Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277733--03440-2283957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
föu Me OsfeneV OsZmaL. Von Ds. VZÄitzsld ^ame. — DsMOs FLMZZVEhZßL ttr des GfLMaZrZ. Von Osoßeffss Dv. LUMds-Osnsr Erwiderung an Dr. Rax Kollenscher. Von Verihold Saase. Unter dem Titel „Der jüdische Bolksrat in Posen und der E. D." veröffentlicht Dr. Max Kollenscher in der „ I ü d i s ch e n Rundschauvom 23. Dezember 1926 eine Erwiderung auf meinen Aufsatz „Im Kamps für unsere Posener Heimat" in der „E. V.-Zeitung" Nr. 44 vom 28. Oktober 1926. Kollenscher sucht die Schwäche seiner Position durch Witzelelen zu verdecken, die die Grenzen des guten Geschmackes nicht mnehalten. In der Vorbemerkung, die die Redaktion dem Artikel voranschickt, ist von dem „völlig entjudeten Posener Assimilanten" die Rede. Ich gehe an dieser ebenso unsinnigen wie ungehörigen Bemerkung mit einem Achselzucken vorüber. Tie Ehrlichkeit hätte es erfordert, sie zu unterlassen. In dein Januarheft 1919 der „Neuen I ü d i s ch e n M o n a t s h e s t e ", an denen auch Kollenscher mitgearbcitet hat, ist ein Aussatz von mir unter dem Titel „Ausgleich" erschienen. Dort habe ich meinen grundsätzlichen Standpunkt folgendermaßen dargelegt: „Ter deutsche Jude, der in Deutschland seine Heimat hak und hier kraft seiner Geburt, seiner Tradition, seiner kulturellen, geistigen und seelischen Bedürfnisie und seiner Bodenständigkeit gefühlsmäßig wurzelt, der aber in gleicher Weise kraft seines Blutes, seiner Tradition, seines Gefühls und seines Willens Jude ist, liebt sein Vaterland nicht minder wie sein Judentum. Er ist als Jude vollberechtigtes Glied des deutschen Volkstums." Meine Stellung zu der Ostjudenfrage habe ich dort folgendermaßen gekennzeichnet: „Es ist selbstverständlich, daß die deutschen Juden die Verhältnisse unserer Stammesbrüder außerhalb Deutschlands nicht nur mit einer äußerlichen Sympathie, sondern mit dem warmen Jnteresie betrachten, das das Gefühl der Stammesgemeinschast eingibt. Aber er betrachtet sie als Deutscher." In diesem Aufsatz habe ich es als eine Aufgabe der praktischen Politik bezeichnet, daß eine gemeinsame Arbeit aller Richtungen, also der zionistisch und nichtzionistisch gesinnten deutschen Juden, unter Ausschaltung jeder Propaganda und theoretischen Erörterung während des Zusammenarbeitens, insoweit angestrebt werden muß, als gemeinsame Ziele eine gemeinsame Tätigkeit wünschenswert erscheinen lasten. Diesen Grundsatz habe ich in meiner jüdischen Arbeit stets zu verwirklichen gesucht. Wenn dies in der kritischen Zeit in Posen nicht gelungen ist, so lag es nur an dem Widerstande von Kollenscher. Ties kann er auch nicht bestreiten. Er muß (Seite 26 seines Buches) zugcben, daß damals ein Tefensivbündnis gehen die Bedrohung von jüdischem Gut und Blut möglich war. daß es aber von i h m abgelehnt worden ist, weil „eine Judenschaft, nur gesichert vor rechtswidrigen Angriffen auf Leben und Eigentum, nicht das Ziel seines Streben» sein konnte". In Wirklichkeit bestand diese Vereinigung sämtlicher jüdischen Richtungen bereits und hatte ihre Tätigkeit begonnen. Sie ist lediglich durch das die Vereinbarungen verletzende Verhalten Kollenscher» gesprengt worden. Dagegen habe ich zu meinet Freude ben Grundsatz gemeinsamer jüdischer Arbeit auf neutraler Grundlage in Berlin in der O st judenfür sorge als Beauftragter des E. D. betätigen können. Sollte Dr. Kollenscher dies nicht wissen, so wöge er sich ber den in dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen. Organisation Deutschlands tätigen Führern der zionistischen Vereinigung danach erkundigen. Ich stelle diese Tatsachen lediglich fest, um die Methoden zu kennzeichnen, mit denen der Kampf von der Gegenseite geführt wird. Soweit der Aussatz von Kollenscher Werturteile und persönliche An- Zapfungen enthält, habe ich nicht nötig, daraus zu antworten. Der egozentrische Standpunkt, der allenthalben in seiner Schrift hervortritt, hätte mir den billigen Trumpf ermöglicht, seine Geschichtsschreibung „rings um Kollenscher" satirisch zu behandeln. Mir scheint d:e Sache für eine solche Betrachtung zu ernst. Zu den Anzweifelungen meiner Darstellung bemerke ich folgendes- Soweit ich den Jüdischen Volksrat iu den Kreis der Erörterungen gezogen habe, beruhen meine Mitteilungen auf der Darstellung von Kollenscher selbst, die e r als Quelle wohl nicht gut wird beanstanden können. Soweit es sich um meine und meiner Freunde Tätigkeit handelt, sind dies Dinge, die Kollenscher nicht kennt, deren Richtigkeit daher durch ein haltloses und leichtfertiges Bestreiten nicht beeinträchtigt werden kann. Dagegen bin ich in der Lage, die Behauptungen Kollenscher» als unrichtig zu beweisen. Kollenscher verkündet mit der ihm eigenen Sicherheit, daß ich und die beiden anderen von mir genannten jüdischen Herren entgegen meiner Darstellung nicht zu den Gründern des Deutschen Volksrates gehört hätteil. Zur Begründung dieser falschen Behauptung verweist er ans ^eite 29 seines Buches, „wo das Gegenteil zu lesen sei". Nun ist aber auch die Behauptung in seinem Buche falsch. Daß ich und die anderen Herren zu den Gründern des Deutschen Bolksrates zählten, werß ich ja. Es widerstrebt mir, hierfür erst einen Beweis zu ervrrngen. Aber wenn ein solcher Beweis noch nötig ist. so verweise rch auf den Abschicdsbrief*). den der Deutsche Volksrat in Posen an •> Dgl. „C. B.-Zeitung" Ar. 46, 1626. mich gerichtet hat und in dem mir bezeugt wird, daß rch „als Erster an dieses Werk Hand legte und es rüsten half". Aber Herr Kollem.cher weiß es natürlich beffer als der Deutsche Bolksrat.. Interessant \\t die Art, wie er zu seiner Auffassung kommt. Er will nämlich einen Parteisekretär der konservativen Partei auf bie_ Notwendigkeit der Gründung einer deutschen Organisation aufmerksam gemacht haben, und dieser Parteisekretär soll ihm erklärt haben, er wolle nd) sofort zu dem Führer der konservativen Partei begeben, mit Die Gründung in die Wege zu leiten. Diese, wirklich naive Schlußfolgerung gestattet einen Einblick in die geistige Werkstatt, in der die „historische Wahrheit" entstand. Herr Kollenscher verkündet stolz: „So waren die Nationaljuden es, die dem Deutschtum iu Polen wenigstens den Weg zur Selbsthilfe und Organisation zeigten." Hierbei ist ihm, wie auch sonst bei der seine Person glorifizierenden Darstellung, ein Mißgeschick passiert. Er setzt sich nämlich m i t s i ch s e l b st i n W i d e r s p r u ch. In seinem eigenen Tätigkeitsbericht,'den er auf Seite 149 ff. seines Buches abdruckt, heißt es auf Seite 157: „Ob auf unsere Anregung die Tat (nämlich die Gründung des Deutschen Volksrates) zurückzuführen ist, das wissen wir nicht." Trotzdem sucht er den Eindruck zu erwecken, als ob er sogar der geistige Vater des Deutschen Volksrates gewesen sei. Daß diese lächerliche Annahme unrichtig ist, braucht nicht Hervorgeboben zu werden. Die Gründung des Deutschen Bolksrates war cbcmo wie die des Polnischen ein Ergebnis der nationalen Revolution. Gs* bedurfte hierzu nicht des Vorbildes eines Jüdischen Dolksrates. Das ist die historische Wahrheit. Kollenscher befaßt sich in breiter Selbstgefälligkeit mit der Besprechung, die Ctadtrat Schleyer, Stadtrat E l k e l e s und ich mit dem Gesandten Montagna gehabt haben. Er weiß nicht, wie diese Konferenz zustande gekommen ist. Trotzdem behauptet er kühn, „kaum habe der C. V. von der Audienz des Jüdischen Boltsrates Kenntnis erhalten, als er es für notivendig befand, ebenfalls zum Kadi zu laufen". Auch hier kann sich Kollenscher vor dem Mißgeschick nicht bewahren, daß seine ins Blaue hinein aufgestellte Behauptung, als unwahr erwiesen wird. Die Konferenz mit dem Gesandten Bbontagna, der als Referent für die Judenfrage uns zu der Besprechung gebeten hatte, während der Jüdische Bolksrat sich hierzu der hohen Protektion des Polnischen Bolksrates bediente, fand an demselben Vormittag desselben 15. März 1919 statt, an dem die Vertreter des Jüdischen Volksrats empfangen wurden. Tr. Kollenscher steht eben unter der Zwangsvorstellung, daß alles, was geschehen ist, nur ihm nachgemacht sein konnte. Dies geht so weit. daß er meint, ich hätte die Feststellung der allgemein bekannten und zum Beispiel von mir in dem Aufsatz „Tie Posener Juden" iu der „E. V.-Zeitung" vom 9. Januar 192 5 hervorgehobenen Tatsache, daß die Posener oberen Behörden und militärischen Befehlshaber versagt hatten, nur im Anschluß an seine Ausführungen vom 12. Oktober 192 6 getroffen. Mit seinen Kombinationen über den ihm ja unbekannten Inhalt der Unterredung brauche ich mich wohl nicht zu befapen. Sie beweisen, wie berechtigt es ist, seine Gedankengänge und Schlußfolgerungen als phantastisch zu kennzeichnen. Kollenscher will die ihm unbequeme und die unbestreitbare Tatsache, daß unter den 15 Mitgliedern des Repräseniameukollegiums sich nur ein Zionist befand, der nicht einmal als solcher gewählt war, durch ein kühnes Rechenerempel ans der Welt schaffen, um den Eindruck zu erwecken, als ob die Zahl der Zionisten in Posen nicht gering gewesen sei. In einem bemerkenswerten Mangel an Selbstkritik hat er auch hier wieder vergeben. was er früher selbst geschrieben hat. Auf Seite 20 seines Buches gesteht er ausdrücklich zu, daß sich d i e P o s e n e r Zionisten üb er i h r e z i f s ernmäßige und materielle Schwäche n ich t i m unklaren gewesen sind. Die jetzt beigebrachten Ziffern über die Repräsentantenwahlen und irreführend. Er setzt den Wahlzifsern der liberalen Liste die Ziffern des „positiven Blocks" entgegen: und doch weiß er selbst am besten, daß die Gegenliste die o x\ h o - doxe, diese a b e r s o w e n i g z i o n i st i s ch w a r , d a ß nicht einmal H e r r K o l l e n s ch e r in s e i n e r E i g e n s ch a f t a l s Z i o n i st s i ch z u r W a h l st e l t e n durfte. Zu der kläglichen Rolle, die Kollenscher in der Stadtverordnetenversammlung gespielt hat, weiß er nichts zu sagen, wie er überhaupt den Erörterungen der ihm peinlichen Feststellungen möglichst ans dem Wege geht. Dafür sucht er den alten Ladenhüter seiner Posener Agitation heraus, daß die von dem E. B. geführten Juden eine deutsche Liste unterstützt haben, in der ausgesprochene Antisemiten Platz gesunden hatten. Die Wahrheit ist, daß eine Einheilsliste des gesamten Deutschtums gebildet wurde, in der unter der cinigeuden Parole der Wahrung der deutschen Rechte Angehöriae aller Parteien, selbstverständlich auch Juden, aber keine Anlrsemiten, ausgestellt waren; und es sind ja gerade die jüdischen Stadrverordueteu der deutschen Liste gewesen, die in der Stadtverwaltung die deutsche^ und auch die besonderen jüdischen Interessen wahr, genommen haben. Der gemeinschaftliche Kampf für das Deutschtum hatte auch den weitest rechtsstehenden Kreisen Posens die lieber-