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Central-Verein-Zeitung · 1927-02-04 · 5 (4.2.1927) · p. Seite 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
5 (4.2.1927)
Date
1927-02-04
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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5$ semitisch durchsetzt. Kann also ein deutscher Gerichtshof einem Völkischen -gerecht werden? Völkische Führer werden wegen Meineids abgeurteilt, wegen A n ft i f t u n g z u m M o r d e mit hoher Gefängnisstrafe belegt, völkischen Gelehrten wird von UmversitäLsbehörden dw Erlaubnis, Vorlesungen zu halten, entzogen, völkische Geistliche ihres Amtes enthoben, völkische Schriftsteller werden wegen Verleumdungen mit beträchtlicher G e s ä n g n i s st r a f e oder G e l d b u ß e belegt — die völkische Straße, die völkische Presse schreien ihnen allen weiter Halleluja zu. Sie tauchen nicht in einem einsamen Städtchen unter, um endgültig Politik und Partei abzusagen. Tie offenen Arme begeisterter Anhänger nehmen sie auf und tragen sie empor zur neuen, alten Führerschaft als leuchtende „Märtyrer" der Bewegung. Du schüttelst den Kopf, du gewöhnlicher Sterblicher? Tir wollen solche Anschauungen, solche Taten nicht eingehen? Tu hast recht! Aber es ist so, wie wir schreiben. Gefängnisstrafe, Geldbuße, selbst wegen ehrenrühriger Handlungen, sind für viele, ach so viele Völkische, nur — ehrenvolle Narben am Körper ihrer Helden, derensich hier und da zu rühmen weder Vorwurf noch gar Schande bedeutet. Und so werden Lippert, Rudolph und gar Gieseler und die anderen sich wohl wie bisher in der Gunst ihrer Anhänger sonnen. Ob diese Sonne auch den Wiener Professor Viktor O t t e noch milde bestrahlen wird? Er soll völkische Führer verketzert haben. In welcher undurchsichtigen Art? Erst bescheinigt dieser Vorsitzende des „Bundes der unterdrückten Völker" seinem Gesinnungsgenossen Gieseler an Eides jStatt, die duftigen Schilderungen Gieselers über Hirtjiefers Wiener Abenteuer vor Gericht 31t vertreten. Tann sagte er aus, diese eidesstattliche Versicherung sei ihm von Gieseler „in frivoler Weise abgelockt worden". Und der Abgeordnete Ko er ne r vermutet darüber, -in Wien „sei ans Otte eine unerhörtePression ausgeübt worden". Lösemir, Graf Oerindur, dieses Rätsel der Natur! Schade, daß Koerner nicht näher offenbarte, wer der Urheber dieser „Pression" gewesen sein dürfte. Wirklich keine .Hudenmache"? Doch der Fall ist ernst genug. Ter Völkische „vermutet" überall. Der Sprung ins Dunkle, ins Mystische ist zur einfachen Lösung verwickelter Zusammenhänge beliebt. Um Weltkrieg und deutschen Zusammenbruch, um deutsche Republik und Inflation jedem Abc-Schützen in „ihren letzten Ursachen" zu verdeutlichen, „kommen auch zum Vorschein Bärte, schattig lange Bärte". Die „Weisen von Zion" stehen — hingestellt vom völkischen Zauberstabe — plötzlich aus der Weltbühne und „regieren" das All. Sie sind dem Völkischen erst Vermutung, dann Gewißheit. Welche Entgegnung gebührt einem ernsten Völkischen, der den Sitz dieser höchsten Leitung in einer Unterhaltung mit mir, der die Oberleiter schon namentlich benannte? Einem so überzeugten Völkischen wird keine noch so gediegene Aufklärung frommen. Es verlohnt die Mühe nicht. So werden auch die gerichtlichen Feststellungen, die stattlichen Strafen im Prozeß Hirtsieser nicht aufklärend aus die Betroffenen wirken. Trotzdem sind sie nützlich, sehr nützlich sogar. Denn solcher Prozeß bringt Arbeit. Unannehmlichkeiten über Unannehmlichkeiten und kostet viel Zeit. Schließlich sind zwei Monate Gefängnis, 2000 Mark Geldstrafe und beträchtliche Gerichtskosten auch kein Pappenstiel. Tr. Lippert und Rudolph werden das nächste Mal viel, viel vorsichtiger sein und sich sehr überlegen, selbst Herrn Krause oder Lehmann etwas aufzuhängen, mag auch dieses Etwas in frischer Packung aus dem völkischen Fraktionszimmer des Landtags verschickt werden. Die Prozeßakten des 6. V. bergen mannigfache und wahrhaft unterhaltende Beiträge zum Kapitel: Völkische Beschimpfung und Unwahrheit und deren Sühne. Unnachsichtige gerichtliche Verfolgung, die wir in Hunderten von Fällen betrieben haben und betreiben — nicht aus Rachsucht, sondern um des guten Rufes der Kläger . willen —, hat schon oft das erwünschte Ziel gehabt: die Stäupung in der Urteilsbegründung, die Geld- oder Gefängnisstrafe als Denkzettel und damit die dringlichste Mahnung zur Vorsicht und Zurückhaltung. Und eine Schlußfrage: Wenn es so am grünen völkischen . Holze aussieht, wie erst am trockenen? Wenn so die W a h r - Uh eit von den Führern mißbraucht wird, was kaffen die ‘ Anhänger erwarten? Mar Wundt schreibt: Ringen um die völkische Weltanschauung bedeutet Ringen um die Wahrheit selbst. Dann sind weder Lippert noch Gieseler noch Otte völkisch. von öer neuen Negierung. Erst Gracf, jetzt Hcrgt. In die neue Negierung ziehen vier deutsch nationale Minister, in das Mimsterzimmer des R e i ch s j u ft i z a m t e s in der Boßstraße zieht H e r g t ein, Staatsminister a. D„ Führer der Deutschnationalen Bolkspartei, solange sie in der Außenpolitik einheitlich war, Ersatzmann für seinen Parteifreund Graes vom äußersten völkischeu Flügel seiner Partei, der nur beinahe Reichsjustizminister geworden wäre. ,Der Reichsjustizminister Herat ist zweimal in jüdischen Kreisen besonders bekannt geworden, das eine Mal handelt es sich um die berühurte Korrespondenz mit dem Konsul M a r x, in der es hieß, daß jndi'che Herrschaften, die bereit leien, die entsprcchcudcn Lp:er zu bringen, das heißt also im erwünschten Umsange in die Taschen zu greisen, der Deutschnationalen Volkspartei als Mitglieder willkommen seien. Das ist nun schon lange her, und im letzten Reichstagswahlkampse . hat sich die Deutschnationale Vvlksparrei als die „große völkische Partei" angepriesen. Sie verfolgte dabei d i e s e l b e T e 116 e n 3, die der Parteiführer H e r g t, heute R e i ch s j u st i z m i n i st e r, bereits im September 1919 ein! eite Le, als er auf dem Parteitage der Teutschnationalen in Greifswald seiner lleberzeugung folgendermaßen Ausdruck verlieh: „Die antisemitische Wette wird den kommenden Wahlkampf für die Terrtschnationalen noch außerordentlich erleichtern." Taß nach dem d e u t s ch n a t i 0 n a l e n SchutzpaLronai über alles Völkische der jüdische Deutsche demschnationaler Negierungskunst mit besonderem Vertrauen entgegensetzen kann wird man billig nicht erwarten. Abwarten und scharf a u f m e r k e n , ist unsere. Losung! Keine Hebräer: Deutsche! Fragebogen von Lloyd und Hapag. Die q m er i f n n i f dj e n E i n w a n d e r u n gZ b e h ö r d e n haben einen Fragebogen entworfen, der 3 3 Rubriken answeist und unter anderem auch die sehr wichtige Frage stellt, ob man beabsichtigt, die Negierung zu stürzen oder sich an der Ermordung von Regierungsbeamten zu beteiligen (so lautet die Spalte 24!). Wenn die SpaLte 10 lautet: Rasse oder Volk, so ist für Einwanderer in die Vereinigten Staaten dieser Sprachgebrauch (Raffe) bei der vom völkischen Gebrauch abweichenden Bedeutung des englischen race keineswegs schwer zu nehmen. Zu dieser Spalte 10 werden als Erläuterung 46 verschiedene Raffen- oder Volksbezeichnungen cmsgeführt, von denen man eine für sich in Anspruch zu nehmen genötigt ist. Daß unter diesen 46 auch die für unser deutsches Sprachempfinden etwas ungewöhnliche Bezeichnung „Hebräer" für Juden gewählt wird, gibt schon zu denken. Es taucht sofort die Frage (die ja für uns keine ist) aus: Mit welcher Bezeichnung soll sich der jüdische Deutsche eintragen? Da diese Angelegenheit für uns grundsätzlich ist. so hat sich der E. V. an die H a P a g und nach denVereinigten Staaten mit der Bitte um restlose Aufklärung gewandt. Die Bescheide, die wir erhielten, sind ungenügend. Wir würdigen es, wenn 0 st j ü d i s ch e Auswanderer, die Ln einzelnen Staaten des alten Rußland als Minorrtätsvölker anerkannt sind und die sich als Angehörige eines jüdisch-politischen Volkes fühlen, sich als „Hebräer" eintragcn. Das ist ihre ureigenste Angelegenheit, die uns jüdische Deutsche nicht im mindesten betrifft und für uns und die Eintragung auf dem Fragebogen vollkommen bedeutungslos ist. Damit aber nun ganz klar wird, was gemeint ist, veröffentlichen wir heute einige Sätze aus einem streng vertraulichen Rundschreiben des „Norddeutschen Moyd", das uns ein günstiger Zufall auf den Schreibtisch führte. Ter Norddeutsche Lloyd erlaubt sich, anscheinend für seine Agenten, anzuordnen: „Inden dürfen nicht als Deutsche, sondern müssen als Hebräer angegeben werden." Das ist eine unglaubliche Herausforderung eines Privat- Unternehmens, die wir uns entschieden verbitten. Zu welchem Volke wir uns zählen, hat unser Herz und unser Wille schon seit Jahrhunderten aus deutscher Heimaterde entschieden, und die A n - Ordnungen von Schiffahrtsgesellschaften und E i n w a nd e r u ng s b e h ö r d e n sind uns d a h11 äußerst gleichgülti g. Wir fordern daher alle unsere Mitglieder «rrd Freunde, die nach Amerika reisen, energisch auf, in die Spalte IO des Fragebogens als Volkszugehörigkeit nm „Deutscher" einzutragen und mit dem Gleichmut der kf!c« Hebet* rerrgrrng aklen Folgen entgegenzusehen.

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