Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SH . -! i : :• " j>,, : was kommen muß, mit Bewußtsein zu vollziehen und in tue richtigen Bahnen zu lenken. Das ganze deutsche Judentum muß crnsangen, sich ernst mit der Siedlungssrage zu ve- ^^)ie^Siedlungsfrage ist oft unter dem Gesichtspunkt der Regeneration betrachtet, aber doch wohl mcht voll gewürdigt worden. Eine Sroßstadtbevölkerung wie die jüdische bedarf zu ihrer Gesunderhaltung des dauernden Zustroms von ländlichen und kleinstädtischen Elementen. Diesen Menst hat für uns deutsche Juden der Zustrom vom Land und den kleinen Städten des Ostens geleistet. Das ist ein Zustand, der uns nicht voll befriedigen kann, bringt er doch immer wieder kulturell unerwünschte Einschläge mit. Davon abgesehen, ist aber damit zu rechnen, daß dieser Zustrom unverbrauchter Kraft einmal versiegen kann. Wenn Rußland und Polen sich weiter industrialisieren, können sie ihren Menschenüberschuß im eigellen Land behalten. Ist bis zu diesem absehbaren Zeitpunkt die Uelwrsührnng eines erheblichen Teils von Juden aufs deutsche Land nicht geglückt, so droht uns schneller Verfall. Eine weitere große Bedeutung hat die Siedlung f ü r d i e F r a g e d e s A n t i s e m i t i s m u s u n d i n e r A bwehr. Daß dem Antisemitismus durch die Siedlung das Argument der Unproduktivität aus der Hand geschlagen wird, soll nur nebenbei erwähnt werden. Wichtiger ist eine andere Wirkung. Die Hochburg des blöden Antisemitismus ist das flache Land. Tort kommen wir mit unserem Abwehrkampf überhaupt nicht hin. Wir halten Reden und Versammlungen und verfassen überzeugende Schriften. Nur können wir mit alledem nicht an die Leute heran, für die es bestimmt ist. Und darum ist unser ganzer Abwehrkampf auf einen toten Punkt angekommen. Ter Landmann kennt den Juden nur als Händler. „Händler" und „Jude" bedeuten für ihn ganz dasselbe. Er nennt auch den christlichen Händler „Juden". Lernt der Bauer den Juden als Mithauern auf dem Lande kennen, so stirbt der Antisemitismus. Zugleich vollzieht sich mit dem Bodenbeständigwerden eine geistige Wandlung im Juden, die ihn dem Richtenden näherbringt. Damit ist die Brücke zum vollen gegenseitigen Verstehen gebaut. Wer die Siedlungsfrage so als Schicksalsfrage des deutschen Judentums zu betrachten gelernt hat, wird sich nicht mit dein Zweifel quälen, ob die Ansiedlung von Juden rn Deutschland gelingen kann. Sie wird und muß gelingen. Es fragt sich nicht, ob in Deutschland gesiedelt, werden soll, sondern wie es gemacht werden mutz. Und auch hierüber besteht bei den Sachverständigen in der großen Linie volle Klarheit, wenn auch natürlich Einzelheiten diskutiert werden muffen. Da steht in erster Linie der Grundsatz: Die Siedlung muß reine Bauernsiedlung sein. Dafür sprechen außer den allgemeinen Gründen noch besonders technische. Die Landwirtschaft steht in einer schweren Krise; diese Krise hat gelehrt, daß unter ihr wesentlich die mit fremden Kräften arbeitenden Großbetriebe leiden, während die Dauernbetriebe sich widerstandsfähig gezeigt haben und nach wie vor voll existenzfähig sind. Es besteht ferner volle Einig- .keit darüber, daß der jetzige Zeitpunkt für die Inangriffnahme der Siedlung geeignet ist. Das beruht auf der siedlungspolitischen Situation in Deutschland. In der Nachkriegszeit ist der Politische Wille zu energischer Siedlung in Gesehen niedergelegt, durch die sowohl die L a n d b e s ch a s - f u n g wie die Finanzierung der Siedlung gewährleistet ist. Die Landbeschaffung macht überhaupt keine Schwierigkeiten mehr. Die Finanzierung wird zum ganz überwiegenden Teil aus öffentlichen Mitteln zu günstigen Bedingungen bewerkstelligt. Ter verbleibende, zu finanzierende Rest hat einen Umfang, der — soweit nicht die eigenen Mittel der Siedler bereits ausreichen — die finanziellen Kräfte der deutschen Judenheit bestimmt nicht übersteigt. Auch bezüglich des zur Siedlung konnnenen Menschcnmaterials bestehen keine größeren Bedenken als bei der Ansiedlung nichtjüdischer Siedler auf dem Land. Vielleicht verschafft die Zähigkeit, Auffassungsgabe und der Idealismus, verbunden mit Anpassungsfähigkeit, unseren Siedlern sogar einen Vorsprung. / Nur vor einem mutz gewarnt werden: Schnelle, leichte Erfolge zu erwarten. Tie Siedlung ist eine Arbeit für Jahrzehnte, ja für Generationen. D i e S ie d l n n g s a n w ä r t er müssen wissen, daß ihnen Jahre und Jahrehnte mühseliger Arbeit und bescheidenen ebensbevor st ehe n, datzsiePio niereim Dien st einer großen Aufgabe sind. Vor allem aber müssen alle anderen Juden die richtige Einstellung zu dieser Frage bekommen und viele Vorurteile ablegen. Es wird ruinier wieder notwendig fern, ihnen das Wesen des Bauerntums klarzumachen. Der' Berus ist hart, bringt ein sicheres, aber dürftiges Brot. Er zwingt die Menschen zur Bedächtigkeit: keine Passion ist für den Bauern teurer als dre Ungeduld. Der Jude'kommt nicht in die Landwirtschaft, um sie zu reformieren, sondern um in ihr n e u e K r ü s t e a u s s ich zu entwickeln, die noch schlummern. Reformieren darf erst, wer nei) jahrzehntelang in der Landwirtschaft eingelebt hat. Tie Leidenschaft für Genüffe, die nur die Stadt bietet, auch für durchaus achtbare und geistig hochstehende Genüsse, _mitf> znrückgefchraubt werden. Dafür mutz als vielfältiger Ersatz die große Liebe zu Luft und Licht, zu Boden und Kreatur und der Stolz auf Selbstgeschasfenes erwachen. 'Aus Kleinem und Kleinlichem setzt sich die tägliche Arbeit zusammen, groß ist nur das Erlebnis der Natur. Daß dieses Erlebnis auch auf religiöses Fühlen einwirkt, sei nur angedeillet. Der Weg zunr Bauernideal wird leichter werden, wenn nicht nur die Siedler, sondern auch die im Stadtleöen Zurückbleibenden ihn seelisch mitwandern. Einstmals war die Familie stolz aus den Sohn, der sich dem Talmudstudium hingab, trotzdem es ein mühseliges, brotloses Studium war. Wenn einmal die Bauernarbei^ in unserem Kreise ebenso geachtet sein wird, wie dieses Studium, ist das schwerste Hindernis der Siedlung überwunden. Dann wird sich aber auch zeigen, daß die Rückkehr zur Schotte faktisch, geistig und sittlich eine neue Epoche auch dem Schicksalsweg der deutschen Juden bcbciitet. /MtMaObsis" mb „Journal" Eine eigenartige Gegenüberstellung. Wir veröffentlichen heute einmal die Stimmen zweier im Aus. lande erscheinender Zeitungen, die nach verschiedenen Ztichtmweri hm unsere Aufluerksamkei: beanspruchen. Es ist leider nichts Neues, daß' gewisse deutsche im Ausland angnflge Krene in der völkischen Weltanschauung völlig ausgehen. _Unbeschwert von Rücksichten, fern voll deutschen Gesetzen, dulden bestimmte ^deutsche Auslandsblätter in ihren spalten eine Sprache, die dentz,,^tü rmet" des Herrn Streicher alle Ehre machen würde. Wer weiß, wie auch jüdische Deutschein allen Ländern der Well genau wie nichtjüdische dem deutschen Namen zu Nuß und Frommen gearbeitet und gelebt haben, empfindet es als besonders betrübend, daß völkische Deutsche sich nicht scheuen, die inner, deutschen Gegensätze in -unwürdiger, maßloser Form in deutschen Auslandszcitungen zu behandeln. Wenn der Deutsch verstehende Ausländer . derartige Beschimpfungen Deutscher gegen Deutsche liest, wird seine gute Meinung vom deutschen Volke und sein Vertrauen zu Deutschland alles a n d e r e a l s' g e st ä r kt rverden. Ein Beispiel. In dem in B l u m e n a u (Südbrasillen) erscheinenden ,.Urwa ldbo teick läßt sich Eugen Fouquet also aus: „Das ist die deutsche Verfassung von heute? Judomverk! Und wer hat den auswärtigen Feinden des Reiches die vergifteten Waffen geliefert, mit denen sie seit Jahrzehnten das deutsche Volk bekämpft haben? Die deutsche Judenpresse, die alles in den Schmutz zog und noch immer zieht, was den Täubchen heilig ist. Nicht gegen dadeutsche Volk wenden sich die Ausländsdeutschen, sondern gegen daauserwählle Volk, das heute in T-eutschlaud herrscht und die Unverschämtheit hat, sich mit Dautschland zu identisiziereu. Wenn das deutsche Volk ein Vorwurf trifft, so ist es nur der, daß es nicht cim mutig zusammcnstebl. um sich von den jüdischen Schmarotzern zu befreien. Uebrigens werden die Alldeutschen im Auslände weit höher geachtet als das kriechende Gewürm der Erfüllungspolitiker. Und wenn die deutsche Republik sich im Auslande Achtung errverben will, soll sie mehr nationale Würde entfalten und 'mit der Korruption ausräumen, die ihr seit der Geburt anhaftet." Der Schluß dieses üblen Aussatzes lautet: „Die schwarzweißrole Flagge aber, die ruhmvoll über dem deutschen Kaiserreich geweht hat, ist viel zu schade für die von Philipp Scheideniann ausgerufene und von dem Juden P r e u ß verfassungsmäßig verankerte Schieber' republik..." Niott minder traurig ist es, wenn man beobachtet, welche Ein' drücke von Deutschland Ausländer nach 'Hause mit nehmen, die den Judenhaß sozusagen aus erster Quelle fließen sehen. Diese Eindrücke schaden, je weiter sie kundgetan werden, einem vernünftigen, ruhigen Nebeneiuanderlcben der Völker unendlich. Die Beobachter irren sich aber sehr, falls sie glauben, die erdrückende Mehrzahl der Deutschen schwöre auf das Barmer dieser Radikal-Völkischen. Immerhin ist es lehrreich, zu erfahren, rvas Henri Beraub, ein maßgebendes Mitglied der Schviftleitung des Pariser