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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-15 · 8 (15.2.1927) · p. Seite 101

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
8 (15.2.1927)
Date
1927-02-15
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 Ireimaurer un- ^uöen. Betrachtungen eines jüvischen Frekmarrrers. Auch in dieser Zerümg sind wiederholtdie Verhältnisse Ln der deutschen Freimaurerei erörtert, worden, allerdings mit ausserordentlicher Zurückhaltung. Diese Zurstckl^ltung kann nur gebilligt werden. Dtan tut nicht gilt, von außen her in die Streitfragen der Freimaurerei einzugreifen. Tie freimanrer; sche Idee ist so wertvoll und lebenskräftig, daß sie durch.be baue rlicl)e Tagesereignisse nicht auf die Dauer gefährdet werden kann. Mit besonderem Dank h;röe ich es empfunden und als einen Akt Politischer Klugheit anerkannt, daß niemals etwa in dieser Zeitung der Ruf an die jüdischen Freimaurer ergangen iftr aus deni F re i m arr r er b nn de a u s z u sch e i d e n. Dieser Ruf lag den Fernstehenden nahe. Die Tageszeitungen haben sich des öfteren unt Vorgängen innerhalb der Freimaurerei zu beschäftigen gehabt, die den Fernstehenden durchaus nicht erfreulich erscheinen mußten. Es handelt sich hierbei Jaft durchweg um Vorgänge innerhalb der sogenannten drei altpreußische u Groß- Logen. Diese Großlogen und ihre Tochtcrlogen bilden aber nur einen kleinen Teil der gesamten Freimaurerei. Tie drei altpreußifchen Großkagen bekennen sich zum sogenannten christlichen Prinzip, nachdem auch die Großloge Royal Jork, genannt „Zur Freundschaft", die während des Krieges die Worte „Royal sjorG gestrichen hat, und die sehr viele und geachtete jüdische Brüder umfaßte, zum christlichen Prinzip übergegangen ist. Auch in mancher der ülwrgrn Großlogen hat cs nach dem Kriege gegärt. Dort ist aber die Kriegspsychose sehr schnell fraft der allen bewährten humanistischen Tradition überwunden worden, nicht zum mindesten auch durch die kluge undecht frcrmaurerische Art, mit welcher die völkischen Strömungen innerhalb der Logen auch von den jüdischen Freimaurern, die alle treu bei der Fahne blieben, bekämpft worden sind. Das s o g e u a n n t e ch r i st l i ch e P r in - zip hat im übrigen mit der völkischen oder a n t i | e m i t i f d> e rr Frage nichts z u tun. Die gegenwärtige Freimaurerei leitet sich durchweg von der emstischeu Freimaurerei ab, wie sie anfangs des 18. Jahrhunderts in'die Erfchermm-g getreten ist. Dort ist in den sogeuaunten „Allen Pflichten" lediglich als Erfordernis der Aufnahme bestimmt, daß man ein \reiet 3)ianwvongutein Ruf fe i ir m u fe. Als Friedrich der Große, auf den die drei altprcußischen Großtogen zurückzusühren sind, biese gründete edrr grüirden ließ, wurde das Wort freier Marm" durch das Wort „freier Christ" lediglich deslprlb erseht, weil man dem Vorwurf, daß alle Freimanrer Gotteslästerer seien, begegnen wollte, und damals noch nicht daran dachte, daß jemals Inden, überhaupt Nichtchristen, fitx die Ltuinahme in eine Loge in Betracht kommen könnten. Im übrigen wurdeauch in der späteren Entwicklung, als mau der Hervorhebung des christlichen Bekenutnipes eine andere Bedeutung beilegte, niemals dem christlichen Prinzip eine antisemitische Tendenz berge legt. . Mit Recht wurde immer betont, daß alle Freimaurer demselben Ziele dienen, nämlich der Entwicklung des Menschen zu m ö g l i ch st innerer Schönheit und Vollkommenheit, und daß es sich nur um verschiedene Erziehungsshsteure handelt, welche nebeneinander in gegenseitiger Achtung zu handhaben sind. Zwischen den Logen christlichen Prinzips und den sogenannten humanistischen Legen herrschte, von vorübergehenden Störungen abgesehen. der schönste brüderlich Verkehr. Die uwleranz, die jedem Frellnaurer eigen sein muß. konnte sich nickst daran stoßen, daß das Erziehungssysteur der sogenannten christlichen Logen davon ausging, daß in Christus die Dleuschheit ihre höchste Vollendung gefunden hat. und daß an Stelle des allgemeinen humanistischen Ideals des innerlich vollendeten Menschen Christus Zu setzen ist, in dem diese Vollendung Wirklichkeit geworden sei. Das christliche Prinzip ist übrigens in Deutschland auf die drei altpreußischeu Großlogen beschränkt. Tie Großloge aller übrigen Lander, so die Großloge von Hrrnrburg, welcher E o e t h e, L e s s i u g und Friedrich der Große selbst angehört haben, die Großlöge von Sachsen, von Bayern, von Heften, die Großloge des Ellelti- Wn Freimaurerbundes in Frankfurt a. M.. bekennen'sich nicht bloß äuw hmnanist:scheu Prinzip, sondern haben innerhalb und außerhalb der Gründungsläuder in ihren Tochterlvgen zahlreiche Juden in angesel^nster srcimaurerischer Stellung Im übrigen muß man beachten, so hoch das Streben der Freimaurerei und der ihr wahrha't zugetanen Brüder gerichtet ist, dw Logerz auch nur aus M c rr s ch e n bestehen und deshalb von den siroßen psychischen Epidemien nach dem Kriege sich auch nicht ganz Gestalten konnten. Nicht überwunden haben diese Psychose bisher vw altpreußisch.en Logen. Sie glaubten mehr oder minder, in der bölb.schen Lehre ein Heilmittel für unsere kranke Zeit zu finden — ober sie glaubten klug zu handeln, wenn sie sich vor dieser Lehre verbeugten. Vielleicht ist ihre Entgleisung nur dadurch möglich geworden, daß in ihren Reihen die begeisterten jüdiscchm Freimanrer fehlten, welche Hand in Hand -mit besinnlichen christlichen Brüdern rn d-enanderen Großlogen dafür gesorgt haben, daß man in verhält- Hl^mäßig kurzer Frist sich aus dem rechten Wege wiederfand. . Und nun kommt ein Satyrspiel, das allein schon Anlaß genug gibt, diese Tinge auch hier zu erörtern: \ Ie toetter die altpreußijchen Großkagen in feierlichen Erklärungen s i ch vor dem deutschvölkischen Gedanken verbeugten, desto größere Widerstände erwuchsen ihnen, und zwar charakt e r i st i s ch e r w e i f e auf d e u t s ch v ö l k i s ch e r Seite. Es geht der Freimaurerei im politischen Leben fast wie dem Inden. Auch sie wird für den Krieg, für den Friedensuchluß und-was noch sonst an Elend in urnerem armen Vaterlande besteht, verantwortlich gemacht. Ich brauche nur aus das berüchtigte Buch von Wichtl über die Freimarrrerei .zu verweisen, in welchem durchweg kein Unterschied zwi'chen den Logen christlichen Prinzips und den hümanistnchen Logen gemach: u?iri\ Wenn c? irgend etwas gibt, was für die völkische Psyckwse charakteristisch ist. w ist es der zkaurps gegen das Freirnaurertnm. In zahlreichen Schristen^und Vorträgen werden die haarsträubendsten Dinge von allen Frei- Maurern, nicht etwa bloß vc-n den humamsti scheu erzählt, nnch was das Charakteristische ist, geglaubt. Ich verweise auf ^die Erklärnrgen der deutschnationalcn -Lniziere und der Burschenschaften gegen die"Freimaurerei. Ein alter lieber Freund dieser Zeitung, der kürzlich verstorbene Hauptmanu Müller v. Ha ns len, hat in seinem „Vorposten" die unmöglichsten Märchen über die Freimaurerei ausgetischt und. wie ich sogar von dem alten Herrn annehme, wörtlich geglaubt. Llls sein Nachfolger scheint sich der den Lesern dieser Zeitung bekannte antisemitische Schriftsteller Alfred Rose über;; crußzutun. Vor nur liegt die Januar-Nummer der Monatsschrift für Weltpokrtik, völkische Kultur und die Judeusraae aller Länder ,Dar Weltkampf". Die alten Märchen werden erzählt und reue hrnzugesügt. Ter Mord des Erzherzogs Franz Ferdinand in Serasewo ist das Ergebnis eines maurcrischerr Beschllmes und aus maurerischen Fonds finanziert worden. Der Freimaurer St1 c f e nt a n it hat nicht umsonst für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund den Tag gewählt, an welchem der Erzherzog ermordet worden ist. Es ist kern Zufall, meint der Freimaurer Ni ntschitsch die betreffende Sitzung geleitet hat, und es ist endlich gewiß kern Zufall, wenn Ctresemann zum Schluß seiner Rede gesagt hat. „der göttliche Baumeister der Welt werde wiffen. wohin die Entwicklung führen iverdech Er habe sich hier der manrerischen Ausdrucksweise bedient, um der maurerischen Welt die nötigen Winke zu geben. Dia altpreußischen Logen haben sich gegen die Vorwürfe von deutickvölkischer Seite gewehrt. Sie haben, auch eine Audienz bei dem Reichspräsidenten Hindenburg erbeten und am 14. Juki 1926 erhalten- Die Vertreter der Großlogen ^wehrten sich „gegen die Angrnse, die sie gerade in jüngster Zeit aus solchen Kreisen erfahren haben, mit denen sie ihrer Stellung zum Eottesglauben und zum deutschen Vaterland nach Hand in Hand zu wirken berufen wären". Reichspräsident Hindenburg erklärte, daß er gern die Vorsicherung deutscher und vaterländischer Gesinnung entgegennehme, und berief sich auf die Tradition feiner eigenen Familie, da seine beiden Großväter zur Zeit der Freihcitskriege Freimaurer gewesen seien. Und was erwidert Alfred -U oferrderg hierauf? .Dieses Zusammentreffen ist von den. altpreußnäw'n Logen cüstnbar in Tzcne gesetzt worden, um den nach und nach immer mehr ver-rchenden guten Ruf nochmals anfzubügcln. lind Reichspräsident Hindenburg. der allen Ernstes glaubt. die schwärmerische Freimaurerei deutscher Freimaurer habe mit modernem Logentum etwas e,e;ueinsam, bat wieder einmal — unbewußt — den Bckärnvstrii deutscher freiniaurerncher Svstcme einen Knüvt>el znüschen die Beine aeworsen, wie denn alle politischen Kundgebungen Lündenburgs leider immer im Zusammenhang mit Locariw und Gens genannt Voerden müssen/ Und erschreckend ist der Prophetenruf, mit dem Alfred Rosenberg seinen Bericht schließt. „So gebt die Arbeit des »göttlichen Bamncisters^ rüstig weiter. Tas Jahr 1927 wird uns sicher noch große Ucbcrraschungen bereiten." Die Läck-erlichkeit hat sich oft als Jeilmitiel Irrenden gegenüber beioährt. Möge dies auch hier der Fall sein. Es gibt lwsinnlick)e echte Freimaurer auch in den altpreußsschon Logen genug. Diese Lächerlichkeit kann auf die D<ruer nicht ertragen werden. Auf diese Lächerlichkeit auch hier hmzuweisttl^ ist, auch vom freimaurerischen Standpunkt, eine Notwendigkeit.

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