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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-11 · 6 (11.2.1927) · p. Seite 75

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
6 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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/ Slrelt und Zersetzung in der DeuÜchvSMschen Freiheitsbewegung. Am letzten Sonntag versammelten sich 5ie Reichsvertreter bet Deutschvolkischen Freiheitsbewegung in Berlin. „Teutsci>e Tageblatt", das amtliche Organ der Graefe-Portei, verkündet am Dienstag (8. Februar, Nr. 32) an leitender Stelle in stolzen Worten: „Die völkische Front steht fest mit gesammelter Kraft; sie ist gesund an Geist und Körper, weil eS ihr gelungen ist, das Gift im Blute auszusä>eidcn. Klare Scheidung war notwendig . . Dann eine seierlicl-e Entschließung: „unerschütterliche Treue . . . einmütiges Streben . . . Hochziel deutscher Volksgemeinschaft .... uneingeschränktes Vertrauen für Craefe . . Wer politische Bekanntmachungen zu lesen versteht, der merkte: hier stimmt etwas nicht, ganz und gar nicht. Und in der Tat! Die erste Bestätigung des „festen Standes der völtiscl-en Front": Reichstagsavgeordncter Kube wird vom völkischen Ehrengerichtshof, vor dem er sich zu erscheinen weiger-te, ausgeschlossen. Dienstag nroroen, zu gleicher Zeit als das „Deutsche Tageblatt" mit seiner Feststellung von der un-ge schwächten völkischen Front aasgegeben wird, die Meldung: die völkischen Abgeordneten Stöhr und oeiffert haben ihren Austritt aus der völkischen Fraktion vollzogen, mit dem Austritt Graf Nev e n L low s und v. Kamins sei zu rechnen. Tie „Frankfurter Zeitung" berichtet, der Ausschluß Kubcs sei nicht aus politischen Meinungsverschiedenheiten erfolgt. Wer allerdings den programmatischen Aussatz v. G rae fe s im „Deutschen Tageblatt" vom letzten Sonntag (Nr. 31): „Völkisch konservativ" oder „Völkisch sozial" aufmerksam liest, wrrd ernsthaft vermuten muffen, daß doch starke politische Gegensätze in die Angelegenheit hineinspielen. Graese schttibt nämlich: „Die neuesten Schlagworte, die dem Ziele einer Untergrabung des persönlichen Vertrauens innerhalb unserer Bewegung dienen sollen, werden in folgender Form geprägt: man stellt die beiden begriffe gegenüber: „konservativ-völkisch" und „sozialvölkisch". Die Absicht ist klar erkennbar, es soll Verwirrung, Zersplitterung, Mißtrauen in den großen Gedanken der sozialen Volksgemeinschaft hineingetraaen werden, und diese Absicht weist deutlich darauf hin, daß diese SchlaaworLe von den Gegnern in unsere Reihen lanciert worden sind; man rechnet dabei mit dem deutschen Micheltum und feine mangelnde Widerstandskraft gegenüber der blendenden Macht solcher Bonmots." Tie Einigkeit unter den völkischen Gruppen T-eutschlands ist jedenfalls mit der Laterne zu suchen. Tie Nationalsozialisten Hitlers und Graefes deutschvölkische Freiheitsarihäng-er stehen sich wie Katze und Hund gegenüber. Beide fallen wieder über die Teutschnationalen her, die sich als wahre Völkische aupreisen. Außerdem in den völkischen Kreisen "ein Beschimpfen und Verleumden von „Führern" unkereinander, das kaum üoerboten werden kann. So sehen die „Retter" Deutschlands aus. Und jetzt die neue Spaltung in der Graef-e-Dewegung. Ersichtlich vertritt Kube die Parole: Völkisch-sozial! gegen Graefe. Für Tienstag abend kündeten Kunze, der Knüppelmann, und Kube bereits eine Versammlung der Völkisch-sozialen Bewegung an, in der Kube und ein Vertreter des erkrankten Kunze über die Juden wüst Herzogen. Zerfttzt sich die parteivölkische Bewegung auch durch Zwiespalt und gegenseitige Verdächti-gung — die völkische Idee als solche blüht kräftig weiter Dafür sorgen schon die D-eutschnationalen. Ihr entge^genzuarbeiten, erfordert nach) wie vor stärksten Kampfeswillencund stattlichen Opfermut. Wir wären schlechte C.Ver, besäßen wir nicht beides. fitt und Unart öer Parteien. Ein Aussatz Professor Niebergalls (Marburg). i Im neuesten Hefte des „Zusammenschluß", der politischen j Monatsschrift zur Pflege der deutschen Eintracht, die schon mehrere i Male in diesen Blättern lobend genannt wurde und um deren Herausgabe sich die Herren Dr. Friedrich Thimme und Eduard : hemmerle ein vaterländisches Verdienst erworben haben, schreibt ü der bekannte Theologe der Marburger Universität, Professor l>. Friedet rich Nie bergall, in geistvoller Weise und mit edler Grundf| einstellung über „Art und Unart der Parteien". Wir geben aus dem Aufsatz, den wir wie die gesamte Zeitschrift jedem zum Lesen warm empfehlen können, weniges hier wieder: I „Wer selber weiß, was eine Ueberzeugung bedeutet, ist auch nicht u imstande, anderen die ihre zu verleiden, indem er ihnen geschäftliche \\ Nachteile zufügt oder sie gesellschaftlich durch Ausschluß aus der so- '! genannten guten Gesellschaft boykottiert. Das sind alles Ausläufer mittelalterlicher Methoden wie Inquisition und Tragonaden, die sich r für heutige Bildung nicht mehr ziemen.";! Das Folgende sollten besonders die Völkischen nicht überlesen, j; tonn es auch für alle Parteien gilt. ' „Denn die Beschränktheit lebt vom Haß. Es gibt unzählig viele, die es krampfhaft vermeiden, mit Vertretern anderer Parteien zu- - sammenzukornmen, weil sie das Gefühl haben, diese könnten bester und vernünftiger sein, als ihr Haß cs bisher angenommen hat. so; daß sie dieses ihr Schoßkind aufgeben müßten. Darum rührt diese Beschränktheit auch keine andere Zeitung als das geliebte Leibblatt an, das doch allein alles richtig bringt; widerlegt es doch so sicher mit Gründen und mit Affekten, was die anderen rechts und links öu sagen pflegen. Es gehört schon etwas größere Einsicht als die des gewöhnlichen Parteimcnschen dazu, um zu wissen, daß die Zeitung , als Ausdruck eines bestimmten Willens uns auch dann „gerichtete" Mitteilungen bringt, wenn sie einfach Tatsächliches zu bringen scheint.! Was sie uns verschweigt, das merken wir nicht. Tie tägliche Lektüre! infiltriert uns so, daß wir es — nur an anderen merken. Humoristisch ij wirkt e3 immer, wenn man einem Stammtisch zuhört, wo anscheinend ]j ] die persönlichen Meinungen widereinander stehen, während doch tat- |1 sächlich im kleinen Kreise auch hier die Geister der Zeitungen ausü 1 einanderplatzen. Wer mitreden will oder sich entscheiden soll, der -1 muß — falls er den Anspruch auf Bildung macht — zwei Zeitungen 13 itsen, jedenfalls aber unterwegs oder in der Sommerfrische etwa c gerade einmal die entgegengesetzte Zeitung lesen. So allein entspricht ,3 der Würde einer persönlichen Haltung des gebildeten Menschen; er soll kein Echo, sondern eine Stimme sein." ftöe „Iuöenrepublik" Die Sichtung vor der Verfassung und den Neichssarberr. Am 3. Februar erklärte der Reichskanzler : „Es ist der feste Wille der Reichsregierung, für den Schutz, die Achtung und die Ehre unserer gellenden Verfassung in ihrer Gesamtheit ihrer Organe und ihrer R e i ch s f a r b e n, wie in Artikel 3 der Reicl>sverfaffung fmgelegt. mit Tatkraft einzutreten." Welch eine Wandlung! Das erkennen vier deu t schna ti o nale Minister an, unter ihnen Hergt, der frühere Parteilenker. Das erkennt die Partei an, in deren Versammlungen fast regelmäßig, wurden die Reichssarben Schwarz-Rot-Gold erwähnt, der Zwischenruf „Judensahne" siel, deren Organe von der ,L u d e n r e p u b l i V mit sehr großer Geringschätzung sprachen. Also das „Juden" ist jetzt parteiamtlich weggestrichen. Die ..Republik" ist „Westarp-Republik" geworden. Die „Jlwenfahne" wallt als schwarzrotgoldenes Panier über der Teutschnationalen Volkspartei. Auch Dawes - Gutach - ten, Locarno und Völkerbund sind trotz „Deutschlands Erneuerung" keine „Machenschaften Alljudaans", sondern werden von jetzt ab durch deutschnationale Minister, durch Graf Westarps ansehnliche Partei betreut und ausgebaut. Armer Walther Rathenau. daß du diese glänzende Rechtfertigung von deiner Hände Werk nicht erleben solltest! Und die „völkische Grundlage" der Deutschnationalen? Das D e u t s ch n a t i o n a l gleich Völkisch? Keine Sorge. Diese Grundlage wird l>estimmt nicht anfgegelxn. Wir fürchten, sie wird jetzt als vermeintlich benötigtes Ablenkungsmittel stärker noch in Gebrauch kommen. Keine Hebräer: Deutsche! Unsere Veröffentlichung in der letzten Nummer dieser Zeitung über den Fragebogen des amerikanischen Einwanderungsamtes und über das vertrauliche Rundschreiben des Norddeutschen Lloyd, rovnach Juden „nicht als Deutsche, sondern als Hebräer angegeben werden müssen", hat überall das größte Befremden und leilnrcise lebhafte Empörung ausgelöst. Eine stattliche Reihe von Zuschriften, s» au4 Berlin. Bremen, Hildcsheim, Dresden und anderswo, ist uns zugegangen. Ein altes Berliner Mitglied bemerkt treffend: „Man muß annchmen, daß der Lloyd derartige Anweisungen nicht von sich aus ergehen läßt, sondern gemäß amtlicher Forderungen der amerikanischen Behörden. Diese Richtlinien muß auch die Hapag erhalten haben. Lebte also Ball in noch und nwllte nach den Vereinigten Staaten reisen, dann wäre ihm untersagt, sich als „Deutsche r" einzutragen . . . Und wie müßte der Titel von StubmannS neuem Werk: „B a l l i n, Leben und Werk eines deutschen Reeders" lauten? Man könnte laut ouflachen, wenn die Angelegenheit nicht so ernst ur£> traurig wäret"

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