Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 53 (31.12.1926)
- Date
- 1926-12-31
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m los und etwas ablenkend von Bauernrevolten, bei denen die Gutshäuser der Bojaren in Flammen aufgehen, wie man es erlebt hat, und wo dann ganze Gehöfte und selbst Dörfer mit Artillerie zusammengeschojsen werden mußten, um der Welt alsdann wieder das Schauspiel eines wohlgeordneten rumänischen monarchischen Staatswesens aus gesicherter friedlicher Grundlage Vortäuschen zu können. In welchem Umfange der Völkerbund in Genf auf die Beseitigung der heutigen traurigen Judenkrawalle wird einwirken können, mag sehr zweifelhaft fein; gleichwohl soll man nicht höhnisch und systematisch den Völkerbund in der öffentlichen Meinung der zivilisierten W!elt herabsehen. Der Völkerbund leistet gewiß noch nicht alles das, was von ihm berechtigterweise erwartet werden kann. Er ist ein Anfang, keine Erfüllung. Aber Hohn über seine Unvollkommenheiten wären geeignet, auch eine spätere Erfüllung weiter hinanszuschieben. Und eines steht fest, auch schon die Möglichkeit einer Intervention des Völkerbundes wird auf die rumänischen Politiker ernüchternd und abschreckend wirken. Die Aussicht ist nicht angenehm, von dem Areopag der zivilisierten Mächte zur Ordnung, zur Beobachtung zivilisierten Handelns öffentlich aufgefordert zu werden. Genf ist für barbarische Regierungen die Rute hinter dem Spiegel, die ihrer Wirkung selbst dann nicht vollkommen entbehrt, wenn sie nicht herabgenommen und nicht in Bewegung gesetzt wird. Auch unerfreuliche Möglichkeiten wirken schon erzieherisch. Ganz unmittelbar und sehr eindringlich kann hingegen ein anderes Mittel in Anwendung gebracht werden. Rumänien ist ein Staat, und in Rumänien herrscht eine Kaste, dern Geldbedürsnisse chronische und stets dringende sind; und zwar auch im Augenblick. Dieses Rumänien mit seinerbarbarischen Bojarenherrschaft hat auch gerade jetzt wieder bei einer ganzen Reihe von Tresortüren angeklopft, um eine größere Anleihe zu bekommen. Es erhielt Abweisungen in Rücksicht auf die allgemeine Lage des Geldmarktes; diesen Abweisungen ist eine perpetuierliche Fortsetzung zu wünschen, zugleich in Rücksicht auf die innerpolitische Lage Rumäniens. Ein Land, dessen Regierung den Studenten partielle, anarchistische Ausschreitungen gegen einen Teil der Bevölkerung gestattet, ein Land, das belastet ist mit einer noch immer nicht in modernem Sinne gelösten sehr ernsten Agrarfrage, verdient kein finanzielles Vertrauen. Finanzfragen und Humanitätsfragen sind gewiß nicht identisch; aber ohne moderne Humanität in einem Lande keine bleibende staatliche Ruhe, und ohne innere Ruhe im Staate keine finanziellen Sicherheiten. Jede ernste Gärung im Staate beeinträchtigt ernst seine finanzielle Lage. Einem solchen Staate Geld in Millionen von Goldsäcken zuzuführen, bedeutet eine Unterstützung der Barbarei, eine Stärkung barbarischer Regierungsmethoden und dazu eine Gefährdung der Kapitalien, die solchem Lande geliehen werden. Ein Staat,' der seine Bauern noch immer verkommen läßt, und der seine Juden verprügeln, ausrauben und hin und wieder auch totschlagen läßt, befindet sich noch in einem Stadium der Entwicklung, die es unmöglich machen sollte, ihm auf Treu und Glauben in modernem Sinne Millionen ersparten westeuropäischen Kapitals anzuvertrauen. Rumänien ist ein Land, in dem die modernen Ventile in die Staatsmaschine noch nicht eingebaut sind, wo sie noch nicht funktionieren, wo sie, wie der Parlamentarismus, nur Atrappen sind, um Gimpel Zu täuschen. Rumänien ist ein Land mit einer Bojarenherrschaft, wo Land und Leute ausgebeutet, ruiniert werden, wie die nahe verwandte Polnische Schlachta einmal Polen zugrunde gerichtet hat. Wer dieses rumänische System finanziell stützt, versündigt sich ebenso gegen die Humanität wie gegen den Geldbeutel jener, die er Zur Hergabe von Kapital au einen Staat veranlaßt, der seiner Jugend bereitwilligst Krawalle, Plünderungen, wilde Brutalitäten, also anarchische Ausschreitungen, gestattet. Wenn die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt es will, kann sie ohne die Weisheit schwerfälliger und mit Verantwortung überreich belasteter Kabinette, ohne internationale Noten ein segensreiches politisches Erziehungswerk an Rumänien vollbringen. Für Staaten, in denen Besitz und Leben der Einwohner, gebildeter und ungebildeter, in Frage steht: keinen Pfennig aus finanzieller Klugheit und aus Humanität. Landau. Von besonders geschätzter Freundesseite wird uns aus der Pfalz geschrieben: Die Pfalz steht unter dem erschütternden Eindruck des Landauer Urteils. Die Leidensgeschichte der Pfalz ist um ein schmerzliches Ereignis reicher geworden. Nach den aufregenden Vorgängen in Germersheim war die erregte Bevölkerung durch die Zusage gerechter Untersuchung des Falles beruhigt worden. In dieser Erwartung sah man der Verhandlung des Kriegsgerichtes entgegen. Das Entsetzen über das Urteil wirkte geradezu lähmend. Dann schlug es in helle Entrüstung um. Der französische Angeklagte, an dessen Händen Blut klebt, freigesprochen, die Deutschen verurteilt! Das wirkte wie eine Verhöhnung! Man hatte in der Pfalz, wie überall, nicht mehr das Empfinden, daß hier in einem Einzelfalle ein Fehlurteil gesprochen sei. Man sah hinter den Gestalten dieses Schauspiels die Regisseure, hinter den Dingen das System. Wieder einmal das Wechselspiel von Macht und Recht. Sieger und Besiegte, Mächtige und Schwache, Bewaffnete und Unbewaffnete, Militär und Zivil! Gibt es noch eine Rechtssatzung Zwischen einer fremden Besatzung und friedlicher Bevölkerung, wenn „der herausfordernde Blick" eines jungen unbewaffneten Menschen dem in Zivil befindlichen, als Offizier nicht kenntlichen Reserveleutnant das Recht gibt, den zunächst mit einer Reitpeitsche „dormelig" Geschlagenen Zusammenzuschießen? Ist da noch ein Zusammenleben möglich? Hinter dem Urteil stieg riesengroß das ganze Leid der Pfalz auf. Es lag und liegt wie ein Felsblock aus der ganzen Bevölkerung der Pfalz, aus allen Klassen und Schichten und Parteien. Es ist in den Berichten aus der Pfalz immer gesagt worden, daß in den Stunden gemeinsamer Not alle Teile des Pfälzer Volkes das gleiche gefühlt, gelitten und geleistet hätten. In nationalsozialistischen Versammlungen und im „Eisenhammer" ist darüber gehöhnt worden. Und doch ist es so! Die Opfer des Germersheimer Falles sind junge Menschen von links t bis rechts! Die Zusammenstöße trafen gleichmäßig Angehörige des Reichsbanners, Sozialdemokraten, Demokraten; als letztes Opfer jener Nacht siel das Mitglied der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei, Müller. In solchen Stunden muß es auch dem fanatischsten Parteimann offenbar werden, daß es etwas gibt, was über dem Haß und der Hetze innerhalb eines Volkes steht: Die Volksgemeinschaft! Der junge Müller ist nicht als Parteimann, sondern als deutscher Bürger des besetzten Gebietes gefallen. Wie der Fall Nouzier dem Gedanken der V ö l k e r v e r - söhn u n g einen schweren Schlag versetzt hat, der langsam wieder überwunden werden muß, so sollte er anderseits der V o l k s v e r - söhn un g innerhalb des deutschen Volkes neuen Aufschwung geben. Es wäre schmerzlich, wenn aus dem Grabe des Getöteten, der 311m Märtyrer der ganzen deutschen Sache geworden ist, neues Leben einer Partei zugeführt würde, der Partei, die seit Atonalen in einer widerlichen Zeitung die Pfälzer gegeneinander hetzt und einzelne Volksteile auf das schwerste beleidigt. Aus Haß und Verhetzung kann nur Haß und Unglück entstehen. Wir Pfälzer Juden haben das Recht, auch in dieser Stunde unsere Stimme zu erheben. Es ist kein Heldenstück, die Juden, eine Minderheit, anzugreifen und zu verleumden, es ist nicht tapfer, mit U e b e r - m acht andere zu verfolgen, denen nichts als ihr Recht zur Seite steht. Diese Feigheit wird auch nicht zum Heldentum, wenn man lügt, daß die jüdische Minderheit alle Macht der Welt in Händen hätte. Möge sich doch in den Köpfen unserer völkischen Feinde der Gedanke Raum schassen, daß die Länder, die Völker und die Menschheit nur unter dem Banner des Rechts und der Gerechtigkeit gedeihen können. M SM WM SMl «ll mW A«e. Leutnant Meier Hilsbach. Ueber den wohl ältesten jüdischen Offizier in der preußischen Armee teilt im „Schild", Zeitschrift R. j. F„ Dr. Willy Cohn (Breslau) unter Benutzung der Schrift: „Alte schlesische Judeusriedhöfe" von Professor Grotte mit: Hilsbachs Name befindet sich auch aus der Gedenktafel, die noch heute in der alten Synagoge in Breslau an die gefallenen jüdischen Soldaten des Freiheitskrieges erinnert . . . Am 19. März 1813 schrieb die heute so antisemitische „S ch l e s i s ch e Z e i t u n g" über Hilsbach: „Zu den heldenmütigen Streitern am Tage bei Lützen gehörte nach dem allgemeinen Zeugnisse in einem vorzüglichen Sinne der Studiosus Meier Hilsbach, welcher im Jägerdekachement der Jägergarde die heilige Sache des Vaterlandes mit seiner ganzen Kraft zu verteidigen gesonnen war. Seine männliche Gemütsstimmung, die Kraft der Seele, selbst in der größten Gefahr der ruhigen Ueberlegung fähig zu bleiben, verbunden mit Liebe für König und Reich, ließen von ihm etwas Vorzügliches erwarten. Diese Hoffnung hat er nicht getäuscht. Er ist im heißesten Kampf ein Vorbild seiner Mitstreiter gewesen, er hat sich ihre Bewunderung-, ihre höchste Achtung erworben. Drei Male verwundet, hot er das Schlachtfeld noch nicht verlassen; erst später, als er einen Todesstoß auf die Brust erhielt, führten ihn seine Freunde aus dem Getümmel. Doch es war ihm noch bestimmt, im Kreise der Seinigen Erquickung bei seinen Schmerzen und die Ehre seiner Taten zu genießen — er starb mit männlicher Fassung auf dem Wege hierher, nur sein Leichnam ruht bei uns. Das Andenken an ihn wird in Liebe und Bewunderung, fortdauern. Seine Glaubensgenossen, aus deren-Mitte er vor allen anderen aus den Ruf seines Königs unter die Vaterlandssahne trat, mögen es dankbar erkennen-, daß sein Beispiel manche Zweifel beseitigte und ihren Jünglingen ein herrliches Muster aufstellte."