Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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74 : ' bei den mittleren und höheren Beamten. Hier nuß man leider heute noch von einer ..antisemitischen Welle sprechen. Die Ursachen dieser Bewegung sind aber bei den eiden Beamtengruppen grundverschieden. Bei dem großen Heere der m i t tl e r e n Bearntr i (Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten) beruht der Umsch ung ausschließlich auf der wirtschaftlichen Verelendung, der diese Kreise durch Krieg und Inflation anheimgefallen find. Gewiß steht auch das Einkommen der Unterbeam en, nach der Kaufkraft berechnet, weit unter den (damals chon kläglichen) Gehältern der Vorkriegszeit' aber so schwer )er Unterbeamte auch unter der Not der Zeit leidet, so wn * er darin doch nur eine Auswirkung der allgemeinen wir' chaftlichen Lage erblicken; er wird seine Lebenshaltung mit jer. r der ihm gesellschaftlich nahestehenden Angestellten- und An eiterkreise vergleichen und dabei seftstellen, daß auch diese C mppen in gleicher Weise in ihrer Lebenshaltung herabgedruck sind. Das wird (und soll) ihm nicht den Antrieb nehmen, g« verkschastlich auf die Besserung feiner schlimmen Lage hinzu ürken, die vergiftenden Einflüsse antisemitischer Hetze werden i n aber — im allgemeinen — nicht erreichen. Anders der m i t t l e r e Beamte; also, nach der > erntruppe ungenau bezeichnet, der Obersekretär, Rechnungs? lt, Bolksschullohrer: seine Lebenshaltung hat sich nicht nur t b j olut gegenüber der Vorkriegszeit erheblich verschlechtert; % ist auch relativ — an bcn gesellschaftlich gleichstehenden Sä achten des Mittelstandes gemessen — weit mehr verelendet all die Angehörigen der entsprechenden anderen Kreise des Mit elstandes. Der Fernstehende macht sich von dem Elend dieser Beamtenschicht kaum den rechten Begriff. Gewiß gestattete auch die Vorkriegszeit den mittleren Beamten keinen Lurus; jetzt aber ind ihnen auch die einfachsten Bildungsbestrebu igen verchlossen. die Anschrffung eines guten Buches. Thc ater- und Konzertbesuch unerschwinglich. Für den .Hausstand, Kleidung und Wasche, konnte in der Inflationszeit nichts cngeschafst werden, und auch jetzt ist an Ergänzung kaum zr denken. Den Kindern ist, aus Mange! an Mitteln, der Besu h höherer Schulen oft verwehrt. Kein Wunder, daß in diest a Kreisen eine tiefe Verbitterung um sich gegriffen hat. Die Ve Witterung aber ist der fruchtbarste Boden für die antisemit sche Propaganda. Die Wühlarbeit wird sich hüten, den Bec mten das wahre Bild von der nichts weniger als beneidensw, rten Lage des jüdischen Mittelstandes — der kleinen Kau'' eute, der Handlungsgehil fen /der Angestellten — zu entwerfe i; mit dem Märchen vom „jüdischen Reichtum" fängt sie die S immen ein oder hält jene fest, die sich durch die — längst ve? lorenen — Jnflatwns.,gewinne" einzelner blenden ließen; daß diele Schein.Hewmne" in gleicher Weise nichtjüdischen m d jüdischen Gewerbetreibenden zugeflossen sind, wird wohlw Mich verschwiegen. und die gesellschaftliche Absonderung w üter Kreise des Beamtentums erschwert die eigene Nachprüfung. Ich kenne so manchen wackeren alten Bekannten, der sich früher mit Schaudern von der antisemitischen Hetzarbeit abgen endet hätte (diese Kreise waren ja der Stamm des „alten Freif uns"), und der heute, verärgert, verbittert, unaufgeklärt, der antisemitischen Fahne folgt — also wenn ich es so m nnen darf: rein wirtschaftlicher Antisemitismus. Leider nicht im Ausmaße der Verbreitung, wr hl aber in den Ursachen der Bewegung liegt es bei den höheren Beamten anders. In ihren Kreisen herrschte schcn vor dem Kriege vielfach der „gesellschaftliche" Antisemitismus diepersönlicheAbfchlreßung vom jüdischen verkehr. Wenn sich diese Erscheinung in der Gegenwart ve rftärft hat, so hat das zwei Ursachen: zunächst freilich auch hier wieder die wirtschaftliche Notlage, gesteigert durch die No Wendigkeit, wenigstens einigermaßen die Lebenshaltung der fo; ialen Stellung anzupassen, also Zu „repräsentieren"; dazu kmunt vielfach (Wohnungsfrage!) die Unmöglichkeit, den -(ewiß nicht üppigen, aber..standesgemäßen" Hausl/alt der Vorkriegszeit aus die Verarmung umzusteüen. Vergleiche mit l er Lebenshaltung der akademischen „freien Berufe" und de.' Industrie (meist nur unter einseitiger Betrachtung gezogen) vertiefen die Verbitterung. Die Suche nach den Gründen seiner Verelendung wird den höheren Beamten der Borkrie zszeit, nach seiner ganzen Einstellung, häufig genug auf das politische Gebiet führen. Das Bekenntnis zum neuen Staate wird in ihm, gerade weil er mit eckster Treue an dem a ten Staate und dessen Repräsentanten gehangen hat, die Bitterkeit darüber nicht ertöten, daß die Dinge sich so haben entwickeln müsien. Aus der Suche nach dem „Schuldigen" wird er nach Tradition und Erziehung besonders leicht dem Einflüsse „seiner" Presse uErttegen — und diese „seine" Presse ist in sehr vielen Fällen aus Agitationsgründen mehr oder minder unverblümt antisemitisch angehaucht. Es brauchen nur ein paar „jüdische" Sensationsprozesse, ein paar unliebsame Reden oder Schriften jüdischer (oder angeblich jüdischer!) Politiker und Publizisten, ein paar Torheiten verstiegener Idealisten (bayerische Rätezeit) hinzuzukommen, und das Ergebnis: eingefleischter Rasseantisemitismus, sitzt fest. Lei dem Nachwuchs der höheren Beamtenschaft tut — außer Erziehung und Tradition —der Einfluß gewisser studentischer Verbindungen ein übriges: hier wird der Kenner der Verhältnisse nur mit Säxrudern an die Zukunft denken. Ter Leser erlasse es mir, hier mit Einzelheiten aufzmoarten; wer Blick für die Menschen und Dinge hat, wird nur darin recht geben: wenn nicht grundlegend etwas geschieht, so ist das Schlimmste zu befürchten. Wie soll sich nun, gegenüber dieser wachsenden antisemitischen Bewegung in der Beamtenschaft, die Abwehr verhalten? Gewiß wird auch hier an erster Stelle die unmittelbare Aufklärungsarbeit stehen müssen. Oeffentliche Versammlungen mit freier Aussprache, zu denen besonders Beamte einzuladen sind, werden das gegenseitige Verständnis fördern. Ferner: Noch immer gibt es öffentliche Büchereien, die über Rassefragen nur die Schriften von Günther und Ehamberlain besitzen; die Bücher von L u s ch a n, K a h n, G 0! d st e i n dürften nirgends fehlen! Es ist Sache der Ortsgruppen, die Büchereien daraufhin zu kontrollieren und notfalls die fehlenden Werke ans eigenen Mitteln zu stiften. Daneben aber werden die besonderen Gründe, aus denen der Antisemitismus gerade unter der Beamtenschaft derart angewachsen ist, auch zu besonderen Mitteln für die Abwehr führen müssen. Der Beamte verlangt — und darf verlangen —, daß die übrige Bevölkerung sich mit seinerLage und seinen Nöten befaßt, ehe sie darüber urteilt. Er empfindet es mit Grund als bitteres Unrecht, daß weite Kreise ihn als Parasiten, als überflüssig aniehen, über den hohen Deamtenetat zetern und für seine wirtschaftliche Verelendung kein Verständnis und kein Herz haben. Gewiß hat die jüdische Bevölkerung an dieser betrüblichen Erscheinung den allergeringsten Anteil; sie hat mit dem Beamtenkörper fast gar keinen gesellschaftlichen Zusammenhang und hält sich dem Kampfe gegen das Beamtentum erfreulich fern. Diese „Neutralität" genügt aber nicht. Der Beamte darf verlangen, daß man ihm gegenüber Farbe bekenne; daß man sich, wenn man seine Nöte erkennt, positiv für ihn einietze. Er würde es sicher begrüßen, wenn gerade fernstehende Kreise — wie die jüdische Bevölkerung es nun einmal heute noch ist — für seine Lage Verständnis, für seine Arbeit Anerkennung aufbrächten. Ich bin überzeugt, daß es nur dieses Hinweises bedarf. um weite Kreise des Judentums zum Nachdenken über dicke Fragen und zum Erwachen zu bringen. Und ein Zweites: Soll die Ausschließung der jüdischen Bevölkerung von der Beanrtenlaufbahn fortdauern? Heute ist ja doch die Lage so, daß unter der höheren Beamtenschaft Juden nur ganz schwach, unter der mittleren und unteren aber so gut wie gar nicht vertreten sind. Ich halte diesen. Zustand flu äußerst gefährlich und schädlich, für einen Ueberrest der Ghettomauern. Ich werde oft gefragt: Soll denn ein Jude Beamter werden? Nun. es kommt eben auf den Juden an. der diese Laufbahn einschlagen will! Heute muß jeder, der Beamter werden will, ein gerüttelt Matz von Jdealismu- und Staatsgesinnung mitbringen, damit ihm das Amt die wirtschaftlichen Nöte, den Mangel an materiellen Eutern ausgleicht. Es ist unwahr, daß der jüdischen Bevölkerung dieser Idealismus fehlt; es mangelt lediglich an dem Vertrauen, so freudig ausgenommen zu werden, wie man sich bieten möchte. Nun wohl: Man versuche es dockst Freilich, wer als Jude in die Beamtenlaufbahn eintritt, möge sich doppelt und dreifach prüfen- Wer für andere Berufe nicht taugt, eignet sich als Jude schon längst nicht zum Beamten; Berufsfreudigkeit, Tüchtigkeit, materielle Anspruchslosigkeit sind unerläßliche Voraussetzungen; dazu -- als gesellschaftliche Gigcn|d>aftcn — Takt und — vor allein! — Zurückhaltung. Wem es daran fehlt, der bleibe fern. Jeder andere aber wird sich dienstlich und gesellschaftlich durchznsetM vermögen (denn unser Beamtenkörper ist, wenn auch vielfach verhetzt, so doch ehrlich, aufrecht, gerecht); der jüdische Beamte wird besser als der Fernstehende dazu Mitwirken, die Schranken ru beseitigen, die — unsichtbar, aber um so spürbarer — zwischn dem Beamtentum und der jüdischen Bevölkerung aufgerichtet' sind; er wird die Genugtuung haben, das Sck>önste und Höchste sür den Staat zu leisten, dessen Bürger er sich fühlt: Diener dieses Staales zu sein. Er hat, als Deutscher und als Jude, allen Anlaß, auf dieses schöne Vorrecht nicht zu vorzichteni. I