Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 10 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 die Idee deS Rechts, du warmherziger Freund aller Schwachen und Bedrückten, du großes DorbiÜ» eines deutschen Juden, — Hugo Sonnenseld, Gott gebe dir seinen Frieden! ♦ Am 6. März wurde dann Hugo Sonnenfeld zu Grabe getragen. Durch gedrängte Reihen schmerzerfüllter Männet und Frauen, deren Häupter sich neigten, wurde der blumenbedeckte Sarg in die Halle geleitet. Die Vielfältigkeit der Lebensbeziehungen Hugo tzonnenfelds kam auch hier wieder in der Zusammensetzung der Trauergemeinde zum Ausdruck. Bon überall her. wo der Tote gewirkt und geführt hatte, waren Trauernde und Anteilnehmende erschienen. Die Abordnung des Berliner M a g i st r a t s, der Vorstand der Berliner Gemeinde und der R e - vrüsentantenversammlung sowie des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter Führung von Kammergerichtsrat Wolfs, fast vollzählig die Berliner Vorstandsmitglieder des Centralvereins, denen sich eine Reihe auswärtiger Freunde anschloß, die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer, der Wohllütigkeitsverein Gwul Tauw, der Bezirksverein Berlin der Demokratischen Partei und der d e m o - kratische Verein Waldeck. der Regimentsverein, dem der Tote angehörte, und dann die große Schar der Männer und trauen von Namen, aber auch der Unbekannten, die in Hugo onnenseld als Fürsorger vielleicht am meisten verloren haben . . . Rabbiner Dr. Baeck beginnt seine Trauerrede. In der ihm eigenen Art der Begrifssumgrenzung und Menschenschilderung, die die Erunderscheinungen immer enger einkreist, bis die eindeutigste, klarste, deckendste Be- Kimmung gefunden ist. stellt er Hugo Sonnenseld dar als von den Pfeilern der Pflicht und der Treue getragen. Auf diesem Fundament baute sich die Persönlichkeit auf. Diese Elemente sind in allen seinen Werken zu finden. Sie waren die Ursache, weshalb Sonnenfeld in keinem Kreise längere Zeit wirken konnte, ohne zum Leiter, zum tührer erkoren zu werden. Eiserner Fleiß und ein nie versagendes edachtrns gaben seiner kristallenen Beredsamkeit neben ihrer formalen Ueberredungskrasb die Fähigkeit, innerlich zu überzeugen und zu wandeln. Im Berus wie in den Dingen, zu denen Neigung und inneres Wollen ihn hinsührte, war er von unübertrefsbarer Zuverlässigkeit. Aber des Mannes Wesen sei nicht restlos begriffen und erklärbar, wenn nicht auch der Wärme und Güte seines Herzens gedacht werde. Die Gattin, die ihm schon in den Jahren der Jugend versprochen und zur Gefährtin wurde, der Vater, die Verwandten kennen seine Liebe und Treue. Und auch jeder, der ihm beruflich nähertrat, fühlte sofort, daß neben der unbestechlich-sachlichen Beurieilung des Einzelfalles der Mensch nicht als Gegenstand, sondern als Mitmensch von ihm betrachtet wurde. In zahllosen Herzen und Seelen ist die Erinnerung Hugo Sonnenselds eingegraben als eines ManneS, der durch sein Werk leben wird. Für Vorstand und Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wie des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden sprach der 1. Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde. Kammergerichtsrat Wolfs. Doch nicht der offizielle Vertreter redete aus ihm, sondern der Freund und Gefährte in der Arbeit für das jüdische Gemeindeleben. Spät erst, aus Bitten der Gesinnungsgenossen, hat Sonnenseld sich der jüdischen Eemeindepolitik gewidmet. Mit unendlicher Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit drang er auch in dieses Gebiet ein, und diejenigen Eigenschaften, die ihn auch anderswo zum Führer machten, brachten ihn bald auch hier in die vorderste Reihe. Als die Vertreter zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden gewählt wurden, fiel auch auf Hugo Sonnenseld die Wahl, und selbstverständlich schien es allen, daß er Präsident der Tagung wurde. Zweimal hat er dieses Amt bekleiden können, bis der Tod ihn abrief. Freund wie Gegner waren sich einig in dem Urteil, daß er sein Amt mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit geführt hatte. Seiner durch und durch vornehmen Natur lag rede Verunglimpfung der Gegner fern. Sachlichkeit beherrschte ihn auch dann, wenn man Empörung und Zorn Gegriffen hätte. Und dieser Mann der kühlen Distanz war Freund Und Berater gerade feinnerviger Künstler, von denen mancher den Weg zum Licht durch Sonnenseld gesunden. Drei Tage vor seinem Tode hat er einen Bries geschrieben, in dem er sich sehr resigniert über seinen Zustand aussprach und auf die ihm obliegende Verteidigung im Auberle-Prozeß in München hinwies, der er sich unter allen Umstünden unterziehen wolle. Ginge er dabei zugrunde, so werde er sich eben opfern. Das charakterisiert Sonnenseld am stärksten: Pslichttreu bis zum äußersten, für den aus ihn Angewiesenen bis zum Tode. Dann nahm Justizral Max Chodziesrier das Wort: Im Namen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens stehe ich in dieser schweren Stunde hier an dieser gottaeweihten Stätte des Friedens, um unserem Hugo Sonnenseld den letzten Scheidegruß nachzurusen. Von Stolz und Wehmut pslegt man in solchen Augenblicken zu sprechen; hoch was soll mir der Stolz, wenn der Schmerz überwicgt, diesen prachtvollen Menschen, diese kraftvolle Persönlichkeit so jäh aus seinem segensreichen Wirken dahingestreckt zu sehen! Unser war er. Uns hat er selbst sich zngeeignet, uns sich ein Menschenleben lang gewidnret als Mitstreiter und trefflicher Führer in dem schweren Kampfe, den wir zu bestcheu haben für unser Judentum gegen Haß und Verblendung und gegen so viele andere dunkle Mächte und Triebe. Ihn hatte die Natur zum Führer bestimmt; wohin er kam, wo er in eine Angelegenheit eingrrff, da siel ihm die Führer rolle von selbst zu. Seine hohe, ideale Lebensauffassung, sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl riefen ihn stets da auf den Plan, wo es galt, den Armen. Unterdrückten und Verfolgten beizustehen, für Menschenrecht und Menschenwürde zu kämpfen. Und wo er auf dem Kampfplatz erschien, da sprühten die Funken, Funken seines scharfen, wahrhaft klugen Geistes, seiner kristallklaren, geschlissenen Rede. Die Säfte und Kräfte, die er aus seinem Judentum und aus seinem Deutschtum sog. hatten sich bei ihm so tief vereinigt und verwurzelt. daß er sich zu beiden mit gleicher Liebe bekannte. Aber los. gelöst von jener inneren Unfreiheit, welche vielfach noch als Ueber-. bleibsel jahrhundertelanger Verfolgung, Bedrückung und Verachtung der Juden vorhanden ist, verschmähte er es, bald sein Judentum, bald sein Deutschtum nach dieser oder jener Seite hin besonders zu betonen. Diese Freiheit seines Denkens und Fuhlens verlieh ihm auch das würdevolle Auftreten, die selbstbewußte Kraft, die ihn in den Stand Letzte, das deutsche Judentum in jener schweren Zeit der Konitzer titualmordaffäre, als die Masten durch mittelalterlichen Wahn und Aberglauben bis zur Pogromhitze aufgewühlt waren, vor Gewalt und Deutschlands Ansehen in der Welt vor Schaden zu bewahren. Unauslöschlichen Dank schulden wir daher diesem mutigen Streiter, der in der Not selbstlos seine überragende Persönlichkeit, seine ganze Existenz, ja sein Leben einsetzte ... Und eines noch, was vielen nicht bekannt ist, was er selbst ängstlich zu verbergen schien und deshalb um so wertvoller ist. Nur wenige, die das Glück hatten, in vertrauten Stunden ihm näherzutreten, wußten es: In dieser streitbaren Brust glühte ein weiches Herz, ein tiefes, inniges.Gemüt. Konnte es denn auch anders sein? Mußte ein so hochgemuter Mann, der so offen, so wahr und so treu war. nicht auch Sinn haben für alles, was gut, was schon, was edel ist?! Wohltun — die alte Tugend des Judentums — hat er in aller Stille geübt; 400 Kinder ohne Unterschied des Glaubens beschenkte er in jedem Jahr, und für serne Angestellten und eine große Zahl von Mündeln sorgte er wie ein Vater. «Lv widmete er die Hälfte seines jährlichen Einkornrnens der Mildtätigkeit im Dienste der leidenden Menschheit... Wir nehmen heute Abschied von dem, was an Hugo Sonnenseld sterblich war. Aber der hohe Flug seines Geistes wird fortleben, wird in uns fortdauern und uns Mahnung und Beispiel sein, ihm nachzueifern und in seinem Sinne zu wirken, bis auch uns eine höhere Macht das Werkzeug aus der Hand nimmt ... Die Abschiedsgrüße des demokratisch enVereins Waldeck und des Bezirksverbandes Berlin der Deutschen demokratischen Partei brachte Landtagsubgcordrreter Qbcrregierungsral Merten dar. Er sprach von dem Referendar und jungen Anwalt Sonnenseld, der sich in die liberale Bewegung hinembegab, um in ihr sofort maßgebend und richtungweisend zu sein. Als er dann in der Fraktion eines Virchow und Mommsen in die Berliner Stadtverordnetenversammlung eintrat, meisterte er bald die ihm zugewresenen Fragen in bewunderungswürdiger Form. Besonders der Etat fand in ihm einen überaus sachkundigen Bearbeiter, und in zahllosen Akten des Magistrats findet man ausführliche, von Hugo Sonnenselds Hand geschriebene Notizen und Verfügungen. Er war nach außen hin der beste Beweis, daß sich ein Liberaler Mann, ein Demokrat, an Vaterlandsliebe von keinem anderen übertreffen laste. In den Reihen der Partei wie besonders des Vereins Waldeck, besten Vorsitzender Sonnenseld lange Jahre war. wird er ein unvergessenes Vorbild bleiben. Erschütternd in ihrer Schlichtheit wirkten die Worte des Vertreters der Gewerkschaft deutscher LokomoLivsiihrer, Warstcin. „Wie sollen wir diese Lücke ausfüllen/ rief er aus. „die der Tod von Justizrat Sonnenfeld riß, der seit 30 Jahren unser Führer. Freund, Berater war. ohne den nichts Wichtiges je getan wurde, der in Bedrängnis und unter Anklage geratenen Kollegen Trost, Hilfe brachte! Gerade jetzt, wo auf seine erprobte Erfahrung Auberle in München seine letzte Hoffnung setzte, mußte er von uns. Die 70 000 deutschen Lokomotivführer werden Hugo Sonnenseld nie vergessen; niemand wird ihn ersetzen können." Das Totengebet klang in die Stille. Leise tönte das Abschiedsllcd „Es ist bestimmt in Gottes Rat . . Der Sarg wird, gefolgt von der Trauergemeinde. zu Grabe getragen. Dumpf schlagen die Erdschollen in ver Tiefe aus. und bald wölbt sich ein Hügel von Erde und Blumen über dem. was sterblich an Hugo Sonnenseld gewesen Hg.