Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 Nach Sreslau — Chemnitz. Gin jüdischer Bürger blutig geschlagen. Noch hält die Erregung über den völkischen Ueborsall auf friedliche jüdische Spaziergänger in Breslau an als schon wieder eine Untat ähnlicher Art aus Chemnitz gemeldet wird. Das Polizeipräsidium in Chemnitz gibt v darüber folgenden Bericht ans: „Am vergangenen Sonntag durchzog ein Abteilung der hiesigen Ortsgruppe der N a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n deutschen Arbeiterpartei in Stärke von vierzig UUamt unter A b - s i n g u n g e i n e s S p o t t l i e d e s a u s d i e I u d e n die Theaterstraße in Richtung Schauspielhaus. In der Nähe der äußeren. Klosterstraße schlugen mehrere Augteilnehmer a u einen jüdischen Geschäftsinhaber, der vor seinem Grundstück auf dem Fußweg stand, ein und brachten ihm eine b l utende Verletzung auf dem. K o p f e b e i. Ein in der Nähe befindlicher Polizeibeamter schritt sofort du, Während dieser Beamte sich mit dem Führer des Zuges befaßte, der mit seiner Abteilung weitermarschieren wollte, schlugen einige Zngteilnehmer, ohne daß es der Beamte verhindern konnte, erneut aus den Verletzten ein. Mit Hilfe eines inzwischen eingetroffenen Polizeiüberfallkommandos wurde hierauf die gesamte Abteilung der Nationalsozialsten nach der Polzeihauptwache gebracht. Nach Feststellung des Sachverhaltes gelangten die Sistierten wieder zur Entlastung bis aus vier Mann, die vermutlich als Tater in Frage kommen und der Staatsanwaltschaft zugesührt wurden. Die genauere Aufklärung des Anlasses zur Schlägerei muß noch erfolgen. Der Geschlagene soll nach Aussage der Zngteilnehmer diese beim Vorübermarsch durch beleidigende Zurufe und Gebärden herausgefordert haben. Der Verletzte bestreitet das. Seine Aussage wird von einer freiwillig mit auf der Wache erschienenen Zeugin' gestützt." Der so schwer Geschlagene, ein allgemein geachteter Geschäftsmann und langjähriges Mitglied unseres Vereins, von dem zwei Brüder an der Front gefallen sind, bestreitet entschieden, auch nur im geringsten den völkischen Trupp hcrausgefordert,51t haben. Er hätte sogar versucht, dein Zuge auszuweichen. Tie blutige Wunde am Kopse, die 5 Zentimeter lang und 2 Zentimeter tief ist, wurde dadurch verursacht, daß ein Tambour der Nationalsozialisten ihm mit dem unteren, metallbeschlagenen Teil seines Trommelschlägers wuchtig auf den Kopf schlug. Die Wunde mußte von dem Polizeiarzt auf der Hauptwache verbunden Werdern Das Lied, welches von den Nationalsozialisten gesungen wurde, lautete: „Schmeißt sie raus aus unserm Vaterlande, schlagt sie tot, die ganze Judenbande; Pfui, Judenrepublik!" Die „Chemnitzer Volksstimme" sagt: „Wenn es möglich ist, am hellen Tage von einem Haufen dieses Gesindels auf offener Straße überfallen und mißhandelt zu werden, so eröffnet diese Tatsache verlockende Aussichten auf die Zukunft." Wir wollen hoffen, daß die Chemnitzer Polizei mit allen Machtmitteln eingreift, um derartig beschämende Vorkommnisse von jetzt ab auszuschalten. Die Lehren des benachbarten Plauen sprechen eine beredte Sprache. Wird nicht sogleich im ersten Falle fest zu gepackt, so entstehen Zustände, die dauernd Leib und Leben der Bürger bedrohen. Unsere Ortsgruppe, die sich sofort mit dem Fall energisch beschäftigt hat, wird bei ihrem Vorgehen auf die Sympathie aller jüdischen und auch der unverblendeten nichtjüdischen Kreise rechnen können. die Fakultät lehnt üb. Abfuhr Der völkischen Studenten in Wien. Wir berichteten kürzlich ufor -das völkische Treiben gegen den bekannten Humanisten Proseyor H u p k a in W i e n. Die Wiener stramm völkische Studentenschaft hatte die Wahl Hupkas zum Dekan der juristischen Fakultät in ei n er De n'k s ch r i f t an die Fakultät für rechtswidrig erklärt. Den Rechtsgrund dieser für akademische Verhältnisse nteraus erstaunlichen Einmischung der Studentenschaft in die Selbst- Verwaltung der Fakultät mußte ein Beschluß abgeben, den die österreichisä-e Dozentenschaft auf ihrer letzten Tagung gefaßt hatte. Dort hatte man sich zu den sogenannten Eloerfolder Grundsätzen bekannt, unter denen sich auch die Forderung befindet, jüdische Dozenten zu akademischen E h re n - ämtern nicht mehr zuzn lassen. Den besonderen Unwillen der Völkischen hatte Professor Hu p ka aber dadurch erregt, daß er durch energische Vorstellungen beim Rektorat eine "Beseitigung widerlicher Karikaturen, die angeblich jüdische Rassetypen darstellen sollten, vom offiziellen Brett der Studentenschaft erreichte. Erfreulicherweise hat dieses ungewöhnliche Vorgehen 'der völkischen Studenten gerade das Gegenteil erreicht. Me ans Wien gemeldet wird, ist die Fakultät üter die studentische Denkschrift zur Tagesordnung übergegangen und hat in einer außerordentlichen Sitzung ihrem Dekan, Professor H u p ka , das Vertrauen a u s - gesprochen. Besonders interessant ist, daß der Vertrauensantrag von dem politisch weit rechts stehenden Professor Dr. Hans Mayer gestellt und begründet wurde. W. R. Lanötagswahlerr in Thüringen. Der Aufmarsch der Parteien. — Antwort der Wirtschasts- Partei an den C. V. — Keine jüdische .Kandidaten. — Tie Pflichten der thüringischen Juden. I). K. Das Weihnachtsgeschenk für die Thüringer Bevölkerung bestand in der Bekanntgabe des Termins für die Wahlen z 11 in Landtage, auf den "man seit zwei Monaten wartete, und der nunmehr auf den 30. Januar s e st g e s e tz t i ft. Obgleich uns noch beinahe drei ^Wochen vom Wahltage trennen, hat der Kampf bereits an allen stellen und von alten Parteien eingesetzt. Der Kampf selbst wird an Schärfe nichts zu wünscpeu übrig lassen; die Häßlichkeiten und Verleumdungen gegenüber dem politischen Gegner bei der Wahl vom 10. Februar 1924 werden aber kaum noch übcrboten werden können. Das wichtigste Merkmal für die neue Wahl ist die Herabsetzung der Zahl der Abgeordneten, und zwar aus mindesten 53 Sitze. Bei stacker Wahlbeteiligung kann sich die Zahl erhöhen, aber nur lim einige Abgeordnete, ba auch die Stimmenzahl für einen Abgeordneten von 12 009 auf 15 000 Stimmen heraufgesetzt worden ist. Der alte Landtag zählte 72 Abgeordnete, eine für den Freistaat Thüringen mit seinen reichlich VA Millionen Einwohnern ganz entschieden zu hohe Zahl. Diese 72 Mandate verteilen nch wie folgt: 17 Sozialdemokraten, 15 Landbund, 13 Kommunisten. 10 Deutsche Volks Partei einschließlich 1 Zentrum, 6 Deutschnationale. 4 Demokraten einschließlich 1 Beamienvertreter, 2 Völkische, 5 Nationalsozialisten. Obgleich die Parteien, vom Zentrum bis zu den Völkischen drei Jahre""lang als Regierungsparteien Hand in Hand gewirkt und mit wenigen Ausnahmen, wo die Völkischen mit der Linken stimmten, eine geschlossene Front gebildet haben, war cs den Teulsch'nationalen nicht möglich, den alte n Ordnungb u n d von 1924 wieder zusammenzuschweißen. So werden um die Sicgespakmneun gesonderte Wahlgruppen mit insgesamt zwölf Parteien ringen. Gemeinsam gehen vor die Deutsche Volkspartei, die Deutschnationale Bolkspartei und der Landbund, die das Zentrum ausgenommen haben, um dessen Kandidaten. Brauereisyndikus Dr. Schömberg, der stets treu zur völkischen Fahne gestanden hatte, wieder durchzuhelsen, da das Zentrum allein einen Kandidaten nicht durchbringen kann. Die Kommunisten haben sich, nach dem Vorbilde der Völkischen, in zwei Lager gespalten: es ist aber trotzdem ein wesentlicher Rückgang ihrer Anhängerschaft kaum zu erwarten, schon im Hinblick auf das noch große Heer der Arbeitslosen und die Wirtschastskämpfe in letzter Zeitz in der Tertilindustrie. Bon den alten Parteien gehen allein vor die Demokraten und die Sozialdemokraten. Die Demokraten haben an aussichtsreicher Stelle, und zwar als Spitzenkandidat im Wahlkreis Eisenach-Sonneberg, einen Wirtschansvertreter in der Person des sehr tatkräftigen und erfahrenen Syndikus Glöckner in Sonneberg ausgestellt. Neu ausgetreten sind die A u s w e r t u n g s p a r t e i, deren Führer der Politischen Mitte zuzurechnen sind, sowie die Wirtschaf t sp a r t ei. Der letzteren haben wir besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und zwar deshalb, weil an führender Stelle der Wahlliste der Ministerialrat Dr. Gersten ha ne r in Weimar aufgestellt ist. der durch seine antisemitische Einstellung schon' seit Jahren bekannt ist. Wie Herr Gersteuhauer zu der Wirtschaftspartei kommt, ist nicht ganz klar. Man glaubt — die Richtigkeit läßt sich heute noch nicht nachprüfen und wir wollen uns die Vermutungen auch keineswegs zu eigen machen —, daß er von den Deutschnationalen, in deren Reihen er sich' im letzten Landtag befunden hat. vorgeschickt worden ist. um die Wirtschaftspartei durch ihn in das dentschnational-völkifche Lager hinüberzuziehen. Diese Annahme hat tatsächlich viel Wahrscheinlichkeit für sich; denn anders ist die Kandidatur nicht zu erklären. Bei der Wahl von 1924 hat der Ordnungsbund Herrn Crerstcnhauer als den Exponenten des nationalen — d. i. in Thüringen des völkischen — Lagers bezeichnet! Der E. V. (L a n d e s v e r b a n b T h ü ringe n) hat in der Annahme, daß eine Reihe jüdischer Wähler in Thüringen zu der Wirtschaftspartei hiuneigt. dem Wahlkreisverband der "Reichspartei des deutschen Mittelstandes bestimmte Fragen vorgelegt, um zu erfahren, wie s i ch d i e W i r Hs ch a s i s p & rtei z u r F r a g c b e r G laub e n 8 - u n d Ge w i s s e n s s r e i h e i t sr e X11. Daraufhin erging die Antwort, daß die W i r L schn f t sp n r t c i sich in keiner Form gegen die P 0 l l L i s ch e und r e l i g i ö s e G l e i ch - be r e ch ti g u n g der Staatsb ü r g e r j üd i sch cn Gl a 11 - b c n s w e n bet, u n d daß i u f o l g e d e s s e u a u ch ihre K a n - d i d a t e n jederzeit für Glaubensu n d Gewissensfreiheit und freie 3t e l i g i 0 n für alle Glaubensbekennt» ij s e c i n t r c t c 11. Diese einteutige Erklärung bietet vielleicht an sich keinerlei Anlaß zu irgendwelchen Zweifeln, "doch ist damit die oben gekennzeichnete Gefahr keineswegs beseitigt, da zu befürchten ist, daß eine durch Ileberzeugung stark antisemitisch eingestellte Persönlichkeit wie Gerstenhauer die 'festgewurzelte Einstellung deshalb nicht ändert, weil das Programin der Partei, die ihr zu einem Mandat verholsen hat, dies vor schreibt. Als positiv antisemitisch Angestellte Parteien sind noch zu nennen die Deuts ch völkische Freiheitsbe u> e g it u g und die