Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 52 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 682 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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M Jet MW eine JoMMMifcin Von Dr. Muskat (Berlin), Facharzt für Orthopädie. Kürzlich wurde der Antrag eines jüdischen Kriegsbeschädigten auf Lieferung von Schuhen mit Plattsußeinlageu vom zuständigen H a u p t v e r t o r g u n g s cr:n t mit der Begründung abgelehnt: „Es handelt sich nicht um eine Senkfußentstehung durch Mehrbelastung, sondern es »andelt sich bei dein Plattfuß des Klägers um eine angeborene Äasseneigentümlichkeit . . — Wir haben daraufhin den bekannten Berliner Orthopäden, Oberstabsarzt a. D. Dr. Muskat, gebeten, sich zu der Frage zu äußern, ob Plattfuß überhaupt eine „Rasfeneigentümlichkeit" sein könne. Die S ch r i f t l e i t u n g. Die Möglichheit, Erkrankungen weiter Voltsmassen Zahlenmäßig statistisch zu erfassen, war vor dem Kriege bei der Rekrutierung gegeben. Die Aushebungslisten, mit alter Gründlichkeit geführt, zeigten den Maßstab der Häufigkeit bestimmter Krankheiten an. Das Kriegsministerium hatte besonderes Interesse daran, die Gehfähigkeit der Mannschaften zu erhöhen; denn nach einem alten Ausspruch eines großen Feldherrn werden die Kriege „mit den Beinen, nicht in i t d e n A r m e n gewönne n". Es war dem Verfasser vergönnt, mit Exzellenz v. Schjerning, dem damaligen Chef des preußischen Sanitätswesens, diesbezügliche Arbeiten über Fnßleiden, besonders über die Verhütung des Plattfußes unter besonderer Berücksichtigung der Wehrfähigkeit herauszugebenJ. Demnach waren in Preußen etwa 25 vom Taufend aller Gestellungspflichtigen wegen Plattfußes dienstuntauglich, in Oesterreich 33,4 vom Tausend, im Aushebungsbezirk Innsb x it ck die auffallend hohe Zahl von 57 vom Tausend, trotzdem dies doch eine Gegend ist, die eine fast völkisch reine Einwohnerschaft ausweift. Es liegt dies wohl an der zu frühen und zu starken Belastung der Füße und den unnachgiebigen starren Stieselsohlen der Gebirgsbewohner. Nach dem Kriege haben die Plattfutzbeschwerden in außerordentlichem Maße zugenommen. Diese Tatsache wird nicht nur von den Fachärzten für Orthopädie selbst, sondern gerade vom Publikum beobachtet. Der Beweis ist auch die enorme Vermehrung der Fabrikate einschlägiger Geschäfte, die als Mittel gegen Fnßleiden angepriesen werden (PtaLllußeinlagen). # , - Nach wissenschaftlichen Feststellungen ist der Plattfuß nur in einer geringen Zahl von Fällen angeboren, in den meisten Fällen e r w o r b e n. In dem von Professor G o ch t (Berlin) herausgegebenen Sammelwerk „Deutsche Orthopädie"^) berichtet Professor C r a m e r (Köln), daß die Häufigkeit des angeborenen Plattfußes zwischen 1 bis 4.5 Prozent (Hossa) schwankt. Aber selbst, wenn man die Ausführungen anderer Autoren zugrundelegt, die bis 8 Prozent angeborene Plattfußerkrankungen angeben, so ist das noch immer eine unerhebliche Zahl im Vergleich Hu der großen Prozentzahl von mehr als 90 Prozent der Leiden, die :m Laufe des Lebens aus mannigfache Art erworben und hervorgerusen werden. Diese so geringe Zahl angeborener Erkrankungen beweist auch sofort, daß der Plattfuß unmöglich das Merkmal einer b e st i m m t e n R a s se sein kann, denn nur angeborene, nicht erworbene Eigentümlichkeiten können ein Rassenmerkmal sein. Eine Gruppierung der erworbenen Fälle nach ihren Ursachen sei in folgendem gegeben: 1. Verletzungen, 2. Lähmungen, 3. Knochenweichheit (Rachitis), 4. B e l a st u n g s schä d e n, zirka 80 Prozent aller Fälle, dazu kommen 5. Beeinträchtigungen durch unzweckmäßige Kleidung, die dem Fuße nicht ausreichende Möglichkeit zur Bewegung geben und die Zehen durch Einengung verkrüppeln lassen. Nach den verschiedenen anatomischen Formen unterscheidet man Plattfuß, Senk-, Knick- und Spreizfuß. Unter anderen Rasseneigentümlichkeiten wurde häufig früher gerade der Plattfuß als ein spezifisches Zeichen der Degeneration eines Volkes, einer Nasse — soweit mau überhaupt von einer reinen Rasse sprechen kann — genannt. Besonders wurde dieses Merkmal den Juden und den Negern zur Last gelegt. The liollow of his foof, makes a hole in the ground sagt ein amerikanisches Wort vom Neger. Diese Ansicht ist aber durch wissenschaftliche Arbeiten überholt und besonders von den großen Forjchungsreisenden und Ethnologen Robert Hartmann, Pechue! Lösche und W i d e m a n n3) widerlegt. Man muß bei diesen Untersuchungen, die gegen die falsche frühere Auffassung so abweichende Resultate ergeben, berücksichtigen, daß Menscheil, die in glücklichen Umstünden bei leichter Arbeit leben, viel weniger zu Plattfuß neigen, als andere von Jugend aus Geknechtete. Der Plattfuß ist eben eine Folge zu starker Belastung bei schwerer, physischer Arbeit, besonders im jugendlichen Alter. Nach W e i n e r t zeigen barfußgehende Neger sogar Varusstellung der Füße. Es ergibt sich also, daß die Neger rassenmäßig keinen Plattfuß haben können. Ebensowenig wie die Neger haben die Juden rassenmäßig einen Plattfuß. Diese Ansicht teilen heute alle Forscher auf diesem Gebiete, u. a. Professor Spitzy (Wien). Das nicht Rassenmüßige des Plattfußes beweisen aber auch die deutschen Schulstatistiken. Verfasser und andere Autoren haben gezeigt, daß bis zu 27 Prozent aller Schulkinder diese Veränderung der Füße zeigen, und nach Ewald ist die Prozentzahl bei Kindern jüdischer Schulen nicht größer als an ch r i st l i ch e n S ch u l e n. 1) -Muskat: Verlag Mittler u. Sohn. Berlin 1907. Aus „Dtsch.-militärärZtl. Lsichr." 1907. Heft 16. 2) „Deutsche Orthopädie." Band 6. Ente, Stuttgart. 1935. 5) Hartmann: „Die Nignttier." Berlin 1876. Lösche: „Die Loa«soexpedttion." Verfasser hatte auch Gelegenheit, viele junge Adlige ä l t e st e r H ä u s e r des früheren L i ch t e r f e l d e r Kadettenkorps wegen Plattfußes z-u beraten und zu behandeln, um ihnen die Dienstsähigkeit zu erhalten. Während des Krieges beobachtete ferner Verfasser als Militärarzt bei allen Chargen dies Leiden. Als widerlegendes Moment kommt noch in Betracht, daß man die P l a t t f u ß e n t st e h u n g verhüten k a n n, wie es seit langem von den Orthopäden angestrebt wird. In besonderen Merkblättern hat Verfasser in einem Vortrage in der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege auf die Erreichung diese Zieles hingearbeitet. Wünschenswert wäre, daß der Plattfuß als Volkskrankheit, die eine Kulturkrankheit zu nennen ist, durch fachmännische Anleitung, Beobachtung und Behandlung im weitesten Maße schon in seinen Anfängen verhütet würde. In den^ Lehrbüchern der Berufskrankheiten werden besonders Schmiede, Schlosser und Eisenbahnschafsner und ähnliche Berufsarten als an Plattfuß leidend erwähnt, und das dürften doch in der Mehrzahl „reine Arier" sein. Kaum eine Krankheit ruft so viel soziales Elend hervor — wie der führende Orthopäde Gehennrat Lange (München) sagt — als der Plattfuß, der alle Bevölkernngsschichten und alle Völker in gleicher Weise befällt, und bei fortschreitender Kultur in immer stärkerem Maße schädigen wird. Sind aber alle Volkskreife der Einwirkung einer bestimmten Erkrankung ausgesetzt, so ist natürlich das alte Märchen vom Plattfuß als Rasfeneigentümlichkeit erledigt. Das Dinöemittel. Eine Rede des Heidelberger Rektors. Der 2 2. November ist für die Heidelberger Universität ein hoher Feiertag, ihr Stiftungsfest. Das „Heidelberger Tageblatt" vom 23 November berichtet über diese Feier: „Seine Magnifizenz Professor für Germanistik, Geheimrat Panzer, sprach in schöner Rede über „D e u t s ch e V o l k h e i t". Er führte aus, wie sich ein Volk im Lause seiner Geschichte mehr und mehr von seiner rein naturhasten Grundlage entferne und daß heute seine Einheit nicht mehr allein im Rasfenmäßigen gesehen werden dürfe. Die Gleichheit des Gebarens und des Gesichtsausdruckes müsse vielmehr als Folge des Kulturellen erklärt werden. Geistiges wirke in Physisches zurück. Volk und Rasse zu identifizieren, sei gefährlich, theoretisch, weil der Begriff noch gar nicht feststehe, praktisch, weil es leicht ein Ausruhenwollen auf Naturgaben zur Folge habe. Die stärkste Gestaltungskraft im Geistigen kommt der Sprache zu, sie ist das Bindemittel zwischen den Gliedern des Volkes, auf ihr beruht die Mitteilung der Kulturgüter, auf denen die Einheit der Nation sich gründet. Sie ist Voraussetzung und Schöpfung, Erzieher und Spiegel des Volkstums Zugleich. Sie ist in der Vergangenheit verankert und wirkt in die Zukunft-" Möchte doch recht vielen Rassegläubigen solch objektive Wissenschaft zu Herzen gehen! Pros. L. Basnizki (Heidelberg). Ein abgeschlagener Angriff. Der völkische Schächtvorstotz in Barmen mitzlrmgerr. In der Barmer Stadtver ordneten versammln n g unternahm die A r b e i t s g e m e i ns ch a ft des völkischsozialen Blockes und des Westfalenbundes gemeinsam einen Vorstoß gegen das Schächten. Sie beantragte eine Verordnung, die das Betäuben sämtlicher Schlachttiere vor dem Schlachten vor schreibt. Außerdem wünschte sie, daß sich der Magistrat in einer Eingabe an den Landtag wende, die ein Verbot des Sch achtens verlange. Beigeordneter Eberl« wandte sich gegen die Anträge, da der Erlaß eines Schächwerbotes in die Kompetenzen der Landesgesetzgebung falle. Außerdem sei für Barmen die Frage bedeutungslos., da hier nur ein R-ind und ein Kalb in der Wollte geschachtet werden. Für die Antragsteller begründete Stadtv. Elauß (Völkisch) die Vorlage mit dem Hinweis darauf, daß die deutschen Tierärzte die Betäubung sämtlicher Schlachttiere vor dem Töten forderten. Die Vertreter aller anderen Parteien wandten sich mit seltener Einmütigkeit gegen die Anträge der Völkischen. Die Stadtverordneten Küppers (Zentr.), Schwartner (Dem.), Enz (S. P. D.), Dr. Wefenfeld (Dentschnat. Vp.) nnd Dr. Hmsberg (D. VoLksp.) waren sich dtkrirr 6rnig, das; hier ein Eingriff Ln die Gewissensfreiheit Der jüdischen Bevölkerung vorliege, dem sie mit aller Entschiedenheit entgegentraten. Die Anträge wurden demgemäß auch abgelehnt. Die Verhandlungen in der Barmer Stadtverordnetenversammlung zeigen symptomatisch, wie sich die Völkischen allerorts bemühen, gegen das Schächten mobil zu machen. Es ist erfreulich, daß hier, im Gegensatz zu Bayern, auch der sozialdemokratische Worts ü h r e r scharf gegen ein Schächtverbot ausgetreten ist. Wenn die Schüchtgegner in einzelnen Fällen nichts Praktisches erreichen, so versuchen sie doch Stimmung für ihre Bestrebungen zu machen. Um so mehr ist es unsere Aufgabe, auft der Hut zu sein, um auch diesen. Anschlag gegen die Gewissensfreiheit der jüdischen Gesamtheit 51t verhindern,