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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-18 · 7 (18.2.1927) · p. Seite 89

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
7 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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$9 Ungeduld der SchächLgegner. Die Völkischen haben einen neuen Vorstoß in der Schacht* anaelegeneit in Bayern unternommen. Nachdem die bayeriscl^e Staat-regicrung erklärt hatte, daß sie die Vorlage eines Gesches zur Einführung des Betäubungszwangcs solange zurückstellen grolle, dis Versuche mit erneu! Betüubuugsverfahren durchgesührt würden, das auch den rituellen Anforderungen genügt, haben die Nationalisten nunmehr die Staatsregierung ausgefordert, dem Beschluß des Landtages baldmöglichst nachzukommen. Tiefer Antrag wurde in der Sitzung des Bcrfassungsausschusses am 22. Januar abgelehnt; dagegen wurde ein Antrag der Bayerischen Voll-partei: „Tie Staatsregicruna wird ersucht, den in Ausführung des Landtagsbefchlusies vom 8. Juli 1926 geforderten Gcsttzmdvurf vorzulegen, sobald die Versuche über eine den rituellen Vorschriften des Judentums entsprechende L-etäubungsart zum Abschluß getourmen sind. Sie soll auf möglichst baldigen Abschluß dieser Versuche himvirken." angenommen. Die hier erwähnten Versuche werden, wie der Vertreter der Staatsregierung mitteilt, mit chemischen Mitteln, mit Ehloralhydrat, ausgeführt. — Des rveiteren wies der Vertreter der Staatsregieruug auf das Gntachten des Profepors D y r o f f hin, der zu dem Ergebnis kommt, daß eine Zuständigkeit der Länder zum Erlaß eines Schächtverbotes nicht gegeben sei. Am 4. Februar befaßte sich nun das Plenum des Landtages mit diesen Anträgen. Es lehnte nicht nur den nationalsozialistischen, sondern auch den vom Ausschuß angenommenen Arttrag der Bayerischen Bolkspartei, für den im Plenum nur noch die Demokraten stimmten, ab. Es bleibt daher bei dem Beschluß des Landtages vom 8. Juli 1926. Die Staatsregierung ist zu ersuchen: 1. Alsbald gesetzliche Anordnungen zu erlassen, wonach Rinder, Schese, Ziegen. Pferde, Esel, Maulesel. Maultiere und andere Wieder- Löuer, Schweine und Hunde, die geschlachtet werden, vor Mginn der Blutentziehung zu betäuben sind. 2. Durch gesetzliche Anordnungen sicherzustellrn, daß überall dort, wo cs möglich erscheint, die Betäubung des ^chlachtoiches statt durch freien Kopffchlag durch mechanisch wirkende (Geräte (L-chußbolzen nsw.) erfolgt, die geeignet sind, die Betäubung -oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizu führen. Zugleich wurde auch eine Eingabe des Münchener Tierschutz- Vereins für erledigt erklärt, die um Beschleunigung der Vorlage des Gesetzes über Betäubung der Schlachttiere ersuchte. die Schleßftaüe in der Hochschule. Neue Krawatte an der Wiener Universität. Eine der jüngsten ^Kultureinrichtungen" an der Wiener Universität bildet eine Schieß statte, an der hakenkreuzlerifche Hochschüler — denn nur diese haben selbstverständlich zu ihr Zutritt — planmäßig irrr Gebrauch von Schußwaffen unterwiesen werden sollen. Tie sozialistischen Hochschüler der Universität wollten in der Lula eine Protestkundgebung gegen die Einrichtung dieser schieß- - statte obfjolfccn, wurden aber von den deutschnationalen und hakcukrttrFerifchen Studenten, welche die bloße Anwesenheit andersgesinnter Hochschüler schon als Provokation auffaßten, gewaltsam aus der Universität vertrieben; dabei legten die deutschnationalen Studenten Proben ihrer .^rperlichen Ertüchtigung"' ab, indem sie Studenten vnd Studentinnen in der rohesten Weise mißhandelten. Dieser Versuch, einer den deutschnationalen Studenten nicht genehmen lleberzeugung in den Räumen der Hochschule Ausdruck zu verleihen, wurde von diesen als ein „jüdischer lieber fall auf die Universität^ gebrandmartt und mit Flugzetteln und auf Anschlägen in der Universität eine wütende Hetze gegen die jüdisch . marxistisch - sozialistisch - demokratische «sw. Studentenschaft betrieben, deren Erfolg neue Ausschreitungen und Krawalle an der Universität und in den UniversiLLts- . Instituten waren. Diese trugen einen direkt antisemitischen 1 Charakter. wüste Szenen spielten sich vor allem im Anatomischen Institut ab, vor welchem 300 bis 409 Hakenkreuzler, die dem Institut nicht angehvrten, cuifmarschierten. ^Sie besetzten die ' Eingänge, den Hörsaal des Professor Tandler, den sie'an der i Abhaltung seiner Vorlesung hinderten, säuberten Hörsäle und Gänge i von sozialistischen, demokratischen und jüdisch aussehenden Studenten und Studentinnen. Tie EäubcrungsakLisrr der Hakenkreuzler ging in eine wilde Schlacht über, bei der mehrere Mediziner relativ schwer verletzt, einem sogar die ganze LSarrge zersetzt wurde. (9int Unzahl von Studenten wurde rnit Stöcken geprügelt, jüdische Llndcntinnerr erhielte» Ohrfeige» und wurl *cn aus die Straße hinausgeworferr. Als Tr. Marcsch, der f gegenwärtige Dekan der medizinischen Fakultät, sich « schützend vor eine Gruppe sozialistischer Hochschüler stellte, § hieben die Hakenkreuzler mit Stöcken auf ihn ein. 8 Erst als die sozialistischen imd die jüdischen Studenten die Hör- - fäle verließen, trat Ruhe ein. Die deutschnationalen Studenten i Zogen in geschlossenem Zuge zur Univerfitätsrampe, auf dem Wege i dorthin kam es wiederholt zu neuen Zusammenstößen. Auf § der Rampe veranstalteten die deutschnationalen Hochschülcr eine f aller national gesinnten Hochschülcr". in der o den Lln sprachen einzelner Studentenführer eine Entschließung *** Zunahme gelangte, die den muuerus clausus für die ß S«slandisch«r Jude» fordert. ss öamch Spinoza. Zu seinem 250. Todestage am 21. Februar 1927. Von TLudicnrat Dr. M. Katz (Düsseldorf). Wir können nur das verstehen, was als ewige Form des Lebens in uns schlummert. „War' nicht das Auge sonnenhast, die Sonne könnt' es nicht erblicken, lebt in uns nicht des Gottes eigne Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken." Tie Tie^e dieses Goetheschen Gedankens offenbart. uns den Kernpunkt der Philosophie des Mannes, der wie sein großer Landsmann und Zeitgenosse Rembrandt als einsamer Gipfel aus seinem Jahrhundert herausragt: Spinoza. Tie Zeit, in der er lebt, war wie die unsrige reich an Kämpfen, jedoch waren sie nicht wirtschaftlicher, sondern religiöser Art. und Religion war damals das Leben. Tie Wissenschaft, das Gewerbe, der Staat rangen sich im 27. Jahrhundert empor und suchten das religiöse Gewand zu durchbrechen. Furchtbare Kämpfe und große Erschütterungen sind die Zeichen dieses Jahrhunderts. Eine Weltkrise des Geistes offenbart sich uns, die aber wieder neue Werte menschlicher Geistesgestaltung in sich trägt. Don den geistigen Mächten, die das Schicksal der Menschheit richtunggebend beeinflußt haben, sind viele durch Erschütterungen einer einsamen Seele herangereist. Plato. Paulus, Dante und Goethe sind durch die großen Ereignisie stiller Stunden geweckt worden. Auch Spinoza ist diesen einsanren Weg gegangen, den ihm die Glut seines inneren Westens und die Kraft seines Tenkens zeigte. Aber nicht nur einsam in seinem Denken, sondern auch einsam und bescheiden in seinem Leben war er. In stiller Zurückgezogenheit hat er seine unsterblichen Werke geschrieben, die zum größten Teil erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind. Spinoza ist am 24. November 1632 zu Amsterdam geboren und am 21. Februar 1677 in Ten Haag gestorben. Seine Eltern haben noch auf der Pprenäischen Halbinsel gelebt. Das klangvolle Idiom Kastiliens ist Spinozas Muttersprache gewesen. In der jüdischen Schule Amsterdams empfing er seine erste Bildung. Eifrig soll er unter seinem Lehrer Morteira das Alte Testament, den Talmud und später die Philosophen des Mittelalters srudiert haben, unter denen der große Maimonidos ihn ganz besonders fesselte; auch kabbalistischen Studien widmete er sich. Aber dabo: blieb er nicht. Sein heller Geist durchleuchtete die gesamte Philosophie, die er in sich ausnahm und später aus der scholastischen Hülle seiner Zeit befreite. Am meisten auf ihn eingewirkt haben die jüdischen Philosophen des Mittelalters, die jüdische Äkystrk, Crescas, Giordano Bruno und Bescartes. Kuno Fischer, der ehemalige Heidelberger Philosoph, vertritt die Ansicht, daß er seine parttheistischen Grundanschauungen durch eigenes Nachdenken aus der Lehre Bescartes gesunden habe. Es sind drei Gedankenpaare, die Ihn fesseln: der Glaube an die Kraft des menschlichen Geistes, durch reines Denken die letzten Wahrheiten zu erkennen, das Vertrauen auf die mathematische Methode, die er scharfsinnig in seinem größten Werke, der „Ethik^, durchführt, und schließlich sein Gottesbegrifß den er auch Substanz nennt. Gott ist ihm nicht der übenoeMche, der persönliche Geist, sondern der Wesenskern aller Tinge, der alles in sich trägt und einschließl. Die Welt und die Einzeldinge können sich nicht losreißen aus ihm, sie fallen nicht aus ihm heraus, sondern bleiben in ihm, wie ettoa die Winkel im Dreieck. Diestr Gott ist kein Gegenstand der Anschauung oder Einbildung. ,Wenn du mich fragst*" schrieb Spinoza, ,.ob ich von Gott einen so klaren Begriff wie' vom Dreieck hal>e, so antworte ich ja; lvenn du mich aber fragst, ob ich von Gott ein ebenso klares Bild habe loie vom Dreieck, so roerde ich mit nein antworten; denn wir können Gott nicht durch die Einbildungskraft vorstcllen, sondern nur erkennen." Am Nachmittag desselben Tages halben im Rektorat Verhandlungen mit den Studeutengruppen ftattgefunden, bei denen die Vertreter der Studeutengrnppen die Erklärung abgegeben halben, daß seitens ihrer Gruppen alles vermieden werden wird, was die Ausre'chterhaltung der akademischen Ordnung und Disziplin gefährden' würde. Mit Rücksicht auf diese Zusage der Studerttenvertreter verfügte der Rektor, Professor Moli sch, daß die Vorlesungen und Uebungen im Bereiche der Universität w jeder ausgenommen werden, machte aber aufmerksam, daß die g e r i n g st e U eL e r s ch r e i t u n g dieser * Zusage die sofortige Sperre der Universität nach sich ziehen würde. Es heißt in der Verfügung des -Rektors schließlich: „Ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß die Studierenden — des Versprechens ihrer Führer eingedeick — die Mäßigung und Besonnenheit an den Tag legen werden, die in ihrem eigenen Interesse und mit Rücksicht auf die Würde des akademischen Bodens geboten erßhemt? An der Universität herrscht fritljet Ruhe — aber aus wie lange? 0. H. (Wien).

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