Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-03-11 · 10 (11.3.1927) · p. Seite 127

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
10 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277739--03528-2284052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Don Oberarz! Or. Carl Fried (Worms), Alfred Herz (Lrrdwigshafsn), Skudisnrak Or. Rabau (Berlin). Me lebest das. Interesse für den Sport, vor allem auch für die Frage, wo und wie sich der jüdische Deutsche sportlich betätigen soll, ist, Zeigt eine Reche von Zuschriften, die rms auf den Aufsatz: „Treibt Sport!" von Jacob Ledermann in Nr. 9 der „C. V.-Zeiwng" zugegangen sind. Aus den zahlreichen Briefen geben wir nachstehend einige wieder. Die Schriftleitung. Oberarzt Dr. Carl §rreö Morms) schreibt: EZ gibt sicher Leute, die meinen, der E. V. hätte Wichtigeres 'u tun, als sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Daß das g. V.-Dlatt der Diskussion über die Sportfrage seine Spalten*) aeöffnct hat, halte ich jedoch für ein glückliches Zeichen desien, wie sehr die Leitung den Geist der Zeit erkennt, und des, was den jungen jüdischen Deutschen nottut. Die ersten Aufsätze, die über den Gegenstand hier erschienen, stellen die Frage: „Wo sollen wir Sport treiben?" und beantworten sie grundsätzlich verschieden. Im Neichsbund jüdischer Frontsoldaten, der in seinen Reihen Mitglieder fast aller deutschen politischen Parteien und wohl aller jüdischen Richtungen zählt, konnte die Frage, wo wir Sport treiben sollen, von Wichtigkeit sein und konnte auch umstritten werden. Im C. 33. aber kann btc Darlegung der zwei gegensätzlichen Standpunkte — paritätischer oder jüdischer Sportverein — nur -einen einzigen Grund haben, nämlich bin Leser, der sich bisher von der Frage scrngchalten hat, zu orientieren, welche Gesichtspunkte überhaupt in Frage kommen. Darüber hinaus darf die Frage, wo wir unfern Sport treiben sollen, im Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens keine Frage sein. Denn wozu betonen wir unser D e u t f cfj t u m, wozu kämpfen w i r um die Gleichberechtigung, wenn wir in der vielleicht d e u t s ch e st e n u n t er den Gegenwartsfragen freiwillig resignieren und uns zurückziehen, ehe wir auf Widerstand stoßen werden. Die wahren Sportler aber sagen und beweisen es, daß wir im allgemeinen überhaupt nicht auf Widerstand stoßen werden. Die großen deutschen Sportverbände haben sich nie geweigert, Juden aufzunehmen und werden es nicht tun. Gestehen wir, daß es örtliche, ja regionäre Ausnahmen gibt. Das ist die einzige Entschuldigung für die Gründung jüdischer Sportvereine. Dort, gebe ich zu, muffen sie gegründet werden, um uns die Gelegenheit zur körperlichen Ausbildung unserer Jugend zu verschaffen. Nicht aus Prestigegründen und mcht aus der Meinung heraus, den Antisemitismus in der betreffenden Stadt durch gute „jüdische" 100-Meler-Zeit zu ver- Lichten. Meine besondere Hochachtung vor der Leistung der Nakkabi (Brünn) und Hakoah (Wien). Aber sie haben dem Antisemitismus auf den B r ü n n e r und Wiener Hochschulen oder im Oesterreichischen Alpenverein nicht ein Qiantchen Boden abgerungen. Tie hervorragenden ausländischen Cportsleute jüdischen Glaukens, die man uns gern nennt, haben ihre Leistungsfähigkeit nicht als Juden in jüdischen Sportvereinen, sondern als Engländer, Amerikaner, Schweizer in ihren nationalen Vertuen erreicht. Und nicht anders kann es bei uns fein. Will der S. V. die Sache des Sports unter den Juden fördern, so kann cs wur so sein, daß er größere Maffen zum Eintritt in die neutralen Sportvereine bewegt, und daß er dort, wo der Eintritt noch verwehrt wird, durch seine Arbeit uns die Sperre durchbreche hilft, sticht weil wir nun, wie unsere Gegner sicher wsort höhnend bemerken werden, auch die Sportverbände mit jüdischem Geist durchdringen wollen, nein, ganz einfach und schlicht, weil wir unsere Pflicht gegen den eigenen Körper, gegen unsere ^portkameraden und Volksgenossen und darüber hinaus gegen das gemeinsame Vaterland erfüllen wollen. Wir wollen es nicht weniger als die anderen und wollen es auch nicht andersrvo. ..Ich will auf unser altes Argument, daß es doch keinen spezifisch „jüdischen" Sport gebe, gern verzichten. Man komme mir aber auJ nicht damit, daß nufere Kinder körperlich weniger geeignet und darum ängstlich seien und sich fürchteten, in neutrale Sportvereme neben andersgläubiger Jugend anzutreten. Man schicke f} Kmder nur früh genug in die Vereine, dann wird sich rainell erweisen, daß keine Spur von körperlicher Unterlegenheit orhcmdcn ist. In Worms z. B. haben die jüdischen Schüler und Schülerinnen bei den Reichsjugendwettkämpfen dieses Jahres Muer großer Konkurrenz gute Plätze, darunter einen ersten, erwugt.^ Ohne jüdischen Sportverein! Diejenigen, welche glauben, atz es ohne ko nsessiv nelle „Borbereitungskurse", die stets der verappte Anfang vom bleibenden Verein sind, — nicht gehe, mögen uc dieses Wunder erklären. Run, diese Kinder sind nur von 28 jüdischer Jugend Rr.. 6, Vellage zur „C. B.-Zellung" v-m - ^epicinber 1^26 und Nr. 9 „C. V.-Zettung" vom 4. März 1927. ihren Altersgenossen nicht getrennt gewesen und haben im gleichen Milieu gelernt, den gleichen Anforderungen zu entsprechen. Darum gibt es für den jüdischen Deutschen keine Frage,' wo' er Sport treiben soll. — Im paritätischen Sportverein! fllfceö tzerz (LuöwrgshafLn) schreibt: In dem Artikel „Treibt Sport" (Nr. 9. „E. B.-Zeitung") kommt Jacob Leder mann zu der Frage, ob man einem nur jüdischen Sportverein beitreten soll, oder solchen, die alle Konfessionen vereinen. Hier gibt es nur eine Antwort — den letzteren. Nach einer erfolgreichen Schwimmerlaufbahn vor etwa 27 Jahren — ich startete damals gegen die besten süddeutschen Schwimmer —- fühle ich irrich dazu berufen, meine Ansicht darüber zu äußern. Me ins Erfolge und meine Technik wurden sowohl von allen meinen Sportgenoffen und Dereinsmitgliedern als auch von meinen Freunden unterschiedslos vollauf gewürdigt. Ich habe während meiner langen Zugehörigkeit zu solchen Vereinen niemals ein Wort der Mißachtung den Juden gegenüber gehört, sondern gerade das Gegenteil. Ich fühlte mich immer wohl unter den Sportskollegen, und meiner Ansicht nach ist der Hauptgrund zur Abneigung häufig Ueberempfindlichkeit. Wenn ich auch damals nur wenige sporttreibende Juden sah, so glaube ich doch, daß selbst, als ihre Zahl zunahm, eigentlich keine Ursache dazu vorhanden war, konfessionelle Vereine zu gründen. Si§ sind im wesentlichen aus dem oben genaunteu Grunde geschaffen worden, und die jüdischen Sportvereine haben sich dann iuune'r mehr von den paritätischen Vereinen abgeschlossen. Sport hat mit der Religion nichts zu tun! Dar Nichtjude erkennt mit der Zeit auch die Erfolge der jüdischen sporttreibenden an. Man soll sich nicht abschließen, jüdische Sportklubs bewirken gerade das Gegenteil von dem, was wir wünschen müssen. Also, Sportler, auf in die gemischten Vereine; beherzigt die Worte eines alten Kameraden. Stuöienrat Dr. Nabau (verlm) schreibt: Tie deutschen Juden haben der Welt bewiesen, daß sie auf allen Gebieten des Geistes ebenbürtig sind. Sie sind ehrenvoll vertreten unter den Medizinern, Juristen, Politikern, Journalisten, Philosophen, Komponisten, Physikern usw. usw. Daran, möchte ich sagen, hat sich die Welt schon gewöhnt. Bei der heutigen Mentalität der Völker würde das Ansehen der Juden weit mehr als durch Leistungen des Intellekts beispielsweise dadurch gehoben werden, daß ein Jude den B o r w e l t m e i ft e r Tunney besiegte. Das wäre eine Sensation, größer als Einsteins Relativitätstheorie! Warum? Weil man sich unter einem Juden einen Schwächling vorzustellen pflegt, auf den Starke mit Verachtung herabsehen. Wir müffen hier den Hebel ansetzen, um den Antisemitismus zu bekämpfen, wir müpen unsere körperlichen Fähigkeiten ad oculus demonstrieren. Mit Befriedigung, ja mit Freude kann man seststellen, daß in dieser Richtung hoffnungsvolle Anfänge bereits gemacht worden sind. Der jüdische Boxklub „Mac ca bi" zum Beispiel hat gezeigt, daß der Jude auch im Kampf Mann gegen Mann nicht unterschätzt werden darf; finden wir doch selbst unter den Boxweltmeistern Juden, sogar fromme Juden! Diese Arbeit müssen wir weiterführen und auf eine breite Basis stellen. Unser Losungswort muß heißen: Körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend in möglichst großem Umfange! Betätigung aus allen Gebieten des Sports, Erziehung einer aesunden, kräftigen Jugend, die das häßliche Wort v o m „k r u m rn e n Juden" a d a b s u r d u m f ü I) 11. Daher sollte jede Bemühung in dieser Richtung die wärmste Unterstützung finden. An dieser Stelle möchte ich es nicht unterlaßen, auf eine Sportart hinzmveistn, die ganz besonders geeignet ist, die Anstuerksamkeit weiterer Kreise auf sich zu lenken und so an der Erreichung unseres Zieles mitzuwirken; ich meine den Segelflugsport. Er stellt besondere Anforderungen an den Manu. erheischt seelische Qualitäten. die man dem Juden abspricht: Selbstbeherrschung, Kaltblütigkeit, Ausdauer, Willenskraft, Blut. Dazu kommt, daß der Scgelflug noch immer aktuell ist. Auch auf diesem Gebiete können wir auf Anfänge zurückblicken, die uns mit Freude und Stolz erfüllen können. Die Erfolge der S e g e l f l u g g r u P p e des R. j. F. sind zu bedeutsam, um der Vergessenheit anheim zu fallen. Die Rhöncrpedition war eine Tat ersten Ranges. Zum erstenmal hatten es jüdische Flieger unternommen, den Antisemitismus in einer seiner Hochburgen auszusuchen und zu bekämpfen. Das Unternehme n war ein Erfolg auf der ganzen Lrni e. Abgesehen von zahlreichen Preisen, die hermgebracht wurden, war es gelungen, die antisemitisch verpestete Atmosphäre in diesen Kreisen zu reinigen, ja darüber hinaus Achtung und zum Teil Sympathie zu gewinnen. In Anbetracht der geringen, allzu geringen Mittel, mit denen die Expedition ausgerüstet worden war, muß der Erfolg sogar als außerordentlich bezeichnet werden. Hier anzuknüpsen und das Eisen zu schmieden, solange es noch warm ist, i;t nicht nur eine Ehrenpslicht, sondern ein Gebot der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.