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Central-Verein-Zeitung · 1926-12-31 · 53 (31.12.1926) · p. Seite 695

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
53 (31.12.1926)
Date
1926-12-31
Page
Seite 695 (sequence 3)
Language
German
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Eine letzte Mahnung! Immer noch Würdelosigkeit in Berliner Kabaretts. Sclu\ Unser Kampf gegen die mauschelnden Kabaretts hat nicht nur den Beifall unserer Freunde in Groß-Berlin gefunden, sondern auch das uneingeschränkte Interesse unserer Mitglieder im Reiche. Einig sind sich alle, die uns mündlich oder schriftlich rückhaltlos Anstimmen, daß für einen ehrliebenden jüdischen Deutschen diese Selbstbeschimpfungen auf die Dauer unerträglich sind. Die Ansicht, wie man am besten Abhilfe schaffen könnte, war nicht einheitlich: die einen meinten, m a n m ü s s e Geduld haben, weil es sich hier nicht zuletzt um eine Frage der sogenannten „inneren Mission" handele; die anderen rieten uns, rücksichtslos zu zu fassen und cmss neue eine große Kundgebung in Berlin Zuveranstalten, um die Öffentlichkeit gegen diese skandalösen Vorgänge in einzelnen Kabaretts anfzurnsen. Unsere wiederholten flammenden Proteste in der „C. B.-Zeitung" und unsere großen Veranstaltungen in^ der Aula der Fürstin-Bismarck-Schule, C h a r l o t t e n b u r g, und in den Union-Festsälen des N o r d o st e n s Groß-Berlins am 22. April 1926 hatten greifbare Erfolge gezeitigt, so daß wir uns zunächst an das Sprichwort halten wollten: „Gut Ding' null Weile haben." Zweifellos ist es unseren Anstrengungen gelungen, die Direktoren einiger Kabaretts davon zu überzeugen, daß Darbietungen ohne selbstbeschimpfende Mauscheleien ihrem Kassenbestand keinen Abbruch tun. Die gesamte d e u t s ch e T a g e s pres s e hatte sich seinerzeit auf unsere Seite g e st e l l t, und das blieb nicht ohne Einfluß auf besonnene und kluge Leiter von Kleinkunstbühnen.' Wir dürfen daran erinnern, daß „Tägliche Rundschau", „Berliner Lokal-Anzeiger", „Deutsche Allgemeine Zeitung", „Berliner Tageblatt" und „Vossische Zeitung" in seltener Harmonie sich unseren: Standpunkt angeschlossen haben, es dürfe in beit Berliner Kabaretts so nicht weitergehen. * Wir haben inzwischen Planmäßig die Vorstellungen der verschiedensten Kabaretts in Berlin besucht und zu unserer Freude beobachten können, daß Geschmacklosigkeit nicht die R e g e l, sondern d i e Ausnahme bilde n. Hand in Hand mit dieser Erziehungsarbeit au den Kabarettsleitern ging die an den Besuchern, denen ad oculos demonstriert wurde, wie mau sich gut unterhalten kann, auch wenn es nicht aus Kosten jüdischer Selbstwürde geht. Es scheint aber fast so, als ob in letzterer Zeit der schlechte Besuch von Kabarettvorstellnngen einige Direktoren ans den Gedanken hat kommen lassen, d':e leerer: Sitzplätze seien nicht aus das Konto der wirtschaftlichen Notlage unserer Zeit zu buchen, sondern auf das Fehlen geschmackloser Mauscheleien. Man verschrieb sich einen Herrn Professor Wiesenthal aus Wien, um dem „dringenden Bedürfnis" zu entsprechen, der Zuhörerschaft eine Kabarettkomik zu bieten, die die Ehre eines jüdischen Deutschen kränkt und beleidigt. Geben wir zunächst einen: Kabarettbesucher das Wort, der in „D e r W e l t b ü h n e" von: 14. Dezember in einer Zuschrift „I e d e r Jude sein eigener Antisemit", ein geradezu vernichtendes Urteil über diese Kabarettkomik fällt. . . „Zwei Zuzügler vom Donaustrand mühen sich Zurzeit um die Hebung der Kunst und des Kursürstendammes. Dem einen, Herrn Robitschek, kann inan den Vorwurf nicht ersparen, daß er vielleicht ein bißchen zaghaft ist. Er begnügt sich mit sanft eingestreuten Anspielungen oder ruft Paul Morgan, der das nicht nötig hätte, gelegentlich ein Stichwort für palästinensische Andeutungen zu. Da ist ihm sein Kollege, der Professor Wiesenthal, entschieden überlegen: Eine saftige Vollnatur mit dem richtigen Schmiß. Munter mauschelt er sich an: Abend durch das ganze Programm entlang, in dem er alle völkischen Verleumdungen, Gehässigkeiten und Zuchtlosigkeiten in mehr oder minder alten Anekdoten und Witzen zu spaßhaften Pointen und Schlagern ausmünzt, deren Kosten immer der „Jud", seine Gerissenheit, sein Schachersinn, seine Unterwürfigkeit und seine Feigheit bestreiten. Es fehlte, um das Repertoir zu vervollständigen, nur ein lustiges Couplet über de:: Ritualmord. Wie anheimelnd dieses lose, zutrauliche Geplauder wirkt, können Sie sich gar nicht vorstellen. Alles wird mit verschmitzter Miene, mit Augenzwinkern und einer butterweichen Bonhomie vorgetragen, die ausdrücken soll,, daß es gar nicht so gemeint sei. Um so schlimmer! Denn die Hälfte des Publikums, die nichtjüdische, hat es schon so gemeint, bevor sie sich noch, hundert Schritte von der Gedächtniskirche, in eine Spaßsynagoge verirrte, deren Riten, auch wenn der Professor nicht mittut, auf Kohn gestimmt sind und ihnen nur bestätigen, was sie ohnehin von den „Semiten" gewußt haben. Man kann vor: den Gesichtern der frommen Genwinde den Eindruck in allen Abstufungen abkesen: Manche feixen mit unverhohlenem Frohlocken, andere wieder, die „Toleranten", fühlen sich sichtlich unbehaglich und glotzen gelangweilt auf die Bühne, ohne Verständnis für den Jargon, für den Geist, für die Anspielungen, für die Absichten und vielleicht auch, zu ihrer Ehre sei es angenommen, ohne Verständnis für die exhibitionistische Gesinnung von Leuten, die, ohne von der Verzweiflung dazu gezwungen zu sein, ihr Körberl vergnügt grinsend auf den Pranger stellen, den Dummheit, Grausamkeit und Böswilligkeit für sie aufgerichtet hat. Der Kohn aber, der hnndertköpsig drunten sitzt und nnfjauchzt, so oft der Kohn droben aus dem Brettl sich selber ins Gesicht spuckt, verdient es gewiß nicht besser." Wir sind in der unangenehmen Lage, aus den: Witzrepertoir des „unerreichten" Prosesiors Wiesenthal einiges Wenige wiedergeben zu müssen, um Uneingeweihte auf die Geschinacksrichtung dieses bedeutenden Mannes hinzuweisen. So begrüßt er die Gäste mit den Worten: „Hali Halo, halaj'loh hasehl" Oder er erzählt von Geschäftemachern, >die zwei Waggons Mesnssesab Tür geliefert haben. Oder er witzelt, vermeintlich geistreich: „Meine Mutter hat mir imrner Knobloch zu essen gegeben, damit ich nicht verloren gehen kann, weil mich sofort jeder herausriecht." Herr Joseph B a a r , „der geistreiche Wiener Stegreifdichter", ist das kleinere Licht, das ans der C h a r l o t t - B ü h n e geschmacklos mauschelt. Müht sich minutenlang um die Definition der „mietzen Seeges"; weist auf den Saxophonbläser im Orchester hin: „D a s i st eit: Schofar b lüser , der hat d a s g a u z e Iah r V e r s ö h n u n g s f e ft!" Die Tänzerin Mady Lorrison führt er ein: „Jetzt erscheint Mady Lorrison, hören Sie die Dame ohne Zores on." Wo alles mauschelt, können die Gebrüder Hoppe ihre Herkunft von östlich Wien nicht verleugnen und ahrnen, ohne sich der Infamie solchen Tuns bewußt zu sein, die Gewohnheit frommer Beter nach, indem sie beim Hin- und Herbengen des Oberkörpers mit der Faust der rechten Hand das Herz leidenschaftlich schlagen. Es widerstrebt uns, diese Stilblüten zur Charakterisierung der Vortrüge zu mehre::. Schließlich ist uns auch der Platz für derlei Niedrigkeiten zu schade. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als durch Veröffentlichung einiger Beispiele zu zeigen, wie „bescheiden" und betrübend die Ansprüche vieler jüdischer Besucher von Kabaretts in Groß-Berlin heute sind, dieweil sie sich über solch' zotiges Zeug köstlich belustigen. Wir haben seststellen können, daß unter den Besuchern des Charl o t t - K ct n o § gut 50 Prozent Nichtjuden gewesen sind. Und hier fängt die Sache au, unsere u r e i g e n st e A n g e l e g e n h e i t zu werben-.. Wir mühen uns in: Eentralverein, unseren christlichen Mitbürgern ein wahres Bild des jüdischen Menschen zu geben, und Professor Wiesenthal und Konsorten zeichnen Karikaturen, wie sie unsere christlichen Mitbürger nur im Witzblatt eines Herrn Kunze finden. Weil wir hier und da Besserung gesehen haben, haben wir geglaubt, nachsichtig sein zu müssen. Angesichts dieser neuerlichen beschämenden Vorgänge, besonders im Ch arlott-Kasi no, erklären wir nun jedem, den es angeht, daß unsere Geduld zu Ende ist. Es ist nicht unsere Art, zu drohen; aber wir halten -uns für verpflichtet, rechtzeitig zu warnen, damit man uns nicht den Vorwurf der Illoyalität machen kann. Wenn es sich um Anstand und Würde handelt, gibt es für u n s keine K o rn p r o rn i s s e. Wir werden ab:varten, ob diese ernste Mahnung endlich Gehör findet. Haben wir tauben Ohren gepredigt, dann nehmen wir den Kamps, den nicht w i r heraufbeschworen haben, mit jener Energie auf, die völkische Kreise zu schätzen wissen, wenn sie die Ehre des deutschjüdischen Menschen in der Oeffentlichkeit herabsetzen. Zum Schluß noch ein Wort an unsere Freunde: Es ist nicht notwendig und auch nicht nützlich> diese Würdelosigkeiten in Kabarettvorträgen an O r t und Stelle erleben zu wollen.

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