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Central-Verein-Zeitung · 1927-01-07 · 1 (7.1.1927) · p. Seite 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
1 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 auf der die Leistungsfähigkeit und starke innere Kraft der Gesamt, bevölkerung erioachscu. Darum sind auch die Leistungen der Stadt Berlin nickst ohne ncidvolle Bewunderung geblieben, zum Beispiel rmf dem Gebiete der Kunst. Und ebenso hat es die Berliner Bevölkerung auf dem Gebiete der Wissenschaft zu einer, wenn auch nicht gern anerkannten, Stellung in Deutschland und in der Welt gebracht. Gewiß, cs fehlt der schnell emporgekommenen Bevölkerung renes Maß vyn ästhetischem Empfinden, das die alte Verwurzelung in dem Heimatboden mit sich bringt. Die Erfolge auf dem Gebiet der Wirtschaft, vielfach auch aus dem Gebiet der Kunst und Wissenschaft, sind nicht immer umglänzt von dein Schein lind Gehalt ästhetischen Wesens. . . Behaglichkeit geht dem Berliner Leben mit einer gewitzen Notwendigkeit ab. Falsche Schluss-. Berücksichtigt, man alles dies, \o wird man verstehen, weshalb man aus Berlin so voller Zorn ist. Man wird es um so mehr verstehen, wenn nrau berücksichtigt, daß gerade außerhalb der Millionenstadt -in Bädern und Kurorten sich jener besondere Parvenü-Typus zu Zeigen pflegt, der genau wie in Berlin in jedem anderen Ort daheim ist, besten Zahl sich aber in der Großstadt naturgemäß addiert, ueberlegt ment, daß Berlin beinahe vier Millionen Menschen in sich birgt, so wird man ohne weiteres begreifen. daß die Zahl der Berliner Parvenüs keineswegs größer ist, als die anderer Städte. Im Gegenteil: Wenn man sich so manches Mal ärgerlich darüber wundert, daß überall Berliner zu finden sind, so übersieht man die Große und den Volksreichtum dieser Stadt, deren Bewohner infolge der Reibungen, die das tägliche Leben dort in so großem Maße mit sich bringt, auch mehr Entlastung durch Ausspannung benötigen als die Menschen, die im behütenden Schutze einer reinen Lust und herrlichen Natur ihr Tagewerk vollbringen. Ein besonderer Typus, der alle jene Eigenschaften, von denen wir gesprochen haben, in ganz besonders hohem Maße in sich birgt, ist der jüdische Berliner oder der Berliner Jude. Für ihn trifft das. was über seine Mitbürger in der Gesamtheit gesagt wurde, in verstärkter Weise zu. Ihre Mischung ist besonders vielfältig. Ihre Arbeitsintensität muß den Durchschnitt der übrigen Bevölkerung deshalb übersteigen, weil sie durch die Entwicklung gerade in diejenigen Berufe gedrängt sind, in denen Nervenkraft, Eile, Arbeitsintensität, schnelles Neberlegen in besonderem Maße erforderlich sind. Wir haben keine alten Offiziersgenerationen, kerne uralten Beamienfcunilien, die den Stamm unserer Bevölkerung abgeben können. Tie in Berlin wohnenden Urenkel des Ghettos sind Rervemnenschen und werden es wohl trotz aller guten Bemühungen noch lange bleiben. Darum hat die Millionenstadt ihre Einwirkung ganz besonders stark auf sie ausgeübt. Berücksichtigt man den schweren Kampf ums Dasein, den die ungeheure Maste des jüdischen Mittelstandes in dieser Stadt zu führen hat — die nach außen hin in erster Linie sichtbaren Juden des sogenannten.vornehmen Westens" bilden nur eine geringe Zahl der Berliner jüdischen Bevölkerung —, so wird man verstehen, wieso die Nerven des jüdischen Berliners verhältnismäßig weniger haltbar find als die kraftvollerer Naturen, die in den Kleinstädten doch noch m ganz anderem Maße vorhanden sind. Weiß man aber, daß das sogenannte „Berlin-W.-Judentum" zu einem großen Teil nicht mehr jüdisch ist. sondern längst sich im nichtjüdischen Lager befindet, berücksichtigt man ferner, daß erfahrungsgemäß der fremde Spaziergänger leicht geneigt ist, jeden von den vielen Tausenden von Ausländern^ wie: Rumänen, Serben, Italiener und Franzosen, die sich in Berlin anfhalten, als Juden anzusehen, so versteht man auch hier, welche Fehlurteile durch oberflächliche Betrachtung des Straßenhildes entstehen muffen. Fragt man sich aber, und damit kommen wir zu dem Hauptpunkt, ob an der gesamten Berliner Bevölkerung irgendwelche Minderwertigkeit festzustellen ist, so wird man diese Frage rundweg verneinen müssen. Gerade dre Fähigkeit, die Unterscheidungen, d.a dra Millionenstadt Berlin mit sich bringt, in ihrer Gimudurmche zu erkennen und die Gesamterscheinungen zu ver- . stehen, ermöglicht ein Urteil, das zeigen wird, daß vom menschlichen Standpumt aus die Berliner Bevölkerung gegenüber der übrigen als gleccbwertra erkannt werden muß. Keineswegs ist etwa die Moral dieser Bevölkerung durchschnitiUch schlechter als die Moral l^r Bevölkerung der kleinen Städte und des flachen Landes. Gewiß yt der Satz richtig, daß „kleine Städte kleine Rinnsteine und die grotzerr Städte große Rinnsteine haben". Wer aber in kleinere ^redluugcn hineinzusehen versteht, weiß, daß auch dort verhaltnismaßuz nnndestens so viel gesündrgt wird wie in der Millionenstadt. (PI*«1* Moral dieser Millionenstadt wird gehoben durch ihren Ärdcttswrllen. durch ihren ehrlichen Fleiß und durch ihre TüchtigicI‘jlöic sich bK Menschen dort immer wieder und wieder erwerben wutzen, um sie in Wirklichkeit zu besitzen. Ergebnisse. fc^;P?rinr d-} .Mann wie Johannes Müller .von der Berliner Art V,^'öeu.wird, daß. wie er schreibt, ihm die Brüderlichkeit LrtarriifnJ? nur wiederum bewiesen, daß auch die Männer sich durch äußere Urteile, die in Wirklichdie Ul manchem Falle zu Schlüffen verleiten lassem ermmraAn'' ln<n lc.^lc?e ^ht, der inneren Begründung Völkerun^ ^rlmer Bevölkerung verdient ebenso wie die Beweer anderen Großstadt das liebevolle Interesse ilirer Mitbürger und chrer Mitbrüdcr. denn sie leistet den, dkuKn und dem Menschheitsnamen sehr Beträchtliches, und ohne sie ist die Kultur — nicht nur die Zivilisation — Deutschlands heute und wohl für alle Zukunft nicht recht denkbar. Geschmacksunterscheiduugen werden immer vorhanden sein, und über Sympathien läßt sich nicht streiten. Aber man darf nicht so weit gehen, selbst das Empfinden für Brüderlichkeit da auszuschließen-, wo'die bchaglichgemüchlichereu Menschen das schnelle Lebenstempo anderer und seine Folgeerscheinungen ablehnen. Tie Abneigung gegen die Berliner ist die Vorstufe der Abneigung gegen die Juden. Das Unrecht, das mau hier tut, tut man dort in erhöhtem Maße. Diese Erkenntnis ist wertvoll für Jud' und Christ, für Ostdeutsche, Norddeutsche und Süddeutsche, denn auch sie führt zu einem gerechten llrtcit und damit zu Verständigung und Volksgemeinschaft. Unsere Leser sind durch die zahlreichen Veröffentlichungen in diesen Blättern sehr -genau im Bilde über den außerordentlichen Umfang, den unsere Arbeit gegen die Auswüchse im völkischen Schrifttum. sei es Broschüre, Buch oder Flugblatt, angenommen Hat. Die beiden Fälle, über die wir heute berichten wollen, sind ein auch dem Laien einleuchtender Beweis dafür, tan bas Wort von der Re cht sn o t der deutschen Juden keine Phrase, sondern eine ständig aus uns ruhende Last ist. Man höre: Weihnachten ist seit Jahrzehnten unseren Gegnern eins Anlaß gewesen, den schärfsten Kamps gegen die wirtschaftliche E xi sie uz des Jude n t u m s zn führen.. Man ruft dem christlichen Käufer zu, daß er zu seinen Feiertagen die jüdischere Kaufhäuser nicht bereichern dürfe. „K a u f t n u r ruchri ll Ii ch c n Kaufhäusern! Ka>u f t nicht b e i I u den!~ ist das Motto, mit dem diese Flugblätter und Klebezettel beginnen und in das sie ausklingen. lieber den Text wäre vieles zu sagen. Er strotzt von allgemein gehaltenen, strafrechtlich nicht versolgbaren Beschimpfungen und Verdächtigungen des Judentums. Eines von ihnen stellt den Höhepunkt seiner Art dar. Es trägt die Ueberschnft: „Kampf- Sonderausgabe gegen das jüdische Warciihaussystcm" und ist von der Ludendorff nahestehenden „Deutschen Wochenschau" herausgegeben. Darunter steht: „W e i h n a ch t e n, ein F e st schachernder Juden oder ein Fest gläubiger Christen? Aus dem Text möge folgende Stelle hier Platz finden: „Christus wurde getötet, weil er die Menschheit vom Joch der jüdischen Knechtschaft befreien wollte! Ist man aber nicht dabei, insbesondere seit den letzten Jahrzehnten, auch das deutsche Volk zu töten, und zwar deshalb zu töten, weil es jüdische Gesetze ablehnte und christliche Gebote erfüllte? Schauen wir uns in unserer Heimat um unb erkennen wir, daß auch hier Juda am Werte ist und Mord aus Mord begeht . . Dev gesunde Men s chenve r stcrn d könnte meinen, daß die ganze Strenge des Gesetzes diese unerhörten Beschimpfungen sühnen müßte. Was aber nur konnte geschehen? E r n e A u z e i g c wegen groben Unfugs! Eine bessere Satire auf unser geltendes Recht kann nicht geschrie be n werde n. Weiter: Der „H amm e r" - V er l ag übernimmt aus. dem „Weltfrontverlain Rußig, also in der Tschechoslew-aker. eine Broschüre: „Der I ude nsp iegel, der Ju de nach dem Talmud". Die Schrift stellt eine 35 Abbildungen des akademischen Dealers Relink umfassende Illustration zn „a u s g e s u ch t e u~ Talmud- und Schulchan-aruch-Stellen dar. Daß die Texte den klassischen Werken von Rohling. Briemann, Drnmout entnommen sind, bedarf keines Hinweises. Für den künstlerischen Geist, mit dem der „akademische" Maler Relink gearbeitet hat, legen zwei- Bilder Zeugnis ab. Das eine stellt eine Bet gew a l tig u ngs sze n e dar. das andere ein Bo rd e l l m i! ie u. Beschimpfung der Religion? Nein, darin steht das deutsche Strafgesetz keinerlei Verunglimpfung, und nur ein Zufall machte es möglich, strafrechtlich gegen dieses schmutzige Buch vorzugeheu. Der nach dem. Preßgesetz notwendrge Druckvermert ist fortgoblieben. Und darum kann die Staatsanwaltschaft die Beschlagnahme vornehmen. Wir haben sie an diese ihr zustehende Möglichkeit aufmerksam gemacht. völkischst Ueberfall in breslau. Eigene Drahtrneldung. In der Nacht vom 3. zum 4. Januar, gegen zwei Uhr, ltntibcu der Rechtsanwalt Keiler, B v r st a n d s m i t g l i e d unserer Breslauer Ortsgruppe, in dessen Begleitung sich der Fabrikbcsitzer Peiser befand, in der Kaiser^Wilhclm-Straße plötzlich von vier jungen Burschen im Alter von 2b bis 22 Jahren, die von einem Bierabend des „T o 1 c n k o p f b it n b e §* tarnen, überfallen und mißhandelt. Rechtsanwalt Keiler, der sich energisch zur Wehr setzte, erhielt einen Schlag über den Kops: Peiser wurde an der Schulter erheblich verletzt. Bald daraus üvcrsielcn die Burschen auch cmeu Kellner. Tie drei Ucbersallenen waren Juden, die Angreifer trugen Hakenkreuze, so daß man wetz! annelnnen muß. daß dem Ueberfall ein w o h l d u r ch d a ch t e r Plan zugrunde lag. Vor der herbeigrholten Polizei flüchteten die Burschen, versuchten aber die Berfvlgcr durch Re - volverschüsse von der Verfolgung abzuhalten. Später gelang es. Zwei von den vier Burschen sestzunehmen und auf die Wache zu bringen, wo sie als Handwerkergcsellen sestgcstellt wurden. Ter verletzte Herr Peiser mußte bas Krankenhaus aussuchen. Tie polizeilichen Ermittelungen sind noch nicht abgeschlossen.

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