Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-02-04 · 5 (4.2.1927) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
5 (4.2.1927)
Date
1927-02-04
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277734--03458-2283976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

HL Erfolg des Kultusministers. Wie schon kurz berichtet, hatten sich am 29. und 30. Januar die Vertreter der preußischen Hochschulen, der Hauptvorstand der Deutschen Studentenschaft sowie die Rektoren einzelner preußischer Hochschulen in Magdeburg versammelt, um in gemeinsamer Aussprache die mit dem bekannten Brief des preußischen Kultusministers zusammenhängenden Fragender Zugehörigkeit der Ausländsdeutschen zu den Einzolüudentenschaftcu und derKoalitionssreiheit zu besprechen. Die Anwesenheit derRektoren, unter denen sich auch der bekannte Geheüne.U K o r it e in a n n (Breslau) befand, verfehlte eine günstige Wirkung nicht. Man kann mit Genugtuung feststellen, zwischen der ersten herausfordernden Llutwort des Vorstandes zu Weihnachten und den in Magdeburg gefaßten Beschm-sen besteht ein derartiger Zwiespalt, daß der Am.fall der Deutschen Studentenschaft deutlich zu erkennen ist. Währen) bis jetztin der Frage der Zugehörigkeit lediglich völkische Gesichtspunkte maßgebend waren, haben sich nunmehr auch die Studentenschaften mit der vom Minister geforderten Entscheidung durch das Rektorat in folgender Entschließung einverstanden erklärt: „In der Frage der Zugehörigkeit auslandsdeutscher Studierender zur Studentenschaft sind die Preußischen Einzelstudentenschaften durchaus bereit, an einer Neuordnung der diesbezüglichen Bestimmungen im Sinne einer Mitwirkung des Rektors mitzuarbeiten." In der Koalitionsfrage kam man zu dem Ergebnis, daß an einem Festhalten am großdentschen Ausbau der Deutschen SLudenten'chaft weiter zu beharren ist, wobei allerdings eine Erklärung des Begriffes „großdeutsch" aufs dringendste zu fordern ist. Die Bedeutung der Magdeburger Tagung ist in der Feststellung zu erblicken, daß die Zwangsorganisation der deutschen Studenten endlich die Staatsgewalt in dem Minister anzuerkennen beginnt. Gewiß darf man diese Wandlung vorläufig nur mißtrauisch als Taktik betrachten. Doch wesentlich bleibt zumindest der moralische Erfolg, der durch das offene Bekenntnis jüdischer Studenten zur deutschen Kulturgemeiaschaft in der Versammlung und durch die verständnisvollen Worte der Vertreter der Universität Breslau und der westdeutschen Hochschulen auf dieser Tagung zum Ausdruck kam. Wolfgang S. Matzdorff. * Zu diesem Versassungsstreit in der Deutschen Studentenschaft nimmt Profesior Dr. Ebers (Köln) in zwei Aufsätzen der Kölnischen Volkszeitung" (Nr. 68 und 70) „Der einzig mögliche Weg" das Wort und mackst folgende treffende Anmerkungen über die Unhaltbar keit des völkischen Prinzips: ,Das deutsche Volk ist, wie jedes andere europäische Volk, ethnographisch aus einer Reihe sich überlagernder und gegenseitig durchdringender Schichten verschiedenen Blutes entstanden; man denke nur an die Vermischung von germanischem Blut im Süden und Westen, vor allem aber an die Verbindung mit slawischem Blut im ganzen Gebiet östlich der Elbe. Vom völkischen Prinzip aus würde tatsächlich der breiten Masse der Bevölkerung Ostdeutschlands trotz ihrer Eindeutschung seit Jahrhunderten das Deutschtum abgesprochen. In Erkenntnis dieser Unmöglichkeit will man sich mit dem Nachweis deutschen Blutes bis zur vierten Generation genügen. Ganz ab'- gesehen davon, daß diese Grenzziehung willkürlich ist und alle vom deutschen Volk und der Deutschen Studentenschaft ausgeschlossen würden, bei denen von den acht Urgroßelternteilen auch nur ein Teil nichtdeutschen Blutes ist, scheinen sich die Vertreter dieser Auffassung nicht bewußt zu sein, daß sie damit so gut wie dem ganzen hohen Adel Deutschlands die Zugehörigkeit zum deutschen Volke absprechen. Kein Hohenzoller, kein Wittels buche r, Wettiner oder Habs- ^rrger. um nur diese zu nennen, könnte demnach Mitglied der Deutschen Studentenschaft sein, denn in ihren Adern rollt ein gut Teil fremdländischen Blutes. Umgekehrt müßte zum deutschen Volke und der Deutschen Studentenschaft gerechnet lverden jeder, der rein deutscher Abstammung ist. aber durch Umgebung, Erziehung und Gesinnung dem Deutschtum völlig entfremdet ist. ja, die deutsche Muttersprache gar nicht mehr kennt, nicht mehr deutsch' fühlt, keinen deutschen Kulturwillen mehr besitzt. Daraus folgt, daß nicht die Abstammung, sondern die Gesinnung, nicht das deutsche Blut, sondern der deutsche Geist allein entscheidend sein kann. Das deutsche Volk ist, wie jedes Staatsvolk, eine Schicksals- und Kulturgemeinschast. wie sie sich durch die geschichtliche Verbunden- 'heit, durch gemeinsame Kultur unter ständiger Eindeutschung fremder Elemente gebildet und entwickelt hat. Tie Sch^oäck)e des völkischen Prinzips hat ja auch schon die Tanziger Studentenschast erkannt, wenn sie neben der deutschen Abstammung und Muttersprache auch deutsche Gesinnung verlangt. Damit ist aber das Prinzip bereits zugunsten des kulturellen Gedankens durchbrochen." O. Aum vsrstänöms Chamberlains. Don Pfarrer Lic. Dr. Hans Hart mann (Fache bei Solingen). Chamberlains R a sse n stan d pu n k t, wie überhaupt^ sein politisches Verhalten, ist mit Recht als eine Sache gekennzeichnet worden, über die man nun nach erfolgter gründlicher Prüfung zur Tagesordnung übergehen darf. Aber damit ist man der Gesamterscheinung des Mannes noch nicht gerecht geworden. Es ist doch eine etwas zu einfache Methode, ihn entzwei zu schneiden und auf der einen Seite den Politiker, auf der anderen den vom Politischen freien Mann großer Begabung (in „Kant" und „Goethe") zu sehen. Denn erstens stimmt das gar nicht, und zweitens ist jeder Mensch — auch Ehamberlain — auch wieder eine Einheit, die es in ihrer tieferen Verwurzelung zu begreifen gilt, selbst wenn man aus manche Wirrnis und undurchdringliches Flechtwerk stößt. Und so sei hier eine ganz andere Ausfassung Chamberlains dargelegt, als sie sich jetzt herauszubilden scheint. Ich glaube, das; es sür das Verständnis des ganzen Fragen ko mplexes Judentum —Deutschtum sehr wichtig ist, gerade hier richtig zu sehen und sich die Sache nicht zu leicht zu machen. Wenn man nämlich einfach sagt: Alle Achtung vor dem begabten Manne, aber den Politiker geben wir preis — so wird man noch manche böse Ent- -täuschung erleben, vor der das deutschen Judentum bewahrt sein möge. Ehamberlain war ein Gelehrter großen Formats, der rmr leider — weil er romantischer Gelehrter war und blieb — einigen wissenschaftlichen Idiosynkrasien zum Opfer fiel. Seine unvergängliche Größe besteht darin, daß er in „Kant" und „Goethe" — übrigens auch schon in seinen „Grundlagen" — den Begriff der Fachgelehrsamkeit zerstörte. Weder Kant noch Goethe wollten Fachleute sein, aber die Fachleute — ihre notwendige Arbeit in allen Ehren — haben sie sür das Fach beansprucht. Ehamberlain hat sie wieder befreit. So leuchtend und verständlich Kants Gedanken — gerade auch seine schwereren — durch den Vergleich mit Goethe, Leonardo, Deseartes, Bruno, Plato dem „Laien" darzustellen, das wird so bald keinem mehr gelingen. Und auch „Goethe" ist urlebendig und plastisch empfunden und geschrieben. Dabei ist die D ur ch dringung der wissenschaftlichen Probleme Voraussetzung, tritt aber nicht aus dringlich hervor. Tie Fachgelehrten haben die beiden Werke scharf kritisiert, an manchen Stellen sicherlich mit Recht. Und nun das sür diese Betrachtung Entscheidende: Wahrend „Kant" zwar fast ganz frei von Resientiment ist, wird die reim Freude an „Goethe" doch schon wieder dadurch verdorben. Ganz abgesehen davon, daß Goethe als A n t i s e m i t ft i l i {i e r t ist. wird auch mit großer Umständlichkeit eine befremdende Stellenauslaffung eines jüdischen Goethe-Herausgebers, Guhrauer, besprochen und sehr viel Kapital dnraus geschlagen. Vor allem aber ist das Urteil im Schlußabschnitt bezeichnend: „Als Goethe die Augen schloß, begann das jüdische Zeitalter." Das große monumentale Werk, das sich mit Simmels und Gundolss Goethe-Büchern (soll man auch Emil Ludwig nennen?) zu einem unwioderholbaren Treigestirn zusammenschließk. ist so durch eine Idiosynkrasie verdorben. Das ist tief bedauerlich, aber es feststellen, heißt zugleich tiefer blicken in die Struktur unserer Zeit. Diese ist so aufgewühlt, so voller akuter Fragen, daß selbst das Veste und Größte davon äuge fr e sie n ist. Das sollen keine „mildernden Umstande" für Chamberlain. sein — nein, etwas viel Höheres: Eine besckstiincnde Erkenntnis und Warnung für alle die, die k antisemitischen Reyentiment stehen: Es verdirbt ihre Leistungen, und mögen diese noch so groß und hochgegrisfen sein, noch so rein und wertvoll sein. Tie ganze Tragik dieses „wissenschaftlichen" und doch nicht nur wissenschaftlichen Verhängnisses kommt aber in dem am wenigsten bekannten, aber für die Erkenntnis seines Wesens wichtigsten Buche Chamberlains zutage: „M e n s ch und G o t t^ Betrachtungen über Religion und Christentum" (1921, 305 große weiten). Hier ist die Antinomie in Ehamberlain, oder sagen wir lieber: die große Störung am offensichtlichsten. Es ist der Anfang vom Ende in Chamberlains Größe. Das Hohe seines Geistes kämpft einen letzten, aussichtslosen Kamps mit der Idiosynkrasie: das Werk bedeutet -eine großangelegte Apologie des Christentums — und zwar des Christentums im Sinne Chamberlains. Das heißt zunächst: daß ihm die geschichtlichen Behauptungen der christlichen Kirchen, wie man auch aus seinen übrigen Werken weiß, vollkommen gleichgültig sind und er souverän darüber hinwegschreitet. Daß das Buch auch wieder unglaubliche Stofsmasien — diesmal rcligionsgeschichtlicher Art — bewältigt, versteht sich bei Ehamberlain von selbst. Auch die alte philosophische Höhe des „Kant" und „Goethe" ist vielfach gewahrt. Aber mm: als eigentlicher Zweck, als das im ticfftcn — vielleicht nicht immer ganz bewußt — leitende Motiv stellt sich dem nachdenklichen Leser der Antisemitismus heraus. Tahin gehören nicht nur die vollkommen verblendeten, eines Werkes von solchem Format durchaus unwürdigen Angriffe auf die jüdische Presse, die fast di( ganze Menschheit verseuche, sondern auch sehr umfangreiche Betrachtungen über die Haltung Jesu und des Paulus gegenüber den Juden — alles mit der Tendenz, die Juden religiös, denke risch unk sittlich ermöglich zu machen. Ich möchte allerdings bemerken, das m der Unschädlichmachung mancher Chamlu?rlainschen Gedankengange dieses Bullys die Fa chchuw logen noch Arbeit haben, aber das ändert mn Eefamturteil nichts.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.