Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Lasurrse« Iugendburg Hohnstein. Etwa Bundesführer und -Vertreter der verschiedensten Politischen und weltanschaulichen Bekenntniste trafen sich am 23. Oktober sür drei Tage auf der I u g e n d b tt r g Hohnstein 31t einer vom Landesausjchuß Sachsen der. deutschen Jugendverbande einberufenen Tagimg. Diese galt einer Aussprache über Führerbildung, der Persönlichen Fühlmrgnahme sowie vor allem der Kundgebung des Willens der Jugend, ihre Ideen und Kulturforderungen innerhalb der Volksgemeinschaft Praktisch nutzbar zu machen. Wesentlich war das, was man von Direktor Marianek (Wien) über d!e hervorragend ausgebaute Österreich Ls che Lehrlingsf ü r s 0 r g e a k t i 0 n hörte — ein Gebiet, das bei uns noch tatkräftiger Entwicklung bedürftig ist —, besonders aber das Referat eines Meisters der Jugendpsychologie, des Jugendrichters Professor Dr. Walter Hosfmann (Leipzig), über Fnhrerbildnng und Aufgaben der Jugendpflege. Der Führer müsse die Psyche des Jugendlichen kennen, sich in sie einleben und Persönlichkeit genug sein, sie unsichtbar veredelnd zll beeinflussen. Jugendleiter lassen sich heranziehen, echtes Führertum fei angeboren. Ein Hauptproblem der Jugendpsychologie sei gegenwärtig das Pubertätsaltcr, die Reifezeit. Bezirksjugendpfleger Studienrat Hemprich (Merseburg), ein junger Mensch von sicherlich fünfzig Jahren, Zeigte Wege gur Weckung echten und frohen Gemeinschaftsgefühls in den Gruppen. Von ihm strahlte und übertrug sich auf alle Teilnehmer jener gute Geist natürlicher Lebensfreude und Bejahung der Jugend, der der ganzen Tagung in Ernst und Frohsinn innewohrüe? Glückliche Jugend, die miter solcher Führung aufwächst. Ein geramncr Teil der Zeit diente der Aussprache. Klar erkannt wurde: Ueberall harren Kulturausgaben einer Lösung durch verantwortnngsbelvußte Jugend. Denn sie erkennt am deutlichsten all die Kutturnöte der Zeit. Au allen Stellen in Staat und Gemeinde, wo Arbeit an der Jugend geleistet wird, müssen Menschen stehen, die mit der Jugend gelebt' haben, sie kennen und lieben. Geistiger und physischer Rot gilt der Kamps. Gegen die Verwahrlosung der schulentlassenen arbeitsloseil Jugend, gegen Mängel in der Berufsausbildung, für geregelte Arbeitszeit und Ferien, gegen die viel zu oberflächlich gehandhabte Fürsorge an der gefährdeten Jugend, gegen Schmutz und Schund in Literatur und Film, für vermehrte Einrichtung von Jugendferienlagern, Jungmädchenheimen, für Verbesserung der Jugendgerichte usw. Viel Wertvolles ergaben dabei die Unterhaltungen in kleinstem Kreise. Morgenfeier und Gymnastik leiteten den Tag ein. Hierzu ein Wort. G y m n a st i k, das Turnen der Zukunft, offenbarte sich dort als etwas, das weit mehr ist als bloße Körperpflege. Diese Leibesübungen sind ein Kulturfaktor. Wie in der freien Natur das Erlebnis des Verbundenseins mit Erde und Himmel, Wolken und Wind, so liegt hier ein Erleben des Elementaren, Organischen, des Leibes, verborgen. Jenes Gefühl harmonischer Einheit des neuen Menschen in sich und mit der Weltseele, das Ehrfurcht kennt vor dem Mysterium des Leibes. Des eigenen wie des anderen. Das ist weit mehr, als die heute übliche Rekordsportsucht es zu geben vorn rag. Erkenntnis und Wesenskern der Tagung aber ist mir dies: alle Geisteswerte können und sollen für den Dienst am Ganzen nutzbar gemacht werden. Ein jeder erringe sich seine ihm organisch eigene Weltanschauung, um in seiner geistigen Lebenssphäre von ganzem Herzen das Beste zu wollen und zu schaffen, und habe Achtung für Wollen und Schassen des anderen. Dann wird alles vorwärts und aufwärts gehen, Volk, Vaterland und Menschheit zum Segen. Menschell der unterschiedlichsten Lebensrichtungen saßen beisammen und fanden viel des Gemeinsamen in der Arbeit am Volke. Mögen auch unserer jüdischen Gemeinschaft niemals Führer fehlen, die, auf eigenen Wegen schreitend, ihre ganze Kraft dem Nutzen und Segen des Gesamtjndentums widmen. Joseph Weinsaft (Chemnitz). Der neutrale Verband. In den letzten Wochen fanden die Tagungen fast aller Landesverbände des neutralen Jugendverbandes statt. Wir geben im folgenden kurz die Berichte der einzelnen Landesverbände wieder. B e z i r k s v e r b a n d R h e i n l u n d - W e st f a l e n : Am 3. Oktober fand eine gutbesuchte Führertagung in Essen statt. Im Mittelpunkt der Besprechungen stand das Referat von Fräulein Sachs (Bochum) über: „E i n f ü h r u n g in das B i L e l l e s e n", das als ein Muster für die Abhaltung von Heimabenden gedacht war. Man war sich darüber einig, daß nur auf dem vom Verbände angeregten Wege die Aktivierung der Mitglieder vorwärtskommen könne, und stellte fest, daß dieser Weg schon in einer erfreulichen Anzahl von Vereinen beschritten werde. Ueberall sind Arbeitsgemeinschaften entstanden, die'in eifriger Arbeit sich in die Grundlagen des Judentums hineinzudenken und zu fühlen versuchen. B e z i r k s v e r b a n d No r d west de u L sch lan d : Die ordentliche Delegiertentagung wurde am 10. Oktober in Braunschweig abgehalten. Sie wurde eingeleitet durch eine Veranstaltung des Jüdischen Jngendbundes Braunschweig am Abend des 9. Oktober, bei der Herbert F e l s e n t h a L (Düsseldorf) und Landesrabbiner Dr. Wilhelm (Braunschweig) über: „Die Jugend als Träger der religiösen Erneuerung" sprach. Bei den Beratungen mn 10. Oktober warm von den sechzehn Vereinen des Bezirksverbandes zwölf Vereine vertreten. Das ausgezeichnete Referat von Dr. Hermann Lehmann (Bremen) über „Jugend und Staat" wird demnächst im Wortlaut in der Verbandszeitschrift „Der Jugendbund" veröffentlicht werden. Die Aussprache trug sehr viel zur Klärung dieses Problems bei. Landesverband Pfalz-Saar: Bei der Delegiertentagung, die am 10. Oktol>er in Saarbrücken stattsand, waren acht Vereine vertreten, sür den Reichsverband war Ernst Holzer (Frankfurt) zugegen. Als Grundlage der Aussprache diente ein Vortrag des Landesverbandsvorsitzenden, Rabbiners Dr. Jacob (Saarbrücken), über „Jugend und Bibel", der die Wichtigkeit des Bibellesens in den Vereinen begründete. Landesverband Baden: Die Delegiertenversammlung tagte am 17. Oktober in Karlsruhe. Fast sämtliche Vereine hatten Vertreter entsandt. Mit Interesse wurde das Referat Fritz Schwa rzschi lds über: „Iüdi sche Iugendarbei t" ausgenommen. Durch den Vorsitzenden des Jugendbundes, Krppenhenn, wurde die Einrichtung eines jüdischen Wanderheiures auf dem Feldberg angeregt. W ü r t t e m b e r g i s ch e r Landesverband: Die am 24. Oktober in Stuttgart stattgehabte Tagung des Landesverbandes war für den unter besonders schwierigen Verhältnissen arbeitenden Verband von besonderer Bedeutung. Das Referat des Geschäftsführers des Neichsverbandes, Fritz S ch w a r z s ch i l d (Wiesbaden), über: „I ü - bische Jugendarbeit in Deutschland" trug viel zur Belebung der Arbeitssreudigkeit und zur Verlebendigung des Verbandsgedankens in Württemberg bei. Hessischer Landesverband: Die Delegiertentagung in in Osfenbach a. M. am 21. Oktober zeigte die besonderen Fortschritte dieses erst vor kurzer Zeit wieder neu aufgerichteten Landesverbandes. Vertreter fast aller Vereine waren erschienen und folgten mit großem Interesse den Referaten von Kurt Bacharach (Kreuznach) über: „I ü d i s ch e I u g e n d a r b e i t" und von Rabbiner Dr. Lazarus (Wiesbaden) über: „Die Jugend in der Gemeinde." Landesverband Sachsen: Bei der siebenten Delegiertentagung, die am 14. November in Görlitz stattfand, bildete das Referat von Rabbiner Dr. Fuchs (Chemnitz) über: „Jung j ü d ische r A k i i v i s m u s" eine einzige große Offenbarung. Er sieht im Aktivismus ein Schaffen aus der Seele, weil dieses Neuerleben des eigenen wollenden und fühlenden Jchs wahrhaftes echtes Judentum ist. So durste er kühn behaupten: Willst du jung sein, so mußt du jüdisch sein. Die Aussprache ließ erkennen, daß diese Saat auf fruchtbaren Boden gefallen war, und daß man diese Gedanken gern zur Tat reifen lasten wollte. Die Berichte gaben ein günstiges Bild fortschreitender Arbeit. # Lehrkurfus der „Deutsch-Lüdischen Jugend Berlin". Es war keine „Freizeit" und kein „Ortsgrup'pentag", die uns an einem der letzten Sonntage Zusammenführten. Nein, zu Zwangloser Arbeit hatten wir unsere Mitglieder gerufen. Zum ersten Male machten wir den Versuch, diese geistige Arbeit nicht im Dunste der Großstndt zu leisten, sondern in unmittelbarer Nähe der Natur, in der Jugendherberge Oranienburg an der Havel. Schon am späten Nachmittage des Sonnabends führte die Bahn eine Schar lernbegieriger Burschen und Mädels hinaus, der am folgenden Morgen noch ein weitaus größerer Teil folgte. Der Nest des Sonnabends wurde in Form eines „Bunten Wends" verbracht. Gesang, Rezitationen und Volkstanz unterbrachen in wechselnder Folge die Vorlesungen aus verschiedenen neucrschienenen Büchern und Broschüren. Der nächste Morgen sah unsere Mitglieder recht früh bei der Arbeit. Unser erster Kursus behandelte die Frage: „Romantik oder Re öli s m us in der Jugendbewegung?" Einer unserer Kameraden gab zunächst einen Ileberblick über die geschichtliche Entwicklung der Jugeladbewogung und zeigte u. a. deutlich, wie die Jugendbewegung die Jugend zu-m neuen Menschen erziehen müsse. Der Vortragende sprach eingehend über unsere Stellung zu Realismus und Romantik und ließ erkennen, daß die Romantik im allgemeinen und besonders in unserer Bewegung abgelehnt werden müsse, da wir nicht in Träumerei und Wcltvergessenheit versinken dürfen, sondern für unsere Ziele im Tageskamps stehen müssen. Nach einstündiger mit Spiel und Sport verbrachter Pause, sprach der erste Vorsitzende unseres Bundes, Wilhelm Lewinski, über: „Das weltpolitische Bild der Gegenwart." Nach einem Rückblick über die Ereignisse seit 1870/71 und über die Politik Bismarcks, ging er in klarer, leichtverständlicher Weise aus die augenblickliche Lage der Weltpolitik ein. Am Nachmittag vereinigten wir uns zum dritten und letzten Male an diesem Tage zu dem Vorträge des Herrn Dr. Lew in über das Thema: „W a r u m b e kenn e i ch mich zum I u d e n t u m?" Der Referent zeigte an vielen Beispielen, weshalb wir gern und freudig am Judentum festhalten müssen, und ging besonders aus die ethischen Grundsätze unserer Religion ein. Allen drei Vorträgerr folgten sehr lebhafte Diskussionen, von denen die dritte den bleibendsten Eindruck hinterließ. Es Zeigte sich, daß die große Mehrzahl unserer Freunde die traditionellen Formen des Judentums nicht als bindend empfindet, sondern als Wesentliches der Religion die gemeinsame geistige Anschauung sieht. Am Abend trennten wir uns und wußten, daß wir ein Stück weitergekvmmen waren, unfo wertvolles Wissen mit in den Alltag hineingenommen haben. Nothmanrr. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Alfred H i r f ch b e r g (Berlirr-Charlottenburg).