Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · p. Seite 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277732--03428-2283944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

34 Schlußwort zu Iu- Süß. Don Dr. Hugo Lachmansti. Die „E. V.-Zeitung" gibt in einer ihrer letzten Nummern^einer Zuschrift aus Württemberg Raum, die sich mit dem Jud-Süß-Thema beschäftigt, und zwar im Anschluß an den Aufsatz, den ich in Nr. 52 dieses Blattes unter dem Titel ..Die Akten über Jud Süß" veröffentlicht habe. Obwohl diese Zuschrift sich nicht mit mir, sondern mit einem oifcnfmjt* lich tendenziösen Rezensenten des bekannten Feuchtwangerschen Romans auseinandersetzt, berührt sie doch meine Ausführungen insofern,, als auch sie die bisherigen Hauptwerke der historischen und dichterischen Jud-Süß-Literatur (Kroner, Hauff. Feuchtwanger, Elwenspoek) summarisch betrachtet, allerdings mit einem Ergebnis, das, zumal in der Wertung des Fenchtwangerschen Romans, meinem eigenen, im Rahmen jenes Aussatzes nur knapp formulierten Urteil völlig entgegengesetzt ist. Es würde für mich kein Anlaß vorliegen, diese Divergenz in der Beurteilung einer Dichtung besonders hervorzubeben oder sie durch etwas anderes als die freilich vielfach mißverständlich betonte Subjekttivität in allen Dingen der Kunstbetrachtung zu erklären,^ hätte nicht per Herr Einsender jener Zuschrift das absprechende Urteil über Feuchtwangers Jud-Süß-Roman durch einige allgemeine Behauptungen zu stützen versucht, die den Andersurteitenden von vornherein in den Verdacht der Unmaßgeblichkeit oder gar der Unkenntnis zu bringen geeignet sind. Denn was soll es sonst bedeuten, wenn er erklärt, von Feuchtwangers Roman hielten „unterrichtete Juden" genau so wenig wie ein Teil der christlichen Leser, oder wenn er, als Kronzeugen die „Israelitische Gemeindezeitung" in Stuttgart ausrufend, meint, jener eingangs erwähnte Rezensent hätte sich bei „irgendeinem literarisch^interessierten Juden erkundigen können, was maßgebende Leute auf jüdischer Seite zu diesem Roman sagen". Ich bilde mir, sehr sogar, ein, zu den „literarisch interessierten Juden" zu gehören — und halte vollkommen aufrecht, was ich in Nr. 52 der „G V.-Zeitung" zu Feuchtwangers Roman gesagt habe: „ein großartiges Barockbild, voll äußerer und innerer Bewegung, blitzartig wechselnd, unheimlich im Helldunkel seines Kolorits, stark im Visionären, ungemein lebendig im Menschlichen, aus besten Bereich die alles beherrschende MittelpuÄtssigur weit ins Symbolische hinauf gesührt wurde". Vielleicht werden sich die Leser der „C. D.-Zeitung" auch erinnern, daß seinerzeit aus der Feder einer literarisch keineswegs uninteressierten Persönlichkeit in diesen Blattern über Feuchtwangers Roman ein ausführlicher Bericht erschienen ist, der dem Krmstwert dieses bedeutsamen Werkes durchaus gerecht wurde. : Es wäre indes unbillig, wollte ich dem Dersasier jener Zuschrift nicht zugestehen, daß er immerhin versucht hat, seiner Kritik über Feuchtwangers .Lud Süß" eine festere Grundlage zu geben. Wie steht es aber mit seiner Begründung? Sie hält sich an ein Dreifaches: cm das Geschichtliche, an das Jüdische und an das Allgemein-Sittliche. ,Som geschichtlichen Standpunkt" — so heißt es — „kann Fcuchtwangers Roman überhaupt nicht gewertet werden." Soll es auch nicht. Noch immer gilt Lessings, unseres oberstenKunstrichters Maxime: „Der Dichter ist Herr über die Geschichte." Und, nur ein Beispiel für viele: der historische Egmont war Vater von elf Kindern; Goethe hat ihn zum Liebhaber Märchens gemacht. Was tut es also, wenn Feuchtwanger — wie es ihm von dem Herrn Einsender der Zuschrift besonders angekreidet wird — seinem Jud Süß eine Tochter andichtet? Zweitens: Das Jüdische. „Das Feuchtwanger über jüdische Personen und Dinge sagt, das ist teilweise so verkehrt und verrät einen solchen Mangel an Kenntnis jüdischer Gewohnheiten, daß man ernsthaft gar nicht darüber reden kann." So der Derfaffer jener Zuschrift. Blättert man jedoch in den Seiten des Feuchtwangerschon Romans, so stößt man immer wieder auf Figuren und Tinge, die ganz im Jüdischen Bereiche wurzeln, eingebettet in den Ritus, losgelöst von ollem Irdischen, voll Weihe und der -Urkraft des Religiösen. Ich Erinnere nur an die kurze, erhabene Szene, in der Jrid Süß in der Synagoge zu Frankfurt zur Thora gerufen wird und der sanfte Rabbi Josira Falk „die schönen, milden, alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieseln läßt". Oder an die Bestattung der jungen, geheimnisvoll in den Blumen gestorbenen Naomi, Süßens Tochter: eine großartig-düstere, ergreifende Zeremonie, vor der jeder Jude in Andacht sich neigen muß. Im übrigen: wer zur Charakteristik des Judentums die lapidare Formel gesunden hat: „Trotz Zur Unsterblichkeit bleibt der Grundton -in allem seinem Leben und Wort" — der sollte immerhin für sich einige Kenntnis jüdischer Gewohnheiten in Anspruch nehmen dürfen. Drittens und letztens: das Allgemein-Sittliche. Der Vorwurf richtet sich im besonderen gegen die „Verunglimpfung" des württembergischen Kirchcnratsdirektors und spateren Konsistorialprüsidenten Philipp Heinrich Weißensee und seiner Tochter Magdalen Sibylle, die, halb Bürgerliche, halb Heilige, durch Vermittlung des stets gefälligen Jud Süß Maitretze des Herzogs geworden sein soll. .Gewiß: Feuchtwanger hat hier konstruiert, kombiniert und aus der dichterischen Intuition heraus Gharakterzüge und Beziehungen gestaltet, die in Wirklichkeit nie existiert haben mögen. Aber der Hof des liederlichsten aller Herzoge war kein Nonnenkloster, und was die Phantasie Feuchtwangers hinzutat, das amouröse Leben und Treiben um Karl Alexander zu schildern, meinetwegen vielleicht mit etwas zu breitem Pinsel, geschah wiederum mit dem Recht des Dichters, in die Darstellung geschichtlicher Begebenheiten die eigene Erftndung Hineinspielen zu lasten — sicherlich aber nicht in der Absicht, die Tradition irgendeines Namens zu verletzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst — auch für den Dichter. Aber allgemeimsittliche Maßstäbe bei der Beurteilung eines Dichtwerkes zur Anwendung bringen, heißt: dem Dichter den Atem kürzen, die Schwungkraft seiner Phantasie lähmen, das Spiel erfin« dorischer und seelisch-geistiger Kräfte in Verwirrung bringen. Niemals noch, von Goethes Gretchen-Tragödie bis zu Strindberg und Wedekind, durfte der Sittenrichter urteilen, wo allein die Kunst — und mir die Kunst — zur Entscheidung stand. # Zu diesen wertvollen Ausführungen Tr. Lachmanskis erhalten wir die folgende Zuschrift aus Württemberg. Wir geben auch sie wieder, damit sich unsere Leser unter Benutzung aller Zuschriften ihre Meinung zu der grundlegenden Frage bilden können: Das Ählußwort des Herrn Dr. Lachmanski setzt sich in formvollendeter Weise dafür ein, daß in der Literatur dem Aesrhetischen der Primat vor dem Ethischen gebühre. Darüber will ich mit ihm natürlich nicht streiten. Aber das Judentum hat — man mag das für einen Vorzug oder einen Nachteil halten — stets das Ethische über das Aesthetische gesetzt, und die ethische Forderung der Achtung vor der Ehre des Nebenmenschen, auch des verstorbenen, hat Feuchtwanger verletzt. Das hat den Kampf des evangelischen Rezensenten gegen ihn hervorgerufen, und das zwingt uns, zu betonen, daß mir Juden eine solche Verletzung der Gerechtigkeit von niemand als „jüdisch" bezeichnen lassen. A. Z. VSM ZKMDhMlWKM Georg Hermann hat in den ersten Aussätzen dieser Artikelserie die Entwicklung des Antisemitismus seit dem Kriege dargclegt und ist dann zur Besprechung des Sonderheftes der Zeitschrift „Der Jude" über den Antisemitismus geschritten. Er beschäftigt sich dabei hauptsächlich mit den Aufsätzen von O. A. H. Schinitz. Flake und Wolsgang Schumann, die, wie er nachzuweiscn sucht, trotz judenfreundlicher,Gesinnung der Versasier eine „tiefe Unkcnntnis" vom Juden beweisen. In dem letzten der erschienenen Aufsätze begann er mit der Widerlegung eines Satzes von Flake: „Ter jüdische Habitus weckt Vorstellungen von niederen Lebensbedingungen". Tie Widerlegung dieses Satzes wird im folgenden fortgesetzt. Die Schristle-Lung. IX. Flake sagt: „Der jüdische Habitus erweckt Vorstellungen niederer Lebensführung." Wo habe ich ähnliche Worte doch schon mal gehört? Richtig, während des Krieges, in den englischen, französischen, italienischen oder russischen Zeitungen.. Nur daß da stand: „Ter Habitus des Deutschen erweckt Vorstellungen von niederen Lebensbedingungen." Und in alldeutschen Blättern: „Ter Habitus des Franzosen. Engländers, Italieners und Russen." Des waren die gleichen Leute, die immer und noch heute schreien: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Man brauchte während des Krieges nur in die deutschen Witzblätter zu sehen, um an den Typen sofort zu erkennen, ob es nach Frieden roch. Dann verlor plötzlich der Japaner seine Affenvisage, der Engländer sein Bulldoggengesicht. der Rnsie seine Backenknochen wie Kleiderhaken, der Italiener seine Zerlumptheit und der Serbe sogar einige von den Lausen, die auf ihm herumkrabbelten. 2tlso die Worte mit dem „niederen Habitus und den Lebensbedingungen" sind nicht neu. Aber ich empfehle Flake, einmal in ein Paar jüdische Sportklubs zu gehen, deren es ja genug heute gibt. Sie unterscheiden sich weder in den Leistungen noch in den Gestalten von den andern. Und das ist nicht seit heute so, daß nun etwa ihr Habitus endlich die Spuren niederer Lebenshaltung zu überwinden beginnt. Vor 130 und etlichen Jahren wurde der Juwelier B. in eine kleine norddeutsche Residenz „besohlen", um dort Schmuck und Tabatieren vorzulegen, und er nahm dorthin seine älteste Tochter mit. Als die Großherzogin sie sah, rief sie „Ach, Gott, wer ist dieses wunderschöne Mädchen, das sie da begleitet hat, lieber B.?" „Meine Tochter", meinte der Juwelier. „Wunderschön!" rief die alte Dame einmal über das andere, „aber eine Lowising ist doch noch schöner!" Ich würde davon nichts wissen, wenn nicht die eine der beiden Schönen die Cchivester meiner Großmutter gewesen wäre. Die andere war die spätere Königin Louise. Aber wie von Flake entschieden: „Ter jüdische Habitus ivectt. die Vorstellung niederer Lebensbediugungeu." „Die Jdcenwahl, die der Jrrdotrisst, wird ohne weiteres, aus dem Ghetto abgeleitet." — „Ihr begeifert deutsche Werte." (S ch n m a n n.) Kant, Schopenhauer. Goethe, Bach, Wagner. Nietzsche, George, Hebbel sind dem deutschen Volk zuerst durch Juden vermittelt worden. Man kann wohl ohne Anmaßung sagen, daß Juden es als ihre Hauptaufgabe betrachteten, die Deutschen mit ihren Großen bekannt zu machen. „Es scheint, als ob dem heutigen Deutschen die Dinge der Kultur zu belanglos sind und sie sie deshalb den Juden ülnrlassen", meint Wilhelm Schäfer. Sie, die deutschen Juden, haben von der Natur mehr Kunstuerven und Kunstlicbe äls ihre deutschen Brüder mitbekommen, und, was Schumann nicht sagt, das ich aber als Jude offen bekenne! — ihre reproduktive Begabung ist weit häufiger als ihre produktive. Trotzdem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.