Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 3 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 das Echo. Fort mit Den Würdelosigkeiten in den Kabaretts: Sehr. Unsere „L e tz t e M a h n u n g" zur Abkehr von den Würdelosigkeitcn in Berliner Kabaretts hat lebhaftes Echo gefunden. Nicht nur aus Groß-Berlin, sondern aus allen größeren Städten des Neiches ungeteilte Zustimmung. Ein Berg von Briefen vor uns, denen allen das 'Motto gemeinsam ist: „Das Maß ist voll; unsere Geduld ist Zn Ende." So schreibt uns ein Freund aus Essen: „Ich möchte der Redaktion ganz besonders herzlick) danken für den Artikel über die Würdelosigkeit in Berliner Kabaretts. Das Bedauerliche ist, daß die Geldgier größer ist, als daß der Appell an Würde und Ehrenhaftigkeit Eindruck machen könnte. Inniges Glückauf!" Stud. Pharm. Norbert B. aus Berlin macht den Vorschlag, die „E. V.-Zeitung" möge eine schwarze Liste von Kabaretts veröffentlichen, die das Ansehen der jüdischen Religion und ihrer Bekenner m den Schmutz ziehen. Viele Besucher solcher Kabaretts wußten gar nicht, welche Art von Kunst ihnen geboten werden soll, unk cs sei deshalb unbedingt notwendig, die Besucher rechtZeitig aufmerksam zu machen. „Der Centralverein ist gewöhnt, wenn es sich um gerechte Sachen handelt, offen und rücksichtslos den Kampf zu führen, und es wäre verfehlt, in dieser Angelegenheit Milde waltenzu lassen." — Ein alter, dem Centralverein seit seinem Bestehen angehörender menr.fr ans Berlin-Schöneberg versichert uns, daß unser Vorgehen der Zustimmung jedes wirklich anständigen Menschen sicher ist. und er hofft, daß unsere Bemühungen denen, die es angeht. die Augen öffnen werden. In Heller Empörung ist ein Mitglied aus Elberfeld (Unterschrift: ein rheinischer Jude)): „An den Rhein wagt sich die Gesellschaft nicht heran, da würde ihnen schnell die Lust vergehen; aber - in Berlin, da schimpft man nur über die Antisemiten, aber nicht über? die viel schmachvolleren jüdischen Antisemiten in den Kabaretts." Sehr erfreulich ist eine Zuschrift aus München, das; ein jüdischer Künstler auf unseren Artikel hin einige jüdische Witze nicht rnchr zum Vortrag bringt und sich überzeugt hat, das; sein Erfolg trotzdem keine Abschwächung erlitten hat. Er wird auch in diesem Sinne bei seinen Kollegen wirken. Ein Rechtsanwalt aus Elberseld fragt, ob nicht die Verfasser der Schlagertexte verantwortlich gemacht werden müßten, die geradezu ungeheuerliche Geschmacklosigkeiten enthalten. Jeder Vortragende suche sich unter dem vorhandenen Material das aus, wovon er sich die größte Wirkung auf das Publikum verspreche. Also: Sichtung und Reinigung des Materials, : eventuell Vorgehen gegen die Fabrikanten solcher Texte. : Ein Hamburger Künstler christlichen Glaubens, Humorist und Eottf6rencier, schreibt: „Für Ihren Artikel muß jeder anständige und korrekt denkende Mensch nur ein Urteil haben, das heißt „Bravo!". Ich selbst bin Protestant, finde es aber unschön, wenn ein jüdischer Humorist glaubt, sich dadurch einen Erfolg zu sichern, daß er das eigene Nest beschmutzt." Aus Dresden kommt die erfreuliche Nachricht, daß der dort gegenwärtig austretende Professor Wiesenthal sich aller unangenehmen Mätzchen enthalte, was sicherlich auf den Artikel in der „C. V.-Zeitung" zurückzus ührc n sei. Eine Zuschrift des bekannten Berliner Kabaretts der i K o m r k e r bittet uns, festzu stellen, daß in diesem Kabarett peinlichst j genau darauf geachtet wird, daß jeder Vortrag, dev auch nur den j Schein einer Herabsetzung des Judentums aufkommeu lasten konnte, - sofort von dem betreffenden Künstler Unterlasten wird. In einem sehr langen Schreibensetzt uns das Berliner ,.E h a r l o t t - Ka s i n o" auseinander, daß Kabaretts ebensowenig für „Pfarrerstöchter, wie für allzu empfindliche Menschen" gedacht sind. Wir werden uns mit diesem Standpunkt in der nächsten Nuunuer unseres Blattes vuseinandersetzen-. An unserer .Haltung r kann natürlich dieses schreiben nichts ändern. Die Weltverelnigung der Detektive unö Auskunfteien. Der Chefredakteur der Berliner Redaktion der ,.D. R D.- Zestung", München, Georg Cornelius, Berlin 19, schreibt uns, daß er sich mit den Ausführungen unserer Noti; Ln Nr. 2 der „C. D.-Zcitung", die judcnfeindliche Ausfälle der bayrischen Schristleituna festnagelte, „völlig identisch fühlt". „Es ist grundsätzlich feit Bestehen der Organisation und des Organs unser Bestreben gewesen, jede religiöse und politische Tendenz aus- *'ZuCn' unh e§ d'-cher erstaunlich, wie ein derartiger Artikel untergcsmoben rverdcn konnte. Die Ausgabe des Unterzeichneten Cl>efredakhl,rQi lCöc^^.onu^ll§ ist zunächst, festzustellen, wer der Einsender mlonderheit jedoch, ob -der betreffende Artikel im Ein- Münchener GcneralsekreLariats zum Abdruck gebracht ^dlews zutresten. so wird der Unterzeichnete Beranlck ncrimen, dre Berliner Geschäftsführung soloie auch seine bisherigen El ^2-r- ^"ederznlcgcn (nämlich als Chefdezernent und Rcichslciter „Berliner RerchsdekekLiv-Ientralen")." Houston Stuart Chamberlain. Bon Dr. jur. I. Levy (Berlin). Die Welt ist um einen Schwarmgeist ärmer; der vielumstritt.eue Verfasser — oder soll man Dichter sagen? — der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" ist gestorben. Fürst Bismarck hat einmal von sujekZ müdes gesprochen, als Leuten, die ^dem einen Land entstammen, geistig im anderen wurzeln. H. 2J. Eha m ber l a i n war das Muster eines solchen Sonderlings, ^ohn eines engli'chen Admirals, von einem deutschen Hauslehrer erzogen, in Paris _ mit französischem Geist durchtränkt, in Gens fortgebildet, in Wien Privatdozent, in Bayreuth alldeutscher Fanatiker, in zweirer Ehe Richard Wagners Schwiegersohn: eine Mischung von nicht alltägttcher Art. Er schüttelte Aussätze und Bücher aus dem Aormelz von allen: aber, was er schrieb und schuf, hat nichts auf weite Kreise einen ähnlichen Einfluß gewonnen wie seine Rassenlehre, einen Einfluß auf dw Krone, ans die Studentenschaft, wie ans den ^traßenmob und denen .Hetzapostel. Die „Kreuzzeituna", das Blatt der äußersten Rechten, erklärte schon in Nummer 172 vom Jahre 1449: „Dlitt die hohlsten Poe:en und Schlvärmer können bei dem Volk der Deutschen an ein Volk gleicher Abstammung denken. Nicht einmal für die älteste Zeit wäre eine solche Vorstellung, richtig. Das deutsche Volk ist ein vollständiges Gemisch aus allen indogermanischen Nationen und aus e m i t e n. Von einem Volk -in dem Sinne, daß man darunter eine Bovölkerungsmaste derselben Abstammung versteht, ist alw in Deutschland gar nicht die Rede. Und demnach ebensowenig von einem natürlichen, im gemeinsamen Blute wurzelnden Angehörigkeiesgefühl des Zeinen Deutschen zum anderen." Ter Engländer Chamberlain wußte es anders. Die Deutschen sind nach ihm das Volk der blonden, blauäugigen, nordischen Edelraste, das Volk der Langschädel und der bohen Gestalt, und 'nur darum mit der höchsten lulturschöpstrttchen Begabung ausgestatlct. Also Kampf gegen die Fremdstämmigen, die Fremdblütigen'; die Vermischung mit ihnen, die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit ist, um mit Chamberlain? Schüler, Dinker, zu reden, eine ^ünde wider das Dlm. Chamberlain ist auch der Erfinder dieser Asterustnenschaft, sie rührt von Gobrneau her, hat aber von seinem Nachtreter eine auf politische Wirkung zugespitzte Fortbildung erfahren. Was tut'?, daß sie von zahlreichen ernsten Forschern bündig widerlegt ist. wie noch kürzlich Profepor Tr. Julius Goldstein in seiner ^chrift „Rasse und Politik" nachgewiesen hat. Was tut's, daß Luther, Bismarck, Kant, Schopenhauer ausgesprochene Breitschädel hatten, daß Beethoven, Menzel. Nietzsche und Wagner selbst aus braunen Augen in die Welt schauten und sich nicht einmal durch hohe Gestalt auszeichneten: „Ter Jude wird verbrannt", sagt der Patriarch, und der Jude wird wenigstens verbannt, sagt jeder gelehrige Jünger C h a m b e r l a i n s, der vollkommene und gerechte Raffenschnüfster, der auf den Arierparagraphen eingeschworen ist. Und weil alles Heil der Welt nur von reinen Ariern kommen kann, versteht sich am Rande, daß Jesus kein Jude sein konnte, sondern sozusagen ein Germane war. Chamberlain glaubte daran und bekehrte hohe Gönner und niedrige Günstlinge. Ter oberste dieser Gönner war Wilhelm II. Ihm wurde Chamberlain im Oktober 1901 in Liebenberg vom Fürsten Eulenö u r g Zugeführt, dem Skalden, der gesungen hatte: „L Aegir, Herr der Fluten." Für Gobineau begeistert, wußte er den Kaiser für Chamberlain zu begeistern. Die sollte nicht, wer für Wikinger schwärmte, auch für die nordische Edelrasse und ihren Ruhmredner schwärmen! Und wer im Streit um „Babel und Bibel" sich befugt glaubte, Partei zu nehmen, wie sollte der nicht entzückt sein von der Entdeckung, daß Jesus, der kirchlichen Lehre zum Trotz, kein Semit, sondern ein Arier gewesen sei! Wilhelm II. hat während des Weltkrieges den Engländer, der „eingedeutscht" wurde, mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Er hat ihn aber noch in Toor^geehrt. indem er, ganz in Chamberlains Bahnen, in theologischen Sendschreiben dem „Judenvolk" den Fehdehandfchich^hinwarf, Luther, der Jesus noch als Juden behandelt hatte, als Stümper abrat, die Richrlimen für eine neue Bibel vorschrieb und das Alte Testament auf den Anssterbeekat setzte, er, der ehemalige „oberste Landcsbischof" — zum Schrecken für die gesamte Geistlichkeit und die Gemeinden aller christlichen Bekenntnisse. Denn eine große Nase niest, niesen viele kleine Nasen nach. Gilt das alte Wort nicht für das religiöse Gebiet, wo die Kirche stärker ist als der oberste Landcsbischof a. D., so doch, und um so mehr, für das politische und gesellschaftliche Gebiet, wo die unsaubersten Instinkte immer nach Prügelknaben und Sündeuböcken suchten. Was konnte ihnen gelegener kommen als eine aus dem Schein der Gründlichkeit und Unfehlbarkeit austretende Rassenlehre? Ueber Stöcker, dessen Antisemitismus noch von Rücksicht auf Blut und Stammbaum unabhängig war, führte Chamberlain weit hinaus. Ob Jude oder Judenstämmling, war jetzt einerlei: man harte jetzt die schönste Handhabe, auch über Leute den Stab zu brechen, deren Eltern und Ureltern die Taufe empfangen hatten. Es küuunerte die „Völkischen" wenig, daß selbst das rein arische Blut der Hohenzollern oder auch Richard Wagners gelegentlich bestritten worden ist. Und — H. St. Chamberlain landete ber Adolf Hitler. Er wurde sein beredter Herold. Er. der praoeoptor Cormaniae. stellte ihn neben Bismarck. Er brach in den Jubelrnf aus: „Daß Den t schl and i n d c r S t u n d e seiner h v ch st e n Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebcndigsem: desgleichen die Wirkung