Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-01-07 · 1 (7.1.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
1 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277730--03395-2283909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3 fache erlveitert werden und wurde zum Teil mustergültig neu aufebaut. S. A. und Schutzstaffeln wurden dauernd vermehrt und ilden heute mit eine Elitetruppe der Nationalsozialistischen Partei." Und weiter unten wird mitgeteilt: „In Organisation und Propaganda wird die Arbeit mit verstärkter Kraft ausgenommen werden. Das Zentralorgan, der ,Vültische Beobachters soll und muß und wird in diesem Jahre die letzte Ausgestaltung zur Tageszeitung großen Formates erhalten. Der Illustrierte Beobachter* soll und muß und wird zum großen Bilderdienst unserer Bewegung emporwachsen." Wir sehen, wie unsere erbitterten Feinde an der Arbeit stnd, und auch wir werden, ohne über unsere Plane ihnen Näheres zu enthüllen, nicht rasten, um ihnen entsprechend entgegenzutreten. Damit aber der Humor in diesem Neigen nicht fehlt, möge zum Schluß ein Ausspruch des Führers der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung, desAbgeordnetenv. Graese-Goldebee, wiedergegeben werden, der in einem Aussatz „Zum neuen Kampfjahr" im „Deutschen Tageblatt" (Nr. 1 vom 1. Januar 1927) sich folgenden Satz gestattet: „Ein neues Stadium europäischer Entwicklung auf dem Boden der Dölkerversöhnung heißen die umSLrei'emann diesen Einzug des alljüdischen trojanischen Rosses in die Mauern des deutschen Herzens." Wir wissen nicht, ob dieser Stil der neue deutschvölkische sein soll; deutsch jedenfalls ist er nicht. Ebensowenig wie die Gesinnung derer als deutsch gelten kann, die jeden, der nicht ihrer Partei anhängt, als Daterlandsverräter, als internationalen Wicht bezeichnen. ♦ Eine Betrachtung von Ludwig Holländer. Das unbeliebte Berlin. Einer der vornehmsten Männer des deutschen Geisteslebens, I o h a n n e s Nt ü l! e r . der Herausgeber der Zeitschrift „Grüne Blätter", veröffentlicht eine Reihe von Antworten auf Fragen, die ihm in seiner Tätigkeit als Helfer für ringende und als Heiler für kranke Seelen vorgelegt wurden. An einer Stelle spricht er über Menscheiwerbrüderung oder Rayezucht und sucht diejenigen zu befriedigen, welche seine Meinung über folgende Probleme hören wollten: „Halten Sie eine allgemeine Menschenverbrüderung für durchführbar? Sind nicht vielmehr durch die Rasfenunterfchiede natürliche Schranken gesetzt? And ist es nicht aussichtsreicher, die Stammcsart heraufzuzüchtcn und ihr zum Siege über die andern zu verhelfen?" Die Eesamtantwort Müllers kann hier nicht wiedergegeben werden. Was besonders bedeutsam an seinen Ausführungen erscheint, ist Folgendes: „Aber das glaube ich nun nicht, daß durch die Rassenunterschiede natürliche Schranken gesetzt wären. Auch hier muß ich wieder sagen: denken ^>ie doch an die Wirklichkeit, dann wird Ihnen sofort ausgehen, daß die sozialen Unterschiede Viel größere Schranken sind. Mit einem Franzosen oder Engländer werden Sie viel eher brüderlich empfinden als mit einem Strolch, der Ihnen auf der Landstraße begegnet, obgleich der ein guter Deutscher ist wie Sie. Also auch da sind wieder Tinge aufgcbauscht und hereingetragen, die gar nicht der Wirklichkeit entsprechen. Wahres brüderliches Empfinden setzt sich ohne weiteres über Rassenunterschiede hinweg. Brüderliches Empfinden ist doch dies, daß man im andern den Menschen spürt, achtet, und aus Grund dieser unwillkürlichen inneren Haltung ^rnd Feinfühligkeit sich zu ihm stellt. Da fragt man nicht: welcher Rane gehörst du an, bist du Süddeutscher oder Norddeutscher, oder wohl gar ein Berliner? Ich komme daraus, weil mir das am schürften ist, einem vulgären Berliner gegenüber brüderlich zu empfinden. Diese schnoddrige Berliner Art (Don uns gesperrt. Die Schriflltg-) hat für mich etwas derartig Abstoßendes, daß mir da alle Brüderlichkeit flöten geht. Jedenfalls ist es mie leichter mit einem menschlich angenehmen Ausländer als mit solch einem unangenehmen Berliner. Ich glaube also nicht, daß die Rafsenunterschiede, so groß sie sein mögen, das allgemeine brüderliche Empfinden, das sich aus der lebendigen warmen Menschlichkeit ergibt, aus dem Gefühl, daß wir trotz der völkischen Eigentümlichkeiten und Unterschiede alle Menschen sind, hemmen könnten, sondern hier ist wieder der Gegensatz zwischen Bildung und Unbildung, Art nnd Unart viel größer als der zwischen romanischer und germanischer Rasse. Aber damit bin ich ganz einvcrstanden.^daß eine allgemeine Menschenverbrüderung vorläufig ganz ausgcschlopen ist.'' Zu denken gibt uns der Umstand, daß auch Johannes Müller von der schnoddrigen Berliner Art spricht, die für ihn etwas derartig Llbstoßendes habe, daß ihm. „da alle Brüderlichkeit flöten zu gehen" scheint. Wie ist es zu erklären, daß in so vielen Kreisen des deutschen Volkes so ungemein absprechend über Berlin gedacht und geredet wird? Alle Tage erlebt man es, daß Gutgesinnten und sogar Bestgesiunten, wie Johannes Müller, bei denen nicht etwa von einem Haß gegen die Städte gesprochen werden kann, der Berliner Typus so sehr mißliebig geworden ist. Keineswegs ist das bei allen Großstädten oder gar bei allen führenden Städten der Welt der Fall. Paris betrachten die Franzosen auch mit kritischen Blicken, aber kein ernster Franzose wird die Pariser als Menschen so kennzeichnen wollen, wie es von Berlinern geschieht. Ebenso andersartig liegt der Fall in England. Man kann wohl sagen, daß die Unbeliebtheit der Bewohner der Hauptstadt ganz besonders typisch sich nur in Deutschland, und zwar der Berliner Bevölkerung gegenüber. Zeigt. Welche üblen politischen Auswirkungen mit diesem Urteil verknüpft sind, bedarf keiner Erörterung. Tatsache ist, daß die Volksstimurung in Nord und Süd, West und Ost in einem Berliner etwas stark Unsympathisches erblickt. Das gilt von Juden ebenso wie von Nichtjudcn. Auch der Jude der preußischen Provinz und der süddeutschen Länder sieht in dem jüdischen Berliner den am Ivenigsten angenehmen Typus des jüdischen Deutschen. Im übrigen muß darauf hingowiesen werden, daß der Typus des Berliner Juden das besonders betonte Berlinertnm bezeichnet, und daß man auswärts leicht geneigt ist, jeden Berliner als Berliner Juden zu kennzeichnen, ob er in Wirklichkeit zum Judentum gehört oder nicht. Befondeche.'ken der Bevölkerungezusanmensehung. Diese Unbeliebtheit des Berliners muß uns dazu führen, in eine Prüfung nach Ursache und nach Wesen der Erscheinung als solcher einzutreten. Tenn nur, wenn Klarheit über solche der sozialen Psychologie ungehörige Probleme geschaffen wird, ist die Möglichkeit der Beurteilung einer großen Neilze von Vorurteilen gegeben, an deren Klärung uns, den deutschen Juden, ganz abgesehen von allen menschlichen und deutscheil Interessen, ganz besonders gelegen sein muß. Prüft man Berlin und die Berliner, so fällt Zunächst die bedeutsame Tatsache der Mischung der Bevölkerung aus den verschiedensten Bestand teilen des deutschen Volkstums aus. In besonderem Maße hat die Vermehrung der Bevölkerung gerade Berlin betroffen. Keine Stadt ist in den letzten Jahrzehnten auch relativ so gewachsen, ganz geringfügige Ausnahmen selbstverständlich ausgeschlossen, wie Berlin. Tiefes Wachstum hat ein vuneimuikn von außerordentlich verschiedenartigen Bevölkerunasbestaudieilen mit sich gebracht. Nicht nur aus den Ostprovinzen Preußens, nicht nur aus den leider so großen, an Polen abgetretenen Landesteilen, auch ans Westdeutschland und ebenso ans ^üddentschland, aus den; verlorenen Elsaß-Lothringen sind gewaltige Mcrrschenscharen nach Berlin gekommen und haben zu einem sehr großen ^eit ihre zweite Heimat und ihren Beruf dort gefunden. Berlin schweißt, wie alle Millionenstädte, die Bevölkerung verhältnismäßig leicht zusammen; es ist aber ganz klar, daß in wenigen Jahren oder auch Jahrzehnten eine in sich feststehende, in einer Stadt bodenständige und Lieswurzelnde Bevölkerung mit einem durchaus einheitlichen Charakter nicht geschaffen werden kann. Tie alten Städte mit einer im wesentlichen einheitlichen Bevölkerung tragen ihren in bestem itnnc edlen Charakter in dem Umstand der Festgcformtheit ihrer individuellen Kultur, die sich zwar langsam weiterentwickelt, aber daiür den äußeren Eindruck der Geschlopenheit einem jeden ihrer Bürger einpflanzt. Ganz anders die Groß-Berliner Bevölkerung, in der die Menschen von so starker Verschiedenheit sich auch notwendigerweise mehr aireinander reiben. Scharfer Daseinskampf. Da im allgemeinen besonders lebenstüchtige Elemente den Gang in die Großstadt gewagt haben, ist der Kampf ums Dasein und infolgedessen die Arbeitsenergie der einzelnen Persönlichkeit hier von ausschlaggebender Bedeutung. Man kann ohne Uebcrtreibung behaupten, daß in Berlin besonders stark gearbeitet wird, und daß die Anforderungen an jeden einzelnen Menschen, ob Mann oder Frau, in keiner Stadt so groß sind, wie gerade hier. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist. ist für die Beurteilung der Tatsachen völlig gleichgültig. Dieser Arbeitsaufwand. den 'das Leben von jedem einzelnen verlangt, führt zu einer gewisten Nervosität, zu einer Unruhe, zu einer starken Betonung rein zivilisatorischer Genüge; sie führt in Verbindung mit dem Umstand des Lärmes, den die Millionenstadt mit sich bringt, zu einem lauten und aufgeregten Wesen, das nach außen hin gewiß dem in seiner ruhigen Behaglichkeit lebenden Menschen der übrigen Großstädte, die trotz ihrer' Größe nicht die Arbeitsintensität aufzubringcn brauchen, und namentlich den Bewohnern der mittlere!: und kleinen Städte, unangenehm auffällt. Hastig und laut macht die Millionenstadt'durch ihrr Zusammensetzung aus den äußerlich so verschiedenen Elementen die Menschen, die in harter Arbeitspflicht ihren Unterhalt suchen müssen. Dieser Kamps ums Dasein bringt es mit sich, daß jeder in schneller Erkenntnis vorhandene Tatsächlichkeiten in sich ausnnnmt, das; seine Urteilsbildung knapp und scharf sein muß. Dem paßt die Sprache sich an. Wer fort kommen will, darf schon in der Schule keine übertriebene Bedächtigkeit zeigen. Die. schnell lu'rangewachseue Millionenstadt fordert Auffassung. die weniger tiefgründig als rasch zu sein braucht. Daher die Neigung zum Witze, der in den Schichten schnell und ungenügend erzogener Menschen ja nur zu leicht zur S ch n o d d r i g k e i t ansartet. Diese Schnvddrigkeit ist keineswegs, wie der Kenner der lllerhältrüsie bestätigen wird, in ihren; Grundcharakter bösartig. Sie ist ein Erzeugnis des Lel>cnskampscs. und wenn sie sich auch oft ohne Hemmungen gibt, und dadurch Anstoß und Aerger erregt, so ist doch ihre Grundlage letzten Endes die gleiche.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.