Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Erfolg im Kabareükampf. Es geht auch ohne „Marrfcheln^ in den Knbatcitä __ Verhandlungen mit Denr Syndikus des Internationalen Variet6theaterdirektorcn - Verbandes — Ein Brief des Professor Wiesenthal. Sehr. Unser Kamps gegen die „mauschelnden* K a - barelts. den wir mit selten einmütiger Unterstützung unserer Freunde in Berlin und im Lande führen konnten, geht einem erfolgreichen Ende entgegen. Die Einsicht hat gesiegt, so daß erfreulicherweise aus diesen: ernsten Streit um die Ehre des jüdischen Namens weder Sieger hervorgehen, noch Besiegte auf der Strecke bleiben. In einer Aussprache mit dem Direktor des Charlott-Kasinos in Berlin, an der auch der Syndikus des Internationalen Varietetheaterdi rektoren- Verbandes, Dr. Raphael, teilnahm, haben wir uns in leidenschaftsloser Weise über die Lage in den Kabaretts ausgesprochen und j überlegt, was in beiderseitigem Interesse nottut, um — gewollte oder ungewollte — Uebergrisfe und Ausschreitungen zu verhüten. Herr Generaldirektor Jacobsohn teilte uns in dieser Aussprache mit, daß Professor Wiesenthal seine Stellung im Charlott-Kasino verlassen habe, weil die Direktion sich - nicht vorbehaltlos hinter die Tendenz seines Repertoires stellen konnte. Zu gleicher Zeit erhielten wir einen Brief des Professor Wiesent h a l aus Dresden, in dem es heißt: „Ich bin kein dahergelaufener Bänkelsänger. Sie wissen, daß ich sechs Jahre das erste Kabarett in Wien hatte. . Christ und Jude ergötzten sich bei mir; jede Woche waren die Familie Rothschi l d, alle Hocharistokraten und selbst Potentaten aller Landes Gäste meines Unternehmens. Ich war Juni, Juli im Nelson-Theater, hatte 60 ausverkauste Häuser, das vornehmste Publikum war dort zu Gast . . . Wenn Sie wüßten, wie schwer mein Beruf ist. und wie schwer es ist, einen ganzen Abend hindurch Lachsalven zu erzeugen, könnten Sie verstehen, daß man hm und wieder ein Wort sagt, das man nicht sagen sollte, lind wie dankbar bin ich jedem, der mich daraus aufmerksam macht . . . Nie habe ich bewußt aus Konto eines Lacherfolges mein Judentum vergessen. Eine persönliche Rücksprache wäre mir sehr erwünscht; ich bin auch nicht abgeneigt, vor jedem Antritt eines Berliner Engagements mit Ihnen mein Programm durchzusprechen ..." Herr Professor Wiesenthal hat — wir wollen das gern zugeben —, als er nach Berlin kam, verkannt, daß die Berliner Verhältnisse ganz anders geartet sind als die in Wien. Nachdem er eingesehen hat, daß seine ausgezeichnete Begabung als Conferencier sich in Bahnen leiten läßt, die unserem Sdandpunkt entsprechen, ohne ihn in seiner Kunstausübung gewaltsam einzuengen, wird niemand Bedenken haben, daß Professor Wiesenthal, belehrt über die Grundeinstellung des deutschen Judentums, nach dem Charlott-Kasinv zurückkehrt, wo er nunmehr keinen Teil des Publikums verletzen, also ungeteilte Freude auslösen wird. Unser Kampf hat sich niemals gegen eine Person, sondern allein gegen das System gerichtet. Die Versicherung der Direktion des Charlott-Kasinos, daß in Zukunft alles vermieden werden wird, was auch nur den Anschein erwecken könnte, als wolle man mit der Verunzierung jüdischen Wesens ein Geschäft betreiben, nehmen wir gern zur Kenntnis. Abschließend können wir sagen, daß wir keinerlei Interesse daran haben, von dem Besuch der Kabaretts abzuraten, die nach des Tages Arbeit Erholung suchende Menschen abrenken und vergnügen wollen. Daß Geschmacklosigkeiten nicht Vergnügen, sondern Mißvergnügen bringen, haben die Kabaretts durch das dem Central verein ausgezwungene Vorgehen erkannt. Möge diese Erkenntnis andauern und Früchte tragen. Der MsienZarZt von Stolp. „Angehörige mosaischen Glaubens sind nicht erwünscht.- Am schwarzen Brett der Klinikcr schaf t der Charitö in Berlin hing folgender Anschlag: ,.S tädtischcs Krankenhaus Stolp sucht per 1. Januar 1927 zwei Mcdizinalprakrikantcn. Bewerber wollen sich bei vollkommen freier Station. Wohnung. Wäsche und monatlich 50 Reichsmark bei Prof. Dr. Creite melden. An gehörrge mosaischen Glaubens sind nicht erwünscht/ Es erschien kaum glaublich, daß ein aus öffentlichen Geldern unterhaltenes Institut in dieser Form Mitarbeiter juchen könne. In engster Zusammenarbeit zwischen dem Vorstand unserer Stolper Ortsgruppe und der Hauptgeschäftsstelle des C.D. wurde in kürzester Frist folgendes festgestellt: Weder der Oberbürgermeister von Stolp noch der genannte Professor Creite wußten etwas von dem Anschlag. Im Verlaufe der Untersuchung erinnerte sich freilich Professor Creite, daß er vor einiger Zeit den Wunsch geäußert habe, einige Praktikanten an das Stolper Krankenhaus zu bekommen. Einer seiner Assistenzärzte, ein Herr von ausgesprochen völkischer Gesinnung, vereinigte nun Diensteifer und Judenhaß in jenem Dokument, das am schwarzen Brett der Charite zu Berlin seinen Platz fand. Unserer Stolper Ortsgruppe-wurde offiziell dieser Sachverhalt mit dem Hinweis auf eine dem schuldigen Assistenzarzt erteilte Rüge zur Kenntnis gebracht und damit der Zwischenfall, soweit die Stolper Instanzen in Frage kommen, erledigt. Es bleibt aber die Frage: Hat in Berlin niemand von den g e s ch ä fst s - führenden Herren der Klinikerschaft den^nach Sachlage und Empfinden unmöglichen Zusatz auf der von Stolp übersandten Ankündigung gesehen? Zum Reichspräsiüenten-besuch in Draunschweig. Eine Enlschulvigung des Ministeriums. Wir berichteten in Nr. 3 der „C. V.-Zeitung', daß bei dem Besuch des Reichspräsidenten Hindenburg in Braunschweig wohl die Vertreter der Protestantischen Geistlichkeit, nicht aber die der katholischen Kirche oder der jüdischen Religionsgemeinschaft zu der Feier im Tom eingeladen waren. Der Minister Marquardt hat nun in Beantwortung einer kleinen Anfrage des Abgeordneten Volkland im Braunschweiger Landtag dem Präsidenten des Landtags die Abschrift seiner schreiben an die Herren Dechant S t o l t e und Landesrabbiner Tr. W i l h e l m mitgeteilt, mit dem Bemerken, daß eine Verletzung des Grundsatzes der Gleichberechtigung der verschiedenen 9Mu3ton§6efenntrth|e nicht beabsichtigt war. Die Schreiben lauten: „Auf das gefl. Schreiben vom 18. d. M. erwidere ich ergebenst, daß es bei dem Besuche d^es Herrn Reichspräsidenten in Anbetracht der beschränkten räumlichen Verhältnisse zu meinem lebbarten Bedauern nicht möglich gewesen ist, den Kreis derjenigen Personen, die an den einzelnen Veranstaltungen teilnahmen, in dem Maße weiter zu ziehen, wie es von seiten des Staatsministeriums selbst wohl gern gewünscht worden wäre. Tie Beteiligung des Herrn Stadtkrrchenrats Runte erfolgte, weil der Herr Reichspräsident den Dom Au besuchen wünschte; der Herr Dompropst Dr. v. Schwartz war auf Urlaub, und nicht in Braunschweig anwesend, so daß Herr Stadtkirchenrat Runte seine Vertretung übernahm. Ich bitte, sich davon überzeugt halten zu wollen, daß es durchaus ferngelegen hat, die katholische Kirche oder die jüdische Religionsgemeinschaft bzw. deren Angehörige oder den an deren Spitze stehenden Geistlichen zu übergehen oder zurückzusetzen, daß vielmehr ausschließlich die oben erwähnten äußeren Gründe der nötigen Beschränkung der Personenwahl maßgebend gewesen sind/ Dir Regierung sieht keine Veranlassung. Die völkische SittlichkeitSansrage. Anfang November vorigen Jahres brachte die völkische Reichstagssrakiion eine „Kleine Anfrage' ein, die sozusagen eine große Unverschämtheit darstellte. Unter Hinweis njif einige von Juden begangene Sittlichkeitsverbrechcn wurden generell von der Negierung verschärfte Maßnahmen zum Schutze der deutschen Mädchen und Frauen vor jüdischer: Sittlichkeitsverbrechern gefordert und eine Reihe praktischer Vorschläge in der in diesen Kreisen nicht ungewöhnlichen Forn: gemacht. Diese „Kleine Anfrage' enthielt sogar folgende Stelle: „Im Zusammenhang damit steht die weitere Tatsache, daß sich auch in diesen Fällen erwiesen hat, daß jüdische Ehefrauen durchaus nichts dagegen einzmvcnden haben, wenn ihre Mariner m:d Söhne delltsche Hausgehilfinnen, weibliche Angestellten usw. mißbrauchen' In der „C. V.-Zeitung' Nr. 49 hat sich die Reichstagsabgeordnete Frau Dr. Luders volK- Entrüstung gegen diese Form parlamentarischer Arbeit gewandt und hatte fcenen geraten, die im Glashaus sitzen, nicht mit Steinen zu werfen. Das Neichstagspräsidium hatte den guten Geschmack bewiesen, die Anfrage erst dann zuzulassen, als die von uns eben zitierte Einschaltung fortgelassen war. Wie jetzt bekannt wird, bat der — bisherige — Reichsjustizminister Dr. Bell die „Kleine Anfrage' wie folgt schriftlich beantwortet: „Die Neichsregierung sieht zu Maßnahmen der in der Anfrage bezeichneten Art keine Veranlassung. Die bestehenden gesetzlichen Vorschriften geben die Gewähr, daß gegen Verfehlungen der erwähnten Art mit Nachdruck eingeschritten werden kann/ Die völkische Presse kommentiert in entrüsteten Ausrufen dieses „Versagen' des höchsten Hüters des deutschen Rechts gegenüber den rassischen Notwendigkeiten und macht aus dem eindeutigen klaren Schlußwort der Antwort „kann' das vieldeutige „können' und folgert daraps, daß kein „müsse" beabsichtigt gewesen sei.