Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 46 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 zeugung verschafft, daß eine antisemitische Gesinnung der deutschen Sacl)e nur schade. Ich kann hierfür als einen sehr charakteristischen Beweis die Tatsache anführen, das; jener Herr K n o l l m a n n ,.der konservative Parteisekretär, der die von Kollenscher behauptete Anregung fernem konservativen Parteichef zu überbringen beabsichtigt haben soll, gezwunaen worden ist. zur Vermeidung seiner Ausschließung aus dem Deutschen Volksrat ausznscheiden, weil er außerhalb des Bvltsrats bei den Wahlen zur Rarwimlversammlnng in einer Wahlrede eine gelegentliche antisemitische Aeuherung hat fallen lassen. Ein Verständnis dafür, daß man persönliche und Parteimäßige Bedenken im Interesse einer höheren Einheit zurückstellen kann und unter Umstünden muß, darf man freilich von Tr. Kollenscher nicht erwarten. Kollenscher geht wiederum leichtfertig mit der Wahrheit um, wenn er sich erkühnt, die Behauptung aufzustellen, der C. B. sei in Posen zu einem Nichts geworden und habe cs an einem entschlossenen Einschreiten für die Rechte der Juden fehlen kaffen. Einiges über die Tätigkeit des E. V. ist in meinem Artikel bereits gesagt. Ten Vorwurf der Feigheit verdient derjenige, der ans Gründen der Sicherheit mit der jeweilig vorhandenen. Macht paktiert und in dem Augenblick versagt, wo er mit seiner Person für seine Grundsätze einstehen soll —nicht aber, wer ohne Rücksicht auf persönliche Gefahr in der Not des Vaterlandes und im Kampfe gegen die Machthaber für sein Volkstum eintritt. Jetzt, wo ich mich und den E. V. gegen einen schnöden Angriff verteidigen muß, empfinde ich es als eine Genugtuung, daß der Deutsche Volksrat mir, der -ich in ineiner Eigenschaft als Vorsitzender des C. V. und als Vertreter der dorrt sehen Juden in ihm tätig war, beim Abschied das Zeugnis ausgestellt hat, „es werde mir nicht vergessen werden, daß ich nüt wenigen deutschen Männern in ernster Zeit und unter Mißachtung persönlicher Gefährdung dem bedrohten Deutschtum -halt und Stütze zu geben versucht habe*. Bei )vem ist die Vorsicht zu finden, die der bessere Teil der Tapferkeit ist? Kollenscher bringt es sogar fertig, Engen Fuchs gegen mich auszuspielen und die Tätigkeit des E. B. in den kritischen Posener Tagen mit den Grundsätzen unseres großen Führers in Widerspruch zu setzen. Ich kann es bezeugen, und es wird für mich ein unvergeßliches Erlebnis bleiben, daß Engen Fuchs, mit dem ich im Dezember 1918 Richtung, Ziel und Mittel der in Posen zu führenden Politik besprochen habe, unsere Tätigkeit und unsere Vorschläge restlos gebilligt hat. Es ttxu mir höchste Genugtuung, daß er festst eilte, der E. V. in Posen habe den von ihm verkündeten Grundsatz der Synthese zwischen Deutschtum und Judentum in mustergültiger Weise praktisch verwirklicht. Kollenscher hat es nicht einmal versucht, Eugen Fuchs u verstehen. Er verwirrt wiederum die Begriffe, wenn er den Anspruch von Eugen Fuchs, daß in der Ostjudensrage wesentliche Unterschiede zwischen der Auffassung des E. B. und der der Zionisten nicht vorhanden seien, für seine Gedankengänge in Anspruch nehmen will. Als ob es sich bei den Posener Juden um Ostjuden handelte; als.ob auch nur Herr Kollenscher der Typus eines Ostjuden wäre! Er ist es so wenig, daß er sich in den Kulturkreis der deutschen Juden zurückgezogen hat und nicht auf seinem Posten dort verblieben ist, wo nach seiner — freilich irrigen — Meinung und unter seiner Führung eine Verschmelzung zwischen den Oftjuden Galiziens und Kongreßpolens mit den Juden der deutschen Provinzen sich vollziehen sollte. Es war höchst unvorsichtig, wenn in der Vorbemerkung zu dem Kollenfcherschen Artikel gesagt ist, der Bericht der „Frankfurter Zeitung* vom 19. Dezember 1926 über die Lage in Posen zeige deutlich, wie richtig die.Politik des Jüdischen Doltsrates in Posen gewesen sei. Der Bericht ergibt das gerade Gegenteil. Tort ist folgendes zu lesen: „Zwar ist namentlich in der Ha-uptst-adt (Posen) der Zuzug aus Kongreßpolen und Galizien hinzugekommen. Aber diese Elemente bilden eine Sonderklasse, die nach ihrer ganzen Haltung dem westeuropäisch empfindenden, in der deutschen- Kultur ausgewachsenen Posener Juden fremd ist. Hier formt auch die gemeinsame Religion keine Brücken. Es sind seelisch-geistige Verschiedenheiten, die diese beiden Typen eines Stammes stärker trennen, als es etwa zwischen den Bekenneru zweier verschiedener Religionen der Fall ist .... Es ist übrigens nicht ohne Reiz, daß für die meisten Polen der „Jude* in dm abgetretenen. Gebieten gleichbedeutend mit „Deutscher' ist. Da der Jude st e ts a n d e m Deutschtum hielt undnoch hält, so wird er doppelt gehaßt.* Nichts kennzeichnet klarer die Verkehrtheit der von Kollenscher geführten jüdischen Poltik, nichts beweist besser, daß die Voraussetzungen, auf denen die Politik des Jüdischen Volksrates aufaebmck war, nur in der Einbildung seiner Führer bestanden. Tie innere Verbundenheit dec Posener Juden mit dem deutschen Volkstum hat sich in den Fährden und Nöten des Vaterlandes durch die freie Wahl der inneren und äußeren Schicksatsgenwinschast bewährt. Dies gilt, wie der objektive und imparten'sche Bericht der „Frankfurter Zeitung* zeigt, auch von denjenigen deutschen Inden, die in den abgetretenen Gebieten verblieben sind. Für die Geschichtsbetrachtung bedeutsam ist die Feststellung, daß auch bei den Führern des Jüdischen Volks rat es das Zngehörigkeitsgesühl zum deutschen Volkstum stärker ist, als sie es selbst wahrhaben wollen. In einem vorübergehenden- Rausche mag ihnen die Erkenntnis der in ihnen wirkenden und tief wurzelnden Kraft der deutschen Gesinnung zeitweise verlorcngegangen sein. Ihr deutsches Voltsgefühl erwies sich jedoch — ihnen selbst unbewußt — al§ so mächtig, daß sie ihr eigenes Schicksal im Gegensatz zu ihrer Ideologie, aber unter dem unwiderstehlichen Zrvange eines inneren Antriebes, so gestalteten wie alle Posener Juden. Der Versuch Köllenschers, das Fiasko der von ihm geführten jüdischen Politik jetzt plötzlich in einen Erfolg mnzudeuten, scheitert an den Tatsachen. Aufrichtiger und ehrlicher waren die — manchmal tragisch anmutendeu — Ressentiments in seinem Buche, in denen er den unleugbaren Mißerfolg offen zugesteht. Der neuei e Artikel von Kollenscher bleibt bemerkenswert, weil er in aller Deutlichkeit zeigt, wie sich bei ihm die falschen Vorstellungen gebildet haben. In allen Punkten konnte ihm nachgewiesen werden, daß seine Darstellung keinen Anspruch auf objektive Wahrheit erheben darf. Ich bin weit entfernt, zu glauben, daß er sich dessen auch nur bewußt ist. Wie auch sonst in seinem öffentlichen Auftreten zeigt Kollensther in dem Artikel von neuem eine rein subjektive Einstellung, Befangenheit und Einseitigkeit des Urteils, mangelnde Fähigkeit. Andersdenkende zu verstehen und ihre Beweggründe zu würdigen, und eine jedes Maß überschreitende Hemmungslosigkeit, eine geistige Verfassung, die ihm den Blick für Menschen und Dinge trübt, und ihm eine objektive Erkenntnis, geschweige denn ein objektive Geschichtsdarsiellung, unmöglich macht. Auch bei Anerkennung der Lauterkeit seiner Absichten und der idealen Motive seines politischen Kampfes wird man seststellen müssen, daß Kollenscher — ans den gleichen inneren Ursachen — als Geschichtsschreiber ebenso versagt wie als Politiker. Adolf Warschauers lebenserinnerungen. Von Professor Sr. Georg A!inde-Pouei. Im Berlage von Reimar Hobbing in Berlin sind die Lebenserinnerungen des jetzt in Berlin im Ruhestände lebenden früheren Posener Archivrats Prof. Dr. Adolf Warschauer erschienen, die rn ihrem Hauptteil seine dreißigjährige Wirksamkeit in Posen (1882 bis 1912) darstellen, aber auch seine Breslauer Lehrjahre und seine spätere Arbeit in Danzig als Archivdirektor (1912 bis 1915) und in Warschau als Leiter der Archivverwaliung bei dem deutschen Generalgouvernement während des Weltkrieges (1915 bis 1918) miteiubcziehen. Diese Erinnerungen führen den Titel „T e u t s ch e Kulturarbeit in der D [t m a r f", weil das Leben und Schassen dieses weit über Posen und Danzig hinaus bekannten Gelehrten eng verbunden war mit der das gesamte öffentliche Leben in der Ostmark in diesen Jahrzehnten beherrschenden. Kulturpolitik und er einer der Träger dieser Bewegung gewesen ist. So rollt sich vor uns das Leben eines Gelehrten ab, der in stiller Arbeit die vielen Werke schuf, die ihn zum Geschichtsschreiber der Provinz Posen gemacht haben, der aber zugleich immer mitten in der Oesseutlichkeit stand, um durch Rat und Hat jene große Kulturarbeit zu fördern, die die Blüte der Ostmark herausgebracht hatte. Daher wächst die Bedeutung des Buches über eine Selbstbiographie hinaus und wird zu einer Geschichte der Preußischen Kulturpolitik in der Oftmark, soweit der Verfasser an ihr Anteil gehabt hat. Ein besonderer Reiz des Buches liegt in der Charakterisierung der großen Zahl von Männern, die als führende Persönlichkeiten, in der Politik, Verwaltung. Wissenschaft und Kunst eine bedeutsame Rolle gespielt haben und unter denen oder mit denen der Verfasser gearbeitet hat. 'Alle, die der Öeschichte des geistigen Lebens in der deutschen O st m a r!, besonders in Breslau, Posen und D a n - zi g, und den politischen und kulturellen Ereignissen in Warschau im Weltkriege Interesse cntgegenbringen. erhalten in diesem Werk eine aus nächstem und regstem Miterleben geschriebene, fesselnde Darstellung. Auf dieses Buch auch hier an dieser Stelle hinzuweisen. geben die zahlreichen Abschnitte Anlaß, die das besondere Interessengebiet der Leser dieser Zeitung betreffen. Diese Lebenserinnerungen bezeugen immer wieder den st a r k e n Anteil Warschauers an der Erforschung der Geschichte der Inden, besonders der Posener Juden, und erzählen von vielen hervorragenden Juden, mit denen er durch persönlichen oder dienstlichen Verkehr eng verbunden war oder feine ausgedehnte Kulturarbeit gern einsam geleistet hat. Ein eigenes Kapitel (S. 242) berichtet über seine Mitwirkung bei der Gründung des G e s a m t a r ch i v s der deutschen Juden in Berlin 1910, dem er dank seiner amtlichen Stellung und seinem wisseuschastlickfen Ansehen die Förderung des * Generaldirektors der preußischen Staatsarchive sicherte. Ein Vorfall in Posen, den er mitteilt, liefert einen Beitrag zur Frage der Ausschließung der I u d e n von der M i t g l i e d s ch a s t der Freimaurerlogen (S. 31). Seine Warschauer Eindrücke, voll von lehrreichen kulturpolitischen Mitteilungen, erwähnen im Anschluß an die nationale Einstellung der Juden eine moderne Leaendenbildung über den Rabbi von Sochaczewo (S. 280) und bringen eine Diethe der in der Judeustadt zu findenden Familiennamen, die den Juden zur Zeit der preußischen Herrschaft aus Befehl der Regierung mit der Absicht, sie lächerlich zu machen, beigelegt wurden (S. 178). Wichtig sind auch die Inhaltsangaben der mannigfachen Studien Warschauers zur Geschichte der Juden: lieber den großen Brand '»''Ö den großen Iudenprozcß in Posen 1536 bis 1533 [1882] (S. 25); über die Erziehung der Inden in der Provinz Posen durch das Elementarschnlwesen [1888) (S. 65): über dte Entstehung der jüdischen Gemeinde Schwersenz in Posen [1890], den einzig dastehenden Fall einer Gründung einer Judenstadt (S. 86); über Posener S t a d t r e ch n u n g e n des