Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- Seite 85 (sequence 1)
- Language
- German
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Lerlin, 18.§ebruac 1927 VI. Jahrgang * fit. 2nm 27 Sinzeluummrr 10 Bkennlg. Vierteljahrsabonnement 1,20 RM. (ruzügl. Bestellg-ld). Lnlag u. Schristl-itung: D-rlin SW 68, SinheEgi. 33. Fernsprecher: Am! Dönhoff 3^5. PoNschecklonto: Berlin 304 72. DanNonio: Dresdner Ban!, Wechselstube 6, Berlin 8rv 6Z. Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild L Co., Berlin W 8. _ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expeditron Rudolf Moi^e. Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JIM für die Tgefpalten« Ierle nach MasseS Rormalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und SL^llengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 JIM, die 90 mm breite Rellamezeilr 4^0 JIM. In Nr. 3 der „G. V.-Zertung* teilten wir mit, daß der : Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Mnter dem Motto „Zurück 1 zur Scholle" eine Aktion zur Siedlung jüdischer Deutscher auf \ dem Land eingeleitet habe. Im folgender: begründet Rittergutsbesitzer Rud. S. M o s s e (Stangenhagen) die Notwendig-! keit, derartige Siedlungen zum Wähle Des gesäurten veut- ' j schen Judentums zu unterstützen Tie Schriftleitung. s „Man züchte nicht Ceriexi von Großftadtüeschlechtcrn, \ sondern befördere den generEonZweisen Austausch von “] Stadt und Land." Walther Aal Henau: „Zur Kritik der Zeit." :f Die Zeitepoche der Emanzipation ist für die deutschen \ Juden im wesentlichen abgeschlossen. Eingeleitet durch die ersten Befreiungsgesetze im Anfang des 19. Jahrhunderts, hat I sie bis zum Ende des Jahrhunderts zur vollen gefetzlichen \. Gleichberechtigung geführt, war aber durch die Verwaltungss Praxis der Wirklichkeit noch nicht voll zur Auswirkung j \ l gekommen. Erst die Jahre nach dem Kriege haben die Eleich- \i] stellung im öffentlichen Leben vollendet. Mt der äußeren 1 Emanzipation geht die innere Entwicklung der deutschen r i Juden gleichlauferrd. Es ist die Zeit des Hineinwachsens in 2 s die deutsche Kulturgemeinschaft. die Zeit der Aufnahine des :! deutschen Kulturguts in Wissenschaft, Kunst und Dichtung, j die Annahme deutscher LebensgestaLtrmg, das bewußte Mit- . erlebnis deutscher Geschichte.; : | - Dieser Abschnitt liegt hinter uns. — Was liegt vor uns? \j -- Wohin weist unser Schicksalsweg? — -j Epochen im Leben von Menschengemeinschaften sind nicht lj Mrs gegeneinander abgegrenzt. Reste der alten Epoche f werden in die neue mit hinübergeschleppt, und anderseits :t } kündigt sich das kommende Neuevorgreifend in Einzel- | I erscheinungen der alten Zeit bereits an. Wer einen Blick in 4; I vre Zukunft tun will, muß bei diesen Erscheinungen halten. jp i Die auffälligste Erscheinung diese? Art ist in der letzt- (s:; .vergangenen Zeit der Zionismus hi Deutschland. Auf den u ersten Blick steht er in genauem Gegensatz 31t der oben gekennzeichneten Entwicklung des Emanzipakisnsalters. Er erscheint als ein unlogischer Bruch in der EntWicklungslinie der deut- * schm Juden. Trotzdem kann man eine Erscheinung, die mit I so elementarer Macht auf die Gemüter wirkt und sieb allen :!! ' Krisen und Anfechtungen zum Trotz lebenskräftig erhalt, nicht % fcamtf abtun. daß man sie für eine sinnlose Verirrung erklärt. \ Sie muß irgendwie in unserem Schicksal sinnvoll sein, muß . ngendeinen Kern enthalten, der Ankunftswachstum hat. | Dleser Äerti liegt nicht im philanthropischen Gehalt des Zionisx Der phrlanthropische Zionismus will den Menschen ~-u! veHcn* die wegen ihres Judentums in ihrem Lande so vor- L0l9t werden, daß ihnen durch Auswanderung erträglichere tif ^ber^verhältnisse geschaffen werden müssen. Im Deutschland oct Nachemanzrpationszeit gibt's keine Judenverfolgungen, vre zum Auswandern zwingen. Auch die Rassenfrage scheint nicht der große Hebel zu sein, der die Gemüter so stark bewegt. Tenn nachdem^die Juden in Deutschland gleichberechtigte Staatsbürger sind, kann es doch für sie kein ersehntes Ideal mehr bedeuten, auf die Stufe einer „nationalen Minderheit" hinunter zu klettern. In Gesprächen mit vielen jungen deutschen Zionisten in Deutschland und Palästina konnte ich beobachten, daß weder Rassefrage noch Philanthropie für sie entscheidend sind. Was sie lockt, heißt Vollmenschentum, Scholle, Heimat, Vaterland, Handarbeit, Gastfreundschaft, Natürlichkeit im Verkehr der Menschen und der Geschlechter, Ursprünglichkeit, Erdhastigkeit — meist ein unklares Durcheinander von Gefühlen. Wovon sie los wollen, ist Intellektualismus, Ueberkultur, Großstadt, Spitzfindigkeit, Handelsberuf. geistige und körperliche Verbiegung und Knickung. Dom Zionismus erwarten sie Erfüllung dieser Sehnsucht; darum folgen sie ihm. Sie empfinden dunkel, daß der Prozeß der Einwurzelung in Europa irgendwo noch eine Lücke hat, daß irgendein Stück ahasverischer Unruhe zurückgeblieben ist und nach Verdrängung durch Bodenständigkeit verlangt. Handarbeit, Heimat, Scholle — das ist die Sehnsucht unserer Jugend, das zieht sie am Zionismus an. So verstanden, gliedert sich der Zionismus in Deutschland in die Entwicklung unserer Geschichte ein. Die Emanzipationsepoche hat hier eine Lücke geschaffen, das empfinden auch wir nichtzionistischen Juden. Die Sehnsucht, diese Lücke zu schließen, ist keineswegs auf die Zionisten beschränkt. Tie hat auch sonst bei uns deutschen Juden zu immer erneuten Ansätzen geführt. Bestrebungen zur Seßhaftmachung, zum Uebergang in ländliche Berufe tauchen seit langem irr gewissen Zeitabständen immer wieder auf, führen zu unzulänglichen Versuchen, versanden wieder, um nach einiger Zeit mit verstärkter Stoßkraft wieder in die Erscheinung zu treten. Tie Zeit war noch nicht reis. Der Krieg, der große Umwühler, scheint auch für diese Entwicklung den Weg freigemacht zu haben. Mit Macht drängt die Siedlungssrage zur Entscheidung, und mit ihr werden wir in die neue Epoche unserer Entwicklung eintreten. Auf die Zeit der Emanzipation wird die Zeit der seßhaftmachung folgen, sie wird äußerlich darin bestehen, daß ein nennenswerter Teil der deutschen Juden sich ländlicher Arbeit und ländlicher Lebensführung zuwendet. Seelisch wird sie eine größere Naturhaftigkeit und damit größere Härte, gepaart mit Innigkeit, erwecken. * Wer diese Entwicklung vorausfieht, muß sich mit ihren Bedingungen und Möglichkeiten vertraut machen, um das. iwm Uttftiflff« „Urwaldbote" und „Journal“, «itlw VCIil jJlilJfitU* — Die völkische Bewegung in der Pfalz. — Keine Hebräer: Deutsche! — Die Schieszstätte in der Hochschule. — Studienrat Dr. M. Katz (Düsseldorf): Baruch Spinoza. — Dr. Hermann Schreiber (Potsdam): Zum Gedächtnis von Robert Kaelter.