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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-15 · 8 (15.2.1927) · p. Seite 99

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
8 (15.2.1927)
Date
1927-02-15
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Eke Verachtung zu den Kommuna wählen in Oberschlesien. / Don Justizrat W. Zmmerwahr lVeulhen, O.-S.) Der Kampf um die oborschlesischen Gemeindewahlen ist zwar mit öeftTqfeit, aber verhältnismäßig ruhig geführt worden. Tie beiden antisemitischen Spezialpartcien haben sich kaum noch geregt. Daß sw sich in voller Agonie befinden, hat der ^Ausgang der Wahl gezergt. Die Deurschnationalen ujüot nun beflissen, schon vor völligem Ableben jener antisemitische Gruppen eüvas vorzeitig die Erbschaft anzutreten, und zwar cum beneficio inventarii. Aus diesem Inventac holten sich die Beuthener Teutschnatianalen das Schlagwort von den „fremdblütigen Eindringungen" heraus und schmückten damit die erste Auflage ihrer Flugblätter. In der weiterem Agitation ersetzten sie aus den Plakaten das „sremdblütig" diuch „fremd", um zuletzt diesen Punkt überhaupt nicht mehr zu berühren. Offenbar scheuten sie den Fluch der Lächerlichkeit, nachdem in einem Emgewndt an ein Lokalblatt jemand gegen die arische Vollblütigkeit einiger ihrer Vorstandsmitglieder einleuchtende Zweifel erhoben hatte. Jenes antisemitische Mätzchen war selbst von vielen Angehörigen der Rechls- Parteien nicht nur als grobe Ungehörigkeit, sondern auch als kaum zu überbietende Geschichteentstellung empfunden worden. Sind doch die oberjchlesischen deutschnationalen Drahtzieher, um den hier vielfach gegen Nichtoberschlesier angewandten Ausdruck zu gebrauchen, in diesem Sinne in der Tat „Landfremde", und weis; Ulan doch in Obcrschlesicns, das; in diesen: Lande und Gesinnung gerade die Inden für die weiters Schichten deutsche Kultur Pioniere waren. Die Juden Oberschlesiens — cs sind ihrer nach der Abtretung der Gebiete von K a t t o w i tz, Königshütte, Tarnowih , Pteß, Rybrrik, Nikolai usw. etwa 14 000 — sind tri der überwiegenden Mehrheit eine der bodenständigsten Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Juden sind in Oberschlesien schon seit dem Mittelalter ansässig, und soweit eine Einwanderung von äugen erfolgt ist, ist auch nur irr einem verschwindenden Maste Polen hieran beteiligt, vielmehr hat sich diese Einwanderung aus den deutschen Gebieten Niederschlesiens, Mährens und des nachmals österreichischen Schlesiens vollzogen. Die uralte Judengemeinde Zülz hatte seit ihrer Vorzeit ihren Zuzug aus dem Westen, fast niemals aus dem Osten. Änd als auch in den anderen durch die habsburgische Politik früher den Juden verschlopenen Städten und aus dein flachen Lande sich Juden Niederlagen durften, da waren es anher Ankömmlingen aus Züt; überwiegend niedcrschlcsische und deutschmährische Juden, welche nd Landpslanzten. also die Standesherren und Magnaten, welche in den Juden ein vorzügliches Kulturbund wirtschaftssörderndes Besiedclungsmaterial erkannten und ihrem Fortkommen durch Anstellungen und Verpachtungen weit entgegenkamen. So stellen die Juden insbesondere in der Geschichte der von den Grafen Henckel innegehabten St-andesHerrschaft Beuthen (O.-S.) und in den Leberlreferungen über die einzelnen Grund- Her r e n e rn e n so wesentlichen Faktor dar, das; auch die Geschichte der Beuthener Juden selbst sich fast lediglich in dem Nahmen des Wirkens jener Standeshcrren, ihrer Unternehmungen und •PI o n ej h r e r Hofhaltung und Wirtschaft a b s p i e l t. Die Grafen Henckel gewährten und sicherten ihren jüdischen Untertanen nicht nur die völlige Freiheit des Kultus, sondern setzten sie auch durch Zuwendungen und Verleihungen in die Lage, in würdiger Äeise und an würdigen Oertlichkeiten ihre Religionsübnngen zu pflegen. T-cr alte, schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzte luo^fchs Friedhof in Beuthen l O.-S.). der auf dem Walle am Südtor errichtet war und heute zwischen Srrastenzeilen der inneren Stadt unberührt von dem brausenden Verkehr beschaulich da- Uegt. ist ein ehrendes Zeugnis der Fürsorge der gräflichen Herrschaft, ^ald nach 1720 hatte Graf ft«11 Josef Erd tu a n n H e n cf c l der -Lenthener Judengemeinde das Fricdhofsgrundsiück geschenkt, damit Zugleich einen Akt besonderer Freundlichkeit für seinen jüdischen Bevollmächtigten Josef Böhm vornehmend. Noch bis auf den yeutrgen Tag leben die Nachkommen jenes Joses Böhm, dessen Familie water den Namen Perls annahm, in Beuthen. Aber auch viele andere Beuthener Familien, wie Guttmann. Richter, Mannheimer. Rechnitz, ^cncr' Neichmann, Förster. Jnuuenoahr u. a., sind durch- WUttlrch schon zwei Jahrhunderte in dieser Stadt ansässig und nuten, wem: sie die törichte Terminologie der paar vberschlenschen mm emüer: anzmveuden Lust hätten, die Zuzügler der letzten Jahrmm unb gar der letzten Jahre, zu denen eben die vberschlesischen ^mrsemtben gehören, als Eindringlinge bezeichnen. In den anderer: ^laoten Obcrschlcsiens liegen die Verhältnisse ähnlich, überall ist eine unr. OM typr;ck)e Bodenständigkeit der röcrschlesiichei: Juden in Stadt auno UmD wahrzunehmcn. Sie musi den Leuten, die. obrvohl ihnen dre letztere Eigenschaft völlig fehlt, von den Juder: als „fremden .^berschlcsicn reden, immerfort entgegengehalten eroen. ch aber schltestlrch nicht ein so hohes Verdienst, wie die seit .bewährte deutsche und vaterländische <$c* nrrrnmg der oberschtesischen Juden. Hier muß immer und ohne falsche Bescheidenheit mit Nachdruck daraus hingewiescn werden, daß nicht die heutige nichtjüdische Bürgerschaft dieses Landes, die überhaupt noch nicht volle drei Generationen vorhanden ist, sondern die Juden es waren, welche die Wurzel deutscher Bildung und deutscher Gesinnung in den Boden der Städte gesenkt haben. Diese Orte waren in der Zeit, als die Stein scher: Reformen hier durchgeführt werden _ sollten, derartig slawisch unzwilisiert, daß ohne die von der preußischen Regierung aufgegriffene jüdische Lstlfe weder die Selbstverwaltung noch die staatsbürgerlichen Reformen in Gang zu bringen gewesen waren. In den ersten Stadtverordnetenversammlungen, die 1-08 zusammengesetzt wurden, vermochten in der: oberschlesischen Städten inmitten von Analphabeten oder nur Polnisch verstehenden Leuten fast nur die Juden allein die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen. In den oberschlesischen Bürgerwehren der napoleonischen Zeit konnten aus Mangel an anderen intelligenten Elementen die leitenden Stellen größtenteils nur mit Juden besetzt werden. Die oberschlesischen Juden stellten zu den Freiwilligen der Befreiungskriege prozentual mehr Kämpfer als die übrige Bevölkerung. Ww der Sohn des Beuthener Rabbiners Freund kehrte noch manch anderer junge Jude als Offizier heirn. Die als Verbündete Napoleons die oberschlesische Grenze beunruhigenden Polen richteten 1806 ihre Wut nicht so sehr gegen die christlichen Einwohner der Grenzstädte My.slowitz, Beuthen und T a r n o w i tz , als gegen die dortigen Juden. Und ebenso töte in den Polenputschen des letzten Jahrzehnts bluteten und litten schon damals zahlreiche el'crui)Lcufcf-;c Juden für ihr Deutschtum. Aus vielerlei geschichtlichen Darstellungen sin dz die Einzelheiten über das, was die oberschlesischen Juden sür ihre Heimat geleistet und geschaffen haben, zu sehr bekannt, als daß es neuer Belehrung bedürfte. So wird auch von keinem Wissenden der glänzende Anteil der Jude: an der deutschen Entwicklung und Zivilisation Oberschlesiens in Abrede gestellt. Unendlich viel verdankt ihnen dieses Land wegen ihres nationalpolitische::, wirtschaftlichen, sozialen, baulickzen, karitativen und allgemein-kulturellen Wirkens. Die Wahlergebnisse in Oberschlesien zeigen einen erheblichen Rückganz der antisemitischen Parteien. In Beuthen, wo die völkischen Parteien bisher sechs Sitze innehatten, haben jetzt lediglich die T e u t s ch s o z i a l c n ein d)l anbat errungen. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei hat nur in Ö i n d e n b u r g (Stad t), in R a t i b o r (Stadt) und im Landkreis Ratibor je einen Sitz erhalten. Mit fast unverminderter Stärke kehren die Deutschnationalen in die Parlamente zurück, und außerordentliche Erfolge haben überall Zentrum und Sozialdemokratie aufzmveisen. Sehr bedauerlich ist, daß in den oberschlesischen Städten, in denen die deutsche Kultur in so starkem Maße von den Juden getragen wird — man beachte die wichtigen Ausführungen von Justizrat Immerw a h r in: vorstehenden Artikel —, bk Zahl der jüdischen Stadtverordneten infolge der Lauheit und Zersplitterung in den Reihen der jüdischen Deutschen stark znrückgegangen ist. Ergebnisse der Kommunal- und Kreistagswahlcn in Obcrschlesien am 13. Februar 1927. (Die cingeklammerten Zahlen geben den bisherigen Stand an.) Gebiet Zahl Davon cntfic len auf die Parteien: der Mandate Deutschnatl. Deutschsoziale Ration. Arb. Stadt Beuthen . . . . 47 (57) 6 (6) l (3) — Dindenburg (Stadt).. . 51 (45) 7 (3)! (1) Gleiwitz (Stadt) . . Ratibor (Stadt) . . . 48 (45) 5 (5) — (2) . 41(37) 5 (9) 1 (2) Landkreis Beuthen , 4 — Landkreis Ratibor . 25 5 _ 1 Landkreis Gleiwitz .! 27 4 _ Landkreis Kofel . . . 28 3 — — Aus der Suche nach dem Referenten . . . An der Berliner Universität bestell^ ein fi*rtenanr»ter ,.P olitischer K l u b\ der jedem Studenten zugänglich ist und in -dem über aktuelle außen- und inncrvolitistde Probleme in sachlicher, bisweilen auch leidenschaftlicher Weise debattiert wird. Von seiten crnstzuuchnn'ndcr. völkisch orientierter Freistudenten wurde letztlnn der Vorschlag gemacht, die „a n t i s c m i - tische Frage" zur Diskussion zu stillen. Die Idee wurde begeistert ausgenommen, und die Suche nach den Rednern begann. Tor Korreferent, der ,.Anti-Antisemit", war bald zur Stelle. Jedoch der Referent, der wissenschaftliche Verteidiger anti'emitischer Weltanschauungen, wollte sich nicht melden. Ein „leidenschaftlicher Anhänger" des Antlfemitisums sah sich zu der Vorfrage veranlaßt, aus welchen Parte: schickten (!) sich die Zuhörer rekrutierten, und ob der Korreferent Deutscher oder Jude sei. Trotzdem sich sogar indische Kreile bemühten, den antisemitischen Redner zur Stelle zu schaßen, ist das bis heute nicht gelungen. Die Aktion mußte also der« - schoben werden.

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