Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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vsn Oberlehrer Spatz (Rexingen) uns Dr. Mart Lrriliwaia (Ulien), GZ ift eine landläufige Vorstellung bei Juden und Nichtjuden, als ob zur Zeit, wo die Lore des (Ghettos noch nicht geöffnet roaren, Juden und Nichtjuden in strengster Abgeschlossenheit, sozusagen durch eine chinesische Mauer geschieden, nebeneinander icbien. Wie dicht aber schon in langst vergangenen Zeiten die Fäden zwischen Juden und Nichrjuden herüber- und hinüberliefen, wie lebendigen A n t e i >l die Juden am altdeutschen Volksleben nahmen, erweisen schlagend die beiden folgenden Aussätze, Die Schriftteitung. i ■ Oberlehrer Spatz schreibt: Auf den israelitischen Friedhöfen des deutschen Kulturkreises begegnen wir häufig auf älteren Grabsteinen den Vornamen: Bär, Lob, Hirsch, Wolf, Jüttel, Hüntel u. a. „Judennamen" heißt sie das Volk. Gewiß nennt der Jakobsegen (1. Mose, Kap. 49) Inda auch A r i S f) (Löw, Löb), Isachar Chamor (Esel), N a p h t a l i A j a l a (Gazelle), Benjamin S e e b (Wolf). Es mögen das dunkle mythologische Erinnerungen aus der Zeit * des Unnenschentums sein. Wundt weist in seiner Völkerpsychologie nach, daß der Totemismus die erste religiöse Vorstellung bei allen Primitiven war. Von dem Totem, dem heiligen Tiere, leitet die Horde ihre Abkunft her. Das Totem wurde der Gott, wurde später das Wappentier des Stammes. So mögen die Tiernamen des Jakobsegens Wappentiere der Stämme gewesen sein; Personennamen waren sie im biblischen Altertum nicht. Auch im talmudischeu Schrifttum begegnet man ihnen nicht und das orientalische Judentum kannte sie nie als Rufnamen von Menschen..— Dagegen ist es eine geschichtliche Tatsache, daß die alten Germanen die oben genannten Namen zur Bezeichnung von Personen verwendeten. Wir haben deshalb Grund genug, diese von den Juden bis in die Neu- : zeit herein festgehaltenen Namen als aus dem deutschen Kulturkreise stammend anzusprechen, was bei den Walkürennamen Jutta (Jüttel) und Hunta (Hüntel), die auch von christlichen deutschen Frauen des : Mittelalters noch häufig gerührt wurden, sowie von dem auch heute noch feudal klingenden „Wolf" ohne weiteres -einleuchten mag. Und wenn Bär, Hirsch, Löb als Vornamen bei den chriftst lichen Deutschen im spaten Mittelalter verschwanden, so trägt daran der Gregorianische Heiligenkalender die Schuld, der den altgermanischen Namen wegen ihrer mythologischen Symbolik den Ausrottungsi kampf ansagte. In Familiennamen sind dagegen die altgermanischen Namen auch bei den christlichen Deutschen erhalten geblieben. — Das Judentum war toleranter gegen die altgermanischen Namen, die | wohl als Folge der intimsten Verbindung mit dem Germanentum n in seine Familien cinzvgen. Es kanonisierte sie, indem es sie inter- £j; Jxceticrte und hebräisierte. | Rege, intime Beziehungen zum Germanentum verrät auch die jfj. sogenannte Hollo Kreisch, eine jüdische Kultushcmdlnng, die man nur in West* und Süddeutschland kennt, die feierliche Namenhgebung, bei der Kinder das Bettchen des Neugeborenen umstehen i* und den Namen des Kindes laut rufen (mittelhochdeutsch: kreischen). | llebereifrige, die nicht begreifen können, daß es bei uns eine fromme •i$ Kultübung geben kann, die mcht urjüdisch wäre, bekämpfen die unab- U weisbare geschichtliche Wahrheit der Abstammung der HoUs *A Kreisch aus dem Hollenmythos. indem sie EhLul-Kroisch lesen. Das hebräische Wort Ehaul heißt werktäglich. gemein, im Gegensatz Zu heilig. Aber Kreisch müssen auch sie als deutsches Wort anerj ksunen. Chaul Kreisch wäre danach die Ausrufung des bürgerlichen Namens. Die Handlung der Hoho Kreisch selbst weist aber in ihrer ganzen Art so sehr auf den Hollckreis, daß ihre Abstammung aus dem Hollemythos zur unumstößlichen Gewißheit wird für jeden, der es versteht, volkstümlichen Ileberlieferungen auf den Grund zu : gehen, d Bei den alten D-eutschon war die Holle dem Neugeborenen gefährlich. Sie will ihn in ihr unterirdisches Schattenreich entführen. Nachbarinnen bilden deshalb einen Kreis — den Holle- , kreis — um die Wöchnerin, und indem sie den Namen des Neu- . geborenen laut rufen (kreischen), vertreiben sie die gefährliche Holle. ' In dem Worte kreisen (gleich gebären), hat uns die deutsche Sprache den kul tisch myt höchst schon Vorgang erhalten. Das eindringende bhrtstentum verbot seinen Bckennern den Gebrauch den das in sich gchestigle Judentum ohne Schaden erhalten hat. Daß die IIollo j Kreisch nur in hen Gegenden bekannt ift, wo die Juden zuerst den Germanen zusammentrafen, ist ein Beweis dafür. daß dieses 'j Zusammentreffen schon sehr früh, jedenfalls vor der Einführung 4 des Christentums, erfolgt sein muß. -! ^ltr Kreisch worden am Lager der Mahnerin und de- Aeugeborerwn Bil>elverse (die sogenannten 8 c h i r h a m a' n I o s) j i?Uwchmgt. Sie bilden einen Zauber gegen die böse Lulith, die j 1 luooijiertc Holle, deren Züge sie unverkenulmr trägt. ~ ^?^B?^thos gehört auch das sogenannte „Bekrasen", das j cu x " fränkischen Juden noch vis in die Neuzeit hinein' auf dem j c ^chwe geübt wurde. Nachbarinnen umstellen das Bett der Gey ^^^llden. Mit einem Messer werden Kreise in der Lust beschrieben. (Hollekreise!) Darauf wird das Messer in das Kopfende des Bettes gesteckt und die Frauen rufen dreimal: „Wir wollen dich bekrasen (bekreisen); Unser Herrgott solls wasen (wissen). So viel Ziegel auf dem Dach So viel Engel sind wach." Da haben wir einen echten, alten Nunenspruch. Und dieser Hollezauber konnte jüdisch-kultischer Gebrauch werden! Sollten es nicht germanische Frauen jüdischer Männer gewesen sein, die diesen Brauly bei uns heimisch gemacht haben? Erklärt er nicht deutlich genug die Herkunst der zahlreichen Blondhaarigen und Blauäugigen bei den Juden? Altaermanische Gebräuche begleiten den jüdischen Deutschen von der Wiege bis zum Grabe. Ehe der Jude nach einer Beerdigung den Friedhof verläßt, rupft er Gras heraus, wirft es hinter sich und spricht: „Den Städten entsproß Volk, wie das Gras der Erde." (Psalm 72,16). Der Psalmvers ist nichts anderes als die spatere Kanonisierung und Judaisierung des alten deutschen symbolischen Brauchs des sogenannten Schiedlings. Als in der Völkerwanderung überschüssige Jungmannschast der Rugier nach dem sonnigeren Süden auf Landsuche ziehen wollte, sammelte sie sich im heiligen Hain der Nerrh. Jeder Jungmann warf Erde und Gras hinter sich, um durch solche symbolische Handlung den Verzicht auf die Heimaterde auszusprechm, sich von ihr loszulö;en — zu scheiden. Noch im Mittelalter übten die Landsknechte vor jeder Schlacht diesen altheiligen^ Brauch. Ein Signal gab das Zeichen zum Schiedling. Wenn wir heute noch cuf dem^Friedhoie Gras hinter uns werfen, üben wir ben symbolischen Gebrauch des germanischen Schiedlings. Wenn solche altgermanischen Gebräuche bei uns Heimatreaste fanden, so sind sie anderseits die treuesten Zeugen für unser Heimatrecht in Deutschland. Br. Itlax LnniwM schreibt: Den vorstehenden Aufsatz ergänze ich auf Wunsch durch folgende Bemerkungen: Auch bei den englischen Juden des Mittelalters finden wir Namen wie Cot (Hahn) und Brun (Bar), bei den französi'chen Loup (Wolf)chden italienischen Cervo (Hirsch), Lion (Löwe), Palomba (Taube), anderseits bei deutschen Nichtjuden, besonders im Adel, den Namen Wolf. Belege für die Tatsache, daß. wie Rud. Hrldebrand sagt, die Juden in ihrer Treue gegen deutsches Kulturgut „altes Leben weiterhmfen ließen". liefert ein Blick in das Leben der deutschen, ganz besonders aber der Ostjuden, so reichlich, daß ich, um nur das Wichtigste anzuführen, ganze Seiten meiner „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" abschreiben müßte. Wie ein mir bekanntes Beispiel beweist, werden Oftjuden mit ihrer Muttersprache in der Schweiz für autochthon gehalten. Die Kosenamen auf „eles" (Pineles) beanspruchen deutsches Heimatsreck)t. — Unser „Nebbich" erkläre ich noch immer als „ni hi üeh", das dem Hebräischen „Ko ulccheur" entspricht. — Petrarca sah in Deutschland Leute, die in den Rhein Brosamen warfen und bannt ihre künden ins Meer schickten. Dieser Brauch findet sich zwar bereits im alten Babylon, doch der erste, der ihn als unser'„Taschlich" erwähnt, ift der deutsche Rabbiner Maharil (14. Jahrhundert). Die Geschichte von N. Amnon in unserem Jomkippur - Machsor sowie die des R. Amram (der wunderbar stromaufwärts schwimmende Sarg) ist identisch mit der Sage von St. Emeram. Tie Quelle jener jüdischen Ueberlieserung ist Rabbi Jsak aus Wien, der lange Zeit in der Rheingegend gelebt hat. — Ohne „Marschelik" (Marschalk. f. Grimm. „Deutsches Wörterbuch", 1674 s. v. Schalk) noch heute keine ostjüdische Hocktet t. — Das „Maanführen" in Westdeutschland ist ein Rest des „Mai-Maien-) führcns" („Jahrbuch für jüdische Volkskunde", 1923. S 442). — Das Umkreisen des Bräutigams durch die Braut ift altdeutsche Symbolik, wie die Lichter in den Händen der Kränzeljugond. — Deutsch ist der „Einwurf". d. h. Hochzeitsgeschenk, ebenso „Mittel" oder „Sargenes" (gleich Hemd), das „Leilach" und die „Zwehl" bei der Leichenwaschung, — Licht, Handtuch und Glas Wasier neben dem Leichnam im Sterbezimmer, — der „Meremer", der beim Mazzcbacken das Mehl abwiegt, — die „Berches", wie „Bretzel" vom Althochdeutschen „bergita", — der „Diecht", der „Beleg", die „Grieben", — die „Kuppel" — der „Lekert" (Leckerli), die „Krepplech" an Purim (wie die Maskerade am „jüdischen Fasching"). — der „Zinns" (Gemüse), der „Meth", der „Tokrifa - Tropfen" (Grimm. „Deutsche Mythologie", XE!), die „Wachnacht" vor der Beschneidung, das Schattenorakel (ohne Kopf in der Hofchana-Rabba-Nacht), — die Schonung der Schwalben (Grimm a. a. O. 1! 633), — Montag keine Arbeit beginnen (Berliner, „Aus dem inneren Leben", -91), — „Ganz — halb — nichts — stell' ein" des Trendels, wie dieses im ganzen, — die „Schul" („schulen gehn" bei Glücke! von Hameln), der „Polisch". das seinen*, das Rückwärtsrversen des Glases bei der. Trauung (Grimm a. a. O.