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Central-Verein-Zeitung · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · p. Seite 110

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 vvj W-'ti 4?V« r l/^UvVV^V^V^Uf-. *Wl + Von ©4 W. S-egcl. Die Nationalitätenfrage, die zum großen Teil den Weltkrieg verursacht hat, brachte die Juden schon im alten Europa vielfach in eine schwierige Lage und war eine der Haupttriebkräfte des wirtschaftlichen und politi'chen Antisemitismus. , Die neuen^Zustände haben diese Frage nach mehr verwirrt und verwarft. An ^uue des einen typischen Nationalitätenstaates der Habsburger Monarchie, der hauptsächlich an diesem Problem zerichellte, haoen wir |efet ‘ mehrere. In der T s ch e ch o s l o w a f e t etiua sechs Millionen Tschechen in einem Staat, der ungefähr fünfzehn Millionen Einwohner hat: die kaum acht Millionen Rumänen bilden die herrschende Minorität in einem Staat von beinahe sechzehn Millionen. In beiden Staaten sind es Millionen einer kulturell hochstehenden oder politisch besonders begaben Nattonalität, so in der Tschechoslowakei die Deutschen, in Rumänien die Ungarn, die jetzt zur Rolle der Beherrschten oder gar Unterdrückten verurteilt sind. Im neuen P osi e n . stehen ungefähr achtzehn Millionen Polen etwa zwölf Millionen Fremdnationaler gegenüber. lind die meisten dieser beherrschten Nationalitäten haben dicht vor bcu Toren d e r Staaten, m die sie eingezwängt sind, andere Sraaten, in denen ihre Nationalitäten vorherrschend oder gar allcinherrschend siud.^ Einige dieser Staaten find sogar mächtig und führend. Die herrschenden Mehrheiten, die es nur relativ sind, stehen vielfach den beherrschten Minoritäten mit Argwohn gegenüber. Meist kommen zu den nationalen noch soziale Gegensätze hinzu, die dem Kamps besondere Schärfe verleihen. Als in der anderen Halste des 18. Jahrhunderts der K a m p f s ü r die G l e i ch b e r e ch t i g u n g der Juden ansing, lagen fast alle kleinen Nationalitäten Mittel- und Osteuropas noch im tiefsten Schlunnner und bildeten „ethnographische Mayen", die noch nicht zu geschichtlichein Leben erwacht waren oder solches infolge kriegerischer Katastrophen eingebüßt hatten. Tann waren die oberen Schichten in eine andere glücklichere Nationalität aufgegangen, während die unteren allem die Bewahrer eines kümmerlichen Funkens ehemaligen nationalen Lebens blieben.. Die französische Revolution befreite das Individuum aus den mittelalterlichen Banden und erweckte damit auch die Massen von Individuen zu nationalem Eigenleben, dort, wo dieses von dem überlegenen eines stärkeren Stammes noch nicht ganz aufgesogen war. Ter Neuhumanisinus und Die Romantik fachten von der rein geistigen ceite diese Bewegung kräftig an. Ihrer bemächtigte sich alsbald die große Staatenpolitik und verwandelte fie, nach dem Vorgang Napoleons III., in ein Instrument des Kampfes um politifcksen Besitz und Macht. Der Größenwahn der erwachenden kleinen Nationalitäten wurde von allen Seiten geschürt; die Rachsucht über die lange erlittene wirkliche oder vermeintliche Unbill kam‘ hirHu. Die Unterdrückten wollten nunmehr Unterdrücker sein. Kein Nationlein war so klein, es wollte ein unabhängiges Staatlein sein. Und je mehr die Kleinen und Unmündigen sich gegenseitig zerfleischten, desto mehr konnten die Mächtigen sie alle zusammen unterdrücken und beherrschen. Das war der Nationalismus. Mitten in diesem Kampfe standen die Juden. Als sie zum Kampf um ihre Gleichberechtigung in die Arena traten, hatten sie bereits einen starken kulturellen Umwandlungsprozeß durch gemacht. Es war nur natürlich, daß. sie sich in Sprache, Formen, Gesinnung und Bestrebungen derjenigen Nationalität anschlosien, die am frühesten eine städtische Kultur, politische Ideen und ein regsames, umfassendes Geistesleben entwickelt hatte. Das waren z. B. in Böhmen, Mähren, Schlesien und Posen die ■ Deutschen, in Ungarn die Magyaren, in Galizien die Polen. Die tschechischen Kleinbauern in Böhmen, die slowakischen, rumänischen und serbischen, die ruthenischen in Ostgalizien überwiegend Analphabeten, die von einem Häuflein Agitatoren zum nationalen Leben „erweckt" wurden, hatten den Juden nichts zu sagen, ihren Kulturbedürfnisjcn nichts zn bieten. Es bestand auch keine politische noch wirtschaftliche Interessengemeinschaft zwischen beiden Teilen. Soweit der allerdings schwache politische Einfluß diese Völkerschaften reichte, widersetzten sie sich immerzu den jüdischen Emanzipationsbestrebungen, die nur in dem Jdeenkreise des politischen und bürgerlichen Liberalismus und der ihm nahestehenden Kreise von Intellektuellen sowie des mit diesen verwandten industrialisierten Großgrundbesitzes lagen. Der Anschluß der Juden an die politisch und intellektuell jeineils reisere Nationalität führte schließlich zu einem engeren Bündnis, welches die „erlvachende" Nationalität immer drückender empfand, je mehr ihre eigenen Ansprüche wuchsen. Sie empfanden es, daß die Juden, diese „Fremden", die Macht ihrer „Unterdrücker" vermehrten. Wenn wir fd)ou von den Polen, Deutschen oder Magyaren „geknechtet" werden — sagten sich die Rnthenen, Tschechen oder ungarischen Serben —, warum sollen wir uns das von diesen Juden gefallen lasten, die selber erst vor kurzem dem Joch entronnen sind? Ter Haß der „erwachenden Nationalitäten" gegen die Inden wuchs immer mehr offen und im geheimen und brach gelegentlich einer jeden „Befreiung" in lodernden Flammen aus. In vielen Fällent schlossen Unterdrücker und Unterdrückte am Ende Frieden miteinander und bekämpften mit vereinten Kräften die Juden; ja diese wurden häufig für die frühere Verbitterung des .Kampfes verantwortlich gemacht und hatten nachträglich dessen ganzes Odium zu tragen. So s ch l u g der Nationalitäten- Die Arberführung f)U0o Sonnsnfelös. Mittwoch, den 2. März, mittags 1 Uhr, fand die lieber. 1 führung der sterblichen Neste Hugo Sonne nfelds von seiner Wohnung in der Klopstockstraße nach Wcißensee statt.; Vorher hatte sich eine stattliche Trauergemeinde um die uefgebeugte Gattin Hugo Sonnenselds versammelt, um! j Abschied zu nehmen. Unter Führung des ersten Vorsitzenden \ ' des Centralvereins, Justizrats Dr. Julius Brodnih, wer eine große Anzahl Mitglieder des Hauptvorstandes erschienen. Eingeleitet wurde die Trauerfeier durch eine Predigt de- Leiters der Chewra Kadischa, Rabbiners Dr. Li nk. Alsdann nahm Justizrat Brodnitz, innerlich tief bewegt, das Wort, um den Verstorbenen als Führer des Centralvereins in seinem Leben und Streben, das durch den kategorischen Imperativ der Pflichterfüllung beherrscht worden sei, zu würdigen. (Wir werden auf diese Rede in der nächsten Nununer unseres z Blattes ausführlich zurückkommeu.) Tann sprach Justizrar - Chodziesner im Namen des Reichsbundes jüdischer j Frontsoldaten und der Jüdisch-liberalen Vereinigung.^ Für | die liberale Fraktion der Berliner Repräsentantenvcrsamm-! lung rief Emil Pinkus dem Verstorbenen Abschiedsgrüße ' nach. Eine Strecke Weges folgte die Trauerversammlung dem Sarge. Die Beisetzung findet Sonntag, den 6. Marz, vormittags 11 Uhr, in Weißensee von der a l t e n Halle aus statt. kamps in Europa den Juden allenthalben tiefr W un den. Die Juden befanden sich überall zwischen zwei Stählen oder gar zwischen Hammer und Amboß. . Man verspricht sich vielfach eine Erlösung aus dieser Lage durch den sogenannten M i n o r i t ä t e n s ch u tz, die „Nationalautonomie". den gesonderten jüdischen Wahlkataster, wodurch die Juden clleigene Nationalität anerkannt und der Notwendigkeit enthoben werden sollen, etwa bei Wahlen zwischen zwei Nationalitäten zu optieren, wodurch sie stets den Haß der einen oder der anderen auf sich ziehen. E i t l e T ä u s ch u n g! Die jüdischen Vertreter im eigenen Kataster werden ja immer eine Minorität bilden, und die wird i sich zwischen den anderen nationalen Parteien in derselben Lage % befinden wie die jüdischen Wähler jetzt. Jede der streürnd-.n j nationalen Parteien wird von den jüdischen Vertretern fordern. daß sie mit ihr stimmen, und sür das Gegenteil an den Inden Rache \ nehmen. Schließlich werden alle über die Köpfe der Juden hinweg; miteinander Frieden schließen und diese gemeinsam bekriegen. Tie Lage wird sich nicht im geringsten ändern. Dagegen bietet die Nationalautonomie immer der einen Nationalität die Handhabe, l ein ihr unbequemes Bündnis der Juden mit der gegnerischen h Nationalität unmöglich zu machen. Darum erklärten die Ruthenm in Oftgalizien, als sie gleich nach dem Zerfall Oesterreichs dort eine ß „westukrainische unabhängige Republik" ausriefen, die sogar einige Wochen dauerte, die Juden zu einer besonderen selbständigen Nationalität mit allen dazu gehörigen Vorrechten, weil die Ablösung der Inden von ihrer traditionellen Wahlbundesgenossenscl)ast mit den Polen diese ungeheuer schwächen konnte. Die Rumänen, die in ihrem eigentlichen Lande bis zuletzt noä den Juden die ihnen sogar von Rußland nicht veeweigerte Heimatberechligung zuzugestehen sich sträubten, boten ihnen gleich zu Beginn der neuen Epoche die Rechte einer selbständigen Minoritätsnation an, aber nur in den von Ungarn okkupierten Pwvinzen, wo sich die Inden als Ungarn betrachteten. Dadurch luollten die Rumänen die Stärke des ungarischen Elements lockern. Die Tschechen haben sich mit Wonne beeilt, die Juden als gesonderte Nationalität anzuerkennen, weil die Deutschen durch den Verlust diellr treuen Bundesgenosseu erheblich geschwächt werden. Die jüdischmalienaken Schulen zeichnen sich nur dadurch aus, daß in ihnen die demür Unterrichtssprache durch die tschechische ersetzt ist. Man sieht, miNcck der Nationalautoikvmie werden die Juden nur Tür andere dü; Kastanien ans dem Feuer holen, ihnen selber aber wird sie uick-ü nützen. — Nur einen Ausweg gibt es aus dieser verzwickten Lage.; abgesehen davon, daß das Herz des Juden, z. B. in Deutschland, der: L Es war und bleibt eine unentrinnbare Notwendigkeit, daß die Juden überall dort, wo sie zwischen zwei Nationalitäten ein* gezwängt waren, sich der höher stehenden aw.chloüe!', deren Interessen zu den ihrigen machten, in deren Reihen mickämpsteu ur.d so deren Kraft im Verhältnis zur anderen verstärkten. De durchsichtige Maske einer eigenen sogenannten gesonderten Rationalität anzulegen, führt zu nichts. Und cs heißt ihnen ein: G c f \ n nungsl u m p e r c i zumuten, wenn man von ihnen verlangt, sie sollen sich von ihren bisherigen Bundesgenossen jähckngs abrocickcr. sich als gesonderte Nation erklären, die ihre eigene Wege zu geb-J; habe, oder gar ihnen in den Rücken zu fallen bcrccistigt ist.; gereicht den Juden zur höchsten Ehre, daß sie der 'Nation, in derer. - Mitte sie als ihresgleichen lebten, deren Sprache sie wracheii, in de: Not dis Treue bewahrten und für sich kein Sonderschicksal wünschte::. Die gegenteilige Handlungsweise würde den Charakter der Jude- ' in Verruf bringen und sie der Verachtung der Welt rrcisgebeu; güw abgesehen davon, daß das Herz des Juden, z. B. in Deutschland,den deutschen Volk unlösbar und u n a b h ä n g i g v o n j e g l i ch e - Nützlichkcitserwägu ng zugehört.

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