Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9221535-9548924-9548984--056-2283880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 Reichtum draußen zur natürlichen Kleinheit zusammen., Auch die Arbeit für ihr unbekanntes, leuchtendes Ziel erwähnten sie; das der Jungwandervogel folgendermaßen ausdrückte: „Unsere Stärke ist tntsächlich unsere Progranunlosigkeit, die Beschränkung auf das eine Wollen, die jungen'Menschen für alle Lebensfragen und ihre späteren Ausgaben biegsam und frisch und frei von Vorurteilen und Einseitigkeit zu erhalten, vorerst nur ihrem Charakter, der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu dienen." Als Ausdruck ihres gemeinsamen Woltens und Strebend verkündete die Jugend folgende Formel: „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung vor eigener.Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten, für diese Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein." t. . Ein Jahr nach dieser Kundgebung^brach der Krieg ans. Die Sehnsucht nach dem Erleben des großen Unbekannten, das Gefühl des Rechtes trieb die Wandervögel in die -ersten Reihen.t Rundbriefe erhielten die Fühlung untereinander und mit der Heimat. Aber trotzdem, die Jugendbewegung schien einzuschlafen, und sie wäre auch sicherlich eingeschlafen, wenn nicht die Mädels, die bisher meist nur Mitläuferinnen gewesen waren, mit einem Schlage angefangen hätten, die Führer und Träger der Bewegung zu werden. Und je länger das große VMerringen dauerte, desto größer wurde auch die Zahl der ganz Jungen, die die Gruppen füllten, so daß diese zuweilen die reinsten Kindergruppen wurden; das brachte nicht selten in die ganz: Sache einen etwas spielerischen Ton, aber dieser paßte gerade den weiblichen Führerinnen, gab er doch eine willkommene Gelegenheit zur Betätigung mütterlicher Instinkte und Interessen. Und endlich ist, je mehr der Krieg in ein kritisches Stadium trat und die Revolution langsam herausdämmerte, die Politik unaufhaltsam in die Jugendbewegung eingedrungen; es kam zum Erwachen der proletarischen Jugendbewegung und zu heftigen Kämpfen innerhalb der Freideutschen, zwischen einem r n t e r n a t i o n a l - s o z i a l i st is ch e n und einen: in e h r national-konservativen Flügel; vor allen Dingen führten diese Auseinandersetzungen zur Gründung des völkisch orientierten Jungdeutschen Bundes, der in seiner Gründungsversammlung im August 1919 aus der Burg Lauenstein ein Bekenntnis zur Politik ablegte. Jetzt sing auch plötzlich die ältere Generation an, sich der Jugend zu entsinnen, und zu versuchen, sie nach ihren wirtschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Gruppen zu organisieren. Denn wer die Jugend hat, hat die Zukunft, dieser Ausspruch Bebels galt immer noch. Die Jugend stand, und nicht mit Unrecht, allen diesen Versuchen mit Mißtrauen gegenüber. Die freie Jugendbewegung schloß sich instinktmäßig gegen parteipolitische Beeinflussungsversuche ab. Aber im Innern der Jugendbewegung entstehen, unter den Einwirkungen der ganzen Zeit, Käinpfe zwischen der freideutschen Richtung, die geistige Verbindungen bis zum Pazifismus und zu menschheitlichen Gedankengängen hat, und der völkischen Richtung, deren Ziel und Strüben genügend bekannt sein dürfte. Während die Jugendbewegung bis 1916 in ihrem Wesen und Wollen nur wenigen geläufig war, ist sie seitdem eine Größe geworden, an der niemand mehr vorübergeheu kann und zu der alle, sogar die offiziellen staatlichen und kommunalen Instanzen, Stellung nehmen müssen. Besonders wichtig ist die Tatsache, daß die Jugendpflege sich immer mehr den: Geiste der Jugendbewegung annäherte, ja zum Teil ihn geradezu in sich ansnahm. Es gibt heute kaum noch eine Organisation der Jugendpflege, die nicht von dem Gedanken der Jugendbewegung erfaßt wäre. Als rein äußeres Zeichen kann man immerhin die Lebensweise, die Lieder und die Kleidung werten. Im Vordergrund unserer heutigen Jugendbewegung steht die Frage des K la ssen ka m p f e s. Man unterscheidet deutlich eine proletarische und eine bürgerliche Jugendbewegung. Aber auch diese beiden Gruppen sind sich in sich selbst nicht einig, es spielt doch die Politik in der ganzen Jugendbewegung eine zu große Rolle. Die demokratische Jugend, eine ausgesprochen bürgerliche Jugendbewegung, verspürt nicht die geringste Lust, etwa mit der deutschnationalen Jugend zusammenzugehen, und ebenso scheint eine 'Gemeinsamkeit zwischen der sozialdenwkratischen und der kommunistischen Jugend so gut wie unmöglich. Die heutige Jugendbewegung wird jedenfalls völlig von der Politik beherrscht, die Jugendorganisationen nehmen einen starken Anteil am Parteileben, ist es doch kein seltener Fall, daß die Jugendorganisationen den Parteiführern großes Kopfzerbrechen verursachen, weil die Jugend sich nicht so ohne weiteres den Parteidirektiven, der Parteidisziplin fügen will. Entweder neigt sie dazu, die Grundsätze der jeweiligen Partei ins Extreme und Radikale zu übersteigern, oder aber der Geist der Jugendbewegung machst sich in den: Sinne geltend, daß man die politischen Richtlinien in freiheitlichem und weitherzigem Sinne umbiegr. Dr. Werner M a h r h olz hat den interessanten Versuch gemacht, estn politisch es P r o g r a in m der gesa m t e n d e tf t - Idjeit I u g e n d auszustellen. Er formuliert zehn Forderungen an die politischen Parteien, von denen namentlich die vierte in den hier beschriebenen Zusammenhang hineingehört: „Die j u n g e Generation erachtet es als eine Pflicht der Parteien, über den: E g o i s rn u s der P a r t e i m a s ch i n e n den Gedanken und die Tatsache der W e r k g e m e i n * sch a s t von H a n d und K o p f, v o n Gei st u n d Leib n i ch t v e r küm m ent z u la sf e n, u u d sie fordert g e r a d ezu e i n e U n t e r d r ü ck u n g der gegenseitigen Verhetz u n g, besonders ans de m wirtschaftlichen G ebie t. Der Gilden- und Zunftgedanke scheint ihr in einem ganz anderen Maße der Beachtung wert, als die Parteien es wahrhaben wollen." Hier kommt eine Grundtendenz der.Jugendbewegung zu klarem Ausdruck. Schriftenfchau. Wie soll man wandern? („Theorie und Praxis der Schüler- Wanderungen" von >Ltudienrat Dr. F. W a ch s u e v. Langensalza 1926, Hermann Beyer it. Söhne.) „Kamps gegen S ch u l e und E l t e r n h a u s" war die Losung, unter der sich die ersten Anhänger der Mnndervogelbewegung zusammentaten. Nicht ohne jeglichen Erfolg sollte dieser Schlachtruf ins Lager der Lehrerschaft dringen. Man besann sich hier, daß „Bildung" im engeren Sinne nicht das einzige sei, Zn den: der Lehrer verpflichtet ist, sondern daß in seinen Händen die Verantwortung für die G e sam tentwicklun g des ihm anvertrauten jungen Menschen liege. Freilich die Zahl derer, die — direkt oder indirekt durch die Jugendbewegung beeinflußt — zu dieser Erkennt? nis gekommen sind, ist klein, geringer noch die Zahl derer, die aus der th eor etischen Erkenntnis mit Erfolg die p r a kt i sche n Konsequenzen ziehen. Der Autor des vorliegenden Buches gehört zu dieser Minorität. Bei der Lektüre müssen wir uns eine Tatsache vor Augen führen: das Buch ist ein Appell eines verantwortungsbewußten Lehrers an seine noch säumigen Kollegen, es will und kann keine Anleitung für Jugendführer zur Fahrtenführung sein. Nur so sind Dinge zu verstehen, mit denen wir als Glieder der Jugendbewegung unter keinen Umstünden konform gehen können, wie etwa die Seite 39 geäußerte Ansicht zur Alkoholfrage: „Wir wollen unseren Jungen gewiß diese Segnungen der Kultur (Alkohol mtb Nikotin) nicht vorenthalten, überzeugt davon, daß ihnen nicht die Gifte schaden, sondern vielmehr das Uebermaß, daß also maßvoller Genuß erzieherisch wertvoller ist als strenge Entsagung, haben aber ebensowenig Veranlassung, sie zu Ausschweifungen geradezu herauszusordern, die jedenfalls nicht in: Sinne der Eltern erfolgen würden." Segnungen der Kultur? Aerzte, Psychologen und Soziologen, die diese „Segnungen" in der doch quantitativ überwiegenden proletarischen Klasse kennengelernt haben, metben bei einiger Ehrlichkeit anderer Meinung sein müssen und als verantwortungsbewußte Volksführer ans diese Segnungen sowohl in: Maße als auch im lieber maße verzichten. Der Wert des Buches besteht darin, daß es dem Lehrer die Notwendigkeit vor Augen führt, auch außerhalb des planmäßigen Unterrichts auf die Schüler erzieherisch einzuwirken. Hierfür bietet die Wanderfahrt treffliche Gelegenheit. Schüler, denen es sonst schwer fällt, aus sich herauszugehen, werden in der freier: Natur unwillkürlich mitteilsamer, ein stärkeres G e m e i n s ch a f t s - ge fühl beherrscht die Klasse, die Schüler lernen die Lehrer als sterblichen Menschen „mit menschlichen Gefühlen" kennen, während sie' in ihm bisher die unbedingte strenge A u t o r i t ü t zu sehen gewohnt waren. Daneben wird die Perspektive besonders der Großstadtjungen durch das Kennenlernen bisher unbekannter Lebenssphären und Kulturkreise ungeheuer erweitert. Aus allem heraus klingt ein volles Verantwortungsgefühl für die Erziehung der jungen Generation, das der Verfasser an: treffendsten an einer Stelle mit den Worten ausgedrückt hat: „Persönlichkeitsbildung erscheint uns höher denn alle Wissenschaft, sie kann nur von Erziehern ausgehen, nicht aber von Beamten, sie muß unabhängig bleiben von materiellem Lohn, da sie in keiner menschlichen Valuta zahlbar ist," —etc. „Der jüdische Pfadfinder." Eine Zeitschrift für die Mittleren und Jüngeren, herausgegeben von der Vundesleitung des Kadimah, 1. Jahrgang, Heft 2 und 9. Tie Zeitschrift soll nicht über die ideologischen Voraussetzungen des Kadimah Aufschluß geben, sondern erzieherisch aus die Mittleren und Jüngeren eimvirken. Ob diese Erziehungsarbeit vom politischen Standpunkt aus Selbstzweck oder Mittel zum Zweck ist, möge jetzt einnral dahingestellt bleiben. Die Zeitschrift ist weniger vom jüdischpolitischen, als vielmehr vom pädagogischen Standpunkt aus zu beurteilen. Daß ihre Herausgeber eine bestimmte, uns nicht entsprechende Ausfassung von jüdischen Dingen haben, ohne jedoch diese Auffassung von Bundes wegen bekennen zu wollen, tut in diesen: Falle verhältnismäßig wenig zur Sache. Tie Lektüre der Zeitschrift wird bestimmt den Jüngeren recht viel Freude bereiten, denn sie bringt in bunter Abwechslung pfadfinderische Anleitungen, Fahrtenberichte und mehr oder weniger erlebte Anekdoten. Sehr interessant ist Martin Levys Bericht über die englischen Scouts. Chai Jsacharosss Bericht über „Eine jüdische Schule in: Weltkrieg" und die allerdings etwas ungeschickt umschriebene Schilderung chte§ Pogroms von „K. L." tragen zur Stärkung des jüdischen Empfindens bei. Der fünfte Zug gibt einige Berichte, die von seiner Arbeit ein Bild geben sollen. Man ersieht daraus, welche Fertigkeiten und Kenntnisse — die in feiner Weise unterschätzt werden sollen! — den Jungen bcigebracht werden, man ersieht aber nicht daraus, unter welchen leitenden, allgemein-pädagogischer: Gesichtspunkten die Führer diese Methoden anweuden. Tie Anekdoten sind znm Teil sehr nett pointiert (zun: Beispiel „Ilm den Bundestag", von K. L.), gut gelungene photographische Aufnahmen schmücken die Hefte, derer: ansprechende äußere Ausmachung in Anbetracht der mit der unpolitischen Einstellung verbundenen organisatorischen Isoliertheit des Bundes ein sinanztechnischer Rekord ist. . Die Wölflinge aller Richtungen werden sich an den Heften freuen, und wir Aelteren freuen rms an ihrer Freude. Wann aber werden uns die Aelteren des Kadimah die direkte Freude bereiten, uns durch Schaffung eines Aelterenblattes — analog zu den Blättern der deutsch-jüdischen Bünde — einen Einblick in die Stellung des Kadimah zu der: Kernproblemen der jüdischen Gegenwart zu gewähren? —ck.