Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 52 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 683 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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6$3 &eittamüsanter Sport"! Carmen de Burgos und Jose Maria Salaverria. Die spanische Zeitung „Revisia de la Raza" bringt die folgende Verteidigung der Juden aus der Feder der hervorragenden Schriftstellerin (lärmen de Burgos gegen die Angriffe des Kunsthistorikers Jose Maria Salaverria. Die Ausführungen sind deshalb von besonderem Interesse, weil die spanische Regierung irn Augenblick bestrebt ist, jüdische Bevölkerung nach Spanien zu ziehen. „Das Suchen nach Gegenständen aus der Reise, die unsere Bewunderung erwecken, muß ein großes Vergnügen darstellen. Auf andere Weise kann ich mir nicht erklären, wie ein Schriftsteller von der Bedeutung Jose Maria Salaverrias während seines Aufenthaltes in Paris „einen amüsanten Sport" darin finden kann, „unter der allgemeinen Kleidung und dem am Hoteltisch, auf der Straße, im Künstlercafe und in der Dheaterloge üblichen Gebaren den Juden zu entdecken". Durch diese Worte läßt -er uns an seinem Erstaunen teilnehmen. Sie erwecken den Anschein, als sei der Jude ein so seltsames Ding wie ein als Mensch gekleideter Orang-Utan; denn nicht einmal die Neger und Indianer, mit deren Anblick wir uns während des Krieges vertraut gemacht haben, erregen in uns solche Verwunderung. Herr Salaverria bedauert beinahe, daß es im Land der Inquisition keinen Antisemitismus gibt. Er versichert, „daß der gebildete Spanier den Juden nicht kennt,. ihn weder haßt noch schützt, und daß für den ungebildeten Spanier der Jude ein legendäres Monstrum ist, Sohn dessen, der Jesus für eine Hand voll Münzen verkaufte". Mir scheint, mein gelehrter Freund ist nicht wohl unterrichtet. Der gebildete Spanier kennt den Juden. Spanien i st voll von ihnen, und m a n schützt sie oder schätzt sre nicht, je nach Benehmen eines jeden einzelnen unter ihnen. Wir hegen keine M a s s e n s h m p a t h i e n, noch nicht e i nma l für den nächsten Nachbarn; geschweige denn N a s s e n v e r a ch t u n g. Kein Mensch, es fei denn im Gebiet der Höhlenwohnungen, glaubt mehr an den Juden mit Hörnern und Schweif. Aber Herr Salaverria erblickt ein weit schlimmeres Monstrum: das moralische. Er leugnet, daß die Juden Ehrgefühl haben, gibt ihnen die Schuld an der bolschewistischen Revolution in Rußland, an der neuen Politik und Wirtschaft in Deutschland, wenn auch nur durch Beeinflussung — und teilt ihnen sogar „den Zynismus zu, der in Kunst und Wissenschaft von heute vorherrscht". So scheint es, als ob der bedeutende Schriftsteller es bedaure, daß man sie aus dem Ghetto herausließ und daß sie frei in der Welt herumlaufen. Mit gewisser Verständnislosigkeit beklagt er den Kurs, den die Kunst der modernen Welt einschlägt. Für Salaverria ist die Kunst entehrt (sein eigener Ausdruck), und die Ehrlosen, die sie entehrt haben, sind die Juden. Hier zitiert er als Juden oder „solche, die es zu sein verdienten", drei Namen von Ansehen: Apolinaires und Morands in der Literatur, und Pieassos in der Malerei. Wenn man das liest, muß man — und hier liegt das Komischste — glauben, die Juden seien gerade dabei, den Bleistift in die Hand zu nehmen und die ersten Striche zu machen. Herr Salaverria weiß, vor wieviel Jahrhunderten die Juden Bibel und Evangelien schrieben, seit welcher Zeit sie die Wissenschaft kultivieren, Bildhauerei, Malerei und Komposition — mit wahrem Genie. Herr Salaverria wird wohl die Namen der großen jüdischen Künstler und Philosophen kennen, die weder Kunst noch Wissenschaft entehren. Mit dem klassischen Sem Tob de Carrion beginnend, kommen mir Namen berühmter Juden aller Gebiete ins Gedächtnis: Halevy, Mendelssohn, Spinoza, Ga mb et La, Hausmann, Heine. Selbst die jüdische Frau war beispiellose Schriftstellerin: Madame de Stael und Severine können als Beispiele genügen. Der unglückliche Zufall will, daß der Artikel des Herrn Salaverria in dem Augenblick erscheint, wo der spanische Staat die Juden aller Länder durch den Völkerbund einlädt, nach Spanien zu kommen und sich hier niederzulassen; und daß Dr. Cohn (Paris) sowie Kommissionen aus Argentinien und anderen amerikanischen Staaten hier sind, um den Sachverhalt zu studieren; es wäre bedauerlich, wenn sie glauben könnten, jene Ausführungen des Feuilletonisten drückten den Stand der Meinung Spaniens aus. Ich bin keine Jüdin. Unter alten Papieren bewahre ich noch das absurde Dokument der „Rassenreinheit", das mein Vater benötigte, da noch in der Zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts um die MMärkarriere einschlagen zu können — ein Zertifikat verlangt wurde, daß man weder von Juden noch von Mauren abstammte. Ich bin keine Jüdin, aber es würde mir nichts ausmachen, Jüdin zu sein. Ich betone es hier als Beweis meiner Uninteressiertheit. Ich habe die Juden oft verteidigt, und ich glaube, sie haben es mir nie gedankt. Das gleiche passierte mir mit den Christen, für die meine Feder immer liebenswürdig war. Im Augenblick wird sie weder von Interesse noch von persönlicher Leidenschaft geführt, sondern vom Geist der Gerechtigkeit. Von etwas ähnlichem, das die Feder der Verfasserin von Onkel Tenns Hütte hat in Bewegung setzen müssen. Dieses Volk, das die Aristokratie seines Alters hat, immer mißhandelt, immer verfolgt, zu Unrecht gelästert, das, statt die Nationen, die es marterten, zu verfluchen, sie liebt und ihnen verzeiht; dieses Volk, ba§ friedliebend ist (welch' wunderbare Tugend!), das seine edlen Traditionen zu wahren weiß, kann gewissenlos von denen beleidigt werden, die ihr Knie vor dem Altar eines Gottes beugen, der vor: einer Jungsrau aus dem Hause David geboren wurde; aber es kann nicht von denen verleumdet werden, die vor beut Altar der Schönheit knien und die Strophen des Intermezzos kennen." A u s dem S p a Nischen v o n M. I. K. Ein Kronzeuge der Völkischen? bemann Wendel über Ludwigs Bismarck-Buch. Der Bismarck mit den Kürassierstiefeln, dem rasselnden Säbel unb der auftrmnpfenden Faust ist ein beliebtes Idealbild der völkischen Kreise. Zu gern würden sie den eisernen Kanzler auch als I u d e u= Hasser großen A u smaßes für sich i n A n s p r n ch nehmen. Dieses Vergnügen gestört zu haben, ist das große Verdienst unseres Freundes, des leider so früh verstorbenen Ministerialrats Otto Jöhlinger. Auch Emil Ludwigs Bismarck-Buch bringt eine Fülle von Material nach dieser Richtung, das der bekannte Schriftsteller Hermann Wendel in einer Besprechung dieses Buches folgendermaßen Zusammenfaßt („Vorwärts" vom 19. Dezember): „Auch sonst empfindet Bismarck nicht deutsch im „völkischen" Sinne. Er hält weder die Deutschen für das anserwählte Volt der Erde noch die anderen Völker für minderwertig, und nicht einmal vor den Juden schlägt er drei Kreuze. Dem Bankier Vleichröder überträgt er Generalvollmacht zur Anlage seines Vermögens, den Dr. Cohen hat er durch Jahr und Tag als sehr geschätzten Hausarzt um sich. Lass alle nennt er einen der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen und bedauert jedesmal das Ende ihrer stundenlangen Unterredungen, den Reichstagspräsidenten S i m s o n lob er als einen „von reinster Vaterlandsliebe getrageneil Mann, ein edles Gefäß, in dem stets die lautersten Empfindungen zusammengeströmt sind", und dem britischen Minister Disraeli oder Beaconsfield (B. A. Cohnfeld macht der Witz daraus) bleibt er zeitlebens befreundet. Ja, mehr! Er wünscht, ähnlich wie N i etz s ch e, die Kreuzung des Adels mit Juden und zählt eine Reihe aristokratischer Häuser auf, deren jüdische Verbindungen „alles ganz gescheite, nette Leute" erzeugt hätten, und rühmt, daß die Juden in der Mischung der verschiedenen deutschen Stämme „einen gewissen Mousseux" brächten, den man nicht unterschätzen solle. Die „Kreuzzeitung" entblödet sich denn nicht, mit seinen brandmarkenden Worten, „die schändlichsten und l ü g e n hafte st e u V e r - leumdungen" gegen ihn zu schleudern. Der schöne Satz: „Es gibt fast keinen Fehler, dessen sich die gegenwärtige Regierung llicht schon schuldig gemacht hätte, bloß um ihre skandalösere Beziehungen zu Berliner Finanziers zu verstecken", ist kein Anwurs der „Deutschen Zeitung" gegen die „Judenrepublik", sondern ein Kotspritzer der „Reichsglocke" gegen Bismarck! Die Dilöer im Zensier. Erfolg unserer Kasseler Ortsgruppe. Im Zentrum Kassels hat ein Herr D o l e i t s ch, Edler v. Dolsperg ein Antiqnitütengeschüft. Anscheinend, um die Zugkraft seiner Schaufenster zu erhöhen, hat der edle Herrvölkische S ch m u tz b i l d e r in sie gehängt. Aus unserer kürzlichen Veröffentlichung „A u s u n s e r e r S ch ll n d - u n d S ch m u tzmappe" kennen unsere Freunde ungefähr den Geschmack, der aus derartigen Kunstwerken spricht. Es waren diesmal Exemplare des „I l l u st r i e r t en Be o b a ch t er s", des Schwesterblattes des „Völkischen Beobachters". Zwei Bilder erregten den Abscheu jedes Vorübergehenden besonders. Das erste Bild stellt die „Schlichtung eines Heiligen" dar. Mehrere Juden umstehen den Körper eines Jünglings, der auf einer Bahre gefesselt liegt. Ein Jude nimmt d a s Messer und schneidet dem liegenden Jüngling regelrecht den Hals ab, während ein anderer mit einer Schale das her aus strömende Blut aussängt. Aus dem anderen Bild sieht man zwei unheimliche jüdische Gestalten, und unter ihnen befindet sich der Vermerk, daß im Lalmud der Satz steht: „Es ist ein gutes Werk, Nichtjuden zu töten." Daneben wird das Ritualmordmärchen im Text ausführlich behandelt. Wie nicht anders zu erwarten, sammelten sich vor dem Schaufenster bald Gruppen von Menschen an, die teils der Wunsch, ihrer Empörung Ausdruck Zu geben, dorthin geführt hatte, und die teils die Gelegenheit benutzen wollten, um die erregte Menge in einen aktiven Haß gegen die Juden h i n e i n Z u t r e i b e n. In diesem Augenblick griff tatkräftig der Vorstand unserer Ortsgruppe Kassel in geeigneter Weise ein. Die Hetzbilder verschwanden daraufhin ans dem Schauf e n st e r.