Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 3 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Zum MichHräsidmteu-Vesuch in Vraunschweig. Zurücksetzung Der KalhsMerr und Juden. Der offizielle Besuch/welchen der Herr Reichspräsident vor etlicher Zeit dem'Lande Braunschweig abgestattet hat, bietet wegen gerviijer Begleitumstände Anlaß, uns mit diesem Ereignis zu beschäftigen. Aus triftigen Gründen kann dies erst jetzt geschehen. Zu den Festlichkeiten, welche die braunschweigische Regierung zu Ehren des Gastes veranstaltet hatte, sind der evangelische Landesbischos und der erste evangelische Geistliche der Stadt Braunschweig eingeladen worden. Dagegen wurde die katholische Kirche und die jüdische Religionsgemeinschaft völlig übergangen. Kein Vertreter diestr Vekenntniffe wurde zu den Empfangsveranstattungen hinzugezogen. Begreiflicherweise fiel diese Tatsache in der Oeffentlichkeit aus. Trrst die Katholiken und die Juden selbst das bittere Gefühl einer verletzenden Zurücksetzung hatten und haben mußten, bedarf keiner weiteren Betonung. ' War doch hier ein offenkundiger Fall ungleicher Behandlung der religiösen Minderheiten bei einem wichtigen staatspolitischen Vorgang gegeben. Außerdem konnte aber auch bei dem Herrn Reichspräsidenten vielleicht die irrige Ansicht entstehen, als ob die katholischen und jüdischen Einwohner des Landes sich an seiner Begrüßung nicht hätten beteiligen wollen. Daraus ergab sich auch ein gemeinsames Handeln von katholischer und jüdischer Seite, da die grundsätzliche Bedeutung der Angelegenheit für beide Religionsbekenntnisse die gleiche war. In einer gemeinschaftlichen Eingabe wurden der erste katholische Geistliche und der Landesrabbiner bei der braunschweigischen Regierung vorstellig. Tie erst nach geraumer Zeit ergangene Antwort des Staatsministeriums war durchaus unbefriedigend. Es wurde darin erklärt, daß eine Zurücksetzung nicht beabsichtigt gewesen, sondern lediglich aus Platzmangel die Hinzuziehung von Vertretern der katholischen und der jüdischen Religionsgemeinschaft unterblieben sei. Dabei ist zu bedenken, daß doch nur die Beschaffung von zwei Plätzen in Frage gekommen wäre! Bei diesem Bescheide konnte man sich natürlich unter keinen Umständen beruhigen. Daher richteten der erwähnte katholische Geistliche und der Landesrabbiner eine — ebenfalls gemeinsame — Eingabe an den Herrn Reichspräsidenten, in welcher insbesondere betont wurde, daß Platzmangel als Rechtfertigung für die N i ch t w a h r u n g des Grundsatzes der konfessionellen Parität nicht anerkannt werden könne. Der braunschweigischen Regierung wurde unter Einsendung einer Abschrift dieser Eingabe mitgeteilL, daß ihre Antwort nicht befriedige. und man sich daher an den Herrn Reichspräsidenten gewandt habe. Schon nach drei Tagen erteilte der Staatssekretär des Reichspräsidenten in dessen Austrage eine Antwort. In ihr dankte der Herr Reichspräsident für die in der Eingabe enthaltene Erklärung, daß man katholischer- und jüdischerseits ihn ebenfalls gern begrüßt hatte. Im übrigen wurde in der Antwort gesagt, daß der Herr Reichspräsident, da er bei dem Besuche in Braunschweig Gast der Landesregierung gewesen sei, es dieser überlassen habe, wen sie zu den Empfangsfeierlichkeiten heranziehen wollte. Aus diesem Grunde vermöge er auch nachträglich keinerlei Stellung zu der erhobenen Beschwerde einzunchmen. Man muß wohl in dem „nachträglich" eine Stellungnahme des Herrn Reichspräsidenten dahin erblicken, daß er. wenn er v o r h e r wegen der Einladung von katholischen und jüdischen Vertretern befragt worden tväre, diese Zuziehung gewünscht haben würde. Nach der ganzen Einstellung des Herrn Reichspräsidenten zu derartigen Fragen kann es ja auch gar keinem Zweifel unterliegen, daß die erfolgte Uebergehung der religiösen Minderheiten durchaus nicht in seinem Sinne war. Zurzeit ist in der Angelegenheit eine demokratische kleine Anfrage im braunschweigischen Landtag eingebracht, aus die die Aeußerung der Regierung noch aussteht. Die Leitung des Centralvereins war sich natürlich der — über den lokalen Fall hinausgehenden — Bedeutung des Vorfalls voll bewußt und hat sich ihrer von Anfang an mit Nachdruck angenonunen. Die NachkriegsverLänöe. Eine Entgegnung im ,,Khffhäuser". In Nr. 50 (1926) unserer Zeitung hat Polizeipräüdent Tr. M e n z e l (Magdeburg) einen wichtigen Aussatz über die Nachkriegsverlxinde veröffentlicht. Wir haben diesen Aussatz vor allen: deshalb ausgenommen, weil diese Verbände weit über kameradschaftliche und sportliche Interessen hinaus im politischen Leben des neuen Deutschlands eine beachtlick-e Rolle spielein an der jeder Politiker und auch der C. V. nicht Vorbeigehen kann. Tiefer Aufsatz hat in einer großen Anzahl von Zeitungen bemerkenswerten Widerhall gefunden. Vor kurzem hat nun auch der „K y s f h ä u s e r", das Organ des deutschen Reichskriegerbundes Kyffhäuser, wohl der bedeutendste Verband alter Soldaten, in seiner Nr. 1 (vom 9. Januar 1927) zu dem Artikel des Polizeipräsidenten Menzel Stellung genommen. Der (Fortsetzung des Textes Seite 28.) 1 *2. N o v e mber 18 8 0 zugänglich machen, in der 76 führende Persönlichkeiten des geistigen Deutschland, darunter M o mm s en, Gn eist, Kirchho fs, Droy s^en, Siem en s, das deutsche Volk ermahnen, „nicht zu vergeben, wie viel'ö unserer jüdischen Mitbürger durch ihre Leistungen in Kunst und Wissenschaft dem Vaterlande Nutzen und Ehren gebracht habe n". Zustimmung und WArstänör. Die politische Gefahr dieser Beschlüsse für das deutsche Judentum besteht in der Hauptsache darin, daß die der Arbeitsgemeinschaft angeschlossenen Verbände die Verpflichtung eingehen mußten, sich auf der Grundlage dieser Bestimmungen mit der Rapen- und Judenfrage eingehend auseinanderzusctzen. Ter „Rassenausfchuß", der in Elberfelds eingesetzt wurde, selber bleibt als eine Art Akademie des Antisemitismus bestehen und hat dafür zu sorgen, daß die „Aufklärung" in geeigneter Weise geschieht. Tie meisten der großen studentisch/n Verbände haben bereits die Initiative zur Durchführung dieser Beschlüsse ergriffen, so namentlich Burschenschaften, Landsmannschaften, Tnrnerschasten, Wingolf und'B.D.St. Tie haben bereits Richtlinien ^ftir die völkische Erziehung der Füchse geschafsen und offizielle Stellen zur Fühlungnahme mit dem Rassenausschutz eingerichtet sowie ihren Verbindungen den Bezug der „Deutschen Akademikerzeitung" zur Pflicht gemacht. Immerhin darf nicht verschwiegen werden, daß auch kritische Stimmen unter den angeschlossenen Verbanden laut geworden. So bat der S o u. d e r s h a u \ c n e r Verbau d^ deutscher S a n - slers.chafLen die Arbeitsgemeinschaft, noch einmal die Beschlüsse über die Rasjensrage einer Nachprüfung auf ihre Durchführbarkeit und politische Zweckmäßigkeit unterziehen, und auch der Schriftleiter der ,.W i n g o l f - B l ä t L e r", Pfarrer Dr. Roden Halls er (München), schrieb in der von ihm gelernten Zeitschrift, daß durch diese Beschlüsse ein Zankapfel in die Bewegung geworfen würde. Mit besonders erfreulicher Deutlichkeit und Schärfe wandte sich der Reichsansschuß der Hochschulgruppen der D e u r s ch e n. Volks- Partei, der der Arbeitsgemeinschaft angehört, gegen diele Beschlüsse; er fordert in seinem Verbandsorgan vom Mai 1926, „daß Akte unterbleiben, wie z. B. die Annahme der teilweise an innerpolitische Vergiftung grenzenden Grundsätze zur Rassenfrage auf dem Deutschen Akadcmikertag im vorigen Jahre". Auch unter den führenden Persönlichkeiten der Arbeitsgemeinschaft scheint die Erkenntnis zu Dämmern, daß diese im Ton so wenig akademischen und inhaltlich so anfechtbaren „Richtlinien zur Judenfrage" nicht gerade geeignet erscheinen, für die Bewegung außerhalb der radikal-vöttsichen Kreise Propaganda zu machen. Man ist deshalb neuerdings bemüht, den rein antisemitischen Grnndcharakter der Bewegung nach außen hin etwas abzuschwächcn. So hat der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Tr. Ho pp mann (Elberfeld)/kürzlich auf einer Tagung der Akademikerverblinde in Frankfurt ausgefuhrt, daß der Begriff „völkisch" im Sinne der Arbeitsgenleinschaft, „um ihn vor der verflachenden Gleichstellung mit antisemitisch zu bewahren", als Kampf gegen jede n A nrigermanis - m n s gedeutet werden müsse. Die Ausgabe unseres C. §. Tie in der Arbeitsgemeinschaft völkischer Akademilerverbäude erfolgte Zusammenfassung vieler bisher miteinander nicht einig gehender oder nur in loser Verbindung stehender Teile einer der wichtigsten deutschen Volksschichten stellt ein wirksame? und deshalb gefährliche? Instrument zur planmäßigen völkischen Durchsetzung dieser Volksschicht dar. Die berufenen Vertreter des deutschen Judentums werden deshalb gut tun, die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft und ihrer einzelnen Lrtsgruppen wachsam zu verfolgen. Ter Ccntralverein wird seine wichtige und so verdienstvolle Tätigkeit auf dem Gebiete sachlicher Ausklärung unserer deutschen Volksgenossen noch viel beträchtlicher au?- bauen müssen, um dieser großen Gefahr einen starken Damm entgegensetzen zu können.