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Central-Verein-Zeitung · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · p. Seite 30

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 der Juden und der Christen, reuer sein muß, sowohl die jüdische Nationalität wie die jüdische Religion vor entwürdigender .Herabziehung zu schützen versucht wird. Die Partei des Herrn Seipel kann sich natürlich mit jenen nicht solidarisch erklären, die aus vagen und unerwiesenen naturwissenschaftlichen Erwägungen die Juden, aus deren Glitte das Alte Testament hervorging, als eine minderwertige Rasse erklären. Tie Eigenart der Juden, die hier mißbilligt wird, soll vielmehr erklärt werden aus historischen Vorgängen, aus den Wirkungen einer Vergangenheit, die den Juden auferlcgt worden ist, einer furchtbaren Vergangenheit, der sie sich gezwungenermaßen unterwerfen m u ß t e n und die ne natürlich niemals freiwillig auf sich genommen hätten. Solche Auffassung legt Zeugnis ab von historischem Gerechtigkeitsgefühl, wenngleich die Form, in die sie gekleidet ist, die Kontinuität mit der vulgären antisemitischen "Auffassung — gewiß aus politischen Rücksichten — nicht völlig durchschneidet. Sind die Juden - auch in moralischer Beziehung nach der Auffassung des Herrn Seipel — die Opfer der entsetzlichen Geschehnisse des Mittelalters, dann ist es klar, daß die heutige Welt und das Christentum unserer Tage mit liebevollster Klugheit und mit liebevollster Sorgfalt den Vergewaltigten der Vergangenheit zur menschlichen Wredergesundung - verhelfen sollten; sie anzuklagen, wäre ebenso gerecht und ebenso weise, wie wenn man einem künstlich Verstümmelten es zum Vorwurf machte, daß er über gesunde Gliedmaßen nicht verfügt. Man heilt ihn, aber man klagt ihn nicht an, er, der ein Unglücklicher und nicht ein Uebelwollender ist. Die historische Gerechtigkeit wird sich auf den Standpunkt stellen mfnien, daß natürlich eine Vergangenheit voller Abnormitäten von zweitausend Jahren auf die Entwicklung einer Bevölkerungsschicht von größtem Einfluß gewesen sein muß und tiefe Spuren zurückgelassen hat; daß diese abnorme Entwicklung auch nicht von heute bis übermorgen zu tilgen ist. Wer diese Tatsachen begreift, kann nicht Antisemit sein; er muß sich verpflichtet fühlen, soweit er das öffentliche Leben bccirrflusten fami, aU politischer Arzt zu wirken für die Juden, aber auch für die Antisemiten, die heute als moralisch Lchwerkranke im modernen staats wesen erscheinen müssen. Ein Mann von der Bedeutung des Herrn Tr. Seipel, des Bundeskanzlers eines kulturell so gewichtigen Staates, könnte diese große Aufgabe in Angriff nehmen. Daß dieser weitblickende Mann sie in seinen obigen Aeußerungen in Angriff genommen hat, kann man leider noch nicht behaupten. Tagegen hat Herr Tr. Seipel seinen obigen Aeußerungen einige Sähe noch hinzugefügt, die zeigen, daß dieser bedeutende Mann über seine Aufgaben als starke Persönlichkeit an der Spitze eines modernen Staates völlig vorurteilslos und völlig moderst denkt. Herr Tr. Seipel unterscheidet zwischen dem, was ihm zu denken und zu tun obliegt als Angehöriger der österreichischen Christlich- Sozialen Partei auf der einen Seite und auf der anderen Seite als * leitender Politiker an der Spitze eines modernen Staates, des österreichisch-deutschen Landes. Und in bezug hieraus heißt es in der ungezogenen Erklärung: „Selbstverständlich steht der Bundeskanzler als Regierungschef der Abfassung und Verlautbarung des christlich-sozialen Programms zu Neujahr 1927 vollkommen fern. Ta wir aber eine paclamentarische Regierung haben, deren Mitglieder vom Parlament aus den Vertretern der politischen Parteien gewählt wurden, hat der Bundeskanzler nicht aufgehört, Mitglied seiner, d. h. der Christlich-Sozialen Partei zu bleiben. Selbstverständlich bemüht er sich, den Grundsätzen dieser Partei im öffentlichen Leben nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen. Niemals aber hat die Zugehörigkeit zu dieser Partei ihn gehindert, die Ordnung rm Staate, also auch das gleiche Recht aller Staatsbürger Oesterreichs ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses aufrechtzuerhalten. Diese Tatsache ist den österreichischen Juden wohl bekannt, sie wird von ihnen auch gewürdigt. Sie haben nicht zu erkennen gegeben, daß ihnen das christlich-soziale Parteibekenntnis des Regierungschefs irgendwie Sorge emgeflößt hätte." Gewiß ist es eine Abstraktion, wenn Herr Dr. Seipel unterschieden haben will zwischen dem christlich-sozialen Parteiangehörigen Seipel und dem Regierungschef ^eipel. Aber in einem gewissen Umfang ist diese Zweiteilung eines und desselben lebenden Menschen doch nicht ganz unberechtigt. Ter eine Tr. Seipel hat nur auf das Interesse und auf das Progrannu seiner Partei Rücksicht zu nehmen, und der andere Dr. Seipel hat freilich auch dem Interesse seiner Partei zu dienen, aber zugleich die Notwendigkeiten ganz Oesterreichs zu berücksichtigen; das eine mag mit dem anderen zusammenfallen; ober dieses Zusammenfallen der Möglichkeiten und Interessen ist nichts als eine absolute Notwendigkeit. Ter feine Unterschied, den Herr Dr. Seivkl aüfzeigt, beweist seine staatsmännische Klugheit, mib uns Juden tarnt es genügen, daß dieser leitende Alaun „das gleiche Recht aller Staatsbürger-Oesterreichs ohne Unterschied des religiösen Bekenntnipes cnrfrechtzuerhalten" bereit ist. Ein Staatsmann unserer Tage kann nicht anders sprechen, und man mstß zu geben, daß auch ein Führer der Christlich-Sozialen Partei, wie sie einmal beschaffen ist, wie sie aus ihrer annscmitisct-en Vergangenheit in Oesterreich hervorgewachsen ist, auch nicht anders sprechen konnte. Aus diesen Bedingtheiten ergab sich die kluge Zwiespältigkeit in den Worten des Herrn Seipel. Wir Huden sollen nicht überhören, wie der Staatsmann Seipel ferne Stellung gewählt hat, und solche Stellung wird für jeden österreichischen Staatsmann um so leichter ausrechtzuerhalten sein, je energischer wir Inder: daran arbeiten, die Schlacker: mittelalterlichen Ghettodaseins da, wo sie uns noch anhaften, von uns abzuwerstn. Es wäre eine gefährliche Illusion, sich m dem Wahn zu wiegen, daß die Emanzipation durch ihre Verkündigung schorr das Wunder einer jüdischen Umwandlung zu freiem Menschentum hätte vollbringen können. Es ist für Individuen wie für Volksmassen nötig, ständig an der eigenen Höherentwicklung zu arbeiten. Für uns Juden ist es keine Schande, das einzusehen. Daß die Arrtisemiten über diese Einsicht verfügen, kann leider nicht behariptet werden. Wandlung? Die polnische Regierung über die jüdischen Minoritäten. Ter P o ln i s ch e I n n e n m i n i st e r hat ein Memorandum über die Politik der polnischen Negierung gegenüber den nationalen Minoritäten ausgearbeitet, das numuchr, nach einer Meldung der „Jta", veröffentlicht worden ist. In diesem Memorandum heißt es u. u.: In der Ueberzeugung, daß der .wirtschaftliche Antisemitismus staatsgesährlich ist, sieht es die Regierung als notwendig an, im Wirtschaftsleben das Prinzip der Objektivität und Gerechtigkeit zu wahren und auf dem Gebiete des Steuer- und Kreditwesens eine Gleichberechtigung cintretcn zu lassen. Die Negierung wird alle noch aus der Zeit der zaristischen Herrschaft und der Okkupation herrührenden B e s ch r ä n f u n g e n gegen die jüdische Bevölkerung a b s ch a s f e n. Die Negierung wird nach Möglichkeit die Berufsausbildung unter Juden fördern. Die Negierung lehnt jede Begrenzung religiöser oder nationaler Natur im Hochschulwesen ab. Diese Gedanken in dem amtlichen Schriftstück eines polnischen Polizeiministers zu finden, ist überaus erfreulich. Wir sasien sie, ohne daran zu denken, daß Polerr zurzeit wieder den Anleihemarkt aufsuchen mtrß, als das entschiedene Bemühen auf, mit einer Tradition z u brechen, die Polen i n den Ru f eines mittelalterlichen Landes gebracht hatte. Die gefährliche preöigt von Neustettin. Reinfall des „Völkischen Beobachters". Der „Völkische Beobachter" — und auch andere völkische Blätter — brachte vor kurzem eine Notiz, die er dem „Deutschen Tageblatt" entnommen hat. — Sie beschäftigt sich mit 7 einer Aeußerung, die der Kantor der Jüdischen G e m e i n d e in N eu ste tti n angeblich Lei einer Predigt am zweiten Tage des Rosch-haschano-Festes getan haben soll. Er soll gesagt haben: „Heil Israel! Wir haben unsere Ziele und Pläne erreicht- Wir sind in den Völkerbund ausgenommen. Das Wert unseres Propheten, daß Israel über alle Völker der Erde herrschen wird, nt wahr geworden. Es ist ein glücklicher und ein Freudentag in der Geschichte unseres Volkes Israel/ In Wirklichkeit lauteten diese Ausführungen damals folgendermaßen: „Gottesfurcht ist es, welche die Arbeit jener Männer beseelte, durch deren Weisheit heute der Eintritt DeutWands in den Völkerbund zur Tatsache wird. Was Israels Propheten in der Vorzeit Tagen verheißen, was wir mit heißem Herzen in unserem altchrwürdigen Neujahrsgebet erflehen: alle Eottesgeschöpse werden einen Bund bilden! Heute sehen wir es Wirklichkeit werden. Und wenn auch nicht alle Menschheitshossnungen mit einem Male sich erfüllen, wenn die .Paradiesessrucht des Mcnschenfricdens auch nur langsanr und allmählich wird reifen, hosfnungsfreudig lasset uns das neue Jahr beginnen, strebend nach Gottesfurcht, arbeitend am Frieden untcu den Menschen. Dann wird allen seinen Feinden zum Troß and) Israel Ruhe finden und vernehmen das Trosteswort, das der Herr verkündet «burdi des Propheten Mund: Feiere, Inda, deine Feste, erfülle dein Gelübde, denn nicht wird der Ruchlose dich nod) einmal überziehen, gänzlich verschwunden i st er." Man weiß wirklich nicht, worüber man sich mehr wundern sott, über die Unfähigkeit des Zuhörers,. der die Ausführungen der Predigt so mißverstanden hat, oder die Torheit der Zeittmgen, die auf diesen Schwindel hcreingefallen sind. Wir sind aber sicher, daß die angebliche Aeußerung in jener Rosäphaschano-Predigt demnächst in der Sammlung der bekannten Selbstbekenntnisse austauchen wird, und daher sei diesir ueuefte Schwindet gleich bei seiner Entstehung als solcher gekeunzc chnet.

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