Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 9 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Gegen Kotn unö Döa. Was die Glocken läuten. Wenn die Kirchenglocke in Longenhof bei ^Bernsiadt bei festlichem, freudigem oder traurigem Anlatz ihre stimme ins Land hinausschickt, dann schwingen auf ihr folgende Worte mit, die in Erz gegossen find: „Der allmächtige Beherrscher aller Welten möge unser Elend, die Internationale römischjüdische Korruption, als A n st i f t e r i n des 'Weltkrieges überwinden Helsen. Der alten Heimat zum Geschenk von £ 11 o Schmidt und Frau, La n g e nh 0f der Be r n ft ai) t." Welch ungeheuerliche Kluft zwischen diesen beiden „neudeutschen" Menschen, die sich fld>€rltd) als Hüter des neudeutschen Geistes betrachten, und jenem Schiller, der seiner Glocke die Worte auf den Weg gab: „Ich rufe die Lebenden, betrauere die Toten, breche die Blitze/ Welcher Unterschied zwischen diesem, das ganze menschliche Leben und die ganze Menschheit mit Ernst und Liebe umfassenden Geiste und jenen Spießbürgern! Sie könnten das Schillerwort also abwandeln: Die Toten schänden 'wir — jene 12 OOO Juden und Hunde rütausende von Katholiken, die in der ganzen Welt für Deutschlands Ehre und Fahne den Heldentod gestorben sind, die Lebenden verhöhnen wir, die alle Kräfte des Geistes und des Vermögens anspannen, um dem Vaterlande zum Ausstieg zu verhelfen, und alle Blitze der Erleuchtung und gedanklicher Klarheit halten wir, soweit es an uns liegt, vom deutschen Volke fern. Das bedeutet in Wahrheit der Glockenspruch von Otto Schmidt und Frau aus Langenhos bei Bernstadt. Die Zahne von Plauen. In P l a u e n i. D 0 g t l., dem Sitz der Reichszentrale der Hitler-Jugend,, wurde Anfang Februar ein Junggermanenbund gegründet. Selbstverständlich findet eine Fahnenweihe statt, und das Banner, das diesen Wiederausbauern Deutschlands voranschwebt, trägt die Inschrift: „Ohne Juda und Ronr bauen wir Germanins Dom". Den jungen Leuten wäre eine eindringliche Unterrichtsstunde über das Thema nötig: W as wäre Deutschland ohne seine katholischen und jüdischen Bürger in Bergan ge Istzeit, Gegenwart und Zukunft? Gberjusttzeat Römer spricht. In der Ortsgruppe Nowawcs der Teutschvölkischen Freiheitspartei sprach der Oberregierungsrat im preußischen Justizministerium. Landtagsabgeordneter Dr. Körner über „Deutschlands Befreiungskampf". Er führte aus: „Die heutige Zeit wird so oft mit der Zeit vor den Befreiungskriegen verglichen. Gewiß besteht eine Achnlichkeit, doch die Dinge liegen in Wirklichkeit wesentlich anders. Damals spielten die Juden so gut wie gar keine Rolle, denn erst 1812 wurden sie durch Hardenberg, der den Juden verschuldet war, auf das Deutschtum losgelasien . . . Erhebliche schuld, daß wir eine Befreiung bisher nicht erreichen konnten, hat Rom, das uns schon 1815 um die Früchte des Sieges beim Wiener Kongreß gebracht hat. Wenn ich Rom sage, so meine ich natürlich nicht den katholischen Glauben, sondern die politische Macht, die jenseits der Berge wohnt. Ter Feind Rom ßft mächtiger, als man gewöhnlich annimmt, aber auch gefährlicher als das Judentum» Dieses paßt sich den gegebenen Verhältnissen an, während Nom unentwegt sein vestnnmtes Ziel verfolgt —" der $aU Grete Machan, Bremen, und — öie Iuöen. Durch die gefamtc Presse geht seit einigen Wochen ein lebhaftes Für und Wider über das von der Mutter der verstorbenen Grete Machan herausgegebene Buch: „Vom Leben getötet." Zu diesem Fall haben neuerdings die Breiner Senatoren in öffentlicher Bürgerschastssitzung Stellung genommen, auch die Bremer Polizeibehörde und die Krankenhausverwaltung haben sich dazu geäußert. Das geht uns Juden diese Angelegenheit, abgesehen von dem rein Menschlichen, besonders an? Run, auch diese Angelegenheit vröchte die völkische Presse den Juden in die Schuhe schieben. Man höre und staune! In der „Mecklenburger Warte" vom 26. Februar erschien ein Artikel mit der Ueberschrift „Dom Juden getötet?" und dem Untertitel: „Ter Fall Grete Machan — Aufklärung muß verlangt werden." Und nun bringt es der Verfasser dieses Artikels fertig, darzulegen, daß angeblich die Grete Machan gegen ihren Willen mit Salvarsan behänden worden sei, und er schreibt: . . Triff? das aber zu. ist sie von, Juden getötet w 0rden, denn das Salvarsan ist eine jüdische Erfindung, die der Oefsentlichkeit durch eine wahrhaft furchtbare Reklamesuggestion der jüdischen Presse ansgezwungen wurde." Wir haben hier weder zu dem streit der Meinungen im Falle Grete Ai achan, noch zu der Frage des Wertes oder Unwertes von Salvarsanbehandlungen Stellung zu nehmen: aber es ist wichtig, auch au diesem Beispiel wieder einmal zu zeigen, wie die völkische Presse jedes Vorkommnis so zu drehen weiß, daß irgendwie die Juden schuldig sind. „Tut nichts — der Jude wird verbrannt." A. B. Mes ist doch nicht erlaubt. \ Als „eine n großen Misthaufen an Charakterlosigkeit" hatte der nationalsozialistische Redakteur der mmmcht beschlagnahmten und verbotenen „Frankfurter Freihcitsfahne". der unseren Lesern sattsam bekannte Anton H a s e l m e t) e r, jeden Juden, ob er C. V.-Jude oder zionistischer Jude sei, bezeichnet. Der Centralverein hatte daraufhin auf seinen Direktor Rechtsan-! Walt Tr. Holländer zirka 206 Vollmachten vereinigt und Strafantrag > gegen Haselmeyer stellen lassen. Nachdem Haselmeyer zweimal zu! den angesehten Terminen nicht erschienen war und das Gericht desj wegen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, konnte nun endlich am | 23. Februar gegen ihn verhandelt werden. Haselmeycr wurde j wegen Beleidigung des Centralvereins und wegen Verstoßes gegen ' das Nepublikschutzgesetz, der in der Beleidigung des Ministers Severing erblickt wurde, zu insgesamt d r e i M 0 n a t e n G e f ä n g- - n i s verurteilt. Der Staatsanwalt führte in der Begründung \ seines Strafantrags, der auf ein Jahr Gefängnis lautete,! aus, es müsse darauf hingewirkt werden, daß sich der politische Kamps; nicht in dieser unflätigen Weise abspiele. Der Charakter der Beschim-! psungen und die Tätigkeit des Angeklagten seien aufreizend und i geradezu gemeingefährlich. — Dem Ceutralvereiu wurde Publif kationsbesugnis in der „C. D.-Zeitung" zugesprochen. Mimkcx. Tie falsche Fassave vcr Baurale. Wissen Sie, was Mimikry ist? Wir meinen natürlich nur die Bedeutung, die das Wort in völkischen Blättern hat. Tort besagt es, daß der Jude eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit au die Gewohnheiten der Umwelt habe, und daß vor allen Dingen der jüdische Schriftsteller durch unverfänglich klingende Pseudonyme die christliche Umwelt einzuwickeln bemüht sei. Es ist den völkischen Herrschaften außerordentlich unangenehm gewesen, als es sich herausstellte, daß der berühmte Tr. Siegfried Penta Tüll niemand anderes war als der völkische Ba 11 - tat Schliepmanrr, und hellte können wir wieder auf einen Baurat Hinweisen, Herrn Ludwig Schmülling, Berlin W 50, der unter dem Namen Otto G i l d e m e i st e r ein Buch geschrieben hat, „Judas Werdegang in vier Jahrtausenden", eines der übelsten' Pamphlete der Nachkriegszeit. Herr Schmülling wählte den Namen Gildemeister, weil dieser in der historischen und 0 r i e n t a l i - f ft ische n Wissenschaft seit langem einen guten Klang har. Westen man ( sich aber bei der Wissenschaftlichkeit des Herrn Schmülling! versehen kann, beweist ein kleines Intermezzo, das sich kürzlich vor dem Amtsgericht Charlotteuburg zwischen einem Berliner Anwalt und Herrn Schmülling abspielte. Im Verlaufe seines Plädoyers sagte nämlich der Anwalt zu Herrn Schmülling, daß er kein klassischer Zeuge sei, weil die Art seines Zitierens mti den allgemeinen Anschauungen über Anstand nicht übe rein stimme. Er bezweifle, ob Herr Schmülling überhaupt die Werke vou Apion, die in seinem Buche gegen die Juden so sehr zitiert werden, im Urtext oder in der Uebersctzuug gelesen habe. Herr Baurat Schmülling fiel promp darauf hinein, er habe die gesamten Werke von Apion zu Hause, die könne man bei ihm im Bücherschrank schein Darauf erklärte ihm der Rechtsanwalt, genau so wie diese Behauptung, sei seine übrige Zeugenaussage zu bewerten; denn die Werke von Apion existierten nicht und seien sämtlich verloren gegangen. Es existierten nur noch einzelne Zitate von dritten Personen, welche ans Apion zitiert hätten.-— Erst Baurat Schliepmaun, jetzt Daurat Schmülling. Hoffentlich sind das die einzigen „Einfälle", die diesen Herren znstoßen. Im Interesse der Insassen der von ihnen gebauten Häuser wäre cs wünschen, daß deren Fassade beständiger ist als die schriftstellerische ihrer Erbauer. klicke ns. Einmal gleicher Meinung. In Nr. 7 des „Fridericus" vom Februar 1927 findet sich sollende Notiz: „ . . . Ich finde, cs ist das Zeichen miserabelster Gesinnung und schamlosester Roheit, wenn jemand sich an Gegenständen vergreist, den Toten geweiht sind. Ganz einerlei, ob die Toten uns shmpatbüa) sind oder nicht. Sie haben, ob sie Christen, Juden oder Heiden pnd, Angehörige, die ihnen in Liebe und V.rehruug zugetan sind. V8cr Liebe und Verehrung mit rohen Händen besudelt, verdient die Prügelstrafe uird nebenher so lange Zwangsarbeit, bis er die Wieder- Herstellungskosten durch seiner Hände Arbeit zusainmcngebracht hat." Warum bekämpft der „Fridcricus" nur die Wirkungen, ru^ auch die Ursachen solcher Roheiten?