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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · p. Seite 76

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 flufklärungsausspracks in Saarbrücken. Viele nichtjüDische WirtschasLZführer nehmen teil. Auf Veranlassung unserer Ortsgruppe Saarbrücken hielt Herr Dr. Norbert Einstein (Berlin) einen vertrau'.chen Ansf^racheadend über das Thema: ,.D ie Struktur d r deut - chen Volkswirtschaft und die Bedeuting der deutschen Juden" ab. Zu der vertraulichen Aussprache, die unter dein Bor itz unseres Ortsgruppenvorsib.enden Herrn Rechtsanwalt Sertlici mer t ror fkh ging, waren iie maßgebenden n i ch t j ü d i s c) » n W i r t - scqastsführer des Saargebiets eiugeladeu. » in großer Teil war der Einladung gefolgt. Bon deri^nicht Erschien.nen hatten sich die meisten in sehr warm gehaltenen schreiben en^ck nldigt. Tie Erschienenen folgten den interessanten und fesselnden dlussührungen des Redners mit großer Aufmerksamkeit. Im Anschluß an den Vortrag fand eine vertrauliche Aussprache über den Antisemitismus im Saargebier -att. Aus der Mitte der Versammlung wurde der Wunsch ousgespi chen, auch über den Kultur- und Nassenantisemitismus in gleicher r higer und sachlicher Weise alsbald unterrichtet zu werden. Ueber den Inhalt des Vortrages wird un' berichtet: Ter Redner malte in großen Zügen die gegen wärt, ge Lage der deutschen Wirtschaft, nachdem er scharf Präzisiert den Charakter der hinter uns liegenden schweren Wirtschaftsjahre: Krieg. Umstellung von der Kriegszur Friedenswirtsch st. Inflation, Deflation und Kreditnot gezeigt hatte. Er bewies, daß die Entscheidung der Inden an den verschiedenen Entwicklungen . ring war, und daß sie immer nur die Objekte der verschiedenen Metu aorphosen waren. Uebergehend auf die hauptsächüchen Anschuldiau' gen gegen die Juden als Wirtschaftsträger, bewies d-er Redner, daß die Vorstellungen vom j ü d i sch e n Reicht» m unsinnig sind. Ter Redner konnte durch statistisches Material den Nachweis ' ihren, daß dieser Reichtum überall zu rückgegangen ist. I sbesondere zeigte cr, daß der Einfluß der Juden in Amerika 'eit geringer sei, als die Judengegner behaupten, die beispiel veise auch — um den Beweis zu liefern, daß Deutschland „zu ein r Kolonie des internationalen Judentums geworden" sei —, den \ ew Iorker Bankier I. P. Morgan zum Juden stempeln. D c Redner schilderte die schweren wirtschaftlichen Opfer, die die Juden in Deutschland brachten, indem die wirtschaftliche Krise der l tzten Jahre durchaus nicht die Berufe verschont habe, in denen die Juden einen großen Anteil haben (Getreide-, Metall-und Baumwollhar 'rel, Tertilunternehmungen usw.). Er widerlegte auch aus Grund x eler internationaler Zusammenschlüsse der letzten Zeit die Mai von dem jüdisck^en Hang zum Internationalismus r d bewies, daß die großen Trust- und Konzernbildungen der letzten Jahre den jüdischen Einfluß eher verringert als vermehrt haben. Sehr schürf rechnete der Redner mit denjenigen Kreisen ab, die de x jüdischen Ernzelfall als symptomatisch aufbauschen, und ga' sehreingehende und manchmal sehr humorvolle Analogien zwischen dem Fall B a r m a t und dem Fall S t i n n e s. Er wies auch die positiven Leistungen der Juden lg den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach: beispielsweise in der Kred-mewährung Der amerikanischen Banken, deren Inhaber teilweise Ju en sind, an die deutschen Staaten, Städte und Jndustrieunternebmun,?n und die dadurch ermöglichte „Ankurbelung" wichtiger deutscher Industrien. Die schlechten Kenntniye der Judengegner von der „jk ischen Beherrschung der deutschen Bankwelt" ersetzte der Redner )urch eine auf viel Einzelmaterial gegründete Schilderung der beherrschenden Kräfte des deutsckzen Geld- und Kapitalmarktes, indem cr vor allem die gegenwärtige Bedeutung der „öffentlichen Ha d" klärte. Er zeigte in einem großzügigen Bild, daß die beiden beherrschenden wirtschaftlichen Erscheinungen: „T r u st k a p i t a l i s i' u s und Organisation der kleinen Verbraucher" i-ie Einfluß- Möglichkeit der deutschen Juden, die in ihrer großen M jorität gewerblich und gesellschaftlich dem Mittelstand angehören, vermindert habe. Er wies auch mit vollem Nachdruck darauf hi », daß die Juden als Wirtschaftspersönlichkeiten keinerlei Sonderstellung einnehmen wollen, sondern nur mit allen ih >n Mitteln dem Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft dienen wollen, daß sie aber rm Bewußtsein ihres Rechtes gegen die beschimpfen; en Behauptungen der Völkischen ankämpfen und ankämpfen werden. England kn Dichtung und Wahrest. „Ein Aufsatz Dev ,,Kölnischen Zeitur:g". „Die Mehrzahl der aus Deutschlands Gauen zuströrrenden Englandreisenden^bringt eine Fülle von Vorstellungen über E igland mit", fo schreibt Mark N e v e n in der volksparteilichen .. K ) l n i s ch e n Zeitung" (Beil, zu Nr. 68 vom 27. Jan.), „die. ebenso unzutreffend wie unausrottbar, sich von Generation zu Generation zu vererben scheinen. Als „alter Londoner", in ständiger Berührung mit festländischen Besuchern, habe ich mir eine gewissenhafte Sammlung der häufigsten Vorurteile zugelegt und denke sie ein sür allemal richtigzustellen." Der kenntnisreiche Verfasser führt dann folgende Vorstellung an: „Der Engländer ist als lieber- und Herrenmensch, als hundertprozentiger Arier von Natur aus antisemitisch. Er ist es so sehr. daß die Juden in England überhaupt nicht aufkommen können und gar keine Rolle spwlen . . .* In einer Widerlegung schreibt dann Mark Neven das Folgende: . . Antisemitismus ist in England vollkommen unbekannt. D<er Engländer ist meist von Natur aus ein so guter Geschäftsmann, daß er vor den Juden keine Bange zu haben braucht. Damit entfällt der Hauptgrund zur antijüdischen Einstellung. Auch ist das Lmprro so groß, daß die Juden neben den Ariern bequem darin Platz haben. Viele Juden Hal en es zu. hervorragenden Stellungen gebracht (Tasraeli. Sir Alfred Veit, Sir Alfred Mond. Lord Reading, Sir Ernest Cassel, Sir Philipp Sassoon) . . ." Als Vorurteil führt Neven an: ... . . Die „Daily Mail" wird von all denen gelesen, die sich nicht die „Times" halten können. Tie „Times" bilde die Lektüre der besseren Stände, doch ist das Blatt unter dem Einfluß Northcliffes, der ein deutscher Jude war. stark auf den Hund gekommen . . Und als Widerlegung eines langjährigen Englandkenners schreibt er: „Die „Daily Mail" ist trotz ihrer Millionenauflage ohne politischen Einfluß. Die „Times" ist ein Weltblatt von allererster Bedeutung, dem die Aera Northcliffes, der weder Jude noch deutscher Abstammung war. nichts anhaben konnte . . Diesen wertvollen Feststellungen gegen eingewurzelte deutsche Vorurteile haben wir nichts hinzuzufügen. von üen blutmerkmalen öer Iuüen. Untersuchungen an 1700 Personen. Die sogenannte Nassenforschung beginnt neuerdings Methoden wissenschaftlicher Prüfung zur Anwendung zu bringen, durch die eine körperlich und blutgemäße Andersartigkeit des jüdischen Levölkerungsteiles festgestellt »verden soll. Die Chemie des Blutes, wie sie sich Praktisch bei Blutübertragungen auswirkt, wenn die Uebertragung des Blutes jüdisck)er Blutspender auf nichtjüdische Empfänger und umgekehrt zu angeblich krankhaften Erscheinungen führte. — das Problem der Agglutination — soll herhalten, um typische Blutunterschiede zwischen Juden und Nichtjuden zu beweisen. Da ist es sehr willkommen, daß in Heft 8 der „M itteikungen der Gesellschaft für jüdische Fa - milienforschung" der Abteilungsdirektor am Städtischen Krankenhaus Friedrichshain (Berlin), Privatdozent Tr. Fritz S ch i s f. in einem Aussatz .Diesogenannten Blutgruppen des Menschen und ihr Vorkommen bei den Juden" über die Ergebnisie neuerer Forschung berichtet. Er teilt mit, daß man. durch die Forschungen bezüglich der Verteilung der vier verschiedenen Blutgruppen unter den Menschen bedeutsame Feststellungen hinsichtlich der Blutsverwandtschaft der einzelnen Völkergruppen gemacht habe, und stellt kurz die Frage: „Was wissen wir nun über die Blutmerkmale derJuden?" Und er antwortet: „Wir haben noch nicht sehr viel Taten über die Blutgruppen der Juden, wir besitzen nur einige Angaben über Juden aus Deutschland. Polen und dem Balkan, im ganzen gegen 1700 Personen. Wir können uns also nur vorläufig orientieren. Wir finden, daß die einzelnen jüdischen Gruppen im allgemeinen ihren Platz in nächster Nähe der nicht jüdischen Bewohner des gleichen Landes haben. Das gilt insbesondere für die in Berlin und in Polen untersiichten Juden. Die Juden des Balkans haben von diesen etwas abweichende Werte, wie wir sie ähnlich auch bei Nichtjuden vom Balkan und sonst aus Osteuropa kennen. Man wird sich hüten müssen, aus solchen Feststellungen allzu weit gehende Schlußfolgerungen zu ziehen. Man wird zum Beispiel nicht sagen dürfen, daß die völlige physisck-e Assimilation der Juden in Deutschland und Polen nunmehr durch das Verleiten des Blutes bewiesen sei: denn eine solck)e Feststellung widerspräche offenkundig der täglichen Erfahrung. Man wird aber doch von den Verschiedenheiten des Blutes zw ischen den untersuchten jüdischen Gruppen mit Interesse Kenntnis nehmen und sie als eine „Annäherung" an das jeweilige „Wirtßvolk" anschen. Tie Blutgruppen verhalten sich in dieser Beziehung nicht anders, als wir es von sonstigen anthropologischen Merkmalen längst wißen. Da es sich bei den Blutsgruppen wie auch bei einem. Teil der äußeren Körpermerkmale um vererbbare Anlagen handelt, so ist der Schluß kaum zu vermeiden, daß diese Annäherung in erster Linie aus stattgefundene Vermischung zurückgeht . . Unerfreuliche Wahlbeteiligung. Die „Gemciridezcitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs", die unter der ansgezelchnckcn Leitung des Herrn Stadtrabdiners Rieger in Stuttgart steht, teilt in ihrer neuesten Nummer vom 16. Januar d. I. mit, daß bei den jsr-dckchen Eemoindewahlen in Stuttgart, die am 26. Tezember 1926 vor sich gingen, von 3386 Wahlberechtigten nur 276 ihre Stimmeabgegeben haben. Danach hielten es nur 92 Prozent der Wühler nicht für erforderlich, zur Wahlurne zu gehen. Mit Recht erinnert die Geineindc- Zeitung an die heilige Derpsiichtung „Scheide dich nicht von der Scrncinde", und sie verlangt: „Nimm Anteil an ihrem Wohl und Wehe *— da§ ist ein wesentlicher Teil deiner Verpflichtung als Jude!"

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