Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 53 (31.12.1926)
- Date
- 1926-12-31
- Page
- Seite 698 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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m Jüdische Hanöwerkersamilien in Iturheffen. Von Lehrer L. Horwitz (Kassel). In vielen Teilen Deutschlands ist man gewöhnt, allem, was aus Kurhessen kommt, mit einem Lächeln zu begegnen. Man spricht von Rückständigkeit im großen und fCeiucu und denkt immer, wieviel besser doch die Verhältnisse der Inden in anderen Gebieten waren. Der Kenner von Land und Leuten, der mit der staatsrechtlichen Entwicklung Kurhessens vertraut ist und die Wahrheit ohne Voreingenommenheit hören und sehen will, kommt zu einem anderen Urteil. Man halte sich nur die Gründung der jüdischen Volksschulen vor, die länger als hundert Jahre — seit 1808 bis 1816 — Staatsanstalten und die Lehrer Staatsdiener waren. Und so kann man vieles nennen, wie sehr der Staat sich der jüdischen Einwohner annahm, wenngleich wir über die Einmischung der christlichen Behörden in rein jüdischere Angelegenheiten anderer Meinung sind. Kurhessen konnte sich der napoleonischen Gesetzgebung ebensowenig entziehen wie andere von ihm eroberte Gebietsteile. War doch Kassel die Hauptstadt des Königreichs Westfalen und der Sitz des Konsistoriums der Israeliten als anssührendes Organ der Staatsbehörde. Ta nach der Verfassung alle Untertanen ohne Unterschied des Glaubens vor dem Gesetze gleich waren, hörten auch für die jüdischen Staatsbürger alle Beschränkungen aus, und jüdische Knaben konnten das Handwerk erlernen, wozu sie Lust und Neigung hatten. Gar viele drängten sich jetzt in die Werkstätten und zeigten sich als würdige Nachkommen jener Leute, die auf heimatlichem Boden den Hammer, die Nadel und die Drehscheibe gebrauchen konnten. Wenn auch die Regierungszeit Jeromes kurz war, konnte man doch schon eine Reihe von Handwerkern heranbilden, die es durch Fleiß und Tiichtigkeit zu Ansehen und Wohlstand brachten. Aus Kassel seien nur genannt: Hallo (Maler), F i o r i n o (Mechaniker), Feldstein (Schneider), W e i s n e r (Buchdrucker und Maler), S e e h o s (Mechaniker), G u t m a n n und Süßholz (Blechschmiede) und viele andere. Im Jahre 1813 wurden vom Konsistorium 36 Knaben als Handwerker herangebildet: 1 Maler, 1 C h i r u r g i u s, 12 Schneider, 12 Schuhmacher, 2 Schlosser, 2 Buchbinder, 1 H u t rn a cher, 1 Bäcker, 1 K amm a ch e r, 1 S a t t l e r , 1 H o r n d r e ch s l e r und 1 Tischler. Diese erforderten 751 Taler Lehrgeld. Die Juden im Königreich Westfalen hatten bewiesen, daß s i e leichberechtigt w a r e n u n d sich nicht als Fremdörper zeigten. Als nun der frühere Rechtszustand in Hessen ntrat, setzte Kurfürst Wilhelm I. das begonnene Werk mit ner Verordnung vom 14. Juni 1816 über „G l e i ch st e l l n n g n d H a n d w e r k" fort. Das Gesetz vom 20. Oktober 1926 hob die letzte Beschränkung aus: , „Die Staatsangehörigen israelitischen Glaubens in allen Gebietsteilen erhalten gleiche Rechte mit den llnterthanen anderer Bekenntnisse, sind aber auch denselben Pflichten unterworfen. Alle nur auf das Glaubensbekenntnis gegründeten Verschiedenheiten, welche aus früheren Gesetzen, Verordnungen, Vorschriften, Observanzen und sonstigen Rechtsquellen sich ergeben, sind demnach erloschen." Nun waren die Israeliten K u r h e s s e n s Vollü r g e r , auch die aus den Bezirken Fulda und H a n a u. welche Wirkungen die Maßnahmen der Regierung hatten, darüber besitzen wir eine Fülle urkundlichen Materials, ans dem hervorgeht, daß sich viele Hände zur Arbeit regten. Ueber Handwerker in verschiedenen kurhesstschenOrtschaften besitzen wir folgende Listen, die aus dem Jahre 1838 stammen. Eschwege: Meier K u g e l m a n n , Tuchmachermeister: Jacob Kahn, Metzgermeister; Süffel O p p c n h c i in, Färberineiste?; Isaak Kah n, Kammachermeister: Lazarus Kahn, Kammachermeister: Joses Oppenheim, Bäckermeister: Selig Kaiser, Schneidermeister; Samuel K a h n, Baumwollenweber; Selig K a tz e u st e i rr, dasselbe; Salomon K u g e t m a n n, Färber: Michael S ch l o ß, Tuchmacher; Bendix Katzen stein, Baumwollenweber; Lippmann K a tz e n st e in, Färber; David I. K a h n, Baumwollenweber; Moses Kahn, dasselbe; Lehmann Kahn, Tuchmacher; Manns Kahn, dasselbe; Abraham K a i s e r, dasselbe; David P a p p e n h e i m, Vaumwollweber; David Katze n st e i n, Schuhmacher; Lazarus K a tz e n st e i n, Mechaniker; Samuel M e i b e r g, Buchbinder. Diese beschäftigen 14 Gesellen- und 5 Lehrlinge. Wanfried: Israel Sommer, Schuhmachermeister; Jtzig Frankenseld, Schneidermeister; Juda Steinhardt, Bäckermeister; Josef M e i b c r g, Böttcher meiste?: Rüben B i e r m a n n. Färbermeister; Airselm M ü ck e n h e i m, Schneidermeister: Anselm W i e s e n t h a l, Schuhmacher: Muses W i e s e n t h a l, Handdreher: Salomon Nelken t h ah Schneider; Lazarus E h r l i ch, Baumwollwober; Metzer M c i n b e r g, Schuhmacher: Aron W i e s e n t h a l, Schuhmacher; Israel W e i n b e r g, Schneiderlehrling; Callmann Brinkmann aus Frieda, Schuhmacherlehrling. Die Meister beschäftigen 2 Gesellen und 3 Lehrlinge. Abferode: Levi L a u t m a n n, Färber; Ließe! O ppenhei m, Schuhmacher; Bawid Katzen st e i n, Metzger; Lazarus Rons- Heim, dasselbe; Jtzig Katzenstein, Schneider; Hesse K atzen - st ei n, Schuhmacher; Jakob S t i e f e l, Schneider; Hirsch R o n s - heim, dasselbe; Aron OPpenhei m, dasselbe; Salomon O PP e n h e i m, Ba-umwvllweberlehrling; Ephraim R o n s h e i m, dasselbe; Moses H e i l b r u n, Färber; David W e st h e i m, Buchbinder: Levi Braunschild, Schneider; Elias St re fei, Metzger; Aron Katzenstei n, Schuhmacher; Levi G o l d s ch m i d t, Schreiner; Gottschalk W e st h e i m, Buchbindermeister; der sein Gewerbe mit einem Gesellen betrieb. Frankenhattsen: Samuel Bloch, Schneidermeister; Simon Plan t, dasselbe; Markus Bloch, Schuhmacher; Jakob Plaut, dasselbe; Kallmann Ballin, Schneider; Sußmann S t o ck h a u s e n, BauM wvllwöber; Markus Plaut, dasselbe. , I Allendorf (Werra): Gumpert Boden heim, Buchbindermeister: Samuel Bodenheim, Schneider; G. B. arbeitete mit einem Lehrling und zwei Gesellen. Herbeshausen: Michael S ch u l h a u s , Metzgermeister; Jakoh Müller und Moses Rothschild, dasselbe; Sinai Müller, Schuhmachermeister, Koppel N e u h a u s, Bäcker; Löb O ch s , Schneider. Nesselröden: Kallmann G o l d s ch m i d t, Buchbindermeister; Kallmann F i n k, Bäckermeister; Sutzmann W e i n st e i n, Baumwollweber; Abraham G o l d s ch m i d t, Schuhmachermeister; Hermann Wein st e i n , Metzger; Herz Hecht, Metzger. Unshausen: Markus Wolf, Metzgerlehrling. Netra: Levi und Wolf Goldschmidt, Schuhnkachermeister mit einem Gesellen und zwei Lehrlingen; Josef Heilbrun, Schneider; Peritz R o t h s ch i l d , Schuhmacherlehrling. Lindenbach: Samuel H e i l b r u n und Moses H e i l b r u n lernten Seifensieder und Schuhmacher. Neichensachsen: Jonas Gold sch midt beschäftigte als Baumwollweber zwei Gesellen und einen Lehrling; Gesellen waren: Herz (3 v! dsch inidt als Schuhmacher; Viktor Oppenheim, Seiler; Markus Plaut, Schneider; Michel Plaut und Jeremias und Jonas T a r, n c n b a u m, Schuhmacher; Moses O p p e n h e i m, Baumwollwcber: Josef Löbensrein und Miä)ael Plaut, Seifensiedergesellen Wichmannshausen: Jakob H e i l b r u n , Schuhmachermeister, beschönigte einen Lehrling und einen Gesellen. Leib R. Heilbrun lcrn t e Schuhm a cher. Bischhauscu: Liebermann G v l d s ch rn i d t war Metzger. Es wäre kür den Forscher eine dankenswerte Aufgabe, den Nachweis zu führen,- wieviel von den vorher Genannten durch Ausbau des Handwerks zum Großbetrieb den Wohlstand ihres engeren und weiteren Vaterlandes förderten und heute noch in der Handelswelt einen hochgeachteten Namen führen. Sie konnten auf ihn Zählen... Dem Andenken Herzog Georg II. von Meiningen. Für die Nufwärtsbewegung des Judentums, für seine Leistungen im Dienste der Menschheitskultur wie für seinen entschiedenen Lebenswillen sind die Urteile nichtjüdischer Persönlichkeitenüber Juden und Judentum belanglos. Wenn hier und da freundliche Aeutzerungen verbucht und der Oeffentlichkeit übergeben werden, so können derartige Kundgebungen nur den Zweck haben, den verhetzenden Tendenzen unserer Tage einen Spiegel vorzuhalten, uns selber aber mit neuem iStolz und neuer Glaubensfreudigkeit auszurüsten. Zn denen, die dem Judentum vorurteilslos und gerecht gegenüberstanden, dürfen wir den Herzog Georg II. von Sachsen- Meiningen und seine Gemahlin, Freifrau von H e l d b u r g - rechnen. Tie völlige rechtliche Gleichstellung der Juden im Herzogtum Sachsen-Meiningen erfolgte ziemlich spät, erst 1868; angeblich hatte eine antifennrische Srrörnnng einen früheren Ausgleich, etwa, 1848, verhindert. Nun, die E m a n zi p a t i o n der Katholiken erfolgte hier auch nicht viel früher: unter der Regierung des Herzogs Bernhard labgedankt 1866) dursten diese in Meinungen k e i u e K i r ch e erbauen! Herzog Geor g II. (1866—1914) gewährte den Katholiken volle Religionsfreiheit; und als kurz nach der Errichtung der karholischen Kirche die kleine Residenz auch eine Synagoge erhielt, wurde sie gegenüber der^ katholischen Kirche erbaut. „Toleranzecke" heißt dieser Teil der Straße im Volksmunde. Unter persönlicher Teilnahme des Herzogs und seiner Gemahlin wurde die neue Synagoge in Meiningen am 14. April 1883 durch den Landrabbiner Dr. D e \ saue r eingeweiht. Ter Geheime Staatsrat Trints berichtet, der Herzog habe es „scharf getadelt", daß zur Feier sich nur der Referent der Kultnsabteilung, nicht aber das gesamte 'Staatsministerium cingefunden hotte. Noch mehr ergrimmte ihn die uichtachteude Haltung der evangelischen Geistlichkeit, welche die Einladung zur Tempelweihe schroff ablehnte, während der katholische Stadtpfarrer sich beteiligte. Ein paar Tage später lud der Herzog den Pfarrer und den Landrabbiner zu einer Audienz, bei der er ausdrücklich betonte, er habe durch die Einladung des katholischen und jüdischen Geistlichen gegen die Unfreundlichkeit ihrer evangelischen Amtsbrüder der jüdischen Gemeinde gegenüber demonstrieren wollen! Tie judenscindliche Bewegung in Deutschland hatte sich damals zu einer Gefahr für den inneren Frieden ausgewachsen. Angesehene Christen erhoben ihre Stimme; voran der Reichskanzler v. Cnp'riv i und der Justiznünister v. Schelling, der den Antisemitismus als eine „Verirrung" kennzeichnete. Offenbar knüpfte Herzog Georg II. an dieses Wort an, als er ein Begrüßungstelegramm der jüdischen Gemeinde in Bauerbach bei Meiningen anläßlich der Einweihung ihrer neuen Synagoge, zu deren Bau der Regent eine ansehnliche Summe beigesteuert hatte, am 17. Juni 1892 folgendermaßen beantwortete: „Landrabbmer und Kultusgemeinde Bauerbach. Herzlichen Dank für Ihr und der Kultusgemeinde Bauerbach freundliches Gedenken. ' Angesichts der Versuche, der Verirrung des Antisemitismus auch bei uns Eingang zu verschaffen, können die Israeliten Meiningens auf mich zählen. Georg." Nachdem der Amtsnachfolger des Landrabbiners, Leo Frün - k e l, am 5. März 1867 beim herzoglichen Staatsministerimn vereidigt worden war, empfing ihn Herzog Georg in Privataudienz. Wiederum ergriff der Fürst die Gelegenheit, seine Toleranz zu bekunden, indem