Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 33 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage der ^.V-^e»1un« \) Nr.H SerUn, 24. Dezember 192ö Jahrgang 2 Von der nationaljüdischen Lugend. Die Zugen-ftage auf Her Erfurter Delegiertentagung — Der Blau-Weiß und seine Nachfolger — Stellung zu Palästina — Llnsere Einstellung. Von Erwin Baer (Frankfurt a. M.Z In diesen Blättern sind wir gewohnt, vom Leben der deutsch-jüdischen Jugend, von ihren Bunden und Gemeinschaften, von ihren Aufgaben und Problemen Zu lesen. Der XXI. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gab uns Gelegenheit, auch einmal ein umfassendes Bild von der z i o n i st i sch e n Jugendbewegung Zu erhalten. Referate von Kanowitz, Ruppin, Felix Rosenblüth waren außerordentlich unterrichtend. Ich will versuchen, die wesentlichsten Fragenkomplexe, wie sie sich aus dem Inhalt der Verhandlungen ergaben, hier zu erörtern. Die zionistische Jugendbewegung in Deutschland zeigt heute ein ganz anderes Aussehen als vor einigen Jahren. Der Blau-Weiß, früher neben den Studentenverbindungen des K. I. V. der Bund der zionistischen Jugend, der zu der besten deutschen Jugendbewegung gerechnet wurde, besteht nicht mehr. In dem Augenblick, in dem der organisatorische Rahmen dieses Bundes zerfiel, verließen auch eine Reihe selbst wertvoller Blau-Weißer die zionistischen Reihen. Die ersten Schwierigkeiten in Palästina hatten seinerzeit genügt, um die Blau-Weißen an ihrem Zionismus verzweifeln zu lassen. Sie waren aus Palästina zurückgekehrt mit Theorien darüber, daß der Zionismus überhaupt eine Utopie sei, oder aber, daß der deutsche Zionismus keinerlei Möglichkeiten habe. Aber vorher bereits hatte der Blau-Weiß starke Verluste. - Der Bund hatte denr Umstand nicht Rechnung zu tragen vermocht, daß um die Wende des achtzehnten Lebensjahres, wenn neue Kräfte das Leben der Jugendlichen umgestalten, die ratio, der kritische Verstand, beginnt, die Kräfte des Gemüts, der Anschauung, des Gefühls unterzuordnen, und der erwachende Mann sich sreimacht von den Göttern seiner Knabenjahre, für die er ein mitleidiges Lächeln hat. Nach dem Zusammenbruch des Blau-Weiß, Anfang 1926, trat an seine Stelle der „Kadimah". War jener im Laufe seiner Entwicklung radikal parteimäßig geworden, so erklärte dieser, nichtzionistisch zu sein, jede parteimäßige Bindung abzulehnen, auch Nichtzionisten aufzunehmen und lediglich zum positiven Judentunr erziehen zu wollen. Die Erziehungsarbeit soll auf pfadfinderischer Grundlage aufgebant werden. Aus dem Kadimah sollen dann diejenigen jungen Menschen, die sich zum Zionismus entschieden haben, in einen Aelterenbund hinübertreten, dessen heute bestehender Kern sich zusammensetzt aus dem K. I. V. — der seinen Nachwuchs, wenigstens zum Teil, in der nichtzionistischen Jugend sucht, um sie zu Zionisten zu erziehen — und ans dem Kreis älterer Blau-Weißer, insbesondere der Gruppe, die sich praktisch für Palästina vorbereitet. Daneben stehen gewisse Turn- und S p o r t v e r - bände, deren Beziehungen zur zionistischen Arbeit besonders enge sind, und in denen qualifizierte Menschen im Sinne dieser Arbeit wirken sollen. Schließlich der I u n g j ü d i s ch e W a n d e r b u n d, bekanntlich entstanden durch eine Sezession aus den neutralen Jugendvereinen, der zahlenmäßig und auf Grund seiner inneren Kraft zu großer Bedeutung gekommen ist. Das Wesentlichste seines Programms ist: Das jüdische Volk wird repräsentiert durch das Ostjudentum. Jndaisierung bedeutet für ihn Assimilation an das Ostjudentum. Die europäische Entwicklung des deutschen Judentums wird als Abweg empfunden, von dem es nur schnelle und entscheidende Umkehr gibt. Der sozialistische Aufbau Palästinas ist zentrale Forderung des Bundes, der sich mit als Bewegung zur Heranbildung des Nachwuchses der palästinensischen Arbeiterschaft betrachtet. Die Mehrzahl seiner Mitglieder besteht aus Ostjuden, die Umbildung von westjüdischcn Menschen gelingt ihm kaum. Die Grundtendenz, die die zionistische Jugendbewegung bei ihrer Erziehungsarbeit leitet, besteht in der „Entwurzelung" des jungen deutschen Juden: der Jugend die Unerträglichkeit unseres Lebens hier zum Empfinden zu bringen und Distanz herzustellen zu denr geistigen und politischen Leben Europas, es zu ersetzen durch hebräische Sprache, jüdische Geschichte, jüdische Volkskunde und jüdische Kulturkunde. Diese Erziehungsarbeit soll auf dem Wege geschehen, daß die Jüngeren zunächst nicht zu Parteizivnisten zu erziehen sind, sondern in eine bestimmte Atmosphäre gebracht werden, aus der heraus der Zionismus erwachsen kann, der den Aelteren das politische Gepräge gibt. Aber nicht für viele von denen, die durch diese zionistische Erziehung gegangen sind, kommt Palästina in Frage. Nur jene sollen aus Europa herausgezogen werden, in denen der Opferwille am stärksten ausgesprochen ist. Diese Zahl wird immer nur ein kleiner Prozentsatz des Gesamtjudentums sein können. Einwanderer, die nicht imstande sind, sich produktiv in die palästinische Wirtschaft cinzufügeu, sollen nicht ausgenommen werden. Speziell für die deutschen Einwanderer verspricht die Beamtculausbähn gar keine Aussichten, da in den Abiturienten der Ghnmasien, die in London usw. studieren, ein fachlich und sprachlich (hebräisch, arabisch, englisch) glänzend ansgebildeter' Nachwuchs ans dem Lande selbst kommt. Auch dort, wo deutsche Zionisten frecher eine große Rolle spielten, hat der deutsche Zionismus seine Suprematie zugunsten der englisch sprechenden Länder verloren. Das Antlitz des Landes wird durch den Charakter des arabischen und jüdischen Volkes gebildet. Der Charakter des jüdischen Volkes wird dort zweifellos durch das Ostjudentum repräsentiert. So sind beide Volkscharaktere für den einwandernden deutschen Zionisten .neuartig, und gar manchen deutschen Zionisten befällt Lei der ersten Begegnung mit der vorwiegend ostjüdischen Bevölkerung des Landes ein gewisser Schrecken. Er steht nun vor dem schwierigen und durch ablehnendes Verhalten der anderen Seite häufig komplizierten Problem, sich in diesen jüdischen Volkscharakter einzuleben. Eine Assimilation nun an das Ostjudentum würde den Assimilanten iu eine charakterliche Zwitterstellung bringen. So bleibt nichts übrig als eine Zwischenstufe zwischen Angleichung bis zur Identität auf der einen Seite und Fremdheit durch Andersartigkeit auf der anderen Seite durch Liebe zum (ost)jüdifchen Volk und Volkstum zu überbrücken, ohne die ein deutscher Zionist nur schwer eine ihn selbst befriedigende seelische Existenz findet. Auch diese Liebe kann nicht oktroyiert werden, aber es ist gar nicht so' schwer. Erwin Baer: Von der national- ÄllNPPlUmjllll. j üdischen I« gcnd. - Hajo Wilde: Die Entwicklung der deutschen Jugendbewegung. — Schristenschan—Tagungen: Jugendburg Hohnstein. Der neutrale Verband. Lehrkursus dcr Deutsch- Jüdischen Jugend B e r l i n.