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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-18 · 7 (18.2.1927) · p. Seite 90

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
7 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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-o Die Erkenntnis, die Spinoza auch einmal „intellektuelle Liebe* zu Gott nennt, wird als höchstes Gut und höchste Tugend bezeichnet. Diese geistige Liebe der Menschen. zu Gott, in welcher die höchste Seelenruhe, Seligkeit und Freiheit besieht, ist ein Teil der unendlichen Liebe, mit der sich Gott selbst -liebt. Erkenntnis und Liebe sind für den Denker gleichbedeutend und führen allein zu Gott. Spinozas Gottesbegriff steht im Gegensatz zu den Anschauungen der Religionsgemeinschaften, die Gott und die Welt nebeneinander bestehen lasten. Die Lehre Spinozas bejaht die Einzigkeit Gottes und verneint die Absonderung Gottes von der Welt. Sie verwandelt den Monus in das Pan, das heißt den Einen in die Allheit und damit den Monotheismus in den Pantheismus. Diese seine Weltanschauung führt zur Verneinung der Willensfreiheit. Die Menschen leben nur in Gott, in der Substanz, deren Gesetzen sie folaen müssen. Spinoza nennt -die Menschen einmal, wie alles Endliche, Zustände Gottes, die entstehen 'und vergehen gleich den Mellen auf der Oberfläche des Wassers. Für sich sind sie nichts. Sie unterliegen dem Zwange der allumfassenden- Natur. Freiheit und Notlvendigkeit fallen demnach in der Welt zusammen. Hätte der Stein Bewußtsein, so würde er sich frei und seinen Fall für das Ergebnis eines freien Entschlußes halten. In Wirklichkeit folgt er den Naturgesetzen. Nichts kann anders sein und geschehen als es ist und geschieht. Ebensowenig kann man von Zufall, Willlüt und Zwecken sprechen. Diese Gesetze gelten sowohl für die materielle als auch für bre geistige Welt. Ein, Wechselverkehr zwischen Leib und Seele, den Descartes noch annimmt, kennt er nicht. Die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist ist ebenso unnötig wie unmöglich. Leib und Seele brauchen nicht erst aufeinander zu wirken, weil sie überhaupt nicht zweierlei sind, sondern ein Wesen ausmachen, das nur von verschiedenen Perspektiven gesehen wird. Das materielle und das geistige Geschehen bilden nur die beiden Seiten eines und desselben -notwendigen Weltprozesses. Wahrend Spinoza in den ersten Teilen der „Ethik" seinen Gottesdegriff und das Seelische behandelt, gibt er uns im vierten Luche der „Ethik" beachtenswerte Ausführungenüber den Staat, die er im politischen und theologisch-politischen Traktat weiterführt. Dabei schließt er sich eng an Hob des an. Wie der einzelne Mensch, so muß auch der Staat sich an das natürliche Recht halten und den Geboten der Vernunft folgen, die selbst die stärkste Staatsgewalt beachten muh. Für die absolute Monarchie hat er jedoch wenig übrig. Sie muß durch Volksrechte beschränkt bleiben. Weit besser ist für ihn eine aristokratische Regierung, wenn sie aus gewählten Patriziern gebildet wird. Als die vollkommenste Staatsform gilt ihm die Demokratie der selbständigen Bürger eines Landes. Ter .Staat darf die Menschen nicht zu Tieren und Maschinen machen, sondern muß bewirken, daß alle Kräfte sich frei entfalten können. In einem freien Staate muß jedem erlaubt sein, zu denken, was er will, und zu sagen, ivas er für recht hält. Das rst das natürliche Recht jedes Menschen. Während der Staat das Gebiet der äußeren Handlungen beherrschen soll, hat die R el i g i o n es nur mit dem Gemüte Zu tun. Daher sind Philosophie und Theologie zu trennen; keine von beiden darf Dienerin der anderen sein, nur so ist der Friede möglich. Dasselbe gilt für die Verkettung von Staat und Religion und Staat und Kirche. Uebergriffe der einen Macht schädigt die andere. Religion ist gleichbedeutend mit Gerechtigkeit, Liebe und Ergebenheit in Gott. Nach seinen Werken ist der Fromme Zu beurteilen, nicht nach seinem Glauben, erst recht nicht nach seinen Dogmen und Kulthandlungen. Spinoza legt den Schwerpunkt auf die Tat und wird dadurch zum Verkünder der Religion der Humanität und Liebe. Das Weltbild unseres Denkers gelsiwt durch seine Klarheit und Tiefe zu den größten Schöpfungen menschlicher Geistesgeschickte. Er ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie und eben deshalb begrenzt durch sein Vorher und Nachher. Eine tiefe Klust trennt seine moderne Weltanschauung von der mittelalterlichen Scholastik, und was nach ihm folgt, hat sich seinem Einflüsse nicht entziehen können. Dabei darf man nicht nur an die Freiheit seiner religiösen Ueberzeugung, sondern auch an die Strenge seiner mechanischen Naturauffasiung denken, in der er mit Galilei, Descartes und Hobb es auf demselben Boden steht. Mer auch von Widersprüchen ist fein System nicht frngeblioben. Was er unter anderem vom Alten Testament und den Propheten gesagt hat, haben ihm spätere Bibelkrrtiker widerlegen kommen. Für die Erl)abenheit der Prophetenveden, für die Gedankenfülle Hiobs und die innige Frömnrigkeit der Psalmen hat er kein Verständnis gezeigt. Es ist eigenartig und fast unerklärlich, daß er geaen Juden und Judentum in einer unnatürlichen Verfasiung des Geistes und des Gemütes sich befunden hat,^ auch schon in der Zeit, bevor die jüdisch-portugiesische Gemeinde Amsterdams den Bann über ihn aussprach. Mag er seiner angestammten Religion wcht immer gerecht geworden sein, so dürfen wir doch mit- Stolz bekennen, daß er aus rmseren Reihen hervorgegangen ist. Sern Gerst war jüdischer Geist, seine Menschenliebe jüdisch und viele feiner Gedanken aus der Quelle jüdischer Wissenschaften geschöpft. Die Ideen Spinozas haben Aulhinger und Bewunderer in allen Ländern der Erde gefunden. Insbesondere hat die deutsche Geiste?- gefchichte der letzten 200 Jahre ihm viel zu danken. Aus Schleiermacher, Lessing, Schelling, Hegel, Herder, Fichte, Schopenhauer und Nietzsche hat er eingewirkt, und Goethes Philosophie atmet vollkommen den Geist Spinozas. Zu seinem Denkinal, das ihm im Jahre 1880 in Ten Haag errichtet wurde, haben fast alle gebildeten Völker der Erde beigesteuert. Unvergänglich wie seine Wissenschaft ist auch der Mensch Spinoza durch seine Einfachheit, Lauterkeit, Festigkeit und Güte des Herzens. Wie Plato und Kant gehört er zu den Geistesheroen aller Zeiten, deren menschliches Sein sich ganz losgelöst aus dem geschichtlichen Werden und in ewige Höhen erhoben hat. Am 21. Februar 1927, an seinem 250. Todestage, ist in Den Haag eine große Gedenkfeier, an der die verschiedensten Völker der Welt teilnehmen werden. Der bei Lebzeiten Vielgeschmähte, den Hast und Verachtung verfolgten, erntet höchsten Ruhm und wird in jeder neuen Gegenwart lebendig werden; denn die Menschheit sieht immer mehr in dem spinozistischen Bekenntnis des Pantareia jene tiefe Frömimgkeit. die sich, -frei von allem Streit, in das Innerste der Seele zn-rückzioht. lim dort in feierlicher Andacht irr jenen Tiefen zu leben, wo Gott und Selbst sich schweigend berühren. „Robert Kaelter, ein Lebensbild von Ruth Ollendorf. Zum GedäHlnis von M«k Kaelter, .Robert Kaelter, ein Lebensbild In wenigen Tagen fährt sich zum ersten Male der Todestag Robert Kaelters. Da erscheint gerade zur richtigen Zeit im Philo- Derl-ag ein intimes, wertvolles Buch über den Perstorbenen, das seinen Freunden und Verehrern eine hochwillkommene Gabe sein wird. Von der liebevollen Hand seiner Tochter Ruth Ollendorf gezeichnet, ersteht vor uns ein lebenswahres Bild Robert Kaelters, daß man an so mancher Stelle meinen kann, ihn zum Greisen nahe vor sich zu sehen. Mit feinfühligem Verständnis geht die Tochter deit Kräften nach, die im Wesen ihres' Vaters wirksam sind, und jeder, der das Glück hatte, dem Borstorbenen nahezustehen, wird überrascht empfinden müssen, wie es hier einemliebenden Kinde gelungen ist, das innerste Wesen seines Vaters zu neuem Leben ztl erwecken. Kaelter, der Freund, der Student, der Rabbiner, der Vater und Ehemann, der Organisator, der Helfer der Armen und Bedrückten, der begeisterte Jude und der treue Sohn seines deutschen Vaterlandes, der ihm auch in schwerster Zeit die Treue gehalten, weil sie ihm zur zweiten Natur geworden war, weil Judentum und Deutschtum sich in ihm zu einer innigen Synthese vereint hatten — das alles tritt uns in lebensvollen Zügen aus den Zeilen dieses Buches entgegen, und jede Seite seines Wesens wird aufs treffendste illustriert durch sorgsam ausgewählte Proben -seiner Predigten, von denen jede einzelne ganz die Eigenart seiner Kanzelberedsamkeit ahnen laßt. Nur ahnen, denn worin das eigentliche Geheimnis seiner Kanzelberedsamkeit lag, das weiß nur derjenige, der seine Predigten nicht bloß liest, sondern der sie von Kaelter selbst einmal von der Kanzel, herab gehört hat: wie da die Augen an seinen Lippen hingen und wie alle seine Zuhörer von ihm und seinem heiligen Feuer erwärmt und mitgerissen wurden, ^ucht man aus den. uns hier gebotenen Predigtproben nach dem Charakteristischen des Kaelterschen Kanzelstils, so kann man wohl sagen, daß er gekennzeichnet ist durch die Fähigkeit intensivsten Einsühlens in die Situation, der das Wort Ausdruck verleihen soll, und daß diese Fähigkeit Hand in Hand geht mit einer von poetischen Bildern reich belebten, edlen Sprache. Von alledem legt das Buch beredtes Zeugnis ab, am beredtsten aber kündet es von Kaelter, dem Organisator der über Danzig gehenden, allein im Jahre 1921 über 24 000 Personen umfassenden Auswanderung vstpreußischer Juden. Wir sehen förmlich, wie die Auswandererstadt auf dem Troyl vor uns ersteht, wir sehen den Tauziger Rabbiner unermüdlich, von früh bis spät für diese Unglücklichen sich bemühen, um ihnen Unterkunft, Kleidung, Geld, Brot, Pässe, Visa, kurz alles, was sie brauchen, zu verschaffen. Wie ein spannender Roman lesen sich diese Seiten des Buches, -das gerade hier einen weit über den aktuellen Anlaß hinausgehenden, -bleibenden, historischen Wert erhält. Was Kaelter bei dieser Tätigkeit, durch die er Tausende und aber Tausende jüdischer Existenzen gesichert und gerettet hat, geleistet hat, wirkt um so ergreifender, als wir heute wissen, daß er sich hierbei den Keim zu seinem frühen, tragischen Tod geholt hat. So wird beim Lesen dieses Luches, von dem nur zu wünschen ist, das; cs in alle Häuser kommt, in denen der Name Robert Kaelter je erklungen ist, der Schmerz aufs neue lebendig über das, was das Judentum, was seine Freunde und seine Familie in ihm verloren haben. Aber es geht auch ein starker Trost von ihm aus, indem es durch die intime, das Wesentliche trefflich erfageude Art der Schilderung in dem Leser alles das lebendig werden laßt, was an Robert Kaelter unvergänglich ist. Dr. Hermann Schreiber (Potsdam). Von der Lair-cöverbaiidSLagirria dcS E. D. in Sr«t»ccf. Der Landesverband Nordd?utsch!and des Ccntralvereins hielt am 6. Februar in Lübeck seine Lande smrbandstagung ab. Es waren aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Hamburg, Bremer? und Lübeck 36 Damen und Herren erschienen, die aufmerksam den Referaten der Tagung lauschten. Nach der üblichen Begrünung nahm Dr. Ludwig Holländer (Berlin) das Wort zu „Vertraulichen Mitteilungen aus der Arbeit des C. Vck und streifte in geistvollen Ausführungen alle Problerne, mit denen wir uns in unserer Arbeit befassen. Nach Ihm referierte Dr. U t i a § (Ham-

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