Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 nüchtern genug; das Gemüt entzündete sich so stark bei ihm, daß die Nägel sich ihm wohl einmal blutig in die Handflächen trieben. Auch Taktiker, Parteihäuptling, geschickter Arrangeur ist er nie gewesen; vom Radikalismus kam er langsam zn geschichtlichem Verständnis, großdeutsch, wie er im Herzen blieb, ging er ganz spat zu den Erbkaiserlichen, weil ihm das Beste unerreichbar schien. aiomptomiije | solcher Art haben ihn nie zum Skeptiker gemacht, denn er wollte me! sich selbst, sondern nur ein Großes: daS freie Deutschtums j Zu stolz und zu echt für irgendeine Art von Ressentiment, hat er sich j und seine Welt mit einer wundersamen Freude am Menschlichen er- I füllt. Noch uns Heutige berührt, freilich nur ganz aus historischer > Ferne, dieser warme Hauch/ fe#W v&kiÄM fuMjjwÜ&MlikÜHyfä kiik £ine tfasspradie zwisäteu St. €tnst Simon (fratikjart a. fi1.) and Sr. fe/ix ßoldmaim (Seipzig). De. §en/? Simon fdjtei&i In Nr. 48 der „C. D.-Zeitung" hat sich Rabbiner Dr. Felix Go l d m an n (Leipzig) in einem ausführlichen Artikel „W oz u der Lärm?" mit meinem Aussatz „Abwehr des Ant»semcki-i-nuw" beschäftigt, der, in Nr. 09 des.jüdischen Wochenblattes" erschienen, die hohe Pflicht der Aufklärungsarbeit betont und zugleich an der Art dieser Arbeit, wie sie wesentlich in den Schriften des Thilo- Verlages zum Ausdruck kommt, scharfe Kritik geübt harre. Tre Antwort des Herrn Tr. Goldmann, dosten Verdienste, zum Beispiel um die Erforschung und Forderung ostjüdischen Wesens, gewiß niemand verkennen wird, wiegt gerade infolge seiner bokann-cn, recht positiven Einstellung besonders schwer und hat sicher starken Eindruck gemacht. Um so berechtigter wird mein Wunsch erscheinen, ihr in den Punkten entgegenzutreter, wo sie m. E. mit den Tatsachen nicht übereinstnnmt und also gerade demjenigen Fehler verfall?, den sie meinen Ausführungen zum Vorwurf macht. Schon dis erste Feststellung, die noch lobend gemeint ist, enthält ein Unrecht gegen mich, das Herr Dr. Goldmann bei seiner doch offenbar ziemlich genauen Kenntnis meiner Veröffentlichungen, die aus seinen Ausführungen hervorgeht, hätte vermeiden können: er rechnet mich zu „jener Richtung im modernen Judentum, die das Problem unseres Seins und Sollens nicht religiös, sondern politisch erfaßt". Ich selbst rechnemich nicht dazu, sondern bekennewie jeder religiös eingestellte Zionist — dazu, braucht er noch rückst einmal, wie ich, gesetzestrcn zu sein —, die unlösliche Einheit des Religiösen und Nationalen im Judentum, das eben durch diese Verbindung und die gegenseitige Bedingtheit dieser seiner beiden Grundelemcnte jene ganz eigenartige Prägung erhält, die es sowohl von allen bloßen „Religionen" unterscheidet wie von den Völkern der Welt. Ich habe diese Meinung in so zahlreichen Tagesaussätzen durchgefochterr, und noch dazu vor einiger Zeit im religiensphilosophischen Sonderheft der „Philosophischen Monatshefte der Kant- Studien" so grundsätzlich zu begründen versucht, daß man nicht einen Angriffunter derartig falschen Voraussetzungen, erheben sollte. — Die daran anschließende bedauernde Feststellung Dr. Goldman n s. daß sich die Zioniüen von der E. V.-Arbeit fcrnhaitcn, vergißt gleichfalls eine Tatsache: nämlich den antizionistischen Beschluß vom Jahre 1913, an* Grund besten bekanntlich zahlreiche Nationaljuden aus dem E. V. ausgetreten sind, weil sie austreten mußten. * 'Nun bic „wesentliche Vorfrage": Ist der C. V. für den Philo- Verlag verantwortlich? Wieso in stärkerem Grade, als die Zionistische Vereinigung es für den Jüdis-cken Verlag ist? Tie Antwort ist sehr einfach: weil das organisatorische, materielle und — last not least — persönliche Verhältnis ein durchaus anderes ist. Im Falle Msilo- Derlag: engste Bureau gemein'-cha st, Identität der leitenden Köpfe, Identität der finanziellen Quellen, was ja auch in der „E. V.- Zeitung" durch die Benennung der betreffenden Veröffentlichungen ~ct{% ..Unsere Philo-Schriften" immer wieder zum Ausdruck kommt; im Falle Jüdischer Verlag: ein Privatunternehmen zionistischer Menschen mit einer früher ganz geringfügigen und heute völlig zurückgezogenen sinanziellen Beteiligung der zionistischen Organisation. im eigenen Bureau, mit eigenem Leiter, ohne Aussichrszwang uwh offizielle Unterstützung. Das dürste genügen. Nun dreQstjrrdensragc-; Ich hatte dem Buche von Friedlacnder, dessen positive Qualitäten übria-ns. was Dr. Goldman n leider verschweigt. von mir durchaus anerkannt wurden. „Preisgabe der Einheit des Judentums" deshalb vorgeworsen, weil er der Einwanderung der Ostjuden aus jüdisch-assimilatorischen Gründen abhold ist. Tr. Goldmann verschiebt die Bans der Auseinandersetzung völlig, wenn er von den eventuellen Grenzschlußnwuoen des deutschen Staates spricht und dieses immerhin konsolidierte Land, das Flüchtlinge von seinen Grenzen abwehrt, mit dem im Ausbau befindlichen Palästina vergleicht, das sie rer in langsamem Tempo über das M e e r holen kann, er verschiebt die Diskussionsbasis durch all dies, weil F r i e d l a e n d e r davon gar nicht spricht. Er sagt vielmehr: „So Hartman das Q'Ljudentum vom rassmhygienisch-bevölkerungspolttischen Standpunkt aus dem deutschere Judentum nicht nur als gleichwertig gegenübergest:llt, sondern diese ostjüdische Einwanderung geradezu als ergäinende Kraftquelle des deutschen Iudenbezeichnet. In Wahrhei: ist ein begrenztes und allmähliches Ernstromen mtMstcher Elernrnie nur so lange erträglich, als die deutsch-jümjche Kultur und Lebensform vorherrschend bleibt, daaeaen muß man Her in a int Qncke n recht geben, der in dem seit der Kriegszeit erfolgten „säst kam ul t ua rischen Einbruch des Ostjuden* unns eme schwere Gefahr wnrcrt. Eine schwere Gefahr nicht zuletzt für das deutsche Judentum, falls dieses „eineAngelegenheit ostjüdischer Emigranten und Literaten würde". („Gabnel Rießer", S. 179.) Es ist also nicht die Gefährdung des deutschen Staates, um den wir uns doch wohl übrigens keine größere Sorge zu machen brauchten als der preußische Innenminister Severing, sondern es ist die Furcht nur das Gelingen der Assimilation, die Furcht vor dem stärkeren, verwurzetteren und blutvolleren Judentum, das nun einmal aus dem Osten kommt, die Fricdlaenders Sätze ganz eindeutig diktiert hat: nicht die Furcht vor dem Tod, sondern die Furcht vor dem Leben, dem jüdischen Leben. Z u d i e s e m P r o b l e nt sollte sich Herr Dr. Goldmann äußern — aber er hat es im Grunde in Wort und Schrift und Tat schon oft genug getan, doch daun merkwürdigerweise immer in meinem Sinne. Daher fällt es ihm wohl auch schwer, die Philo* Schrift desOberstudiendirektors Tr. Karl Br ü l l e r zu verteidigen, der auf die völkische Forderung nach Ausweisung der vorhandenen Ostjuden nichts zu antworten weiß als die merkwürdigen Worte: „Auch der Verfasser kann der Osteinwanderung keinen Geschmack abgewinnen, und auch er meint, daß diese gehindert werden muß." („Völkische Weltanschauung, eine Auseinandersetzung", S. 05.) Tamit sind wir bei der Beziehung nichtjüdischer Verfasser zur Aufklärungsarbeit angelangt. Meinen Vorwürfen hält Tr. Goldmann die Zeitschrift „Ter Jude" entgegen, in der sich Flake und S ch mi tz in beschimpsende-r Weise über das Judentum geäußert haben. Es ist wahr, da steht z. B. geschrieben: „Es geht nicht an, wie es in der Gegenwart osr geschieht, daß die Juden, besonders in den großen Städten Deutschlands, eine Clique bilden, iu deren Rahmen sie nur sich selber gegenseitig bevorzugen und in die Höhe treiben. Lolche Londerbündetei und Vetternwirtschaft ist stets vom Nebel gewesen und muß und wird sich aus die Tauer rächen." — Und nun folgt der Beschimpfung gar rwch die Drohung: „Tenn vom Kasten- und geschlossenen Cünstlingswesen zum Ghetto und zu noch Schlimmerem ist oft nur ein Schritt gewesen." Unerhört, nicht wahr? Nur steht es leider nicht in einem der beanstandeten Aussätze des „Juden", sondern im Leitartikel der gleichen Ühimmcr 48 der S- V. - 3 eitnn g ", in der and) Tr. Gold manns Artikel erschienen ist. Freilich tritt diesen und anderen Ausführungen Herbert Eulenbergs sofort Max Osborn entgegen, und deshalb ist gar nichts gegen eine solche Auseinandersetzung einzuwenden — aber ebenso tritt Martin Buber im gleichen Heft des „Juden" höchst energisch den Jrrmcimmger?der Flake und Schmitz entgegen. Es ist mir schlechthin unverständlich, wie Dr. Gold mann d i e se^Erscheimmg einer christlich-jüdischen Diskussion (mit jüdischem Schlußwort!) mit der von mir'gegeißelten vergleichen kann, bei der eine selbständige Borschüre, widerspruchslos, der staunend-eit Welt die Ueberlegenheit des Christentums verkündet. Ja. B u b e r s Antwort im „Inden", „Tie Pharisäer" betitelt, wendet sich sogar gegen den terminologischen Mißbrauch dieses Mortes, der seit dem Neuen Testament üblich ist und auch in der schon genannten Philo-Schrist Tr. Bl ü Ilers (auf S. 40) wicderkehrt: „Pharisäertum spricht aus jedem Satze, der aus diesem * völkischen Munde floß." Hand aufs Herz, Herr Tr. G o l d m a n u : glauben nicht auch Sie, daß die ungestrafte Verwendung irreführender Schlagworte das Gegenteil von Ihrer (und meiner) 'Definition der Aufklärung erreicht: „Wahrheit über das Judentum und die Juden zu verbreiten"? Und ist es die Wahrheit, wenn die Philo-Schrist Tr. Josef Nordens die Bergpredigt Christi „eine Fortbildung, eine Verinnerlichung, eine Vertiefung des Thorawortes" nennen darf? („Auge um Auge, Zahn um Zahn", S. 23). lind ist es die Wahrheit, die volle, innere, von keinem politischen Auftrag getrübte Wahrheit, wenn Sie H. Sterns „Vollsbegrif?" sür den'Ihren erklären und meinen als den zionistischen ablchncn? Sehen wir uns noch einmal beide Darlegungen an; Stern sagt: „Wir wissen alle aus der Geschchte, daß auch die Juden einmal ein Volk wie alle anderen Völker waren. Dieses Volk fand sein Ende mit dem Untergang des jüdischen Staates." (..Warum sind wir Deutsche?", S. 27.) Und ich hatte daraus geantwortet: „Nein, wir waren niemals ein Volk wie alle anderen Völker, sondern waren auch zur Zeit des jüdischen Staates das Volk der Thora und der Propheten, und darum hat dieses Volk den Verlust seines Landes ertragen und die Krast bewahrt, immer wieder neu um seine Heimat zu ringen." GJüd. Wochenblatt". Nr. 39). JiiT welche Seite gehört da der Rabbiner, der Lehrer der Thora? Zur Bel>auptuttg, daß Thora und Propheten dem naturalistischen Volle erstanden sind, und erst Talmud und Responscn dem heiligen? Oder zu der, daß beide eines sind, gemeinsam die unvergleichbare, in keinen vorhandenen Begriff zu fassende Leib-Geist-Cemcinschast des JudentumS? Und wie sieht es, angesichts dieser Sätze, die sich in dein von Ihnen angegriffenen Artikel finden, mit Ihrer Behauptung der „nicht