Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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N a t i on a Ls ozi a l i st i s ch e deutsche Arbeiterpartei sHitler-Partci). die 1924 gemeinsam als Völkische gewühlt wurden und sich, voran Artur Tintcr, im Jahre 1926 in zwei Lager spalteten. Die nicht nationalsozialistischen Völkischen werden kaum wieder in den Landtag einzichen. Dagegen ist die von den Nationalsozialisten drohende Gefahr nicht zu unterschätzen, obgleich auch sie kann: wieder ihre fünf Mandate behaupten werden. Wir haben aber in Thüringen erlebt, daß mit der Tinter-Gruppe drei Jahre lang regiert wurde, und sollte sie, auch wenn sie nur mit zwei oder drei Abgeordneten wieder in den Landtag einzieht, wieder bei der Bildung einer Rechtsrcgieruug den Ausschlag geben, so wird sic abermals mitmachen, auch wenn sie heute kein gutes Haar an der Negierung laßt, die nur durch Unterstützung der' Nationalsozialisten am Leben bleiben konnte. Die Listen der Kandidaten liege-.! noch nicht vollständig vor. Es kann aber schon heute gesagt werden, daß an aussichtsreicher Stelle nicht ein einziger Staatsbürger iübtfd]cii Glaubens ausgestellt ist, ja wahrscheinlich auch nicht au den sogenannten. Zahlstellen. Auch in keiner Partei spielen Juden eine irgendwie einflußreiche Rolle. Es ist Pflicht aller thüringischen Juden, bei der kommenden Wahl selbst mit Hand anzulegcn, damit der Antisemitismus während der nächsten drei Jahre nicht wieder die gleichen Triumphe feiern kann wie in den verflossenen, und dadurch dazu beizutragen, daß Thüringen nicht wieder eine Hochburg des Antisemitismus, sondern ein Hort des inneren Friedens wird. Ter C.V. ist m i t a l l e n Kräften nach seinen bewährten Methoden beim Wahlkampf tätig, um dem Ansturm der offenen und verkappten Judengegner ein kräftiges Paroli zn bieten. der Prozeß Litauer gegen „Sridencue*. Bolle Genugtuung für Ernst Lissancr. In diesen Wochen fand durch Vergleich eine Strafsache ihr Ende, die durch die dabei in Frage kommenden Parteien besonderes Jnteresie verdient. Die Anzeige ging nämlich von dem Dichter Ernst L i s s a u e r , unserem verehrten Mitarbeiter, aus und richtete sich Legen den Herausgeber des völkischen W o ch e n b l a t t e s ,.F ri deri cus", F. C. Holtz. Der „Fridericus" hatte vor längerem einen Angriff gegetr Liffauer veröffentlicht, in dem es unter Verfälschung des Textes einer Selbstbiographie Lissauers hieß, Lissauer habe geschrieben, „auch sehe ich heute ein, daß ich meine Sorge um TeU'tschland^statt in der verneinenden Form eines Haßgeianges gegen England besser.in der Form eines Lrebesgesanges an England ausgesprochen hätte". Tatsächlich lautete der Text: . . Liebesgesang an Deut schland". An diesen Satz waren beschimpfende Bemerkungen allgemeiner Natur geknüpft. In erster Instanz ist Holtz am 11. Juni v. I. zu s e ch s W o ch e n G e f ä n g n i s v e r is r i c* i t worden. Vor der Verhandlung zweiter Instanz — Lissauer sowohl wie Holtz hatten Berufung eingelegt — kam es M einem Vergleich, .iw dem Holtz Litauer gegenüber im weitesten Umfange Ehrenerklärungen abgab. Darüber hinaus veröffentlicht der „Fridericus" ein ausführliches Schlußwort, in dem der dichterischen, für Deutschland bedeutungs - vollen Persönlichkeit Lissauers volle Würdigung zuteil wird und Lissauer aus freien Stücken um Entschuldiung gebeten wird. Es ist überaus erfreulich, daß damit das Verfahren sein Ende fand, ohne daß Bitterkeit bei einem der Beteiligten zurückblieb. Doch bleibt die Frage offen: Muß man sich erst mit Völkischen vor dem Strafrichter treffen, um sie von der Wertigkeit des deutschen Juden zu überzeugen? Nicht waschecht! Vom Wirken tut» Ende eines nationalsozialistischen Führers. Ten Rhein entlang hatte der Name des Führers des Rheinlandgaus der N. S. A. P. D., D r. Ley, in völkischen Kreisen einen guten Klang. In Dutzenden von Versammlungen wühlte er die Gemüter seiner Anhänger gegen den Staat und die deutschen Juden auf, und der ,)D e u t s ch e Tag" in Nassau unrühmlichen Andenkens stand unter dem besonderen Eindruck seiner Persönlichkeit. Es erweckte in den Kreisen der ruhigeren Mitbürger eine gewisse Verwunderung, wie Tr. Ley als Beamter der nach den nrodern- . ftcu Grundsätzen der Arbeiterrationalisierung betriebenen I. G. F a r b e n i n d u st r i e A. - G. die Zeit finben konnte, neben der Ausübung eines verantwortungsvollen Postens noch die Rolle eines eifrigen politischen Agitators durchzusühren. Nun kommt aus Tr. Lcys Wirkungskreis seltsame Kunde! Es taucht die Behauptung aus, daß er nicht ganz zuverlässig in „rassischer Beziehung" sei und recht merkbar j ü d i s ch c s Blut in seine n le't/^s" *Ü^e* ^orteiversahren gegen ihn soll bereits eingc- . m ® xoey! So sehr hast du versucht, dich mit krästigcr völkischer yarbe zu übertünchen, und nun stellt es sich heraus, daß sie a b w a ch b a r ist. Wärest du doch bei deinen Farbeutvvsen im Laboratormm geblieben! J.-G.-Farben haben Qualitätsrus . . . R i d e n s. Dr. 3. Levy 75 Jahre all! Dr. zur. I. Levy begeht am 15. Januar die Feier seines 75. Geburtstages sowie ani 13. Januar das Jubiläum seiner 40jährigen Zugehörigkeit Zinn Redaktionsstab der „Bofsischen Zeitung". Erst vor kurzem hatten wir aus Anlaß seines goldenen Toktorjubilnums Veranlassung, unserer Verehrung für diesen hervorragenden deutschjüdischen Kämpfer Ausdruck zu geben. Wir wünschen dem Jubilar noch lauge Jahre eines von beglückender Arbeit gesegneten Lebensabends. Mit besonderer Freude bringen wir gerade heute aus der Feder des trefflichen Mannes einen Aufsatz über „Johann Jacoby". Johann Jacobp als Jude. Don Dr. jur. I. Levy (Berli n). Es wehte ein frischer Wind oben an der Waterkant, und Königsberg war die Stadt der reinen Vernunft. Tie Erinnerung an Kant war lebendig. Theodor v. Scheu war Ostpreußens Oberprändeur. Als Sohn eines gebildeten und geachteten jüdischen' Geschäftsmannes geboren, studierte Johann Jacoby zuerst Philosophie, dann Medizin, und wußte sich schon als Bruder Studio solchen Einfluß zu verschaffen, daß seine entkräft ein altes Vorurteil zu überwinden vermochte, das ungeschriebene Ge'etz, daß bei den Bällen der akademischen Jugend kein Jude an der Spitze stehen durste. Als Arzt machte er seinen Namen bald rühmlich bekannt, indem er als erster beim Auftreten der Eholera in die verseuchten Gebiete jenseits der Grenze eilte, den Kranken zu helfen, die Gesunden zu schützen, dem Elend zn steuern suchte und feine Erfahrungen und Ratschläge in Fachblattern veröffentlichte und in wissenschaftlichen Gesellschaften zur allgemeinen Kenntnis brachte. Nicht lange nachher^nahm er den Kamps für die Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen auf in der Flugschrift vom Jahre 1833, die heute noch gelesen zu werden verdient: „N e b e r das Verhältnis des k ö ni g L i ch p r e u ß i sch e n Oberregierungsraks Streckfuß zu der Em anzipaLion der Juden." „Der Geburt wie der innigen Ueberzeugung nach Jude, machte ich oft die demütigende Lage der Glaubensgenossen zum Gegenstand schmerzlicher Betrachtung", so heißt cs in der Einleitung. „Voll lebhaften Unwillens sah und fühlte ich die bedrückenden Fesseln, mit dorren ein sinnloses Vorrrrteil uns belastet. Gekränkt iu den An'pruchen, die auch der Niedrigste an das Leben zu machen berechtigt ist, gehemmt in der freien Wahl des Berufs, ausgeschlossen von jeder äußeren Ehre und eben dadurch unverschuldet der Geringschätzung preisgegeben, leben mtf diesem zivilisierten Erdteile noch eine Million Menschen, den Parias gleich, in bürgerlich r Unfähigkeit und schmählichor Erniedrigung." Während man in mehreren Ländern den Inden volle Rechtsgleichheit gewährte, wurde in anderen, will sagen in Preußen, „Verbesserung ihrer bürgerlichen Lage »venigstens — verheißen und, sreüich sehr langsam, vorbereitet". Zn denen, die die Erfüllung der Verheißung zn Hintertreiben bemüht waren, gehörte Streckfuß, der es bei dem bisherigen Zustand belassen und erst für späte Jahrzehnte eine Begünstigung, und zwar nur einzelner, zugebeu wollte. Und weshalb? Streckfu ß sagte den Inden nach, ihre Religion enthalte folgendes Dogma: „Gott ist allein der Gott der Inden und ihr besonderes geistliches und weltliches Oberhaupt. Nur die Juden liebt er. alle anderen Völker haßt und verachtet er." Woraus Jacoby erwiderte: „Weder glaubt dies der vernünftige Jude, noch wäre es Schuld der jüdischen Religion, wenn ein Unvernünftiger dergleichen Irrwahn hegen sollte." Strecksuß berief sich für sein Dogma auf eine Stelle der^ Bibel, int zweiten Buch Nt ose, 19.5,6: „Werdet ihr mm meiner stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum feilt vor allen Völkern: denn die ganze Erde ist mein . . . Und ihr sollte mir ein pricsterlich Königreich und ein heiliges Volk sein." „Wie ist's möglich," emtnjoutete Inco 0 y, „aus diesen Worten das Dogrna herauszutesen, daß Gott ein Eigentum der Inden, alleilt der Gott der Juden- ''ei, und daß er alle anderen Völker hasse und verachte? Wer alt Gespenster glaubt, der sieht sie sreilich. Wir anderen Nichtsonntagskinder sehen in der angeführten Stelle rtichts weiter als den einfachen Ausspruch: Wer Gottes Befehlen uachlcbt, ist ihm lvohtgefälliger, als wer sie aus Unfimbc oder Ungehorsam nicht befolgt." Um sich eilten würdigeren Begriff von der jüdischen Religion 311 verschaffen, möge Strecksuß die großartigen Leisttutgeu eines Nt e n d e l s s 0 h n, M a i m 0 n, F r i e d l ä u b c x, Auerbach, Sal 0 m 0 n, Rießer, P inner prüfen.