Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 53 (31.12.1926)
- Date
- 1926-12-31
- Page
- Seite 697 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M M Posener sieimat. Gm MM m Lehm K«MM Met, Wer Wöllstein. - M ist henle? M rinem SM öer mmr Stflnnr. - Zer Mies eines mnm. I. Wahre Heimattreue. Von Hermann Wecker (Berlin). „D i e Pflege der H e i m q 111 e lt e." Mit feinem Schtagivoxt der Neuzeit ist so viel Mißbrauch getrieben worden wie unt diesem. Ueberjchätznng des deutschen Charakters und des deutschen Geistes, der sich in Rassenfanatismus äußert, das ist bic_ Heimattreue der anderen, die in bcm Worte „Am deutschen Wesen wird die Welt genesen" den Gipfel des Hochmutes erreichte. Und aus der nationnljüdischen Seite kennt man vor allem nur die Treue zur Heimat unserer Vater, den kulturellen und geistigen Ausbail dieser uralten Heimat: dieser Heimat bringt man die größten materiellen und ideellen Opfer, ihr sind die Gefühle und Empfindungen für die Heimat des gegenwärtigen Geschlechts untergeordnet, wenn die Bekenner dieses jüdischen Nationalismus, wie lvir gern Zngeben, auch für das Land ihrer Geburt fühlen, empfinden und — arbeiten. Wir P o s e n e r I u d e n, welche das Schicksal zwischen Ost und West, Zwischen deutschen Chauvinismus und jüdischen Nationalismus gestellt hat, wir hatten dennoch die Pflicht, einen gewissen Ausgleich zwischen diesen verschiedenen Auffassungen der .Heimattreue" zu schaffen, durch unsere Gesinnung, unsere Lebensführung, vor allem aber durch unsere kulturelle und geistige Arbeit eine Versöhnung Zwischen Deutschtum und Judentum herbeizuführen. In keiner anderen deutschen Landschaft haben die Inden der Neuzeit und der jüngsten Vergangenheit ein so vielfach wechselndes Ans und Ab, ein so veränderliches Schicksal erfahren wie die Posener Inden. Unter den verschiedenen Herrschern unserer Posener Heimat erfuhren die Juden Leid und Wohlergehen, Reichtum und Armut, Verfolgung und Frieden, Gunst und Ungunst. Aber trotz des wandelbaren Schicksals haben unsere Posener Juden, getreu den Vorschriften unserer Väter, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, an der geistigen Kultur ihrer Heimat und an ihrem Wohlstand mitgearbeitet. Das ist unser unverlierbares Gut 31t allen Zeiten gewesen, es ist noch heute unser unverlierbares Gut, das einzige, was vielen unter uns geblieben ist. Das Gefühl unserer Pflichterfüllung berechtigt uns Posener Juden zu einem gewissen Stolze aus unsere Heimat, das ist die Pflege der Heimattreue, wie wir Posener Juden sie v e r st ehe n. II. MiWMmke ms Wen. Die „Frankfurter Zeitung" (Nr. 943 vom 19. Dezember) läßt unter dem Motto „D e u t s ch t u m im verlorenen Gebiete" einen Sonderberichterstatter die Entwicklung des Deutschtums in den durch den Versailler Vertrag verlorenen Gebieten schildern. Aus einem Beitrag „R e i s e e i n d r ü ck e aus Pose n" geben wir folgende Stellen wieder: „Das weitschichtige polnische Problem, an sich schon ein sehr schwieriges, kompliziert sich außerordentlich in der Wojewodschaft Posen (und dem zugehörigen Pommerellen, dessen Zustände ähnlich gelagert sind). Die vielfach gefühlsmäßig wirkenden Kräfte streben hier zum Teil miteinander, zum Teil gegen- und durcheinander. Die Verworrenheit des Parteiwesens in Polen überhaupt wird in Posen noch besonders deutlich durch den Zwiespalt, der sich Zwischen den Posener Polen und den ..Kongreßpolen" immer wieder auftut. . . . In einem aber sind die heterogenen Kräfte einig: im A n t i s e m i t i s m u s. Er stellt allerdings nur eine Spielart der Anti-Minderheitspolitik dar, aber eine der gefährlichsten wie der törichsten. Gefährlich für die Juden, töricht für Polen überhaupt. Die Republik Polen tut heutzutage das Gegenteil dessen, was vor Jahrhunderten das Königreich Polen tat. als es den aus Spanien und Deutschland vertriebenen Juden in reichem Maße Gastfreundschaft und Heimstatt gewährte. Vorläufig ist die Verhetzung so groß, daß die Mehrzahl der Blätter ungestraft eine übel antisemitische Haltung zeigen darf; ja, ein illustriertes Hetzblatt geniert sich nicht, eine „Galerie der Herrschaften, die bei Juden kaufen", zu veröffentlichen: mit Bild, Namen und Wohnungsangabe der Betreffenden. ... Die gesamte politische Situation in dem „Quecksilber- Europas" wird obendrein m besonderem Grade kompliziert durch das (vorhin berührte) Judenprobl-em. Entsprechend ihrer Zahl, der Art ihrer Mentalität und ihrer Jndividualgesinnung zeigen die Juden Polens auch politisch große Differenzierung: es gibt über ein Dutzend Parteien unter dieser Minorität, die an sechster Stelle unter den offiziellen elf Parteien des Sejm steht und insgesamt 34 Mitglieder zählt. Für Posen gewinnt das Bild noch einen besonderen Zug insofern, als hier eigenartige Verhältnisse herrschen: dis Zahl der Juden ist nach der Revolution sehr stark zurückgegangen, die Abwanderung, der alteingesessenen Judenschaft in der Stadt wie in der ganzen Provinz nahm größte Ausmaße an, zumal sie mit den bekannten Methoden verursacht wurde, vorzugsweise durch Internierung angesehener und wohlhabender Personen. So ist heute z. B. in der Stadt Posen nur noch eine geringe Zahl des einst erheblichen Bestandes an Familien des guten jüdischen Bürgertums vorhanden, und in der Provinz ist es nicht viel anders. Zwar ist, namentlich in der Hauptstadt, Zuzug aus Kongreßpolen und aus Galizien hinzugekommen, aber diese Elemente bilden eine Sonderklasse, die nach ihrer ganzen Haltung dem westeuropäisch empfindenden, im deutschen Kulturbezirke ausgewachsenen Posener Juden fremd ist. Hier formt auch die gemeinsame Religion keine Brücke; es sind seelisch-geistige Verschiedenheiten, die diese beiden Typen eines Stammes stärker trennen, als es etwa zwischen den Bekennern zweier verschiedener Religionen der Fall wäre. — Es ist übrigens nicht ohne Reiz, daß für die meisten Polen „der Jude" (es handelt sich hier nur um das Posener Land) gleichbedeutend ist mit: „der Deutsche", und es macht für sie kaum einen Unterschied, welches Glaubensbekenntnis ein Deutscher hat, denn auch „prot-eftantisch" ist soviel wie „deutsch". Da in Posen der Jude stets zum Deutschtum hielt und noch hält, so wird er doppelt gehaßt. Hinzu kommt wirtschaftlicher Neid und Aerger: der Zwischenhandel ruht meistens in jüdischer Hand, und die straffe Organisation der Zwiazek Kupiectwa (Verband der Kaufleute) erfaßt nahezu alle Beteiligten. III. Die Zuschrift eines Freundes. „In diesem Monat weilte ich wenige Tage in meiner alten Heimat Posen, um die Gräber meiner Angehörigen zu besuchen. Dabei hatte ich Gelegenheit, verschiedene Erkundigungen einzuziehen, die sicher die Teilnahme aller alten Posener finden werden, welche das grausame Ende des Weltkrieges von ihrer Heimaterde vertrieb. Die Verhältnisse in Polen zwischen Polen und Juden sind erträglicher geworden. Zwar flackert hier und da noch der Judenhaß auf —_ so werden z. B. zu Weihnachten Flugblätter verteilt: Kauft nicht bei Juden! —, aber im ganzen haben sich die Verhältnisse im letzten Jahre gebessert. Tiestraurig stimmte mich der große Rückgang der angesehenen Posener jüdischen Gemeinde. Vor dem politischen Umsturz im Jahre 1918 Zählte die Gemeinde 1800 Steuerzahler, jetzt nur 300: die See.lenza.hl betrug 1918 5600 Seelen, jetzt 1500. Der verhältnismäßig stärkere Rückgang der Steuerzahler gegenüber der zurückgegangenen Seolenzahl erklärt sich daraus, daß manche Zuzügler sich der Steuerpflicht zu entziehen wissen. In der Synagoge 13 (liberal) wird nur einmal in der Woche ein kleiner Gottesdienst abgohalten: auch der Besuch .der großen Synagoge A (ge setzest reu) ist bei weitern nicht mehr der Me. So sind es wahrlich keine erfreulichen Empfindungen, die mich in Posen erfüllten: der Verlust deutschen Bodens an die Polen, der Rückgang der blühendeil jüdischen Gemeinde in Posen lassen sich nicht so bald verschmerzen." N. PI. Traurige Vergeltung. Zur Friedhofsschänvung in Memelsdorf. Um die Phantasie unreifer Burschen nicht aufzustacheln und sie nicht zu abenteuerlichen Wildwesttaten zu veranlassen, haben sich gerade die maßgebenden Tageszeitungen in ihren Berichten hinsichtlich der in letzter Zeit wiederholt begangenen Eisenbahnfrevel und der gerichtlichen Nachspiele dazu ganz kurz gefaßt. So müßte auch mit den feigen Attentaten gegen Friedhöfe und Grabsteine Verfahren werden. Denn bei diesen Rohheiten — insbesondere wenn sie sich in engen Dorfgemeinschasten*) ereignen — ist die sich damit ausdrückende Judenseindschast stark gemischt mit der Lust, den „Helden" in Hannover gleichzutun. Wenn nun hier anschließend die Erinnerung an die länger schon zurückliegende Friedhofssch Ladung in M e m e l s d 0 r f wachgerufen werden soll, so geschieht das wegen der erst jetzt bekannt gewordenen eigenartig gelagerten Verhältnisse in jenem Dorfe. lieber diese gibt folgende, dem „Israelit" übermittelte Zuschrift Aufschluß: „Vor kurzem brachte Ihre Zeitung die Notiz, daß in dem oberfränkischen Dorschen Memelsdorf im Jtzgrund der jüdische Friedhof dort selbst geschändet worden ist, indem verschiedene Grabsteine demoliert wurden. Beim. Lesen dieser Mitteilung war ich ganz erftnxtnt, da ich an meine Jugendzeit zurückdenken mußte, wo gerade dieser Ort durch die Munisizenz zweier Israeliten, der Gebrüder Nordheim aus Hamburg, die ans dem Dörfchen stammten, in den Stand gesetzt wurden, eine Brunnenleitung zu erhalten. Die beiden Brüder N. ließen durch die Wasserbaugesellschast Bamberg die Leitung Herstellen und trugen die entstehenden Kosten ganz allein. Bei der Einweihung waren die Brüder anwesend. Die Feuerwehr und sämtliche Einwohner brachten ihnen einen Fackelzug und der damalige protestantische Pfarrer Baumann hielt eine Begrüßungsrede. Die Brüder N. dankten und erwähnten in ihrer Erwiderung, daß sie dies getan, d a m i t der dortige .Friedhof, i n d e m i h r e Eltern liegen, stet s i n E fy r e n gehalten w e r - den soll. Sodann beschenkten die Brüder N. die Feuerwehr und noch andere Wohltätigkeitsanstalten daselbst mit reichlichen Geldmitteln. Darum wundert es mich, daß diese Wohltat schon vergessen ist, wo doch die Einwohner noch heule den Nutzen der Leitung genießen." Lehrer S. Vrückhermev (Marktbreit). *) Eben erst Wurde mir ein Fall aus dem mittelfränkifchen Dorfe Ermetz» h o f e n gemeldet.