Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 9 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Von Jakob LeDerrnanrr. Nach Abschaffung der allgenremen Wehrpflicht ist auch in Deutschland der Sport Volkssache geworden. Man braucht heute nicht mehr scher den Zweck und das Ziel sportlicher Ausübung viel zu sagen, der Sport hat semeu Siegeszug angetreten, er macht durch sich selbst Propaganda, er wirbt sür sich selbst. Sportliche Veranstaltungen sind meist von Volksrnapen überfüllt, hervorragende Sportler werden durch die Behörden der Stadt, des Landes, ja sogar des Reiches gechrtr das trifft auch auf mittlere sportliche Begabungen zu, wie auf d-n Boxer Haymann, der das E h r e n b ü r g e r r e ch t der 2t ab t M ünchen verliehen erhielt. Ter Neichspräsident läßt sich die Größen unseres Sports in besonderen Audienzen vorstellen und kein hervorragender Wissenschaftler kann sich an den Ehrungen und an der Popularität messen, die einem Nurmi, einem Dempffey, einem P e l tz e r gezollt wurden. Auch wir Juden haben Lportgrößen^ dre den olympischen Lorbeer erkämpften und den Beifall der Welt fanden, aus unseren Reihen gestellt. Abrahams, ein englischer Jude, wurde auf der Olympiade 1924 erster im 109-Meter-Lauf, der Finne Kotz, der jetzt für Bar Kochba (Berlin) startet, belegte auf der langen Strecke auf derselben Olympiade einen zweiten Platz, Benny Leonard, der kunstreichste Boxer der Welt, war unbestrittener Weltmeister in seiner blasse n. a. m. Trotzdem ist die Sportbewegung unter uns Juden leider nicht von derselben hinreißenden Kraft wie unter unseren nichtjüdischen Volksgenossen. Vürde man heute eine Statistik über die Beteiligung der Konfessionen QU Sportebetrieb aufstellen, sie würde m. E. nach zeigen, das; wir Juden noch immer einen über das Maß des natürlichen Zahlcnverhä.stmssts hinausgehenden -geringeren Anteil stellen als die beiden anderen großen Konfessionen. Das ist, vorausgesetzt, daß der allgemeine, statistisch nicht erhärtete, aber von Fachleuten gleichfalls so beurteilte Eindruck stimmt, im Hinblick aus die denwgraphische Struktur der deutschen jüdischen Gesamtheit zu beklagen. Einseitige Beruisschichtung nach der kommerziellen und der geistigen Seite hin, fast ausschließliche Bevölkerungsverteilung auf die großen Städte machen den Sport mit seinen segensreichen Körper und Charakter bildenden Möglichkeiten gu einem notwendigen Ausgleichsmittel. Tegenerative Entwicklungserscheinungen geistiger und physischer Art können durch eine eindringlichere sportliche Massenübung bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden. Für dasJudeutum ist die körperlich e E rt ü ch t n n g seiner Jugendbis zu einem Grade c i n e L e b e n s f r a g e. Fragen wir nun nach den Gründen, die die Entwicklung der sportlichen Leibesübung unter uns Juden hemmen, so stoßen wir auf Probleme, die nicht leicht zu bewältigen sind. Der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten hat lange Zeit mit diesen Fragen Karnpf geführt. bis sich Wege herauskristallisierten, um der Sportidee ihr siegreiches Eindringen in die jüdischen Masten zu sichern. Zunächst rnutz eine großzügige allgemeine Propaganda sür den sportlichen Gedanken, die tief in alle jüdische Kreise Vordringen sollte, endgültig Aufklärung schaffen über manches in unseren Kreisen häufig auftauchende Mißverständnis und Vorurteils und vor allem über die für die jüdische Jugend und damit für die jüdische Zukunft unbedingte Notwendigkeit. LeibcsübttvgLn zu treiben. Dieser Propaganda muß die jüdische Presse weiter entgegenkommen als bisher. Das Flugblatt und der sportliche Wcrbeabend muß ihr in ausgedehntestem Maße dienen. Aber Propaganda allein bleibt negativ,^wenn man nicht zugleich die Möglichkeit schasst, die ausgestreute ^aat zum Ausblicken zu bringen. Es muß also der Weg gefunden werden, aus dem die jüdische Jugend zu körperlicher Hebung gelangt, und hwr erheben sich zwei strittige Probleme: Soll die körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend im konfessionell abgegrenzten jüdischen Sportverein erfolgen, oder ist der paritätische Verein, der alle Konfessionen vereint, die gegebene Plattform hierfür?! Heber diese Frage ist ein Teil der jüdischen Jugend zur Tagesordnung übergegangen. Er hat jüdische Sportvereine in großer Zahl..(etwa 150) gegründet, teils aus jüdisch-nationalen Gründen (zionistische Gruppen), teils aus der Erkenntnis heraus, daß durch jüdischen Sportvereine das jüdische Selbstbewusstsein und die jüdisch2 Eigenart in wirksamster Weise gefördert werden, teils aber mrch aus vorliegenden nötigenden Zwangsverhältnisscn heraus. — --tan sieht zürn großen Teil im jüdischen Sportverein eine künstlich ousgerichtete Trcnmrngswand zwischen jüdischen und nichtjüdischen Eportgenosten und fürchtet, daß sich ans einer Trennung der Leiber wlch eine der Geister entwickeln werde. Eine sicherlich gewichtige Argimientation. Man kann unseres E r a ch t c"n s die k i st e n z b e r e ch t i g u u g jüdischer Sportvereine aber u u r d o r t verneine n, w o wirkli ch die g e s a m t e kubische Jugend durch die P a r i t ä t i s ch e n Sportbereiuecrsaßt werden kann; man m u ß sie aber bejahen, w o Gründe maßgeblich wirken, die £1 eses unbedingt zu erstrebende Ziel zu erreichen verhindern. Bon diesen Gründen ist nicht die antisemitischer ^^uungen wegen. verwehrte Eintrittsmöglichkeit die häufigste und u--Maggebendste, sondern vielmehr die Tatsache, daß viele jüdische und Mädchen dem sie ausnehmenden paritätischen spürstverem deswegen die Gefolgschaft versagen, weil sie sich körperlich nicht gleichwertig fühlen und die Scheu vor einer Minderleistung ur seelisch bedrückt. Hier kann der jüdische Sportverein stellenweise vorbereitende Arbeit leisten und die durch ihn zur sportlichen Bervollkommnung gebrachten jüdischen Sportler eventuell später den Paritätischen Sportvereinen Zufuhren. Ob tatsächlich der jüdische Sportverein von jener trennenden Bedeutung ist, die man ihm zumißt, möchten wir aus langer Erfahrung bezweifeln. Sport ernsthaft betreiben, heißt auch sportlich ernsthaft kämpfen, und der K a m P f f ö r d e r t d a s B e r st ä n d n i s f ü r e i n a n d er, w e ck t k a m eradschastliche Gefühle schön st e r Art, fördert d i e A ch t u n g vor der Leistung und verbindet mit - einander. Übereinstimmend melden das alle Gruppen, und der jüdische Boxklub Maccabi in Berlin oder der jüdische Turnverein Dar-Kochba Kassel im Neichsbund jüdischer Frontsoldaten haben unendlich viel für den jüdischen Gedanken geleistet. Duzu kommt, daß den jüdischen Sportler ein heiliger Jnrpuls bewogt: er kämpft nicht nur um den Siegespreis, sür den vielleicht ein Kranz oder ein Becher der äußere Ausdruck ist, sondern er weiß sich eins mit jener kleinen umstrittenen Schar, die seit einem Jahrtausend und länger in Deutschland ihren Kampf um Recht und Anerkennung führt; er kämpft an seinem Teil in d i e s e m K a m P f e m 11. Was uns not tut, ist nicht die ängstliche Bewahrung vor der Ddvgtichkeit einer trennenden Tendenz. Was uns not tut, ist vielmehr die Erfassung aller Jugendlichen sür die Sache der L e i b e s ü b u n g im Interesse der E r h a l t u n g des I u d e n t u m s. Selbstverständlich sollte inan nach Möglichkeit trennende Tendenzen mildern oder gar unterdrücken. Es ist unseres Erachtens verfehlt, einen jüdi'chen Sportverband zu gründen. Das 311 tun, hieße die Abtrennung, heißt ein Ziel völkischer Verbände, ivenn auch ungewollt, bis zu einem gewissen Grade fördern. Vielmehr muß Ausgabe der leitenden Instanzen des jüdischen Sportlebens sein, Kampstnöglichkeiten mit paritätischen Vereinen für die bestehenden jüdischen Sportgruppen zu schassen und das durch den Kamps hervorgerufene Moment dauernd wach zu halten. Das Ziel der Erfassung aller muß das erste maßgeblichste sein. Uns Juden fehlt auch das jüdische P 0 r t p u b l i k u m. Erstaunlich und ärgerlich ist die Verständnislosigkeit, der man hier begegnet. Auch hier muß Propaganda und Beispiel erst den Boden bereiten. Die jüdischen Sportvereine sind nur zum Teil aus staatliche Unterstützungen angewiesen, ihr Wachstum ist abhängig von der Hilfe, die man ihnen angedeihen lagen wird. Hier erwachst, wie Justizrat Sonnen seid im „Schild" Nr. 11. 1926, Zeitschrift des Rei'chsbundes jüdischer Frontsoldaten, überzeugend darlegre, den Gemeinden eine hohe und wichtige Aufgabe. In großen Gemeinden müßte ein ähnliches Amt gegründet werden, wie cs das Stadtamt für Leibesübungen für die Gesamtheit der Sportler darstellt. Man äußere nicht die Bedenken, als ob hier wieder eine Institution mit abtrenuenden Momenten geschaffen wird. Die V c r h ü l t n i s s e u n d Vorbedingungen sind für die jüdische Jugend besonderer Art und müssen durch besondere Institutionen behandelt und gefördert werden. Dr. Felix A. T h e i l h a b e r hat es unseres Wipens zum ersten Male ausgesprochen, daß ein Sportplatz drei Krankenhäuser erspare. Die Ausgabe, die für den Turn- und Sportverein von seiten der Gemeinde geleistet werden würde, würde sich wieder cinbringen durch die Ersparnisse im Wohlfahrts- und Krankenpslegewesen-. Alle guten Kräfte des Judentums müßten der sportlichen Bewegung hinreißende Kraft verleihen, die heute überall gültig ist. Es geht nicht nur um die Sache eines engeren Kreises, nicht nur um die Sache einer besonderen Bewegung, es geht um die Sack)e der Jugend und der Zukunft und damit schließlich um die Erhaltung des Judentums. Amerikanisches Äesormjuöenjum und Zionismus. Im Januar dieses Jahres tagte in Eleveland die Vereinigung der jüdischen Resormgemeindcn Amerika? (Union of American Hebrcw Conjrivsations», in denen 278 Großgemeirrden zw a rn me n ge -ch lo sie n sind. 1500 Vertreter ar.§ allen Teilen der Vereinigten Staaten waren zugegen. Aus dieser Tagung, an der viele der führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Judenheit teiknahmcn. kam auch die Stellung des amerikanischen Reformjudentums zum Zionismus zu imzwcidentig.'m Ausdruck. Rabbiner Philippsou au? Cincinnati, einer der geistig führende:! Minner des liberalen Judentum? Amerikas, hat unter restloser Zustimmung der Versammlung folgendes ausgefübrt: ,.Cs ist nicht meine Absicht, da? Für und Wider de? jüdischen Ilnidcrsalismu? und des jüdischen Nationalismus zu erörtern. Aber ich fühle, daß ein Wort gesprochen werden muß über die Frage, die beute die Juden in verschiedene Lager teilt. Iah glaube, man darf. ohne Widerspruch zu fürchten, feslstetten, daß dieser großen Gemeiudeorganisation als Prinzip die geistige Bedeutung der Mission des Judentum? zugrunde liegt. Nicht durch politsche Macht noch durch diplomatische ponrparlers. sondern allein durch den Geist wird da? Judentum fidi Geltung verschaffen. Es ist fcIbftA'crttctnblEdi, daß wir am palästinischen Werk inter» cfficrt sind, und daß wir wünschen, auch unsererseits dieses Werk zu fördern, denn Palästina appelliert auch an uns Rcsormjuden, einmal wegen der mit diesem Lande verknüpften Erinnerungen ltnb dann, weil cs Möglichkeiten bietet, Tausender: unserer Glaubensgenossen Heimstatt. Trost und Zn flucht zu geben. Ich spreche gleichzeitg im Namen vieler, »venu ich erkläre, das; die politische und nationalistische Auslassung des Zi 01