Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277734--03460-2283978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
*4 Der aNem freundlichen Verständnis stand doch auch Weber Juden und Judentum kritisch gegenüber, und, wie andere Gruppen und Ideen, galten auch sie ihm nichts gegenüber dem einzigen Wert, an dem er alle politischen Fragen und Entscheidungen maß. nichts gegenüber der Frage nach der Größe und Ehre des deutschen Volkes. Als nach der Eroberung von Polen im Kriege die schwere polnische Frage auftauchte, äußerte er sich: „Ist Einverleibung in Oesterreich indiskutabel, so Einverleibung in Preußen erst recht. (Freizügigkeit dieser Juden zu uns!)" In mancher vor Jahren aktuellen Frage hat er Stellung zu Problemen genommen, die die deutschen Juden beschäftigt haben, und Lösungen vorgeschlagen, die auch in unserer Mitte manchem für richtig galten. Er hielt es für einen groben Fehler, daß der parlamentarische Untersuchungsausschuß, vor dem sich Hrndenburg, Ludendorff, Bethmann Hollweg und andere Heerführer und Staatsmänner zu verantworten hatten, zu einem Drittel aus Männern jüdischer Herkunft bestand. Er verachtete den Antisemitismus. Aber er bedauerte die Tatsache, daß in jener Zeit!o manche Juden unter den revolutionären Führern waren. Daraufsin angebrochen, ob er nun auch Antisemit werde, lehnte er solche Möglichkeit entrüstet ab. Es sei aus der historischen Situation der Juden begreiflich, daß gerade aus ihnen die revolutionären Naturen hervorgrugen, aber bei der bestehenden Gesinnung sei es politisch unklug, daß sie als Führer hervorträten und als solche zugelassen würden. Sr dachte realpolitisch und sah die Gefahr, daß dadurch an sich erwünschte politische Begabungen in der öffentlichen Meinung diskreditiert würden. Auch in diesen Fragen jüdischer Problematik hat er sich mit seinen jüdischen Freunden, denen er stets menschlich rückhaltlos und ohne Hintergedanken entgegentrat, restlos verstanden. Wir vermögen ihm in dieser Entscheidung nicht zu folgen. Sie mag realpolrtifch sein, aber sie muß weit zurücktreten vor dem zwingenden Gebot, daß der Jude, der den Beruf zur Wirksamkeit in der deutschen Politik in sich fühlt, nur einen leitenden Gedanken haben darf, seine politische Ueberzeugung. Und konsequent durchgedacht, müßte sieden völligen Rückzug der deutschen Juden ans der deutschen Politik zur Folge haben. Weber war nicht nur Gelehrter. Untrennbar mit dem Forscher war in ihm der Politiker verbunden. Für ihn gab es nur einen Stern,'dem er folgte, die Macht und Größe des deutschen Volles. Meineke hat ihn deshalb mit Macchiavelli verglichen. Nicht irgendein wirtschaftliches Interesse, nicht die möglichste Ergiebigkeit der Produktion, Linerlci -andere Idee kam für ihn in Frage, sondern an jenem nationalen Interesse - zuerst bewertete er alle Probleme und Maßnahmen der äußeren und der inneren Politik, und ernenn dabei zu überraschenden Folgerungen. Aus nationalem Jnterepe kämpfte er mit aller Energie, die ihm gegeben war, gegen die borsenfeindliche Gesetzgebung der neunziger Jahre. „Ansammlung von Kapitalien in den Händen der Banken und Großkamleute darf national nicht unterbundM werden, denn sie bedeutet Aufspeicherung von Kraft für den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf der Nationen. Eine moralistisch motivierte Gesetzgebung, die bestimmte Arten von Spekulationsgeschäften, vor allem, auf Drängen der Agrarier, den Terminhandel in Getreide unterdrückt, srixx&s lediglich den Markt für diese Artikel ins Ausland verschieben und Lessen Finanzkraft auf Kosten Deutschlands verstärken. Es ist für Hk ökonomischen Interessen des Inlands nicht gleichgültig, ob inländisihe oder ausländische Kaufleute den Markt beherrschen." Aus nationalen Gesichtspunkten wurde er dadurch der schonungslose Kritiker konservativer Jntereffenpolitik. Während des Krieges entwirft er aus genauer Kenntnis der Menschen und der Verhältnisse erschreckende Bilder von der Politik der Konservativen. „Die Agrarier", sagt er, „wissen, Brot muß gekauft werden, auch wenn wir unterliegen, die Industrie und Schiffahrt sind dann ruiniert, diese Konkurrel^LN um die Macht sind wir dann los, die teilweise Entmutigung, terÜDeise revolutionäre Energie der Arbeiterschaft sorgt dafür, daß sie. die Großgrundbesitzer, die Macht behalten, der Monarch ist dann in ihrer Hand, und deshalb: va banque!" Der schwerste Vorwurf, den er gerade der Rechten machte, war von Anfang cm, daß sie die nationalen Interessen des Deutschtums bewußt vernachlässigte. Er gehörte ursprünglich zu den Alldeutschen. Als er aber im Jahre 1899 seinen Austritt aus dem Alldeutschen Verband erklärte, weil er dort keine Unterstützung sür seine Ueberzeugung fand, daß die Zulassung polnischer Wanderarbeiter und die daraus folgende VeckwLigrmg deutscher Bäuerin eine Gefahr für das Deutschtum sei, gab er als Begründung an: .Sie Rücksichtnahme aus die EeldintereML des agrarischen Kapitalismus, der in den zahreichen konservativere Mitgliedern des Verbandes seine Vertretung hat, geht dem Verband über die Lebensinteressen des Deutschtums!" So ist^daZ Lebensbild von Max Weber eine Quelle ungewöhnlicher Erkenntnisse und ein politisches Buch hohen Ranges. Und schon darum sollte es von jedem politisch interessierten Juden gelesen werden. Freilich, nicht in seiner politischen Bedeutung liegt der Hauptwert des glänzenden Werkes, sondern in der Offenbarung persönlichen Lebens, die cs bietet, in dem Licht, das es auf den Lebensweg eures großen Mannes wirft, und in der Klarheit über die großen Fragen des eigenen Lebens, die jeder empfänglickze Leser daraus gewinnt. Dlan möchte den vor sechs Jahren verstorbenen Max Weber, den sein Freund Ernst Tröltsch einen der mächtigsten deutschen Menschen des Zeitalters nannte, um die Lebensgefährtin beneiden, die seinem Gedächtnis in den weitesten Kreisen jene Dauer verliehen hat, die ibm seine gelehrten Wecke nur in den Kreisen der Wissenschaft verschafft hätten/um die Frau, die dem toten Gatten ein Denkmal errichtet hat. aus daß das Wort der von ihm so geliebten Propheten zutrifft: „Besser als Kinder und Kindeskinder einen ewigen Namen, der nicht schwinden wird." ¥ In den überfüllten Unionssestsälen des Berliner Nordostens sprachen auf Einladung des Landesverbandes Groß- Berlin die Reichstagsabgeordneten Reichsminister a. D. Wilhelm Soüinaim und Ernst L e mme r. 6o 11 m qn n zeigte in glanzender Rede, wie die V ö l k i s ch e n am Rhein nach bewährt em Nt u st e r Neuland suchen; ßemmet sprach in sachkundiger Weise über die A r b e i t d e r V ö l k i s ch e n i m 9! e i ch s t a g, die ganz auf Agitation eingestellt und damit zur Unfruchtbarkeit verbmnmt ift. In der Aussprache nahmen Justizrat D r. B r o d - n i tz , der Vorsitzende des E. V., Kaplan Tr. L a in p e, der die litt* chrisilichkeit des Judenhasses scharf geißelte, Dr. Paul Nathan, Frau Landtagsabgcordnete Dr. Klausner und Verbandssyndikus Schweriner das Wort. Ter Leiter der Versammlung, Dr. weck. S. London, konnte unter allgemeiner Zustimmung die Versanunlung mit dem schließen, daß der C. B. einen selten lehrreichen Abend allen Anwesenden geboten habe. Massenversammlung -es C.v. in Hannover. Dr. Bruno Werl über die „Jüdische Internationale". Tie Ortsgruppe Hannover des C. V. hatte zum 24. Januar die Bevölkerung aller Schichten und aller Bekenntnisse zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen, bei der Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin) über das Schlagwort von der „Jüdischen Internationale'' sprach. Ter Riesensaal des Volkshenns war schon zu Beginn fast ganz gefüllt, und immer mehr Hörer strömten hinzu, so daß ein Besuch von mindestens 2500 Personen festgestellt werden konnte. „Ein geradezu gewaltiger Besuch nicht allein aus jüdischen, sondern auch aus christlichen Kreisen" stellte z. B. die „Hannoversche Volkszeitung" fest. Behörden und Presse waren in großer Zahl vertreten, das Landeskirchenamt hatte Negierungsrat Dr. Niemann entsandt. Nach einer kurzen Eröffnungsansprache unseres Ortsgruppenvorsitzenden, Dr. Friede, entwickelte Tr. Weil in etwa fünfviertelstündiger Rede unter lautloser Stille der Hörerschaft seine Gedanken über das Wesen des Internationalen, über das Schlagwort von der angeblichen „Weltherrschaft der Juden", über die schon so oft entlarvten „Geheimnisse der Weisen von Zion" u. a. m. In historischem und kulturgeschichtlichem Ueberblick zeigte er das Wesen der jüdischen Religion und wies auf die Bedeutung der Sprache, Kultur. Abstammung und des Willens für das Nationalbewußtsein des Menschen hin. „Entscheidend bleiben über alle objektiv feststellbare Merkmale hinaus für die Frage, zu welchem. Staat der einzelne gehört, Bewußtsein und Wille der Zugehörigkeit. Tie Menschen, die zueinander streben, die gewillt sind, ein gemeinsames staatliches Schicksal zu erleiden, die zur Verteidigung des von ihnen zusammen bewohnten Gebietes bereit sind, bilden ein Volk und eine Nation. Bewußtsein und Wille machen den Menschen zum Deutschen, zum Franzosen, zum Amerikaner." In der Aussprache wiederholte zunächst ein Nationalsozialist die altbekannten Borwürfe gegen die Juden, gab aber zu. daß man an das nationale Judentum kaum glauben könnte, und daß die Protokolle der Weisen von Zion als Fälschung anerkannt waren, dann sprachen noch zwei Vertreter der sozialistischen Partei und schließlich sprach unser Hauptvorstandsmitglied Rudolf Herzberg (Hannover) über die Bedeutung und die Arbeit des C. V. Tie Versammlung hat in der gesamten Presse Hannovers starken Widerhall gefunden. Spaltenlange Artikel, zum Beispiel in der „Hannoverschen Landeszeitung", der „Hannoverschen Dolkszeitung" und anderen mehr, geben den wertvollen Inhalt des Vortrages wieder und vermitteln ihn so weiteren Zehntausenden, die dem Vortrage selbst nicht beiwohnen wollten oder konnten. Ucber die „Ethik deS Judentums" sprach im Nahmen des von den Akademischen Kursen in Essen veranstalteten Sonderzyklus: „Die Ethik der Weltreligionen", Rabbiner Dr. B a e ck (Berlin) am 24. Januar. Der große Saal konnte die Hörer. Angehörige aller Bekenntnisse, kaum fassen. „Manchen Zuhörer wird es nachdenklich gestimmt haben, daß der Vertreter des Judentums aus der religiösen Urkunde, die allen drei Bekenntnissen heilig ist, eine Ethik des Judentums entwickeln konnte. Zivei Kenmvorte hatten die katholischen und evangelischen Theologen, die in früheren Veranstaltungen sprachen, zitiert: das Wort „Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft; und das andere: „Liebo deinen Nächsten als dich selbst!" Baeck legte den Ton aus den Einen, Gott, der sich uns durch seine „du sollst" offenbart. Wir haben eine verbindende, höhere Einheit heraus gehört: wir glauben und hoffen, rvas Dogma und geschichtliche Entwicklung getrennt haben, wird in der Kraft der Ethik einmal versöhnt sein."