Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das OWLÄttW i& Charakteristisch für den Ausfall der Wahlen in Thüringen ist. daß die nationalsozialistischen und völkischen Parteien, die Träger der antisemitischen Bewegung, in Thüringen nur 39 000 Stimmen aufbrachten gegen 81 000 bei der Landtag?- tnahl 1924 und 45 000 bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924. Auch in Thüringen fd>cint die sudenfeindliche Demagogie wenigstens parteimäßig ihre Anziehungskraft verloren zu haben. Große Verluste weist auch die Einheitsliste, auf der sich die Nationale Lolksparlei. die Dolkspartei, der Landbund und die Zentrum?Partei zusammensanden, aus. Ihre Stimmenzahl siel um 63 000 Stimmen, fast um ein Fünftel gegen die Neichstagswahl am 7. Dezember 1924 und sogar um 150 0000 gegen das Ergebnis der Landtags lvahl vom '0. Februar 1924. Ihre Wähler gingen zum Teil auf die Wirt, chastspartei über, ebenso wie von den Semofia kn, die unbefriedigend abschnitten, ein erheblicher Teil zu den „^parern^ abwanderte. Gut hielten sich die Sozialdemokraten, die ihre Stimmen um 12 000 auf 262 000 erhöhen konnten, und auch die Kommunisten vereinigten auf sich die Stimmenzahl. die sie bei der letzten NeickMagswah! erhielten. Die Wahlbeteiligung betrug rund 78 Prozent, etlvas mehr als bei der Neachr-ta^swahl, dort) 12 Prozent weniger als bei der Landtaaswahl vom Februar 1924. Tie Ab geord ne t.en za hl ist von früher 72 auf. 53 herabgesetzt. Wir lasten nunmehr die Wahlzisfern für die drei letzten Wahlen in Thüringen folgen. 30.1. 27 7.12.24 10. 2. 24 Landtags- Reichstags- Landtagswähl Wahl Wahl Einheitsliste..... 270 625 333 766 422 246 Wirtschastspartei . . . 75 500 34 334 — Nationalsozialisten . . Deutschvölkrsche Frei¬ 29 918 44 577 81 412 heitsbewegung . . . 9137 — — Demokraten. 26 531 43 050 — Sparer. 23 156 — — Sozialisten . . . „ 262 827 250 262 210165 Kommunisten .... 113 470 107 806 162 128 Komm. Arbeitsgemeinsch. 3 874 Dr. R. tr- U, Ü: -iÜ 1> \ 11( \l U lU4 fAA tA -s AA fO & Ä- ♦ Im berühmten Jenaer Volkshaus am Vorabend der Wahl — großer-Maskenball. So blieb Herrn v. Graefe.^ dem Führer der Deutschvölkischen Freiheitspartei, nichts anderes übrrg, als im Burghof vor seinen Getreuen zu sprechen. Die Konturrenz im Volkshaus machte sich fühlbar. Nicht viel mehr als hundert deutsche Männer und Frauen, darunter ein halbes Dutzend Studenten mit schön bestickten bunten Kappen, hatten sich um ihren Meister versammelt, als ich den Saal betrat. Herr v. Graefe reist nur mit einem Manuskript, und wenn er ins Stocken gekommen wäre, hätte ich ihm aushelfen können. Alte mecklenburgische Kost — nicht das erwartete Thüringer Spezialgericht. Die letzte Viertelstunde feiner Schimpfkanonade auf die Deutschnationalen und — die Juden war allein von einigem Interesse. Es war nämlich angesragt worden — man kennt solche An- ' fragen, die stotternd vorgelesen werden, obwohl sie oft im Selb st - Verlag erschienen find —, weshalb sich v. Graefe von seinem : Sozius Hitler getrennt habe. Mit sichtlichem Behagen und wohlvorbereitet gab v. Graefe die Antwort. Wer das Rätsel lösen wolle, müsse „Torwächter" und „K üf e>r* erra tcn. Man habe 11 rsprün 3» lich geglaubt, Hitler solle der Torwächter in Süddeutschland sein (Arbeitersport) und er (Graefe) der Torwächter in Norddeutschland (Bürgersport). Hitler habe sich in klastenkämpferischen Gcdankengängen den Arbeitern verschrieben, was er, Herr v. Graefe, im Interests des sozialen Ausgleick-s nicht mitnachen könne. Trotz dieser Trennung glaube er an eine große, mge völkische Bewegung, auch wenn er fie nicht mehr erleben *rde. Der gärende Mo st verursache immer -das .atzen von Schläuchen. Aber eines Tages werde der Küfer Kommen, der das Spundloch schließt, nachdem der Wein umgegoren list. Und dann Heil! Das Wahlergebnis in Jena Zeigte- — 30 5 Anhänger Graefe s. <§Hier hat es aus 956 Wühler — in seiner Versammlung waren 2000 Menschen anwe'cnd — in Jena aeoracht. lieber ,h\e Besetzung der großen Hitler-Versammlung, sagt der ^Hitlersche Spitzenkandidat Dr. Arthur Dinter, in seinem „National- 0 zraliste n~: „Hitler mußte sich mit großem Energieaufwand Imählich auf ein unerhört zähes Publikimr cinstelten, das etwa .zu keinem Drittel aus akademischer Bürgerschaft, einem Drittel indifferenter Menschen und einem Drittel marxistischer Arbeiterschaft bestand; der eine Teil verkalkt, ein anderer fanatisch verbohrt und verwirrt, der kleinste Teil offenen Herzens für die Idee des Nanonalsozialismus." Daß die Völkischen insgesamt in Jena sich gut behauptet haben. ist zweifellos aus das Konto Hitlers zu fetzen, der ve^^ör*Ct polizeilicher Bedeckung die Musenstadt betrat 'und sie Erwin Kisch hätte seinen „Rasenden Reporter" nicht schreiben können, wenn er durch das Thüringer Ländle in Richtung Gera hätte fahren muffen. Dreißig Kilometer die Stunde ist das höchste, was jold) ein Maschinenkraxler schaffen kann. Und trotzdem hat fich in Gera ein Industriezentrum herausgebildet. von besten Bedeutsamkeit kein geringerer als unser Oskar Tietz schon in jungen Jahren bereits überzeugt war. Wenn die Völkischen rn Gera eine schwere Niederlage erlitten haben, fo 1 st das nichtZ ul etzt der ausgezeichneten Arbeit JJf ® j entratvereins in Thüringen zuzuschreibe n, die fich besonders auch in Zella-Mchlis, Waltershausen, Sonneberg, .Valzungen, Dorndors und. Stadt Lengsfeld vorbildlich bewahrt hat. Daß in Gera der Wahlkampf auffällig unanständig geführt worden ist, hak niemand mehr bedauert als der Cent rat verein, dosten Aufklärungsarbeit durch Ruhe und Sachlichkeit unter diesen Umständen doppelt angenehm hervorstach.. Was soll man dazu sagen, daß die angesehene „Gera er Zeitung", das offizielle Organ der Deutschen Volks Partei, ihren Lesern die Karikatur der Barmat in einer Form vorge^tzk hat, die dem deutschen Witzblatt des Herrn Kunze zur Ehre gereicht hätte. Tie gegenseitige Verhetzung hat denn auch dazu geführt, daß es in einer nationalsozialistischen Versammlung, in mußte. Daß bei der Wahl ein gut . , der Versenkung verschwunden ist — von 3159 Hitler-Mannen blieben noch 956 übrig —, ist begrüßenswert und zeigt, daß dort, wo Aufklärungsarbeit geleistet wird, auch Erfolge erzielt werden. * Zu einem besonders unangenehmen Auftritt zwischen dem völkischen Redner Gängler und dem Vorsitzenden unserer Ortsgruppe Vacha, Adolf N u ß b a u m, kam es in einer Versammlung in Stadt Lengsfeld. Herrn Nußbaum wurde das Wort verweigert, weil er kein „Deutscher" sei. Die Mehrheit der Versammlung wünschte, daß Herr Nußbaum sich zu den schweren Angriffen auf die Ehre des Judentums äußern sollte. Plötzlich zog Herr Gängler einen Revolver aus der Tasche und zielte auf Nnßbaum. Jetzt bemächtigte sich der Versammlung eine gewaltige Aufregung. Herbeigerufene Polizei entwajfnete den 'Redner. Es stellte sich heraus, daß der Waffenschein bereits im Mai v. I. abgelausen war. In dem großen Tumult konnte die Versammlung nicht zu Ende geführt werden. Herr Gängler zog sich schleunigst nach Bayern zurück, ohne die von ihm angckündigten Versammlungen abzuhaltcn. * Während Hitler in E isenach vor zahlreichem Publikum ungestört sprechen konnte, ging es rn einer Versammlung des Abgeordneten Straffer recht stürmisch her. Es kam Zn einer blutigen Schlägerei, bei der es zahlreiche Verletzte gab. Die polizeiliche Räumung des ^aales machte der Schlacht ein Ende. Aehnlich erging es Tr. Dinter im größten Saale des durch seine Spielwarenindustrie berühmten Sonneberg. Unangenehm fiel schon auf, daß sich Dinter bewaffneten Schutz aus Koburg hatte kommen lasten, dem von der Polizei rechtzeitig Revolver und Dolche a b g e n o m m e n mürben. Drei Stunden lang sprach der Referent, offensichtlich so lauge, um eine Klärung der Meinungen unmöglich zu machen. Als in der A usspräche ein Redner die Verleumdungen der jüdischen Mitbürger treffend zurückwies und die Nationalfozialisten sich anschickten, die Verkündung dieser Wahrheit unmöglich zu machen, sah die Menge, welch freoentliches Spiel mit ihr getrieben werden sollte. Herr Dinter verzichtete, da er die Lage erkannte, auf sein Schlußwort, ließ einen dichten Kreis von Polizisten um sich bilden und verschwand. * Wir müssen den Mut I>akn anzuerkennen, daß die Versammlungen Hitlers in Den beiden ehemaligen 'Residenzen Meiningen nui> Gotha glänzende persönliche Erfolge bedeuteten. Berner-