner Lebensarbeit besnmmL hatte, leichtfertig bedroht zu sein schien. Da löste ein olym-' pischer Zorn seine Spannung. * Das Iudent u m weiß noch nicht, was dieser Mann ihm für Dienste geleistet hat. Seine Schriften deuten diese Leistungen nur an. Kiew 1912/13. Das Schicksal des unschuldigen Bei lis ist von der zaristischen Regierung anscheinend entschieden. Paul Nathan läßt nicht locker. Leo Mohkin, Bernhard Kahn sind unermüdliche, gewandte Helfer. . Dem albernen Gutachten des Nervenarztes, Professor Sikorski, das auf „Ritualmord" hinauslief, wird eine untadelige Sammlung von Gutachten erster nichtjüdischer Fachautorckäten entgegengestellt. Sie fällt für Sikorski vernichtend aus. Eine Erklärung der führenden Geister Deutschlands gegen den Wahn des Ritualmordes erscheint. Beglaubigte Abschriften wichtiger päpstlicher Bullen müssen aus der vatikanischen Bibliothek beschafft und — das weit Schwierigere — un> gefährdet den Kiewer Verteidigern, die russischen Grenzen passierend, zugestellt werden. Es gelingt auch das. Jubel und Glück in Kiew, als Beilis endlich als unschuldig befunden, als wieder einmal die jüdische Lehre von dem ellen Vorwurfe, Christenblut zu fordern, gereinigt war. Wer hat damals Paul Nathan gefeiert? * Empfindungen und Gefühle zwang er in sich hinein. Das leuchtende S ch u l w e r k d e s H i l f s v e r e i n s der d e u t - schon Juden im Orient, vor allem in Palästina, James Simons, Bernhard Kahns und vor allem seine Lebensarbeit zertrat der Allvernichter Krieg. Im Heiligen Lande sollte 1914 das Technikum in Haifa eröffnet werden und den planmäßigen Aufbau, der vom Kindergarten an einsetzte, krönen. Welche Gefühle haben wohl diesen Mann, dnrchwogt, als er klar die erschütternde deutsche Niederlage erkannte? Selten kam ein Wort über seine Lippen. Tie Initiative des Fünfundsechzigjähngen, sein Bedürfnis, zu helfen und seine einzigartigen Erfahrungen nicht brach liegen zu lasten, trieben ihn wieder auf den Plan. Großzügige Siedlungspläne in Rußland wurden entworfen. Verbindungen angeknüpft. Seine letzte größere Schrift aus seiner gepflegten Feder gilt dem Problem, an dem er ein Leben lang geschaffen: „Dem Problem der Ostjuden". Keine grauen Theorien birgt sie, nein, praktische Hilfsvorschläge zur wahren Linderung der entsetzlichen Not: Heute steigt wehmütige Freude auf, daß auch seine letzte große Reise nach So wjetrußland gerichtet war, um mitzuberaten, wie die traurige Lage der Juden im Osten entscheidend zu bessern sei. Herzlich und verehrungsvvll wurde er überall ausgenommen. * Äm 25. April wollten wir alle seinen 7 0. Geburtstag feiern. Eine Festnummer dieser Zeitung wurde vorbereitet. Als er hörte, was wir planten, war er beschämt: Mir sollten von jeder Festnummer, von jeder Feier ablaffen. Die Festnummer wird zur Gedenknmnmer werden. Große öffentliche Ehrungen sind ihm selten zugefallen. Er suchte ihnen zu entgehen. Der 70. Geburtstag, der 25. April, sollte ein allgemeiner Freudentag werden. Der 15. März ist dafür zum Trauertag geworden. Wer wagt es, die Vorsehung zu tadeln? Schweres Siechtum, das er nicht mehr erkannte, hätte den Feuergeist getroffen. In dcm Vorwort zu den „Erinnerungen" seines Meisters und Freundes Ludwig Bamberg er schreibt PaulNathan: „Wie wissenschaftliche Erkenntnis und reiche Erfahrungen, die wechselvolle und grosiangelcgte Verhältnisse lieferten, zusammenschossen und sich harmonisch verbanden; wie diese Individualität von den feinsten künstlerischen Reizen de? Lebens noch mehr als von der Kunst angezogen und erzogen wurde, um dann im persönlichen Verkehr, als Schriftsteller und als Redner mit solchen künstlerischen und weltmännischen Reizen ansgestattet, zu wirken; und wie dieses Leben trost seiner heiteren Genustsreudigkeit und seiner Vorurteilsfreiheit im tiefsten Innern aus sachlichen Ernst, auf echt menschliche Anteilnahme und auf Liebe zum Vaterlande, zu moderner Humanität und Frecheit gestimmt blieb — das zeigen die Erinnerungen." Damit hat Paul Nathan seinen eigenen Nachruf ge» schrieben. Alfred Wiener»

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