Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 3 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Anhänger dadurch gewinnen wollen, das; sie zunächst der Jugend klarzumacheu sua;en, sie fei in T^urschtand fremd und nur zu Gaste! Der Kamps um die Gleichberechtigung ser ebenso auvsichts» wie würdelos. . r. . r - Es ist oft hervorgehoben worden, dag es nicht Aufgabe des C V ist, den Zionismus ohne Not zu bekämpfen. Aber gegen die Entwurzelungsbestrebungen müssen wir uns wenden, wenn wir nicht uns selber untreu werden wollen . . . . So unangenehm unser Kampf ums Recht dadurch erjchwert wird, viel verhängnisvoller ist dabei die Entwurzelung aller derjenigen Jugendlichen, die nicht imstande sind, „die Ilebersiedlung nach Palästina in ihr Lebensprogramm aufzunehmen". Bon zionistischer Seite wird demgegenüber in Privatgesprächen oft hervorgehoben, daß die Jugend eben oft über das Ziel hinausschictze. Es sei aber nicht möglich, ohne auf die tatkräftigsten Helfer zu verzichten, die Mitarbeit solcher Heißsporne beim Keren Hajessvd zu entbehren. Tie Schwierigkeiten der zionistischen Führung wissen wrr zu würdigen. Aber solange eine Verbindung der Werbearbeit für den Keren Hajessod und für radikales Nationaljudenturn besteht, werden dem Palnstinafonds so manche Unterstützungen verlorengehen. Wenn eine Abhilfe nicht geschaffen werden kann, dann möge man wenigstens die Motive derer nicht verdächtigen, die mit Rücksicht aus die jetzige Organisation bei ihr mcht Mitarbeiten können. Schon dadurch wird manche Schärfe des innerjüdischen Kampfes vermieden werden. Seien wir uns bewußt, daß wir alle — wenn auch auf verschiedenen Wegen — dem Judentum und der Menschheit dienen wollen!" Wir haben diesen verschiedenen Ausführungen hier Raum gegeben. Unsere grundsätzliche Stellungnahme legt der Aufsatz von Ludwig Holländer „Vom inneren Frieden" (Nr. 52,1926, unserer Zeitung), der noch frisch im Gedächtnis unserer Leser sein dürfte, klar nieder. Rabbiner Dr. weiße 70 Jahre alt! Am 22. Januar feiert Rabbiner Tr. Weiße das Fest seines 70. Geburtstages. Wir begrüßen in ihm einen alten Freund und warmen Mitkämpfer, der zwar in seiner Freundschaft hie und da mit einer aufrichtigen Kritik nicht zurückgehalten hat. wenn ihm einmal Auffassungen und Schritte unseres Vorstandes nicht zweckmäßig zu sein schienen, der aber stets in warmherziger Weise für unseren C. V. ein getreten ist. Es wird Herrn Rabbiner Dr. Weiße unvergesieu bleiben, daß er in einer Zeit, als der gewissenlose Uebertritt und namentlich die .Herausführung unnründiger Kinder aus dem Judentum weit um sich gegriffen hatte, in einem Vortzrage in der Philharmonie, die die Menge der Zrchörer nicht fassen konnte, unter Zugrundelegung der Ergebniste der Geschichtsforschung die sittliche und politische Seite dieser gewissenlosen Handlungen in der ihm eigenen Einprägsamkeit und Würde vorgetragen hat. Man hat damals vielfach gesagt: „Hioo konunen ja doch nur Leute hin, die diesen Schritt mißbilligen." Das um* weder richtig in bezug auf die Zusammensetzung der Versammlung, noch war es richtig in bezug auf die Beurteilung derjenigen, die als entschlossene Gegner des Ilebertritts erschienen waren. Man sprach in Berlin wochenlang von dieser Kundgebung, und die Wirkung, die sich in weitesten Kreisen der Gesellschaft, auch weit über Berlin hinaus, gellend machte, war ungemein erfreulich Auch sonst hat Rabbiner Tr. Weiße oft genug zu Vortragen, in Versammlungen unseres E. V. und in dieser Zeitung das Wort genommen, und stets waren seine Ausführungen voll Würde und Wucht und vor allen Trugen von einem aufrechten Charakter getragen, der die Zuhörer erhob und kräftigte. Diel zu wenig bekannt ist die Wirkung Weißes als R e l i g i o n s - tehrer. Er hat namentlich in der weiblichen Jugend urrd besonders in einem Kreise, der nicht viel Begeisterung für tw-S Judentum mitbrachte, unendlich Wertvolles gewirkt und ist durch sein Wort Und durch sein Wirken gerade unter denjenigen, die zu einer gewissen Lauheit und Schwäche neigten, als ein kraftvoll er und stark wirkender Helfer für wahrhaft religiös Empfindende allezeit eingetreten. Don Herzen wünschen wir Rabbiner Tr. Weiße Glück 31t seinem 70. Geburtstage. Wenn er, der ewig Junge, nunmehr das biblische Alter überschreitet, so wird er das Feuer der Begeisterung für das Judentum, das ihm in seinem Leben stets Antrieb gewesen ist, in begnadeten Jahren sicherlich in alter Weise nuf junge und ältere Generationen weiter zu übertragen wissen. Viel, viel Glück für die kommenden Jahrzehnte! L 11. Jacob Huttmanns predigten. Lebensfragen Des modernen Judentums. Profestor Julius Gutimann in Berlin hat uns ein wertvolles Geschenk gemacht. Er veröffentlichte aus Anlaß des 70. Geburtstages seiner Mutter, die zu den wahrhaft geist- und gemütvollen Frauen unserer Kreise gehört, die Predigten feines verewigten Vaters*), unseres alten und hochgeschätzten Freundes, de? Rabbiners Professor Tr. Jacob Guttmann (Breslau). Wer Rabbiner Dr. Guttmann naher gekannt hat, wird ihn in diesen Predigten wiederfinden. Diesen markigen, aufrechten Mann und Juden, diese Persönlichkeit, die man am besten so darstellen kann: Guttmann war in allen Fasern ehrlich und wahr und voller Mut gegen seine gesamte Umwelt. In seinen Predigten hat er einen rücksichtslosen Bekennermut gezeigt und den Menschen und seiner Gemeinde und uns allen sehr vieles gesagt, was man vielfach nicht gerne hwen will, aber ^,och hören soll und muß. Mit Recht betont Profe'sor Tr. Julius Guttmann in feinem unterrichtenden Vorwort, die Predigten seines Vaters behandelten die Lebensfragen des modernen Judentums. Diese Predigten berühren in hervorragendem Maße die Probleme des E. V. und sind allen unseren Freunden aus dem Herzen gesprochen. Man kann sich in jeden einzelnen Abschnitt des Buches vertiefen: immer wieder wird das Problem des aufrechten jüdischen Menschen erörtert. Einige Sähe aus einer Sabbatprcdigt müsten hier ihre Stelle finden: Wie viele gibt es unter uns, deren Beurteilung alles Jüdischen in der Tat auf nichts anderes hinausläuft, als auf jene Rede der Kundschafter: „Wir waren in unseren Augen, wie Heuschrecken, und so waren wir auch in ihren Augen/ Wie herrlich und vortrefflich finden sie alles, was ihnen in den Kreisei; der anderen Gemeinschaften entgegentritt, wie sind sie da voller Anerkennung und Bewunderung auch für das Nichtigste und Unbedeutendste, während sie bei der Beurteilung jüdischer Tinge mit einer Strenge ins Gericht gehen, die keine Nachsicht und Schonung kennt. Sie warten erst gar nicht ab, bis die anderen uns für Heuschrecken erklären, sondern sie beeilen sich, den; Urteil der Welt demütig zuvorzukommen, vielleicht in der Hoffnung, daß man dann so gnädig sein werde, sie als rühmliche Ausnahmen gelten zu lasten. Vor jedem, der etwas in der Welt bedeutet, beugen und krümmen sie sich und sind ganz glücklich darüber, wenn sie von den anderen in ihrer Gesellschaft geduldet werden, ob man ihnen auch manche Demütigung widerfahren läßt und sie hinterher wegen ihres Mangels an Selbstachtung und männlicher Würde verspottet und verlacht. Dafür aber begegnen sie den Besten und Edelsten in ihrer eigenen Mitte mit hochmütiger Geringschätzung, haben kein Wort der Anerkennung auch für die größten Verdienste, die jemand um das Judentum sich erworben hat. Ob das nicht auch eine Nachwirkung des Druckes und der Knechtschaft ist, unter denen das Judentum jahrhundertelang geseufzt hat?' Ein Zweites hat Guttmann in seinen Predigten immer wieder berührt, nämlich die Pflicht, sich um die Jugend zu kümmern, der Jugend das Judentum im wahren Lichte zu zeigen und die Liebe zum Judentum dadurch zu schaffen, daß mau jüdisches Misten und jüdische Erkenntnis verbreitet. Wenn in einer Predigt am Peffachfest Guttmann über die Worte: „Ein roher Mensch kann nicht gottessürchtig und ein Unwistouder nicht fromm sein" spricht, so zeigt er, wie uniii ba*3 Wissen vom Judentum, die Liebe und das Jntereste am jüdischen Gedanken verbreitet. Co lehrt er ferner, wie man den Kindern fcfjönc und freundliche Bilder des jüdisch-religiösen Lebens vor Augen führen solle. Alle Predigten sind von dem Gedanken der Freude an dem Judentum erfüllt, einer Freude, die uns so sehr fehlt. Merken wir uns die Worte, die Guttmann spricht: „Durch Geburt und Abstammung sind sie dock) mm einmal Juden. Warum wollen wir ihnen dasjenige vorenthalten, was sie mit unserer Gemeiuschast auch innerlich verknüpfen, was ihnen die Zugehörigkeit zum Judentum lieb und wertvoll machen könnte. Tie Bitterkeiten, die wir als Juden zu erdulden haben, die könnt ihr ihnen nicht ersparen. Auch wenn sie nur äußerlich den Namen eines Juden tragen, sich von unseren religiösen Hebungen, von allen Interessen unserer Gemeinsckrast noch so fern halten, an den Anfeindungen, die wir als Juden erfahren, au den Kränkungen und Zurücksetzungen, die wir erdulden müssen, werden auch sie so gut wie die anderen ihren vollen Anteil haben." Tanken wir cs den Kindern des verewigten Jacob Guttmann. daß sie uns dieses herrliche Geschenk gemacht haben, das auch demjenigen, der die edle Gestalt des Verstorbenen nicht mehr gekannt hat, ein nacheiferungswürdiges Bild seiner Persönlichkeit und damit reichen Gewinn für die eigene Entwicklung gewährt. Ludwig Holländer. *) „Fest, und SabbLtxrcdigren." I. Kauffmann Verleg, Frankfurt a. M. 192S.