Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Der £. V. im KfyctnJand voran! Von Dr. Alfred Beis (Anoernach a. Rh.) Unsere seit Ende 1918 besetzte rheinische Heimat beginnt frei zu werden! Allerorten lockern sich die Bande der Besatzung, die Engländer haben den Kötner Brückenkopf vollständig geräumt, die Franzosen einen Teil des bisher von ihnen besetzten Gebietes freigogeven, in den noch besetzten Teilen wirken sich die Erleichterungen der Locarno-Verträge ans, die Bevölkerung funu sich politisch und wirtschaftlich.wieder ungestörter entfalten. Aber zu gleicher Ze»c macht sich auch eine Verschärfung d e v b i s jetzt n i e d e r g e h a l t e n e n n a t i o n a t f o 31 a f i ft i {d) antisemitischen Bewegung b e i uns bemerkbar und zwingt uns, wie es in den anderen Teilen Deutschlands inzwischen stets der Fall war. zu einer l e b h a f t e n E n t f a l t u ng u n s e r e r (5. B. -T ä t i g k e i t. Der rheinische Jude, der seit Jahrhunderten in seiner Heimat die Licht- und Schatten feiten seiner Liebe zur rheinischen Scholle empfunden hat, mutz von neuem beweisen, daß er als Jude und Rheinländer seine alte „rheinische Treue" bewahrt hat, daß er wiederum einsteht für Judentum und Heimat. In machtvoller Weise, die unsere Glaubensbrüder und Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland aufhorchen läßt, wird sich in der nächsten Zeit im ganzen Rheinland eine „C. B. -Woche" abwickeln, die vom Niederrhein bis zur Pfalz, in Eifel, Westerwald und Hunsrück, am Rhein, der Mosel und der Nahe die jüdische Bevölkerung aufrütteln soll und sie, soweit sic noch fernsteht, für die Ziele der- C. V. erfassen soll. In Koblenz, dem Herzen des Rheinlands, dort, wo die Mosel sich in den Rhein ergießt, fand am 6. Januar, gleichsam als Auf. takt zu dieser Woche, eine imposante Versammlung des C. V. statt. In einer Zahl wie selten war die jüdische Bevölkerung au? Koblenz und der Amgegend zusammengeströmt, die Versammlungsräume konnten die Zahl der Erschienenen kaum fapen, die den drei Rednern des Abends, Herrn Dr. Marx (Frankfurt a. M.), Rechtsanwalt Dr. Treidel (Koblenz) und unserem Landesverbcmdssyndikus Eugen Jacob: (Köln), begeistert zustimmten. Keine Probleme der fernen Dergangenheit, sondern die erschreckenden Tatsachen der jüngsten Gegenwart wurden von den drei Rednern beleuchtet. Mr. Marx sprach von der Rechtlosigkeit der deutschell Juden, wie sie sich in der letzten Zeit in zunehmendem Matze zeigt, von der Berseuchtheit ^der deutschen Studentenschaft, für die er Beispiele in Wort und Schrift brachte: vor allem aber von der Art, wie der Antisemitismus sich heute in Unsichtbarer Weise als „Asemirismus" answirkt, den Juden langsam überall verdrängend und in ein geistiges Ghetto zurückführend. Anschließend an seine Worte behandelte Rechtsanwalt Dr. Treidel das Thema: „Wie schützen wir uns gegen Angriffe der völkischen Presse?" An praktischen Beispielen zeigt er, wie sich jeder einzelne in Beleidigungsfallen zu verhalten hat. Als dritter Redner sprach^unser unermüdlicher Syndikus Eugen I a c 0 b i. Trotz der späten etunbe und der vorausgegarrgenen Reden verstand er es, seine Zuhörer mit „vertraulichen Mitteilungen" in seltener Weise zu fesseln. Er schilderte die scheinbare „Tragik" der Arbeit des E. B., die darin liegt, daß der E. B. seine Tätigkeit oft nicht sofort durch Erfolge sozusagen buchmäßig Nachweisen kann, von seinen Mitgliedern aber finanzielle Opfer verlangen muß, ohne ihnen immer zeigen zu können, wozu diese Opfer nötig sind. Er verlangte von seinen Freunden Opferfreudigkeit für den E. B., und der begeisterte Beifall, der seinen Ausführungen gezollt wurde, mag ihm wohl gezeigt haben, daß der rheinische Jude aus vollstem Herzen unserem Jacob: für all das dankt, was er in rastloser Arbeit für uns schafft. So klang diese Versammlung in ein Treugelöbnis für Deutschtum und Juden tun: aus, ein schöner und begeisterter Auftakt für die C. V. - Woche. Und nun in der nächsten Zeit: Hinein in d i e S t ä d t e und Dörfer des Rheinlands st" Führer aus ganz Deutschland und den: Rheinland werden überall Aüfklärungsversammtungen veranstalten und erneut unsere Brüder auf ihre Pflicht aufmerksam machen: Für Judentum und rheinische Heimat. Und dort, in Koblenz. Ivo der Auftakt war, sei daun auch der Schlußstrich unter diesen Teil unserer (5. B. - Arbeit gesetzt. Dort wollen wir Rheinländer uns am 2 3. Januar unter Führung unseres Direktor s T r. Ludwig Holländer wieder treffen, wollen sprechen über die hoffentlich großen Erfolge, die wir erzielt haben, aber noch mehr über all die Arbeit, die zu Leisten uns noch übrigbleibt. Veranstaltungen der Rheinland-Woche. (Sieke auch Seite 14.) Sonnabend, den 15. Januar- K O £ I. \ : Jugend Versammlung für die deutsch-jüdische Jugend. Referendar Jakob Ettlinger (Hamburg): Wesen und Aufgaben deutsch-jüdischer Jugend. Sonntag, den 16. Januar. S I E G B l' R O : iJ e z i r k s v e r s a nt n:- 1 u n g. Rabbiner Dr. Kahlberg (Halle a. d. Saale;: Der Kampf um unsere Gleichberechtigung. A L T £ \’ K I RC II £ N : Bezirksver- Sammlung. Dr. Alfred V e i s (Andernach): Unser Abwehrkampf - eine moralische Tat. MAYEN: DezirksveisaraaluDg. Rabbiner Dr. N e u h a u s (Mülheim a. d. Ruhr): Die Grundlagen unseres Kampfes. Montag, den 17. Januar. ANDERN A € II : Dr. S. Braun (Köln): Sorge und Note der deutschen Juden. W I T T L I C II : Rabbiner Dr. Kahlberg (Halle a. d. Saale): Der Kampf um unsere Gleichberechtigung. Dienstag, den 18. Januar. CLEYE: Lise L e i b li g 1 z (Berlin): Unsere geschichtliche und kulturelle Verbundenheit mit dem deutschen Volke. AACHEN: Rabbiner Dr. Felix Gold mann (Leipzig): Vom Wesen des Antisemitismus. Mittwoch, den 19. Januar. GELDERN: Lise Leibholz (Berlin): Unsere geschichtliche und kulturelle Verbundenheit mit dem deutschen Volke. VIERSEX und D C E L K £ N : Dr. Alfred Veis (Andernach): Angriff und Abwehr. Dl EREN : Rabbiner Dr. Felix Goldmann (Leipzig): Die Juden und der Staat! Donnerstag, den 2 0. Januar. Bö MX: Staats rat a. D. Justizrat Dr. Lohn (Dessau): Unser ewiger Kampf. EI SKIRCHEN: Lise Leibholz (Berlin): Die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lehren der letzten Jahre. MOERS: I)r. Norbert Einstein (Berlin): Die wirtschaftlichen Lehren der letzten Jahre und das deutsche Judentum. Sonnabend, d e n 2 2. Januar. NEtWIED: Direktor Dr. Ludwig Holländer (Berlin): Sorgen und Nöte der deutschen Juden. NEUSS : Dr. Norbert Einstein (Berlin): Die Leistungen der Juden für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. SOLI X GEN: Lise Le i b L o 1 z (Berlin): Die politischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lehren der letzten Jahre. OBERSTEIX : Dr. Martin Marx. (Frankfurt a. XL), stellvertretender Syndikus des C. V. und Syndikus des hessischen Landesverbandes: Neue Formen des Judenhasses. Sonntag, den 23. Januar. KREUZNACH: Dr. Martin Marx (Frankfurt a. M.K stellvertretender Syndikus des C. V. und Syndikus des hessischen Landesverbandes: Neue Formen des Judenhasses. Sonntag, den 23. Januar. Delegriertentairiing des liuksrholnl sclieu Landesverbandes In KOBLENZ, Hotel Monopol- Mctropol, Schlossstrasse, vormittags 11 Uhr. Referate der Herren Direktor Dr. Holländer und Dr. Norbert Einstein (Berlin. Wie wenig der „eigene Gott der Inden" ein intoleranter imd dem Staate gefährlicher Gott fei, beweist Jacoby ebenfalls mit ein paar Bibelstellen. Trittes Buch Mose H>,34: „Wenn ein Fremdling in eurem Lande wohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Aegypterlande." Und dieser Gott sollte andere Völker hassen und verachten? Ferner Jeremias 29,4,7: „So spricht der Herr zu den Gefangenen, die ich habe wegsühren lassen nach Babylon: Bauet Häuser und pflanzet Gärten! Suchet der Stadt Bestes zu fördern, wohin ich euch führen ließ, und betet für sie zum Herrn!" ttird zweites Buch Ehronik 6,32, Solomons Einweihungsgebet des Tempels: „Wenn auch ein Fremder, der nicht vom Volke Israel ist. kommt aus fernen Landen und betet in diesem Hause, so wollest du ihn erhören und tun alles, worum er dich anruft, auf daß alle Völker deinen Namen erkennen und dich fürchten." Und Jesaias 56. 7: „So spricht der Herr: Ter Fremden Opfer sollen mir angenehm sein; denn mein Haus heißt ein Bethaus allen Völkern." „Soviel über den jüdischen Gott des Herrn Strecksnß", sagt Johann Jacoby. Und das könnten sich manche Leute hierzulande heute noch gesagt sein lasten. Jacoby unterzieht dann eine Fülle weiterer Angriffe auf die Inden einer Prüfung und Widerlegung und weist den Gedanken zurück, einzelnen Juden später höhere Rechte im christlichen £tmt einzuräumen: „Tut er (Streckfuß) doch überhaupt, als ob wir um eine Vergünstigung flehen; — nicht eine Gnade ist zu gewähren, wir fordern die Gleichstellung als ein uns vorcntl>aILeues Recht und werden, im Bewußtsein des notlvendigcn Sieges, nicht ablassen zu fordern, bis eine humanere Zukunft unsere billigen Ansprüche völlig befriedigt. Solange auch nur ein Recht dem Juden entzogen wird, bloß weil er Jude ist, so lange bleibt er ein — Sklave, und alle übrigen Zugestaudnipe vermögen ihm nicht das schmerzliche Gefühl der Kränkung zu mildern . . . Vor der Milcht der Wahrheit muß der Gegner Hohn ebenso wie ihre schnöden Trugschlüsse verstummen. Tre öffentliche Meinung der gebildeten Mehrzahl ist uns Bürge einer besseren Zukunft. Die Scheidewand. die ein sinnloses Vorurteil aufgebaut hat, wird auch in Deutschland sinken und das Vaterland ferner keinen Unterschied machen zwischen seinen jüdischen und christlick)en Bürgern. Dieses aber ist das einzig vernunftgemäße Verhältnis der Juden zu den christlichen Staaten." Also geschrieben im Jahre 1833. Die charaktervollen Worte fanden lebhaften Widerhall in allen aufgeklärten Kreisen, weit über Preußens Grenzen hinaus. LLas Johann Jacoby später als Vorkämpfer des Verfassungsstaates, zuerst mit den „Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen", dann als Abgeordneter geleistet, wie er für Volk und Rech: gestrittei» und gelitten hat, das alles gehört der Geschichte an. Er ist uuvergcnen wie seine Warnung: „Das eben ist das Unglück der .llönigc, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." Als er im März 1877 für immer die Augen schloß, ging Trauer durch die Lande, auch bei denen, die seine politischen Gegner waren. „Wir stehen an dem Grabe Johann Jacobys," sprach der Rabbiner Dr. Bamberger, „das will sagen, an einer Wallfahrtsstätte für die Gegenwart und Zukunft. wo gar viele die Weihe größerer Erinnerung für ihr eigenes Leben einst suchen werden. Aber ums ist es, was uns alle, alle —ohne Unterschied der Bekenntnisse und Verhältnisse — sprechen läßt aus einem Munde, ans einem Herzen: Ein großer Geist ist an diesem Tage gestorben in Israel? Es ist jene wunderbare Verschmelzung geistiger Klarheit und Freiheit, sittlicher Höhe und Reinheit, gemütvoller Milde und Innigkeit, die uns überall wie mit dem Zauber antiker Größe aumntet". Und er hob hervor, welchen ersichtlichen Einfluß auf den Königsberger Juden der Amsterdamer- Jude, Baruch Spinoza, ausgeübt habe, und wie es Johann Jacoby ähnlich gegangen sei wie dem großen Gottesmann Mose, von dem es in der Thorn heiße: „Du wirst das Land aus der Ferne sehen, aber nicht hineingelangen." Und andere redeten, nicht anders, tiefes Weh im Herzen. Ein Stern war vom Himmel gefallen, und lebendig war, n>as einst der Dichter von dem Kämpfer gesungen hatte: „Du bist im verirrten Vaterland da? unbeirrbare Gewissen."