Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 ble Erkenntnis in die zionistische Gedankenwelt mithincinzunehmen, daß irr Wahrheit das Ostjudentum den schöpferischsten! Teil unseres Volkes darstellt, und Dieses Gefühl dann alle instinktive und kritische Ablehnung überwiegen zu lassen. Für eine Ikebergangszeit nun kann es sein, daß «ran in Sondergruppen lebt, auf die Dauer aber dürsten Sondergebilde .in Palästina nicht möglich sein. Das Leben ringsherum löst alle Sondergemeinschasten ans. — Somit ergibt sich also für die zionistische Jugendbewegung folgendes Bild: Der Zionismus in Deutschland hat nur geringen natürlichen N a ch w u ch §. Er sucht dies auszugleichen, indem er jüdische Jugend Deutschlands in Vereinen und Bünden zu sammeln sucht, die sich neutral bezeichnen oder dein Sport zu dienen vorgeben. In diesen Vereinen schafft er eine Atmosphäre, die planmäßig die Jugend ans ihrer deutschen Heimat entwurzeln soll. Theoretisch wie praktisch beniüht er sich, diese Jugend von ihrer nichtjüdischen Umgebung zu isolieren, indem er alles Trennende systematisch betont, indem er die Sehnsucht und Ilnerfülltheit der Ideale, unter der jede Jugend leidet, und die Not, die unser Zeitalter und unser Land mit allen seinen Bevölkerungsschichten heimgesucht hat, einzig und allein als eine jüdische anschaut und sie lediglich auf die Diaspora zurücksührt. Als einzige Erlösung aus dieser Not zeigt er den palästinischen Z u k u n f t s st a a t, als Vorbereitung hierzu den palästinischen G e g e n w a r t s st a a t. Aber selbst dieser wird nur wenigen, zur Erfüllung. Die vielen anderen aber, sie sind hier entwurzelt und dort nicht eingepflanzt, der Heimat ihrer Geburt entfremdet und von der Heimat ihrer Sehnsucht ausgeschlossen. Von dem kleinen Teil jedoch, der das Land seiner Sehnsucht erreicht, bewähren sich viele nicht und müssen zurückkehren. Man wirft Steine aus sie und nicht auf die, die sie zu diesem Ziel verführten. Diese aber, die das erste Erschrecken überwanden, sie stehen einein Volkstum gegenüber, dem sie fremd sind. Sie, die erzogen wurden, das Land ihrer Geburt als Fremde zu betrachten, sie sind Fremde auch im Lande ihrer Sehnsucht. Um überhaupt dort leben zu können, wird von ihnen gefordert, diese Fremdheit durch Liebe zu einer Kultur zu überbrücken, deren Unterschied von der ihren ein weit größerer ist als die künstlich betonte und verstärkte Distanz, die sie von anderen Schichte« ihres Geburtsvolkes trennte. So sieht das „positive Judentum" aus, zu dem die jungen Menschen erzogen werden sollen. Können wir glauben, daß ein Zweck, der sich derartiger Mittel bedient und bedienen muß, ein guter ist? Können wir glauben, daß uns die Menschen ein Judentum der Sehnsucht, ein Judentum der Erfüllung herbeibringen werden, deren Auswahl danach getroffen wird, daß sie für die Wirtschaft produktiv sind? Wir glauben, daß ein positives Judentum für uns junge deutsche Juden etwas anderes ist, nämlich ein Leben im Geiste unserer jüdischen Lehre und der Mission, die dem Volke der Bibel auserlegt ist. Und wir glauben, daß wir uns gegen die wehren müssen, die uns unserer Heimat und dem Volke, in dem wir leben, künstlich entfremden wollen, und daß man uns nicht die Liebe zu oktroyieren braucht, die auszubringen ist, um jene Distanz zu überbrücken, die überall zwischen einzelnen Schichten jedes Volkes liegt, sondern daß wir uns naturgemäß mit dem ganzen Volke unseres Heimatlandes fest verbunden fühlen. Die Entwicklung der deutschen Zugendbewegung. Von Hajo Wilde. Das Wort „Jugendbewegung" ist wie so mancher andere Begriff immer mehr zum Schlagwort geworden, das man bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit braucht. Will ein jugendlicher Stürmer etwas Neues durchsetzen, so beruft er sich aus die Jugendbewegung; hat ein alter Mießmacher und Nörgler an Neugeschaffenem etwas auszusetzen, er gibt ganz gewiß der Jugendbewegung die Schuld. Was ist nun die Jugendbewegung ihrem Inhalt nach? Sie umfaßt einmal die an Jahren jungen Menschen, die Träger der Zukunft, die das vorbereiten, was eine Generation später Wirklichkeit werden soll. Zum andern muß die Bewegung als der Ausdruck eines neuen, beginnenden Zeitalters verstanden werden. Die Jugendbewegung will nichts vom „Autoritätsdusel" wissen, und mit geschärften Augen sieht sie, wie all die Moralgebote, zu deren Beachtung man sie erzogen hat, zum Wort ohne Inhalt werden und wie mehr und mehr die Sittlichkeit verfällt. In den jungen Menschen aber ist der Idealismus und damit die Sehnsucht nach Sittlichkeit am stärksten wirksam, und so ist es klar, daft die Jugendbewegung in einem Maß mit Entwicklungsproblemm zu kämpfen hat, wie sie in solchem Ausmaß anderen, von ähnlichen Erschütterungen durchbebten Zeiten fremd waren. Damit wird also die Jugendbewegung Ausdruck des neuen Zeitalters. Die A n s ä n g e der Jugendbewegung liegen gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Allerdings bestand damals die Jugendbewegung mehr in einer Jugendpflege, das heißt, gewisse geistige gesellschaftliche und Politische Gruppen der herrschenden Schicht versuchten caif die Heranwachsende Jugend ihre Einflüsse auszuüben, sie vor Verwahrlosung in sittlicher Hinsicht zu behüten, wie die evangelische und die katholische Jugendpflege, oder sie versuchten eine Gegenwirkung gegen die Ausbreitung der sozial-revolutionären sozialistischen Ideen auszuüben. Die eigentliche Jugendbewegung begann erst im Jahre 1896 mit der Gründung des Wandervogels durch Karl Fischer am Gymnasium zu Berlin-Steglitz. So mannigfaltig nachher auch die Formen der Jugendbewegung geworden sind, so bunt sich auch die Geschichte des Wandervogels gestaltet hat: irgendwie ist der Geist von 1<S96 an allem beteiligt. Mag man ihn als von vornherein revolutionär oder mehr als friedlich-romantisch aussassen, jedenfalls war er der Beweis für ein Neuerwachen des Selbstbewußtseins der Jugend, die es lernte, sich als dem Alter überlegen und als Träger einer neuen, besseren Zukunft zu fühlen. Im Mittelpunkt des Wandervogels standen neben dem Gründer Karl Fischer Wolf Meynen und Hans Breuer. Im Gegensatz zu dem Schülerleben der Gegenwart mit seiner Gebundenheit, seinen Einschränkungen und Verpflichtungen, erschien ihnen das Leben der fahrenden Schüler des Mittelalters als das Ideal der Freiheit, die sie so sehr herbeisehnten. Nach persönlicher Aufnahme durch Fischer mußte sich jeder Schüler in das Scholarenbuch eintragen; wenn man einige Fahrten mitgemacht hatte, wurde mm Bacchant; Fischer war Oberbacchant; als Unterhaltungsbnch beim Wandern bestimmte man das Rollwagenbüchlein mm Jorg Wigram. Der Wandervogel drang im Deutschen Reich sehr schnell vor, denn der Jugend war aus sich selbst heraus das gelungen, was ihr die Erwachsenen vergeblich zu geben gesucht hatten: sie hatte sich ein eigenes Reich geschaffen. An den Heim- oder Nestabenden tarn man sich näher, das Gefühl des Fürsichseins fand hier Ausdruck. Alle waren gleich, es gab keine Standesunterschiede mehr, und was die Jugend besonders einander näher brachte, war das vertrauliche „Du". Das Borbild des Führers, der besser turnte, lief, schwamm, der vor allem größere Erfahrungen hatte, rief bei den übrigen die Sehnsucht hervor, es ihm gleich zu tun. Das Neue, die Ferne, die Fremde mit ihren Abenteuern lockte. Durch das Wandern wurde der Körper gestählt, der Jugend kamen sein Wert und seine Bedeutung zum Bewußtsein. Stolz war man auf die Selbständigkeit, wenn man mittags im Freien abkochte, bedürfnislos wurde durch das Schlafen im Heu und im Walde. Es wurden andere Menschen, willensstark, natürlich, frei mit einem Gefühl für den Körper und die Gemeinschaft. Man hatte es in Berlin verstanden, dem Wandervogel einen Rahmen zu geben, der sich immer weiter ausbreiten konnte. So wurde 1604 dem Wandervogel die Verfassung gegeben und 1905 die Zeitschrift ins Leben gerufen. Hinter der Jugend stand der Eltern- und Freundesrat, der aber die Jugend sich völlig selbst überließ, sie nur materiell unterstützte. Das Land war eingeteilt in einzelne Gaue, die wieder in Gruppen zerfielen. Aus dem Lande gab es das Nest, und das Landheim beherbergte die jugendlichen Wanderer für mehrere Tage. Bald jedoch begann die Absplitterung: Alt Wandervogel und Wandervogel iE. V.) trennten sich, der erste bewahrte die ursprüngliche Selbständigkeit, er kochte weiter im Freien ab und schlief im Heu, während der andere Teil sich mehr dem rein Geistigen zuwandte: er suchte die Verbindung mit der Musik und der Kunst. Besonders der deutsche Bund für Jugendwandern unter Hans Breuer erstrebte eine geistige Höherbildung, er warf die Fragen der Enthaltsamkeit auf und zog auch die Mädels in die Bewegung. Der Wandervogel, der sich anfangs nur unter den Schülern der höheren Lehranstalten ausgebreitet hatte, drang sehr bald auch in bie Universitäten ein, wo er sich mit dem, allerdings mehr aus Kultur und Bildung gerichteten, 1905 in Hamburg gegründeten Wanderverein verband. Immer mehr Bünde wurden ins Leben gerufen, so entstanden die A k a d e m i s ch e n F reif ch a reu, die mit dem, Wandervogel und bent Wanderverein unter dem von Friedrich Wilhelm Förster geprägten Namen F r e i d e u t s ch e Jugend im Oktober 1913 aus dem Hohen Meißner zum ersten Male an die OefsentlichkeiL traten. Ueber zweitausend jungeLeute aus 13 Jugendverbänden hatten sich hier ein gefunden, um der Welt zu sagen, was sie wollten und wer sie wären. In dem Hauptpunkte, so verkündeten sie in blumigem Deutsch, seien sie alle einig: im Wandern. Wüchsen ihnen die Grillen über die Ohren, so wehe sie ihnen am schnellsten der Wind draußen wieder ab, und Spott und Albernheit schrumpften am besten vor dem